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24. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 21. August 2022 – Bericht

Während der Posaunenchor aus Thale sich noch warmspielte, nahmen bereits die ersten Gäste an den zahlreichen Tischen im Garten des Bonhoeffer-Hauses in Friedrichsbrunn Platz. Als es um 11 Uhr losging, war der Garten gut gefüllt. An die 80 Menschen waren gekommen, um zum Auftakt des 24. Bonhoeffertages am 21. August 2022 einen Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern. Dieser stand wie der gesamte Tag unter dem Thema „Mit guten Mächten Krisen bewältigen“.

Grundlage für die Predigt von Superintendent Jürgen Schilling war eine Krise, die das Volk Israel bei seiner Wanderung durch die Wüste durchlebte (4. Mose 21,4-9). Im Angesicht der kargen und scheinbar ziellosen Gegenwart wurde die Vergangenheit in ägyptischer Gefangenschaft langsam, aber sicher verklärt. Kurzzeitig schien es so, als wäre der Weg ins versprochene Land zu weit. Zuerst richteten die Israeliten ihren Ärger gegen Gott, später setzten sie ihre Hoffnung auf Gott, dass er das Schicksal wenden kann. Letzteres zog sich wie ein roter Faden durch den Tag – nicht nur im Gottesdienst, sondern auch am Nachmittag kamen immer wieder die geistliche Dimension und Gott als wichtiges Gegenüber zur Sprache, um Krisen zu bewältigen. Dass auch in der Musik eine große Kraft liegt, wurde ebenso im Gottesdienst deutlich. Die musikalische Gestaltung durch den Posaunenchor Thale löste sichtbare Freude bei den Mitfeiernden aus.

Nach einer Mittagspause, bei der die Gelegenheit bestand, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich bei einem Imbiss zu stärken, ging es in der Bonhoefferkirche weiter. Dort wurde zunächst eine Collage mit Zitaten jener vier Mitglieder der Bonhoeffer-Familie, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden, zum Klingen gebracht. Dr. Günter Ebbrecht aus Einbeck hatte dafür Briefausschnitte, Gedichte und Skizzen von Dietrich und Klaus Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher zusammengestellt, die von verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern vorgetragen wurden. Die Dokumente vermittelten allesamt einen Einblick in die unvorstellbar große Schwere der Gefangenschaft, gleichzeitig aber auch einen Eindruck von dem, was die Inhaftierten in dieser existenziellen Krise getragen hat. Dazu zählten Erinnerungen an zurückliegende unbeschwerte Zeiten ebenso wie das Zeichnen und Musizieren, die geistliche Verbundenheit und ein Wort des Apostels Paulus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28). Es waren beeindruckende Zeugnisse, die teilweise auch musikalisch zu Gehör gebracht wurden. Die leise Gegenfrage, ob wirklich alle Dinge einem zum Besten dienen, blieb allerdings vermutlich bei dem einen oder der anderen bestehen.

Prof. Dr. Constantin Klein aus Dresden hatte dann die schwierige Aufgabe, nach dieser emotional intensiven Stunde auf das Feld der Wissenschaft zu führen. Sein Vortrag trug den Titel „Aushalten und Gestalten von Ohnmacht, Angst und Sorge – Resilienz in Religion und Spiritualität“. Dabei stellte er ein Modell zur Bewältigung von Stress und Krisen vor und argumentierte dafür, dass Resilienz vor allem ein dynamischer Prozess sei, in dessen Lauf es unter anderem darum geht, sich bewusst dazu zu verhalten, in Krisen weiterzugehen und den eigenen Lebensweg neu anzunehmen.

Mit einem Reisesegen klang der 24. Bonhoeffertag schließlich aus. Einen herzlichen Dank nochmal allen Mitwirkenden. 

Saskia Lieske

Hier geht’s zur Bildergalerie von Eberhard Heimrich.

24. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 21. August 2022 – Ankündigung

Mit guten Mächten Krisen bewältigen

Was gibt uns Kraft? Was trägt uns durch? – Aushalten und Gestalten von Ohnmacht, Angst und Sorge – Resilienz in Religion und Spiritualität

Die Einladung im Format DIN A 5 können Sie hier herunterladen:

Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben. Bericht vom 23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Der Bericht von Pfarrerin Dr. Saskia Lieske mit Fotos von Gottfried Bürger auf der Seite des Kirchenkreises Halberstadt: https://www.kirchenkreis-halberstadt.de/kk/meldungen/rueckblicke/2021/4649562347.php

Den folgenden Bericht können Sie auch als PDF-Dokument herunterladen:

Am Sonntag, den 29. August 2021, war es soweit. Nach einem Jahr coronabedingter Pause sollte der für 2020 geplante 23. Bonhoeffertag unbeschwert in Friedrichsbrunn starten. Die Veranstalter, das Kirchspiel Bad Suderode-Friedrichsbrunn und der Träger- und Förderverein hatten sich nach eingehenden Onlineberatungen per Zoom darauf verständigt, den 23. Bonhoeffertag Ende August durchzuführen, falls es die Inzidenz der Pandemie erlaube. Und die niedrigen Inzidenzwerte in Sachsen-Anhalt und noch geringere im Landkreis Harz erlaubten es. Doch ein Blick in den wolkenverhangenen Himmel mit seinen Wassermassen trübte die Freude auf den Neustart.

Trotz des anhaltenden Nieselregens startete der 23. Bonhoeffertag mit dem Gesamt­thema ‚Familie(n) leben‘ am Vormittag um 11.00 Uhr. Nicht wie sonst an der frischen Luft unter heiterem Himmel im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Familie Bon­hoeffer, sondern im geschlossenen Raum der Bonhoefferkirche. Knapp 65 Menschen waren gekommen und konnten sich einigermaßen sicher mit Abstand und Mund-Na­senschutz dort versammeln. Der Posaunenchor Thale unter der Leitung von Kirchen­musikdirektorin Christine Bick eröffnete von der Empore herab beschwingt den Gottesdienst und ließ das regnerische Wetter vergessen. Die von allen mit Maske gesungenen Lieder aus den ‚freitönen‘ waren trotz Dämpfung zu hören. Schon die Begrüßung und erst recht die Lesung von Markus 3,31-35 führten ein in das Thema des Tages: Familie(n)leben.

