Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn – eigentliches Zuhause und Zufluchtsort

31. August 2014: 17. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Ein Bericht von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Der 17. Bonhoeffertag 2014 in Friedrichsbrunn war geprägt von der Präsentation und Eröffnung der neuen Ausstellung im Bonhoeffer-Haus. Fast ein Jahr lang hat eine Arbeitsgruppe aus Studierenden der Hochschule Harz, Wernigerode, unter Anleitung von Prof. Eberhard Högerle, und aus Mitgliedern des Gesamtvorstandes des Träger- und Fördervereins ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. an der Konzeption einer selbsterschließenden, interaktiv gestalteten und generationsübergreifend ausgerichteten Ausstellung in zwei Räumen des ehemaligen Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer gearbeitet. Das Ergebnis wurde einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt, nachdem schon am 31. Juli 2014 der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Haseloff das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn besucht und die ersten Ergebnisse besichtigt hatte.

Doch der Reihe nach. Wie immer sollte das Treffen, an dem in diesem Jahr im Durchschnitt des Tages rund 100 Menschen teilnahmen, mit einem Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses eröffnet werden. Wolken und auch Regen waren für den Sonntag angesagt. Da ist es ein Glück, dass die Bonhoefferkirche im Ort groß genug ist, um die Besucher zu fassen. Was die Superintendentin Angelika Zädow als ein Glück ansah, nahm die Mitpredigerin Pastorin Ursula Meckel als Pech wahr. Denn wunderschön waren bisher die Gottesdienste im Freien. Mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung begannen beide ihre Dialogpredigt über ‚Glück und Unglück‘. Die Tageslosung des 31. August 2014 hat die Predigerinnen dazu inspiriert: „Freue dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beides, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt.“ (Prediger 7,14). Die beiden Predigerinnen begeben sich auf die Suche nach der Bestimmung des Glücks. Sie nehmen die Gottesdienstbesucher auf ihre Reise mit in die Welt des kleinen und großen Glücks. Im Hebräischen steht beim Prediger‚ha tow‘, ‚das Gute‘ für‚Glück‘. ‚Gut‘ kann angenehm riechendes Öl sein oder etwas Nützliches wie fruchtbares Land. Im Staat Bhutan steht das Glück in der Verfassung. Sie spricht vom ‚Bruttoinlandsglück‘. Es gibt ein Ministerium für Glück. Dazu zählen: 1. Bewahren und Fördern der Kultur. 2. Leben im Einklang mit der Natur. 3. Gerechte Wirtschaftsentwicklung. 4. Gutes Regieren. Selbst in Großbritannien wird nach einem Glücksindex gesucht und die Einbeziehung der Zufriedenheit in das Bruttosozialprodukt wurde im Bundestag gefordert.

Der Prediger spricht davon, dass Gott uns beides schickt‚ ‚Glück und Unglück‘. Dietrich Bonhoeffer sagt in seinem Gedicht ‚Glück und Unglück‘, geschrieben in der Haft in Tegel: „Glück und Unglück, die rasch uns und überwältigend treffen, sind sich am Anfang wie Hitze und Frost bei jäher Berührung, kaum unterscheidbar nah.“ Erst die Zeit wird erweisen, ob etwas Glück oder Unglück ist, denn nur Gott kennt das Ganze. Zu erkennen, dass Gott Glück oder Unglück schickt, hat mit Vertrauen zu tun, wenn es kein blindes Schicksal sein soll. Wer das Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen…‘ singt, mag denken, dass der Autor es in einer glücklichen Situation geschrieben hat. Es ist im Gefängnis dem Tod nahe von Dietrich Bonhoeffer verfasst worden. Er weiß sich in dieser Situation Gott nahe. So sagt uns seit Jahresanfang die Jahreslosung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Die Nähe Gottes bei und unter uns, ist Grund unseres Glücks und die Kraft, Unglück zu bestehen.

Die Präsentation der neuen Ausstellung ‚Die Bonhoeffers in Friedrichsbrunn‘, ebenfalls in einer dialogisch-narrativen Form von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht, Prof. Högerle und den Studierenden gestaltet, wurde nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn, mit einer Querflöten-Improvisation der Apelschen Melodie des Bonhoeffergedichtes eröffnet. Die Brücke zum Vormittag war damit hergestellt.

