Der 16. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 25. August 2013

Ein Bericht von Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Wieder haben sich bei trockenem, fast sonnigem Sommerwetter Menschen aus nah und fern in Friedrichsbrunn beim ehemaligen Ferienhaus der Familie Bonhoeffer und in der Bonhoefferkirche zum Bonhoeffertag getroffen. In diesem Jahr waren über 220 Menschen gekommen, um diesen Tag gemeinsam mit Open-Air-Gottesdienst, Vortrag in der Kirche und abschließendem Konzert zu begehen.

Zahlreiche Presseartikel, unter anderem auch vom Evangelischen Pressedienst auf der Homepage der EKD am 24.August, hatten im Vorfeld an die Wiederkehr des Erwerbs des Hauses durch das Ehepaar Karl und Paula Bonhoeffer vor 100 Jahren im Jahre 1913 erinnert. So titelte die ‚Volksstimme‘ in Sachsen-Anhalt am 20. Juli: ‚Kraft aus der Erinnerung. Vor 100 Jahren kauften Dietrich Bonhoeffers Eltern ein Ferienhaus in Friedrichsbrunn im Harz. Gottesdienst und ein besonderer Tag erinnern an den Widerstandskämpfer.

Der Tag begann im Garten des ehemaligen Ferienhauses. Vor der Kulisse des Bonhoefferhauses lud der gut bestückte Posaunenchor die über 220 Besucherinnen und Besucher zum Singen, Hören und Beten ein. Die Superintendentin des Kirchenkreises Halberstadt, Angelika Zädow und Ursula Meckel, die Pastorin des Kirchspiels Suderode, zu dem Friedrichsbrunn gehört, lasen und entfalteten im Dialog die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Sie brachten die Gemeinde darüber ins Nachdenken, dass Jesus die Frage eines Gesetzeslehrers: ‚Und wer ist mein Nächster?‘, in die Rückfrage verwandelt: ‚Wer von den Dreien in der Geschichte ist dem zum Nächsten geworden, der von den Räubern überfallen wurde?‘ Altbischof Axel Noack von der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, jetzt Teil der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, griff die Frage nach der Nächstenschaft auf, indem er die Losung des Sonntages in seiner Predigt bedachte: ‚Der HERR kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker wie es recht ist.‘

Nach dem Gottesdienst war Raum und Zeit für Speis und Trank, für Begegnung und Gespräche sowie für die Besichtigung der Ausstellung über die Familie Bonhoeffer in Friedrichsbrunn. Unter den über 20 Personen war auch eine Gruppe aus Dassel, wo sich Dietrich Bonhoeffer Anfang März 1933, vor 80 Jahren, bei einer ökumenischen Konferenz für eine von der Wahrheit des Evangeliums und der Klarheit des Bekenntnisses bestimmte Kirche in weltweiter Geschwisterlichkeit eingesetzt hatte.

Am frühen Nachmittag entfaltete Propst i. R. Dr. Heino Falcke aus Erfurt in der Bonhoefferkirche in einem biografisch geprägten Vortrag seine Erfahrungen mit Dietrich Bonhoeffer und dessen Einfluß auf sein Leben und kirchliches Wirken. Sein Vortragesthema lautete: ‚Mein Bonhoeffer – Was mir Dietrich Bonhoeffer bedeutet hat – persönlich und im Dienst der Kirche.‘ Er nahm die Zuhörerschaft mit auf seinen Weg mit Bonhoeffer seit seiner ersten Begegnung mit einem Schüler Bonhoeffers in der Jungen Gemeinde, weiter nach der Lektüre von ‚Widerstand und Ergebung‘ beim Theologiestudium und als Pfarrer bei der Erneuerung der Kirche in der DDR sowie im Einsatz für den Frieden in den 80-iger Jahren.

Für seinen Lebensweg sei mit 16 Jahren im Mai 1945 die Begegnung mit Pfarrer Karlheinz Corbach in der Jungen Gemeinde in Seehausen entscheidend gewesen (siehe DBW 15, S. 700). Mit ihm habe er angefangen, Bonhoeffers ‚Nachfolge‘ zu lesen. Man müsse glauben, um gehorsam sein zu können und den Schritt des Gehorsams wagen, um glauben zu lernen. Es gehe nicht, in der Suche nach der Antwort auf den Sinn des Lebens Zuschauer bleiben zu wollen. Diese erste Begegnung mit einem Schüler Bonhoeffers und durch ihn mit Dietrich Bonhoeffers ‚Nachfolge‘ wurde, so Falcke, der Auslöser, Theologie zu studieren.

Die zweite Begegnung erfolgte 1952 am Ende des Studium durch die Lektüre von ‚Widerstand und Ergebung‘. Er sei auf dem Weg zurück in die Kirchenprovinz Sachsen gewesen, da hätten ihn Bonhoeffers Sätze in der Taufpredigt für Dietrich Bethge ermutigt, sich auf den Umschmelzungsprozess der Kirche, deren Gestalt sich radikal ändern müsse, einzulassen. Die ‚forcierte Säkularisierung‘ der DDR-Gesellschaft habe ihn kirchenpolitisch herausgefordert. Gegen die Versuchungen der Kirche, aggressiv gegen den Staat vorzugehen oder sich einfach anzupassen und gegen die Versuchung des Rückzuges der Kirche auf sich selbst (‚Selbstghettoisierung‘) habe Bonhoeffers Leitwort von der ‚Kirche für Andere‘ befreiend und hilfreich gewirkt.