Die Predigerin und erste Vorsitzende des Förder- und Trägervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn Pfarrerin Dr. Saskia Lieske sprach schon in der Begrüßung die Bedeu­tungsweite und die Komplexität des Themas an: Manche Christinnen und Christen ver­mitteln oft den Eindruck, dass es ein eindeutiges biblisches Familienbild gäbe. Dieses ähnele zumeist dem Bild aus dem 19. Jahrhundert: Vater-Mutter-Kinder. Doch die biblischen Schriften kennen eine große Vielfalt an Familienformen, ange­fangen bei den Großfamilien mit Vielehe bei den Erzmüttern und -vätern. Der Text der Le­sung und der Predigt aus Markus 3,31-35 setze dieser Vielfalt, so die Liturgin, sogar die Krone auf. Denn der Evangelist erzähle von der Herkunfts­familie Jesu. Angesichts einer großen Volksmenge, die Jesus in einem übervollen Haus umringt, gelangt die biologische Familie Jesu nicht zu ihrem Sohn und Bruder. Sie fordern Jesus über Mittler auf, zu seiner Herkunftsfamilie herauszukommen. Jesus, so der Evange­list, antwortet: „Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?“ Dann blickt er die Menschen an, die rings um ihn sitzen und sagt: „Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Die Predigerin setzte in ihrer Predigt ein mit dem unbestreitbaren Satz: „Alle Menschen haben eine Familie, denn jeder Mensch kommt aus einer Familie.“ Wie aber Familienleben aussieht und sich auswirkt, ist sehr unterschiedlich. Die Predigerin schilderte Momente großen Glücks und Erfüllung, aber auch die Gefähr­dungen und Brüche, die Enge und unerfüllten Wünsche. Das Thema ‚Familienleben‘ sei heikel, hoch emotional, denn es verbinden sich mit Familie sehr persön­liche und emotionale Erfahrungen. „Es geht ums Eingemachte, um die eigene Lebensgeschich­te.“

So gäbe es auch in der ‚Heiligen Familie‘ Streit. Heißt es nicht im Dekalog, den Jesus kennt und teilt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen? Doch in der Erzählung aus dem Markusevangelium scheint er dies vergessen zu haben. Er bittet seine leibliche Mutter und seine leiblichen Brüder nicht höflich ins gastfreie Haus, sondern weist sie schroff zurück. Meint es seine Herkunftsfamilie nicht gut mit ihm, da sie ihn vor Unbesonnenheit bewahren will? Sie behauptet, er sei von Sinnen, und es sei besser für ihn, geregelter Arbeit nachzu­gehen. „Seine Familie sorgt sich, vielleicht macht sie der Rummel um ihren Sohn und Bruder auch skeptisch.“

Ob Jesu Herkunftsfamilie draußen vor der Türe hört, was Jesus drinnen auf ihren Rückruf ins familiäre Heim ant­wortet und wie er Familie definiert, wird nicht berichtet. Denn entgegen aller Tra­dition und Konvention definiert Jesus Familie neu: Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Die verwandtschaftlichen Be­ziehungen der Abstammung rücken in den Hintergrund. Jesus entwirft das Bild einer größeren Familie, das Bild der Familie Gottes. Zu ihr gehören alle, die den Willen Gottes tun.

Die Predigerin wendete sich dann dem zu, was dies im Sinne Jesu heißt. Es gibt in der Bibel viele Versuche, den Wilen Gottes in zahlreiche Gebote zu fassen. Doch Jesus kon­zentriere sich auf die drei, die in der Regel als „Doppelgebot der Liebe“ bezeichnet werden. Der Wille Gottes bestehe darin: „Gott, den Nächsten und auch sich selbst zu lieben.“ Was das konkret heißt, schildere die gleichnishafte Geschichte vom barmher­zigen Samariter. Es komme darauf an, dass „ich mit offenen Augen durchs Leben gehe und darauf Acht gebe, wer meine Zuwendung braucht und wem ich so zur Nächsten werden kann.“ Dabei komme es auf den ersten Schritt, den empathischen Blick an: „Der Mensch, der Räubern zum Opfer gefallen war, brauchte den Samariter, der seine Wunden versorgte und ihn in die Pflege eines anderen gab. Der Mensch, der sonst keinen zum Reden findet, braucht vielleicht ein offenes Ohr. Andere brauchen eine feste Umarmung; ein aufmunterndes Lächeln; ein bisschen Geld; Unterstützung im Haus; ein gutes Wort.“ Gottes Willen zu tun, bewege sich, so die Predigerin „im­mer in einem Dreieck: die Verbindung zu Gott pflegen, aufmerksam für die Bedürf­nisse des anderen sein und achtsam für die eigenen Bedürfnisse bleiben.“ Dieses Dreieck gleiche einem Mobile, das sich mal hierhin, mal dorthin bewege, aber immer zusammengehalten sein will.

Dieses Bild des ‚Windspiels‘ träfe auch auf die ‚Familie Gottes‘ zu, wie Jesus sie in Markus 3 beschreibt. Denn die ‚Familie Gottes‘ vermag die Herkunftsfamilie, die unterschiedlichen Familienformen zu integrieren. Wie in dem ‚Mobile‘ hebe die Bibel einmal das Gebot der Elternliebe hervor; mal liege das Achtergewicht darauf, dass die leibliche Verwandtschaft aufgebrochen wird. „Familie wird nicht überflüssig, aber sie ist eben nicht die einzige Familie, in der Menschen leben.“ So ist die ‚Familie Gottes‘ „unfassbar groß – und wird dann wiederum ganz konkret, nämlich in den Gemeinden vor Ort und überall, wo Christ*innen zusammenkommen und Gemeinschaft haben.“

Auch wenn es wie in unseren Herkunftsfamilien in der Kirche, in der ‚Familie Gottes‘, Konflikte und Krisen gebe, so bleibe es wichtig, sich von Jesus daran erinnern zu las­sen, worum es geht: den Willen Gottes zu tun. Das bedeute: „Füreinander da zu sein; den anderen nicht im Stich zu lassen, sondern tatkräftig Hilfe anzubieten; für­einander Sorge zu tragen; die anderen Familienmitglieder mit ihren Stärken und Schwächen anzunehmen; sich mit den anderen mitzufreuen oder mit ihnen mit­zuleiden.“ Auch wenn dies nicht immer gelingt, kann doch die Gemeinde zu einem Ort werden, „an dem Menschen sich wie in einer Familie geborgen und aufgehoben fühlen.“ Die letzten Worte der Predigt klangen wie ein ‚Amen‘: „Gott sei Dank, dass es sie gibt.“