Ruth Ziemer erinnert an ein Gespräch beim Sachsen-Anhalt-Tag Mitte Juli in Wernigerode. Dort hatte der Verein das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn präsentiert. Eine Frau kommt auf sie zu und sagt: „Dietrich Bonhoeffer, der hat doch das Lied geschrieben ‚Von guten Mächten‘. Da läuft mir immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich es höre oder singe.“ Günter Ebbrecht zieht die Querverbindung zum Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn. Dietrich Bonhoeffer hat in einem Brief aus dem Gefängnis an seine Eltern geschrieben, wenn er die Glocken der Gefängniskirche höre, müsse er immer an die Sommertage in Friedrichsbrunn denken. Dann sei ihm, als wäre er ‚wie von guten Geistern umgeben.‘ Dieses und weitere Zitate – wie später Marikje Smid in ihrem Vortrag zu Hans und Christine von Dohnanyi ausführte – aus den letzten Briefen seiner Verwandten im Widerstand beweisen die Kraft der Erinnerungen an die Ferienzeiten in Friedrichsbrunn in bedrängten Zeiten. Diese Erinnerungen in der Haft an Friedrichsbrunn und an ‚Sommer, Freiheit und Heimat‘ (Susanne Dreß, geb. Bonhoeffer) sowie die Prägung durch die große Familie, die Eltern, Geschwister, später die Schwäger und Schwägerinnen werden in der neuen Ausstellung lebendig.

Wie dies geschieht, davon berichteten Prof. Högerle und die Studierenden, die die von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht vorgelegten Texte, Zitate und Fotos ansprechend in großen Schautafeln und in die Fantasie anregenden kleinen ‚Guckkästen‘ umgesetzt haben. Prof. Högerle erläuterte das Ziel des gemeinsamen Studienprojektes, die Machart der Ausstellung und die Erstellung eines Gesamtpaketes für den Träger- und Förderverein, angefangen von einem Logo für den Verein, einem einheitlichen corporate design über Roll-Ups (Aufsteller) für die Werbung über verschiedene Prospekte bis hin zur Homepage. Die Studierenden erzählten von dem Prozess, angefangen vom ersten Konzept über die Zusammenarbeit mit den Fachleuten und über die Realisierung. Lebendig, spannend und unterhaltsam entsteht, mit Fotos untermalt, vor den über 100 Besuchern, darunter zahlreichen Politikern aus Kommune, Landkreis und Landtag, das Bild einer fruchtbaren Teamarbeit. Mit der neuen Ausstellung hat der Verein ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. dem Land Sachsen-Anhalt eine Erinnerungs- und Gedenkstätte an Persönlichkeiten des politischen und militärischen Widerstandes gegen das NS-Regime ‚geschenkt‘. Dies hob Propst Hackbeil, Regionalbischof des Sprengels Stendal der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, hervor. Er berichtete von den ersten Überlegungen etwa 2008, die dann zu der Anmietung von Räumen im Bonhoeffer-Haus durch den Kirchenkreis führten und damit die heutige Ausstellung ermöglichten.

Der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, der sich für ein Grußwort zur Eröffnung hatte gewinnen lassen, erinnerte sich an seine Zeit als Bausoldat, wo sie die von Eberhard Bethge in der DDR erschiene große Bonhoefferbiografie ‚aufgekauft‘ und dann intensiv studiert hatten. Er hob die große Bedeutung authentischer Orte für die Erinnerung und für die geschichtliche Bildung von Schülerinnen und Schüler hervor; in einem Lehrerbrief in diesem Sommer habe das Ministerium auf solche Orte hingewiesen und den Lehrerinnen und Lehrern Mut gemacht, solche Orte mit Schülergruppen aufzusuchen, um deren Geist zu spüren und in sich in die Vergangenheit hineinzubegeben. Er ermunterte den Verein, sich an die Landeszentrale für politische Bildung zu wenden und sich von der Stiftung ‚Denkmäler und Gedenkstätten‘ unterstützen zu lassen. Mit großer Sympathie und Aufmerksamkeit verfolgte er die Präsentation und die Begeisterung des Gestaltungsteams. Nach der Präsentation in der Kirche ließ er sich von Prof. Högerle, den Studierenden und Mitstreitern aus dem Verein durch die neue Ausstellung führen, bevor ihn der Ortsbürgermeister von Friedrichsbrunn und eine Kinderschar mit Beschlag belegten, um ihm die Wünsche für den Erhalt der Grundschule am Ort vorzutragen.

