Heimat zwischen Verlust, Suche und Ankunft

Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck.

Der 21. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

am 26. August 2018

Wieder hat die Kirchengemeinde Friedrichsbrunn zusammen mit dem Verein „Bonheffer-Haus Friedrichsbrunn“ in den Ostharz eingeladen, um einen Bonhoeffertag zu erleben – es ist schon der 21.! Wieder haben sich Menschen aus der Nähe und Ferne auf den Weg gemacht. Auch wenn dieser, wie bei mir, zum Teil durch den Harz, durch „Bonhoeffers Mittelgebirge“ führt, so gelingt die Anfahrt nur mit Um­wegen. Zahlreiche Baustellen versperren den Weg und in Friedrichsbrunn selbst soll die Haupt­straße erneuert werden. Glücklicherweise hat sich der Baubeginn verzögert So ist das eben mit der Heimat. So unberührt und heil, wie manche meinen, ist sie eben nicht. Zudem muss ich den Wet­tersturz verkraften; nach dem superheißen Sommer angenehm.

Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses

Über 80 Menschen haben sich am Morgen des 26. August 2018 im Garten des einstigen Ferien­hauses der Familie Bonhoeffer zum Gottesdienst im Freien versammelt. Der Blick auf das an­sprechende Heftchen mit dem Gottesdienstablauf auf den gedeckten Biertischen ruft Neugierde hervor. Da prangt auf dem Deckblatt Albrecht Dürers Radierung von Adam und Eva in ihrer fast nackten Jugendlichkeit und Schönheit. Festgehalten wird der Moment, wo Eva aus dem Mund der Schlange die verbotene Frucht ergreift, um sie Adam weiterzugeben. Noch liegen die Tiere im paradiesischen Wald friedlich nebeneinander und träumen. Ins Bild hinein ist das Thema des Tages montiert: „Heimat zwischen Verlust, Suche und Ankunft“. Der Blick vom Cover des Gottes­dienst­ab­­laufes zum Altar und darüber hinaus in den Garten, in dem einst die Kinder und Enkelkinder von Karl und Paula Bonhoeffer spielten und werkelten, wird eingefangen von der Altarbibel. Leuchtend farbig ist ein Blick in den Garten Eden zu sehen. Eine Verbindung zwischen den Bildern und dem Thema des Bonhoeffertages entsteht in meinem Kopf. Ich werde neugierig, was mich erwarten wird.

Der Posaunenchor unter der Leitung der Kirchenmusikerin Christine Bick intoniert: „Morning has broken – Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang. Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt. Dank für die Lieder, Dank für den Morgen, Dank für das Wort, dem beides entspringt.“ Die Gemeinde singt kräftig und spürt den sanft fallenden Tropfen nach, die sonnendurchleuchtet die Spuren Gottes im Garten reflektieren.

Der Ortspfarrer Ulrich Lörzer spricht mit der Gemeinde Psalm 84 im Wechsel. Er ist eine Einla­dung zum Tempel; denn lieb sind dem Beter, der Beterin die Wohnungen Gottes. Die Seele sehnt sich nach den Vorhöfen, wo der Vogel ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen gefunden hat und wo der Mensch Schutz und Schild, Heimat und Geborgenheit finden kann. Der Tempel: ein heimatlicher Ort.

Pfarrerin Ruth Ziemer, Schulpfarrerin im Kirchenkreis Halberstadt und Mitglied im Vorstand des Vereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, liest Auszüge aus der zweiten Schöpfungserzählung. Die Paradiesgeschichte, die mit der Vertreibung aus dem Paradies endet und in der Menschheitsgeschichte mit Verlust, Suche und Ankunft von Heimat ihre vielfältige Fortsetzung findet, wird zur Vorlage ihrer Predigt. Es geht „um das Herkommen und das Ankommen und das Dasein in der Heimat“. Dieses Wort ist mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Lässt sich das Wort „Heimat“ überhaupt in andere Sprachen übersetzen? Bedeutet es la patrie – Vaterland? Meint es home oder homeland, das Zuhause? Oder pays d’orgine, den Geburtsort? Wohl alles dies und doch etwas anderes.