Auf dieses eindrückliche Plädoyer für die größere Familie Gottes, in der die unter­schiedlichen Familienformen heimisch sein dürfen, antwortete die Gottesdienstge­mein­de mit dem Lied: ‚Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt, seine Gerech­tigkeit, Amen,‘ bei dem es in der vierten Strophe heißt: ‚Ihr seid das Volk, das der Herr sich auser­sehn, seid eines Sinnes und Geistes.‘

Leider fielen wegen des Regens die Gespräche über Familienleben an den Tischen im Freien aus. Doch hier und da hat in den Räumen des Cafés, der Kolonistenstube und in den Ausstellungsräumen beim und nach dem Mittagsessen das Thema ‚Familie(n) leben‘ heiße und nachdenkliche Gespräche ausgelöst, denn: „Alle Menschen haben eine Familie, denn jeder Mensch kommt aus einer Familie.“

Der Nachmittag führte ab 14.00 Uhr ca. 40 Teilnehmende des Bonhoeffertages in der Bonhoefferkirche zu zwei Vorträgen mit anschließendem Gespräch im Plenum zusam­men. Die Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Herausgeberin der Erinnerungen von Susanne Dreß[1], der jüngsten Tochter von Paula und Karl Bonhoeffer, referierte an­hand der Aufzeichnungen von Susanne Dreß über das Leben der Familie Bonhoeffer, also über ein bedeutsames Familienleben damals. Sie setzte dabei vier Akzente: ‚Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer.‘

Die Soziologin und Bundesgeschäftsführerin der Ev. Arbeitsgemeinschaft Familie der EKiD, Dr. Insa Schöningh, sprach über ‚Familienleben heute‘.

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht stellte die Referentinnen vor und moderierte die an­schließen­de Diskussion.

Wenn sie, so Jutta Koslowski, in ihrem Vortrag die Familie Bonhoeffer, die in Frie­drichs­brunn ihr Ferienhaus für die ganze Familie, dazu Verwandte und Freunde hatte, als Vorbild darstelle, so sei damit keine Idealisierung verbunden, sondern die Zeich­nung des Bildes einer Familie, die noch heute dazu beitragen könne, Familien ver­lässlich zu stärken. Sie wolle in ihrem Vortrag Lesungen aus den Aufzeichnungen von Susanne Dreß und teilweise aus den Erinnerungen ihrer älteren Schwester Sabine Leibholz-Bonhoeffer[2] mit allgemeinen Beobachtungen zu dem, was diese Familie ausgemacht habe – sie nannte dies ihr ‚Familiengeheimnis‘ – verknüpfen. Unter vier zentralen Aspekten stellte sie fünf ‚Geheimnisse‘ dar – das, was diese Familie uns als ihr ‚Vermächtnis‘ bzw. ihren ‚Schatz‘ vererben kann:

  1. Die Ehe der Eltern Karl und Paula,
  2. Ihr Konzept der Kindererziehung,
  3. Das kulturelle Leben dieser Familie und ihres Umfeldes und
  4. Ihr politisches Engagement.

Jutta Koslowski eröffnete ihren Vortrag mit einem längeren Zitat aus den Aufzeich­nungen von Susanne Dreß, das sich auf das Ferienhaus in Friedrichsbrunn bezieht. Susanne schildert darin ihren Weg als Kind in die Ferien als ihren ‚Privatweg ins Glück‘. Sie beschreibt z. B. den Jubelschrei, mit dem sie das Ferienhaus nach der An­kunft empfängt: „Zum dritten Mal durch ein Gatter, dann kommt die kleine Wald­wiese, bis zu der ich schon alleine gehen darf – und wenn der Wald sich lichtet, hinter der Schützenwiese, liegt es da. ‚Unser Häuschen! Unser Häuschen!‘, brülle ich wie verrückt, denn nun ist es wirklich wahr und kein Traum und gar nichts ist passiert; es ist da und ich bin da – und nun ist das Leben nur noch schön.“[3]

Dieser Jubelruf ist nicht nur Ausdruck der Begeisterung des Kindes, das die Ferien im Harz als Paradies erlebt, in dem alles eitel Sonnenschein scheint und es keinen Regen – wie an diesem Bonhoeffertag – gibt, sondern auch der Ausdruck einer großen Sicherheit, in einer Welt leben zu dürfen, die in Ordnung ist. So fasst Susanne Dreß ihr Friedrichsbrunn als Ort und als eine Zeit im Leben ihrer Herkunftsfamilie so zusam­men: „Frie­drichs­brunn war Som­mer, war Freiheit, war Heimat, war Besitz.“[4]

Die Referentin fasste das darin sichtbare Geheimnis bzw. Vermächtnis der Familie Bonhoeffer in dem Wort ‚Freiheit‘ zusammen. Die Eltern stellten einen geschützten Rahmen und Raum bereit, in dem aus und mit dem Vertrauen der Eltern die Kinder in Freiheit aufwachsen und Eigenverantwortung entwickeln konnten.

In einem ersten Abschnitt wandte sich die Referentin der Ehe von Paula und Karl Bonhoeffer zu. Sie beschrieb den Eindruck, den diese Ehe bei den Kindern hinter­lassen habe. Diese schilderten ein harmonisches Elternhaus, so dass z. B. Susanne erschrocken war, als sie Streit in den Ehen ihrer älteren Geschwister erlebte. Auch wenn Paula Bonhoeffer recht selbständig gewesen sei – sie hatte ein Lehrerinnenexa­men abgelegt und verwaltete ein Haus mit etlichem Personal – so wäre sie für ihren Mann und er für sie dagewesen. Sie nahmen sich füreinander Zeit; so verreisten sie oft auch ohne ihre Kinder, was aufgrund des eingestellten Personals leicht möglich war. So waren sie auch nicht immer die gesamte Zeit im Ferienhaus in Friedrichs­brunn dabei, wenn ihre Kinder dort die Sommerferien verbrachten. Sabine Leibholz-Bonhoeffer fasst den Abschnitt ihrer Erinnerung an die Eltern so zusammen: „Meine Eltern trennten sich fast nie, jeder war nur ‚ein halber Mensch‘ ohne den andern. Sie brachten es in einer fünfzigjährigen Ehe auf eine Trennungszeit von ein paar Wochen.“[5]

Als ‚Geheimnis‘ bzw. ‚Vermächtnis‘ dieser Familie fasste die Referentin im Blick auf die Ehe der Eltern zusammen: Ihr Zusammenleben war bestimmt von Liebe. Karl Bonhoeffer nennt in seinen Erinnerungen die erste Begegnung mit Paula von Hase einen „mystischen Moment“.