Während zahlreiche Besucher der Präsentation in der Kirche sich die Zeit nahmen, sich anschließend die neue Ausstellung in den Räumen des Bonhoeffer-Hauses anzuschauen, versammelten sich rund 50 Gäste des Bonhoeffertages wieder in der Bonhoefferkirche zum weiteren Höhepunkt und Abschluss des Treffens. Dr. Marikje Smid aus Heiligenloh hatte zugesagt, den großen Vortrag zu halten. Als Thema hatte sie gewählt: „Zwischen eigentlichem Zuhause und Zufluchtsort – Friedrichsbrunn auf dem gemeinsamen Weg von Christine und Hans von Dohnanyi.“ Leider war sie aufgrund der Erkrankung ihres Mannes daran gehindert, nach Friedrichsbrunn zu kommen, was sie sehr bedauerte. Freundlicher­weise hatte sie ihr Manuskript Dr. Ebbrecht geschickt und ihn gebeten, an ihrer Statt den Vortrag ‚vorzulesen‘. M. Smid hatte eigens für diesen Ort und für diesen Tag die über 1500 Briefe sowie das Silvestertagebuch von Karl Bonhoeffer und andere Dokumente des Ehepaares Dohnanyi wieder gelesen unter der Perspektive der Bedeutung des Ferienhauses in Friedrichsbrunn für Christine Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und ihre Kinder. In anschaulicher und spannender Weise entstand vor den Ohren der Zuhörer die Bedeutung dieses Hauses für die Dohnanyis.

Zwei Zitate stecken den Rahmen ab und betten die unterschiedlichen Erinnerungen an die Zeiten im Ferienhaus darin ein. Auf Bitte von Ricarda Huch vom 18.11.1946 an Christine von Dohnanyi, etwas Wesentliches über ihren Bruder Dietrich zu schreiben, antwortet Christine am 12.12.1946: „Die schönste und harmloseste Zeit des Zusammenlebens mit unseren Eltern waren die Ferienzeiten in unserem Landhaus … Dieses Haus, ein kleines ehemaliges Försterhaus, ist für uns alle fast noch mehr das eigentliche Zuhause gewesen als die Stadtwohnung … Dieses Landhaus ist für uns ein Zufluchtsort geblieben und die Männer der Familie, im besonderen Maße Dietrich, kannten keinen Ort, den sie zur ruhigen geistigen Arbeit so gern aufsuchten wie dies Friedrichsbrunn.“ Damit wird das Vortragsthema von Christine v. Dohnanyi selber benannt: eigentliches Zuhause und Zufluchtsort.

Am Ende ihres Vortrages zitiert M. Smid aus der Trauerpredigt Eberhard Bethges zum Tod Christine von Dohnanyis am 2.2.1965. Er spricht darin von „unserem klüftereichen Innenleben“, über das sich Christine ihm gegenüber geäußert habe. E. Bethge fasst ihr Leben in den Klüften der Zeiten und Gaben so zusammen: „Es klaffen ihre Kindheit und ihr Alter, Friedrichsbrunn mit seinen Pilz- und Waldgerüchen – und die Prinz-Albrecht-Straße mit ihrer politischen Verstrickung. Ihre Verwurzelung in einer reichen Tradition – und ihre tiefe Ruhelosigkeit. Das Haus und Heim, wie sie es empfing und zu bieten verstand – und ihre mehr als zwanzigjährige, selbst gewählte Hauslosigkeit.“