Als die SED den Slogan von der ‚Kirche im Sozialismus‘ geprägt hatte, hätten sich die Kirchen dazu verhalten müssen. H. Falcke zitierte seinen Beitrag auf der Synode des Kirchenbundes 1973: Weil Gott in Jesus Christus für Andere da war (im Zeichen des Kreuzes), könne Kirche nur Kirche sein, sofern sie für Andere da ist. Sie würde zwar die atheistische DDR als Ausdruck der Aufklärung und Säkularisierung respektieren, jedoch zugleich ihr Verhältnis zur DDR und zum Sozialismus in der DDR theologisch reflektieren müssen. Wenn Gott Autor unserer Freiheit und Mündigkeit ist, dann muss alle Autorität – auch die staatliche – Autorschaft von Freiheit sein, die die freie Verantwortung des Menschen, das offene Wort, die Vielfalt der Meinungen, die Selbstverantwortung des Menschen zulässt. ‚Wenn Gott riskiert, im Menschen einen mündigen Partner zu haben, dann sollte Kirche und Gesellschaft nicht weniger riskieren‘, sagte Falcke. ‚Kirche im Sozialismus‘ könne von diesem Kirchenverständnis her nur Einsatz für einen ‚verbesserlichen Sozialismus‘ bedeuten.

Die dritte Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer habe sich angesichts des kalten Krieges, des Westrüstens in Ost und West und der atomaren Abschreckung in der ‚Friedensfrage‘ ergeben. Bei der Mitarbeit an der Erarbeitung einer Handreichung zur Seelsorge an Wehrpflichtigen seien sie von der christologischen Begründung der Friedensethik in Bonhoeffers ökumenischen Predigten auf Fanø inspiriert worden: Der Friede ist kein Problem, sondern mit dem Erscheinen Jesu Christi das uns gegebenes Gebot Gottes. Es fordere die Kirchen zu einem klaren Friedenswort auf, das ein allgemeines christliches Konzil sprechen sollte. Für die Handreichung habe dies bedeutet: In der damaligen Situation gäben diejenigen, die den Wehrdienst verweigerten (Bausoldaten) ein deutlicheres Zeugnis für das Friedensgebot Christi. Wie Dietrich Bonhoeffer kein Prinzipienmensch gewesen sei, so hätte er auch keinen prinzipiellen Pazifismus vertreten. Er sei Pazifist gewesen, der auf das Friedensgebot Christi in der Begegnung mit der jeweiligen Situation gehört habe. Von ihm sei ein ‚wirklichkeitsbezogener Pazifismus‘ zu lernen. H. Falcke hob zudem den ökumenischen Zusammenhang des Friedenszeugnisses der Christen hervor. Die ökumenische Gemeinschaft der Kirche sei die Verleiblichung des Friedens Christi.

In einem letzten Schritt sprach er den gegenwärtig aktuellen Themenbereich ‚Bonhoeffer und die Religion‘ an. Ist dessen Analyse der ‚religionslosen Welt‘ ein Irrtum gewesen angesichts der Wiederkehr der Religion und ihrer Beeinflussung der Machtpolitik, z. B. im Nahen Osten? Angesichts der fortgeschrittenen Zeit konnte er sich nicht auf Bonhoeffers Gedicht ‚Christen und Heiden‘ einlassen, vielmehr nahm Falcke den Amoklauf eines jungen Menschen 2002 im Gutenberggymnasium in Erfurt als Beispiel. Erfurt habe damals unter einem Schock gestanden. Am Tatort seien viele beschriftete Zettel hingelegt worden. Nur auf einem habe er gelesen: ‚Gott, wo warst Du?‘. Die meisten Menschen hätten gefragt: ‚Wie konnte das geschehen?‘ ‚Was ist mit uns los?‘. Nicht die Theodizeefrage beschäftige die Menschen, sondern die Frage nach der Anthropodizee. Der Mensch sei dem Menschen zum Rätsel geworden. So äußere sich heute wohl die religiöse Frage als Frage nach dem Menschen, nach dem Menschsein des Menschen, nach seiner Würde. Falcke schilderte dann eindrücklich, wie sich in dieser Situation 2002 Kirche in der Solidarität mit den erschütterten Menschen als ‚Kirche bei den Anderen‘ erwiesen hat und in analogen Situationen zeigen sollte.

Nach über einer Stunde gespannten Zuhörens bedankten sich die Hörerinnen und Hörer mit einem intensiven Applaus bei Heino Falcke für seine autobiografische und zeitaktuelle Vergegenwärtigung, für ‚seinen Dietrich Bonhoeffer‘.

Während seines Vortrages in der Bonhoefferkirche feierten Kinder und ihre Eltern im Garten des Bonhoefferhauses ein kreatives Familienfest.

Der 16. Bonhoeffertag klang aus mit einem Konzert mit Instrumentalmusik und Liedern der Band ‚Triple B‘ aus Wernigerode. Diese Musikgruppe aus sechs Musikern nahm die Hörerinnen und Hörer mit auf eine Reise durch unterschiedliche europäische Länder und Musikstile verschiedener Zeiten. Sie präsentierten in anschaulicher und begeisternder Weise Weltmusik. Das Publikum war eingeladen, bei zwei Liedern aus Taizé mitzusingen.

Frau Pastorin Meckel bedankte sich zum Schluss bei den Mitwirkenden und den Besucherinnen und Besuchern für ihr Kommen und Mitgehen und lud alle zum 17. Bonhoeffertag am 31.August 2014 nach Friedrichsbrunn ein – ‚so Gott will und wir leben‘.

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