Zum Aspekt ‚Kindererziehung‘ zitierte Jutta Koslowski aus den Erinnerungen Sabines: „Uns acht Kindern hat unsere Mutter eine wunderschöne Jugend geschenkt. Sie war eine vorzügliche Pädagogin, immer konsequent mit uns, aber nie schulmeister­lich… Verbot blieb Verbot, aber viel lieber erlaubte sie, was irgend zu verantworten war. Sie verstand es ausgezeichnet, unsere Zustimmung zu erwerben und Probleme mit uns zu lösen, und mit unerschöpflicher Phantasie dachte sie sich in unsere Spiele ein. Es wäre unmöglich gewesen, ihr eine freche Antwort zu geben, und wenn wir zu an­deren unverschämt waren, fackelte sie nicht lange, bis sie uns eine Ohrfeige gab.“[6] Sabine vergisst aber auch nicht, den Blick und das mokante Lächeln des Vaters zu erwähnen und sein gezügeltes Temperament hervorzuheben. Die Eltern standen, so die Erinnerung der Zwillingstochter, wie eine Mauer zusammen; es hätte „kein Hü und Hott“ gegeben. Sie waren, so die Erinnerungen der beiden Schwestern, die letzte Autorität und forderten verantwortliches Handeln.

Das ‚Geheimnis‘ der Kindererziehung, so Jutta Koslowski, gründe in der ‚Einigkeit‘ der Eltern; auch wenn das Wort von der Mauer, die sie gemeinsam bildeten, ambivalent sei, so seien doch der klare Rahmen und die klaren Regeln, die sie setzten, wichtig für das Leben der Kinder. Sie übten eine ‚Autorität‘, die nicht autoritär war, sondern die die Autorenschaft der Kinder, die Verantwortung für ihr Tun und Unter­lassen för­der­te.

Ein großer Abschnitt in Susannes Aufzeichnungen aus dem Leben im Hause Bonhoef­fer bezieht sich auf das kulturelle Leben der Familie. Sie erzählt von den Einflüssen der Malerei und bildenden Kunst im Hause und in der Familiengeschichte. Sie berich­tet von Theaterbesuchen und der eigenen Schauspielerei, den Stegreifspielen in der Familie. Sie schwärmt von den Leseabenden im Kreis der Familie und den Diskus­sio­nen der älteren Geschwister mit den Eltern und untereinander, denen sie als die Jüng­ste interessiert folgte.

Anschaulich schildert sie die Abende um den ‚sechseckigen Tisch‘[7]. Sie waren, so erinnert sie sich, ihre ‚Haupt-Bildungs- und Schulungsquelle‘. Hier lernte sie ‚mitzu­denken, sowie philosophische Begriffe und Fremdwörter‘. Sie lernte, obgleich stumm dabeisitzend, ‚zu formulieren und diskutieren‘. Sie nennt dies: ‚Ich konnte also schweigend reden.‘[8] Immer wieder verweist sie in ihren Aufzeichnungen auf den wö­chentlichen Rhythmus; so zählt sie auf, was am Samstag oder am Sonntag geschah oder was im Rhythmus des Jahres, vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit pas­sierte.

Als ‚Geheimnis‘ bzw. ‚Vermächtnis‘ der kulturellen Anregungen im Familienleben und um dieses herum hob die Referentin hervor: Tradition und Ordnung; aber auch die Pflege von Ritualen und vor allem: viel gemeinsam gestaltete Zeit; wenn man aber heute meine, es reiche wenig gemeinsame Zeit, es sei nur nötig, ‚Qualitätszeit‘ zu haben, so sehe man bei der Familie Bonhoeffer, es habe quantitativ viel Qualitätszeit in der Familie gegeben.

Zum vierten Aspekt, zum politischen Engagement der Familie, wählte die Referentin nicht unmittelbare Erinnerungen aus der NS-Zeit aus. Vielmehr fragte sie danach, welche Motive und welche Haltung diese Familie zum Widerstand gegen die NS-Diktatur bereit und fähig gemacht habe. Mit der Erinnerung an Susannes 7. Geburts­tag in Friedrichsbrunn und dem darin sichtbaren Handeln ihrer Mutter führe der Vortrag lokal zurück zum Einstieg mit dem Hinweis auf den ‚Freiheitsraum‘ Frie­drichsbrunn.[9] Zu ihrem 7. Geburtstag habe Susanne 56 Kinder eingeladen, weil sie einladen durfte, wen sie wolle, so die Mutter. Nach dem Fest wurden fünf Kinder, fünf Geschwister, nicht von ihren Eltern abgeholt. Paula Bonhoeffer brachte sie heim und ‚entdeckte so die Familie Sanderhoff‘.[10] Sie sah aber auch die Außenseiterrolle sowie die Armut der Familie. Darum schlug sie ihrem Ehemann Karl vor, die Familie mit aufs Gelände des Ferienhauses zu nehmen und ihnen die Aufgabe zu übertragen, auf das Ferienhaus zu achten. Mit einem gerechten Geben und Nehmen wurde dieser Vorschlag umge­setzt[11]. Natürlich sei die vertragliche ‚Nachbarschaftshilfe‘ nicht ohne Konflikte verlaufen, erzählt Susanne anschaulich.

Der Bericht Susannes über die Begegnung und Unterstützung der Familie Sanderhoff sei ein Beispiel für die ethische Einstellung und Haltung in der Familie: Solidarität und Gerechtigkeit sind wichtige ‚Werte‘ bzw. Tugenden. Sie benennen auch das ‚vierte Geheimnis‘, das die Familie zu ihrem Widerstand gegen den Unrechts­staat des Dritten Reiches geführt und diesen Widerstand bestimmt habe. Ihr Verhalten sei von Großmütigkeit und Langmut, aber auch von intensiver Anteilnahme und Verantwortung für sozial schwä­che­re Menschen sowie von Toleranz und Rechtsbewusstsein geprägt worden. Die Anteilnahme am großen Ganzen sowie die Verantwortung für Recht und Gerechtigkeit, die für alle gelte, kennzeichneten das politische Engage­ment dieser Familie.