Auf dem Hintergrund eines ruhelosen Lebens mit zeitweiliger Hauslosigkeit, bis die Familie in Sakrow ein sicheres Heim in den Kriegsjahren gefunden hat, entfaltet M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort in Friedrichsbrunn. Sie berichtet von Friedrichsbrunn in den verschiedenen Jahren, zunächst ohne ihren Freund Hans, aber mit dessen Schwester Grete. Dann endlich mit dem Verlobten und Geschwistern, weiter als frisch Vermählte. Nach ihrer Trauung am 12.2.1925 unternehmen beide ihre Hochzeitsreise nach Friedrichsbrunn. Hans berichtet davon seinen Schwiegereltern, er könne sich „kaum einen schöneren Ort für eine Hochzeitsreise vorstellen als Friedrichsbrunn.“ Er fügt hinzu: „Ich sehe Christel mit Vergnügen wirtschaften.“ Kurz nach der Geburt ihrer ältesten Tochter Barbara im Juni 1926 sind die jungen Eltern im August mehrere Wochen im Harzer Ferienhaus. Mit Ausnahme eines gemeinsamen Urlaubs in Kärnten im Sommer 1939 verleben die von Dohnaynis in Friedrichsbrunn ihre Ferienzeit. Selbst die Vorgesetzten, der Präsident des Reichsgerichtes Erwin Bumke und der Justizminister Gürtner sind im Ferienhaus zu Gast.

Erst im Krieg, als die Familie nach Sakrow ins eigene Haus zieht, finden sie ihr eigentliches Zuhause mit Garten, im Freien, am Wasser. Dieses Haus wird ihr, der Schleichers und Eltern Bonhoeffer Zufluchtsort vor den Bombenangriffen auf Berlin. So schreibt Karl Bonhoeffer Silvester 1943 in sein Tagebuch: „Wie Sakrow für Schleichers und uns ein Zufluchtsort vor den Bombenangriffen geworden ist, so ist es Friedrichsbrunn für Karl-Friedrichs und Suses Kinder. Grete und Suse wirtschaften dort mit einem Hauslehrer für die Bonhoefferkinder.“

In der Haft sind die guten Erinnerungen an Friedrichsbrunn für Hans von Dohnanyi, vor allem die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern Kraft und Stärke. So schreibt er kurz nach der Verhaftung am 11. April 1943 an seine ebenfalls in Haft befindliche Frau: „Aber wenn jetzt, so Gott will, bald all dies Schwere vorbei ist, … dann fahren wir hinaus in das kleine Häuschen nach Friedrichsbrunn, das uns so sehr an Herz gewachsen ist und wo wir unsere ersten Flitterwochen verlebten.“ Auch wenn Friedrichsbrunn im weiteren Kampf ums Überleben in den Hintergrund tritt, so bleibt doch „die Sehnsucht nach der Ruhe und dem wortlosen Frieden im Friedrichsbrunner Wald im Herzen lebendig.“ So schreibt Hans am 12.11.1944 an seine Frau: „Wenn ich jetzt den Arm um Dich legen und mit Dir in den Wald gehen könnte – ohne ein Wort zu sagen, freilich, dann würde ich mir einbilden, Dir wirklich etwas zu sein oder doch das, was meinem Leben erst den Sinn gibt: die Stelle, an der Du ausruhen kannst.“ Aus dem Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße schreibt Hans von Dohnanyi am 12.2.1945 seiner Frau zum 20. Hochzeitstag: „Wie schön war dieser Tag vor 20 Jahren! Und die 14 Tage armer Ritter und Nierensuppe; ich möchte sie so gern wieder von deiner lieben Hand gemacht haben!“

Detailreich, einfühlsam und liebevoll beschreibt M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort Ferienhaus Friedrichsbrunn, so dass die Zuhörenden gebannt lauschen und ihr – in Abwesenheit – für diesen Einblick in einen besonderen Ort mit langem Applaus danken. Die beiden anwesenden Kinder des ältesten Bruders Karl Friedrich Bonhoeffer, Prof. Dr. Friedrich Bonhoeffer und Katharina Schmidt, geb. Bonhoeffer, waren ebenso angetan wie die übrigen Besucher. Sie ergänzten im Einzelgespräch und in der Gruppe diese vorgetragenen Eindrücke aus eigenen Erfahrungen, denn für sie und für die Dreß-Kinder wurde das Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn in den Kriegsjahren ebenso ein Zuhause und Zufluchtsort.

 

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