Die anschließende Diskussion wurde unter anderem von der Frage nach dem Ver­gleich zwischen der großen Dietrich-Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges und den lebendigen Erinnerungen Susanne Dreß bestimmt. Besitzen die Aufzeichnungen Susannes mehr Wahrheitstreue als die Darstellung Bethges?, so eine Frage aus dem Publikum. Die Referentin wies darauf hin, dass es sich um unterschiedliche Werke, eben um eine ausgearbeitete Biografie dort und Lebenserinnerungen hier handele. Die beiden Bücher ergänzten einander, wobei das Werk von Susanne Dreß mit ihrem ersten Buch über Kindheit und Jugend auf das Familienleben und weniger auf ihren Bruder Dietrich ziele. Die Aufzeichnungen Susannes trügen aber zugleich dazu bei, die Prägun­gen Dietrichs durch seine Familie zu verstehen.

Es wurde auf die unterschiedliche Färbung der Religiosität von Dietrich und Susanne hingewiesen, vor allem aber wurde angemerkt, dass es sich bei den Aufzeichnun­gen Susannes doch sehr stark um ein idealisiertes Bild von Familie handele, um das Bild einer privilegierten, finanziell gut abgesicherten bildungsbürgerlichen Großfamilie. Manches erinnere zudem an das konservative Ehe- und Familienbild, das sich in eini­gen Texten Dietrich Bonhoeffers finde, z. B. in den Gedanken zur Trauung von Eber­hard und Renate Bethge. Die Referentin verwies in ihrer Antwort zum Einen auf ihre Anfangsbemerkung, dass die Schilderungen von Susanne im Rückblick auf ihre Kindheit stark von eitel Sonnenschein geprägt seien. Sie wies zugleich darauf hin, dass in Susannes Schilderungen auch Schattenseiten, Brüchiges und Unvollkommenes in der Familie vorkomme. Sie habe mehr auf die förderlichen Seiten des ‚Vermächtnisses‘ dieser Familie hinweisen wollen: Was war das ‚Geheimnis‘ dieser Familie, so dass uns die Schilderung ihres Familienlebens noch heute anzusprechen vermag?

Der zweite Teil des Nachmittages führte dann zu den Problemen von Familien heute und zeichnete ein vielfältiges, ambivalentes Bild des Familienlebens in unserer Ge­gen­wart. Frau Dr. Insa Schöningh, Soziologin und Geschäftsführerin der Ev. Arbeitsgemeinschaft Familie e. V. (eaf), hatte ihre Überlegungen für die Teilnehmenden in 6 Thesen zusammengefasst und erleichternd schriftlich vorgelegt. Sie bildeten den Leitfaden für ihren Vortrag.

Sie knüpfte an die Predigt am Vormittag an. Schon die Bibel zeige eine Vielfalt an Familienformen. War Maria vielleicht sogar eine alleinerziehende Mutter? Sah die ‚Heilige Familie‘ ganz anders aus, als wir sie uns vorstellen? Sie verwies auf Naomi und ihre Schwiegermutter Ruth sowie auf den ohne Familie lebenden Jesus (These 1).[12] So gibt es heute „Paarfamilien (verheiratet und unverheiratet), Patchworkfami­lien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien und viele weitere Bezeichnungen“ (These 1). Gibt es überhaupt eine Definition von Familie? Ist Familie nicht vielmehr eine subjektive Kategorie? Ihrer Ansicht nach gibt es keine feste Definition, wohl aber ist den verschiedenen Familienformen gemeinsam das Zusammenleben von zwei oder mehr Generationen. ‚Familie‘ ist demnach eine einerseits dauerhafte und andererseits wandlungsfähige Institution, in der unter verschiedenen Konstellationen Kinder geboren und großgezogen werden.

Aus der Einsicht in die Pluralität von Familienformen folge, so die Referentin, dass die jeweilige Form des Zusammenlebens nicht entscheidend sei. In welcher Form auch immer, ist ‚Familie‘ nach evangelischem Verständnis der „maßgebliche Ort, an dem Autonomie und Angewiesenheit, Freiheit und Bindung gleichzeitig erfahren und ge­lebt werden können.“ (These 2). In einer ‚Familie‘ kann und soll in Freiheit miteinan­der gestritten, aber auch Geborgenheit, Zugehörigkeit, Angenommensein erfahren werden. Die Referentin verwies auf die bekannten Gefährdungen des Familienlebens durch Gewalt, sexuelle Ausbeutung, Kälte und Entfremdung der Familienmitglieder untereinander. Sie lassen ‚Familienleben‘ zur Enge, zur Folter werden. Daher bedür­fen Familien unabhängig von der Lebensform Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat. Familien können Gutes bewirken: Kinder und Jugendliche werden widerstandfähig durch Geborgenheit, Zusammenhalt, ein warmes Nest oder, wie die Studie der EKD ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘ als Leitbild formuliert: „Protestantische Theologie unterstützt das Leitbild der an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbind­licher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird.“[13]

Den beiden Thesen ‚Familie lebt in vielen Formen‘ und ‚Die Form des Zusammen­le­bens ist nicht entscheidend‘ folgt der schlichte Satz: „Familie ist ein komplexes Ge­schehen“ (These 3). Familienleben heute versteht sich nicht (mehr) von selbst. Tradi­tionen und Konventionen sind ausgehöhlt und oft obsolet.[14] Rituale fehlen vielfach und müssen neu erfunden und definiert werden. Der Zeittakt einer Woche ist häufig aus­ge­lagert und wird fremdbestimmt vom Rhythmus der Arbeit. Familienleben findet zumeist entlang der beruflichen Tätigkeit eines oder beider Elternteile statt. Feste wie z. B. die Konfirmation des Kindes getrenntlebender Eltern bedürfen logistischer Pla­nungen, wie die Familienmitglieder in welcher Konstellation zusammen feiern kön­nen. Kinder einer Patchworkfamilie haben oft nicht nur vier Großelternteile sondern acht. Die Schilderungen der Familie Bonhoeffer in den Aufzeichnungen von Susanne Dreß zeigten, so die Referentin mit Bezug auf den Vortrag von Frau Koslowski, ein an­de­res Bild. Es ist ein Bild wie aus vergangenen Welten, obgleich auch dieses damals ein Familienbild neben anderen war. Die Folgen aus der gewachsenen Komplexität und der geschwundenen Traditionen und Konventionen: „Vielmehr muss jede Familie ‚ihr‘ Familienleben selbst gestalten. Das lässt viel Freiheit, bedeutet aber auch viel Verantwortung“ (These 3).  

Der Grund für diese Veränderungen liege unter anderem auch in den gewandelten Geschlechterrollen. Ganz anders, so die Referentin, sahen wir das bei den Bonhoef­fers. Die Mutter regiert, auch als ausgebildete Pädagogin, das Haus. Der Vater wird bestimmt von seinem Beruf. Heute hingegen: „Mütter sind zunehmend berufstätig und sehen es auch als ihre Aufgabe an, das Familieneinkommen mit zu erwirtschaf­ten“ (These 4). Für die Frauen in der DDR war die berufliche Tätigkeit von Müttern schon früh selbstverständlich. In der BRD trat dies später auf. War in der DDR die außerfamiliäre Verpflichtung von Frauen selbstverständlich, ist sie heute lebensnot­wendig, denn „in den meisten Fällen reicht das Einkommen nur eines Elternteils nicht für den Unterhalt der Familie aus“ (These 4). Obwohl sich zunehmend – z. T. aufgrund der geteilten Elternzeit – auch Väter um Erziehung und Betreuung der Kinder bemühen, investieren statistisch gesehen Frauen mehr Zeit in der Haushaltsarbeit.

Zugleich stiegen in unserer Zeit die Ansprüche und Anforderungen an beide Eltern­teile. Der neunte Familienbericht, veröffentlicht im Mai 2021, spricht von der „Intensivierung der Elternschaft“ Dies meint: Es werden hohe Erwartungen an das pädagogische Handeln der Elternteile gestellt; diese werden von außen an die Eltern herangetragen, aber auch von den Eltern selber an sich gestellt.[15] Statistisch ver­bringen im Durchschnitt Väter 30 bis 60 Minuten und Mütter 75 bis 105 Minuten täglich mit ihren Kindern. Zudem steige die Kinderzeit in Kitas und Schulen, oft beginnend mit dem 1. Lebensjahr in der Krippe. Zudem forderten Arztbesuche, Musikschule, Sport und andere Aktivitäten der Kinder den Einsatz der Eltern oder Großeltern. Die Digitalisierung und der damit verbundene Medienkonsum der Kinder seien kräftig angestiegen und bildeten eine große Herausforderung für die Eltern. Gerade in der Coronapandemie sei dies zu beobachten, verschärft durch unterbundene Kontakte der Kinder und den digitalen Unterricht. Auch Entscheidungen zur Bildungslaufbahn der Kinder beanspruchten die Eltern.

Neben Geld und Bildungschancen werde heute verstärkt der ‚Raum‘, z. B. zum Spielen und Sich-Erproben, zur lebensnotwendigen Ressource. Zudem hätten sich die Er­ziehungs­ziele stark gewandelt, vom Gehorsam hin zur Bildung von Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein. Fazit der 5. These: „Kinder werden nicht einfach mehr groß, sondern an das pädagogische Handeln der Eltern werden hohe Erwartungen gestellt.“

Mit einem eher düsteren Ausblick schloss die Referentin die Darstellung des Bildes heutigen Familienlebens. Sie verwies auf die grundlegende Komponente für Familien­leben heute. „Die soziale Ungleichheit nimmt grundsätzlich in der Gesellschaft zu, das gilt auch für Familien“ (These 6). Das zeige sich an einer Grafik zur Entwicklung des ver­fügbaren Haushaltseinkommens mit der Überschrift ‚Wirtschaftliche Absicherung von Familien‘.[16] Die soziale Schere sei in den letzten 10 Jahren weiter auseinander ge­gan­gen; 10 % der Familien lägen 2021 mit ihrem Haushaltseinkommen unter dem Niveau von 1992, während die oberen 10 % 40 % darüber liegen. Das habe Folgen für das Familienleben heute.  „Damit sind insbesondere die Bildungschancen der Kinder sehr ungleich verteilt. Das ist angesichts der ständig steigenden Bedeutung von Bil­dung ein Problem und bedroht den sozialen Zusammenhalt.“[17]

Die anschließende Diskussion im Plenum suchte Wege aus dieser für viele Familien schier ausweglosen Situation. So wurde z. B. nach den Möglichkeiten der ‚Zivilgesell­schaft‘, von Vereinen wie z. B. Sportvereinen, Freiwilliger Feuerwehr, Kirchengemein­den zur Unterstützung und Entlastung der ‚Familienarbeit‘ gefragt. Gibt es zivil­gesellschaftliche Netzwerke, die die früheren traditionellen Netze von Ver­wandt­schaft und Nachbarschaft ersetzen können? Gibt es Untersuchungen dazu? Gibt es Beispiele der Vernetzung unterschiedlicher Angebote für Kinder und Jugendliche? Wie steht es mit dem Modell von ‚Familienhäusern‘ oder Mehrgenerationenwohnen? Könnte sich nicht der 10. Familienbericht mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden um Klärung von ‚Netzwerken für Familien‘ bemühen? So die Anfrage und Bitte an die Referentin, im Rahmen der Einflussnahme der eaf auf die nächste Regierung ein solches Thema zu setzen, zumal die Referentin auf diesem Feld kaum entsprechende Untersuchungen benennen konnte.

Während des Nachmittages hatten Christine und Hartmut Bick mit Klavier- und Gitarrenbegleitung Lieder zu Texten Dietrich Bonhoeffers gesungen[18] und damit Zeit und Raum für eigenes Nachdenken und Nachklingen des Gehörten und Besprochenen geöffnet. Der Nachmittag endete gegen 16.30 Uhr mit einem Dank an die Referentinnen durch den Schatzmeister des Förder- und Trägervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn e.V. Hartmut Bick. Das Ehepaar Bick entließ die Teilnehmenden mit einem Segenslied in den immer noch regnerischen Nachmittag. Wer noch Zeit und Lust hatte, konnte den Tag im Bonhoefferhaus bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen.

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht                                            Einbeck, der 16.9.2021


[1] Jutta Koslowski (Hg.): Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer. Die Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffers jüngster Schwester Susanne Dreß, Gütersloh, 2018.

[2] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: vergangen – erlebt – überwunden. Schicksale der Familie Bonhoeffer. Gütersloh 1995, 8. Auflage.

[3] Koslowski (Hg.) Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer, S. 94.

[4] Ebda. S. 91.

[5] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: vergangen – erlebt – überwunden, S.25.

[6] Ebda. S. 17.

[7] Koslowski: Aus dem Leben, S. 277.

[8] Ebda. S. 277.

[9] Koslowski: Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer, S. 108ff.

[10] Ebda. S. 109.

[11] Ebda. S 109f.

[12] Siehe dazu und zu den weiteren Ausführungen: Kirchenamt der EKD (Hg.): Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, Gütersloh 2013. Das Kapitel 5 entfaltet ‚Theologische Orientierung‘, ebda. S. 54ff. Die Referentin hat an der Abfassung dieser Studie mitgewirkt.

[13] EKD-Studie S. 13.

[14] These 3 vollständig: „Familie zu leben ist heute ein komplexes Geschehen und versteht sich weder von selbst – längst nicht alle Menschen entscheiden sich für Familie – noch folgt Familienleben bestimmten vorgebahnten Gleisen. Vielmehr muss jede Familie ‚ihr‘ Familienleben selbst gestalten. Das lässt viel Freiheit, bedeutet aber auch viel Verantwortung.“

[15] Siehe dazu die Schaubilder in einem Vortrag von Sabine Walper, Vorsitzende des Ausschusses für den 9. Familienbericht: https://www.ag-familie.de/media/docs21/AGF_DJI_VA_Fambericht_Praes_Walper_Teil1_010721.pdf.

[16] Die Grafik findet sich in dem Vortrag von Sabine Walper, s. Anmerkung 15.

[17] Fazit der sechsten These.

[18] Jochen Rieger (Hg.): Musikalische Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer, Texte verschiedener Autoren, Musik Jochen Rieger. 2006, Gerth Medien Musikverlag Asslar. ISBN 3-89615-390-0.

Voraussetzungen zur Teilnahme am 23. Bonhoeffertag

Gemäß aktueller Verordnung1 gelten für den 23. Bonhoeffertag folgende Regeln:

  • Halten Sie, soweit möglich und zumutbar, einen Abstand von mindestens 1,5 m zu anderen Personen ein, auch beim Essen und Trinken zu Gästen an anderen Tischen.
  • Tragen Sie in geschlossenen Räumen auf Verkehrs- und Gemeinschaftsflächen eine Mund-Nasen-Bedeckung.
  • Nutzen Sie die Angebote, Ihre Hände zu waschen und zu desinfizieren.
  • Rechnen Sie in geschlossenen Räumen mit Lüftungspausen.
  • Vermeiden Sie Ansammlungen von mehr als 11 Personen, insbesondere Warteschlangen.
  • Tragen Sie sich in eine Anwesenheitsliste ein.
  • Wenn mehr als 50 Personen teilnehmen: Weisen Sie in schriftlicher oder elektronischer Form nach, dass Sie geimpft, genesen oder getestet sind:
    • Vollständig geimpft: 14 Tage nach der letzten für ein vollständiges Impfschema erforderlichen Impfung.
    • Genesen: Nachweis nach Test, der mindestens 28 Tage und höchstens 6 Monate zurückliegt.
    • Getestet: Labordiagnostik nicht älter als 48 Stunden, PoC-Antigen-Test (Schnelltest) nicht älter als 24 Stunden.
  • Aktuell ist die Anzahl der Teilnehmer in geschlossenen Räumen auf 500, im Freien auf 1000 begrenzt.
  • Veranstalter müssen gegen Personen, die sich nicht an die Regeln bzgl. Abstand und Personenbegrenzung halten, Hausverbote aussprechen.

1. „Vierzehnte Verordnung über Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Sachsen-Anhalt“ (Vierzehnte SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung – 14. SARS-CoV-2-EindV)“ vom 16. Juni 2021, zuletzt geändert durch „Vierte Verordnung zur Änderung der Vierzehnten SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung“ vom 20. August 2021.

23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 29. August 2021

Familie(n) leben: Familienleben – Familie leben“

Einladung zum 23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 29.8.2021

Die Einladung im Format DIN A5 können Sie hier herunterladen:

Der Einladungstext als A4PDF:

Der 23. Bonhoeffertag 2020 ist ausgefallen. Der Grund: die Coronapandemie. Die Entscheidung der Veranstalter, das Kirchspiel Bad Suderode und Friedrichsbrunn und der Träger- und Förderverein Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn, hieß vor einem Jahr: Wir verschieben den 23. Bonhoeffertag auf 2021 und hoffen, dass die Pandemie dann gebannt ist. Noch ist sie nicht überstanden, aber es scheint, als könnten in diesem Sommer die Auflagen gelockert werden. Die Inzidenzzahlen sind stark rückläufig und die Anzahl der Impfungen steigt. So hoffen die Veranstalter, dass der 23. Bonhoeffertag mit gleicher Überschrift und gleichem Programm Ende August durchgeführt werden kann. Sie bitten alle Teilnehmer*innen, die dann gültigen Regeln (z. B. Maskenpflicht) einzuhalten; gegebenenfalls die Impfbescheinigungen bereit zu halten, sich tags zuvor testen zu lassen und die Testbescheinigung mitzubringen. Vielleicht brauchen wir diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr und können aufatmend und die gemeinsam geteilten Erfahrungen im Gepäck neu starten.

Das Thema des 23. Bonhoeffertages ist so aktuell, dass es Raum lässt, auch die teils belastenden Erfahrungen von Familien in Pandemiezeiten angesichts von Lockdown und teils geschlossenen Schulen, von Homeoffice und Homeschooling (neue Wörter, die wir gelernt haben) einzubeziehen. Wie haben Familien mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen die Krisenzeit durchstanden? Wie konnten sie dies meistern? Was hat sie gestärkt, was geschwächt? Haben Kontakte, Verwandtschaften, Freundschaften, Solidargemeinschaften gelitten oder sind sie sogar intensiver geworden?

Der 23. Bonhoeffertag widmet sich dem Thema „Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben“ in einer doppelten Perspektive: ‚damals‘ und ‚heute‘, wobei die jeweiligen historischen Herausforderungen sowie die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich waren und sind. Da der Bonhoeffertag am Ort des Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer stattfindet, wird sich der Blick bei ‚Familie(n)leben – damals‘ auf diese Berliner Großfamilie mit ihren 8 Kindern beziehen. Der Abschnitt ‚Familie(n)leben – heute‘ blickt auf die Herausforderungen und Anforderungen für Familien mit ihren unterschiedlichen Zusammensetzungen und gesellschaftlichen Erfahrungen heute

Der Rückblick zeigt: vor 76 Jahren hat das NS- Regime vier Mitglieder der Familie Karl und Paula Bonhoeffer ermorden lassen: die Söhne Klaus und Dietrich Bonhoeffer und die Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher. Sie waren aktiv im Widerstand eingebunden. Die übrige Familie wusste dies und unterstütze ihren Einsatz. Im Oktober 1945 schrieb der Vater, Prof. Dr. Karl Bonhoeffer:

„Daß wir sehr viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie…erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. Die ganzen Jahre hindurch stand man unter dem Druck der Sorge um die noch nicht Verhafteten, aber Gefährdeten. Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz auf ihre gradlinige Haltung.“ (Bethge/Gremmels, Dietrich Bonhoeffer, München, 1986, S. 234).

Dieser Rückblick wenige Monate nach der Befreiung von der NS-Diktatur ist neben dem Einblick in die Trauer über den Verlust von vier Familienmitgliedern ein Zeugnis über den Zusammenhalt der Familie, die gemeinsam der Diktatur, dem Unrechtsstaat, der Menschenverachtung in der millionenfachen Ermordung von Juden widerstanden hat. Was ermöglichte den Widerständlern ihre ‚gradlinige Haltung‘? Was befähigte sie zur ‚Zivilcourage‘? Aus vielen weiteren Zeugnissen aus dem Kreis der Familie geht hervor: es waren auch die familiären Bande, das Vertrauen untereinander und die erlernte Verantwortung für das eigene und das politische Leben. Es war eine ‚Erziehung zur Selbständigkeit und Verantwortung‘. Es war die intellektuelle Redlichkeit und Wahrhaftigkeit. Es waren die kulturelle Mitgift, aber auch die christlichen Bindungen.

Und heute? In der Pandemie und nach der Pandemie? Was kann Familie heute zur Bildung von Verantwortung für das eigene Leben, für Leben und Gesundheit Anderer wie für das Gemeinwesen beitragen? Wie können Krisen gemeistert und wie der Zusammenhalt gestärkt werden? Welche materiellen, psychischen, kulturellen und religiösen ‚Ressourcen‘ braucht Familienleben heute?

Der 23. Bonhoeffertag greift das Thema ‚Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben‘ auf. Am Sonntag, den 29.8.2021 soll einen Tag lang im Gottesdienst, in Vorträgen, in Gesprächen mit sachkundigen Referentinnen und untereinander diesem Thema nachgegangen werden.

Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst im Garten des Ferienhauses der Familie Bonhoeffer. Die Liturgie und Predigt wird gehalten von Pfarrerin Dr. Saskia Lieske, der Ortspfarrerin, und begleitet vom Posaunenchor Thale unter der Leitung von KMDin Christine Bick.

Nach einem Mittagessen vom Grill im Garten des Café Bonhoeffer, zubereitet von der Besitzerin Gabriela Zehnpfund mit ihrem Team, werden die Besucher*innen eingeladen, miteinander über ‚Familien-Erfahrungen‘ ins Gespräch zu kommen.

Ab 14.00 Uhr finden in der Bonhoefferkirche Friedrichsbrunn – unter Einhaltung der dann geltenden coronabedingten Regeln – Vorträge, Gesprächsimpulse und Diskussionen statt. Dazu werden fachkundige Referentinnen sprechen:

Frau Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Herausgeberin der Lebenserinnerungen von Susanne Dreß, der jüngsten Tochter der Familie, referiert über ‚Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer‘. Rückfragen im Plenum schließen sich an.

Im zweiten Teil des Nachmittags gibt Frau Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V. aus Berlin und Mitverfasserin der Studie der EKD von 2013 mit dem Titel ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘, einige Denkimpulse zu ‚Familie leben heute‘. Eine sicherlich lebhafte Diskussion wird sich anschließen.

Programmentwurf (Stand 06.06.2021)

Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben

11.00 Uhr Festlicher Gottesdienst

im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7

bei schlechtem Wetter in der Bonhoefferkirche

mit dem Posaunenchor Thale. Leitung Christine Bick

Liturgie und Predigt: Pfarrerin Dr. Saskia Lieske, Thale

Anschließend Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr Am Familientisch – im Gespräch über Erfahrungen mit der Familie

14.00 Uhr Vorträge und Gespräche in der Bonhoefferkirche

Familie(n)leben damals

Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer

Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Theologin und Autorin, Gnadenthal im Taunus

Familie(n)leben heute

Familien als verlässliche Gemeinschaften in der Verantwortung für das Gemeinwohl stärken

Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V., Berlin

Vorträge und Gespräche mit den Referentinnen und den Besucher*innen

Diskussionsleitung: Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Ca. 16.00 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoefferhauses

Adresse:

Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn

Waldstraße 7

06502 Thale-Friedrichsbrunn

Tel: 03946-989052

Anfahrtbeschreibung:

Vorstand und Gesamtvorstand des Vereins

Stand: September 2020

Vorsitzende: Dr. Saskia Lieske, Pfarrerin im Pfarrbereich Thale/Warnstedt/Bad Suderode–Friedrichsbrunn
Stellvertreter: Hans Jörg Bauer, ehem. Präses der Synode des Kirchenkreises Halberstadt, Mitglied des Kreiskirchenrates, Vertreter des Kirchenkreises
Schatzmeister: Hartmut Bick (gewähltes Mitglied)

Prof. Dr. Günter Ebbrecht, Pfarrer i. R., ehem. Leiter der Ev. Akademie Iserlohn, Koordinator der AG Bonhoeffergedenkstätten in der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, gewähltes Mitglied
Uwe Jauch, Superintendent im Kirchenkreis Haldensleben – Wolmirstedt, Vertreter der Ev. Kirche in Mitteldeutschland
Christian Staat, Tischlermeister, u. a. in der Meisterausbildung tätig, Ortsbürgermeister von Friedrichsbrunn/im Rat der Stadt Thale, Vertreter der Stadt Thale
Gabriela Zehnpfund als Besitzerin des Anwesens des Bonhoeffer-Hauses
Dr. Ruth Ziemer, Schulpfarrerin, gewähltes Mitglied

Dr. Marianne Bethge, zuletzt freiberufliche Dozentin in der Erwachsenenbildung, jetzt Öffentlichkeitsreferentin für den Verein, beratendes Mitglied