Die Predigerin nähert sich von außen nach innen, von lauten Stimmen zu den leiseren. Sie beginnt mit den lauten Stimmen, die uns in den Ohren dröhnen. Noch weiß ich nicht, was in der vergangenen Nacht in Chemnitz geschehen ist. „Gefällt dir unsere Heimat nicht? Dann geh doch woanders hin. Du gehörst eh nicht zu uns,“ zitiert die Predigerin. Vor meinem inneren Auge tauchen die Bilder von grölenden Menschen auf, mit denen Menschen fremder Hautfarbe, anderen Glaubens, unbekannter Kulturen verfolgt werden. „Du liebst doch deine Heimat, oder?“ dröhnen die Stimmen weiter. „Dann wirst du doch etwas tun, um sie zu schützen. Vor Überfremdung. Vor dem Vergessen. Vor den Kapitalisten. Oder möchtest du zulassen, dass es deine Heimat eines Tages nicht mehr gibt?“ Heimat wird zu einem Drohwort. Zu laut sind die Stimmen, die die leiseren übertönen, und die Angst einflössen.

Die Predigerin macht eine Pause. Sie setzt neu und leise ein: „Ruhe. Stille… Befreiendes Aufatmen… Die lauten Stimmen sind weg.“ Stattdessen steigt ein Gefühl auf im Bauch. „Sehnsucht nach Geborgenheit. Heimat als Sehnsucht nach einem Ort, an den ich hingehöre, zu dem ich gehöre… Ein Ort, der zu mir gehört, an dem ich sicher bin, zu Hause… Ein Ort, an dem es weder Gut noch Böse gibt und an dem ich nackt sein kann, ohne mich zu schämen. Ein Ort, an dem ich Kind sein kann. Ein Paradies. Ein Ort – an den ich nicht zurück kann.“

Da sind sie wieder, die Bilder auf dem Deckblatt und in der Altarbibel. Die Predigerin erzählt vom Garten Eden, erzählt menschlich von Gott und dem Menschenpaar. Dabei spricht Gott auch Gebote aus und „achtet mit rücksichtsvoller Konsequenz auf ihre Einhaltung.“ Denn Gott will das Menschenpaar beschützen. Gott weiß: Wenn sie von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, werden sie sich von Gott entfernen, ihn verlassen, vielleicht sogar vergessen – „wie Kinder ihren Vater und ihre Mutter verlassen.“ Der Wunsch, ihr Leben selber zu gestalten, Grenzen auszutesten, aus der Wohlfühlzone herauszukommen, ist groß. Sie essen die Frucht von diesem Baum und werden gewahr: Sie sind nackt. Sie verstecken sich vor Gott. Das kindliche Spiel mit dem vertrauten Gott ist unterbrochen. Sie sind erwachsen geworden und müssen die Folgen ihre Tuns übernehmen.

Die Predigerin deutet: „Für Gott, den Schöpfer, ist es Zeit, die Kontrolle über Adam und Eva abzugeben und die Kinder loszulassen. Es fällt ihm nicht leicht. Er hat es nicht so gemeint mit der Drohung: Ihr werdet sterben. Aber gesagt ist gesagt. Gottes Wort.“ So stirbt die Kindheit und mit der Kindheit das Paradies.

Doch bevor das Menschenpaar die unbeschwerte Heimat verlassen muss, legt Gott schützend Kleider um sie. Die Cherubim bewachen das Tor zum Paradies. „Zurück bleibt ein Gefühl der Heimat, in der Erinnerung… eine Ahnung, in einer inneren Schatzkiste aufbewahrt mit bestimmten Gerüchen und Bildern und Geschichten.“ Selbst wenn das Menschenpaar zurück könnte, würde es den paradiesischen Garten nicht wieder erkennen, denn es hat nicht mehr die Augen von Kindern.

Die Predigerin fragt die zuhörende Gemeinde: „Welche Bilder und Wünsche und Erinnerungen und Träume mischen sich in Ihre Paradiesvorstellungen?“ Sie lässt Zeit zum Nachdenken und Nachsinnen.

Die Wächter bewachen das Paradies. Eine Rückkehr ist nicht möglich. Doch für die Predigerin verwandeln sich die drohenden Engelswächter mit ihrem blitzenden Schwert in Beschützer der Erinnerungen und Wünsche der Erwachsenen an die Heimat ihrer Kindheit; sie beschützen sie zugleich vor ihren Gefühlen des Erwachsenenwerdens, „vor ihrer Einsamkeit, ihrer Ohnmacht, ihrer Scham, ihren Schuldgefühlen.“

In einem Schlussgedanken lädt die Predigerin ein, die innere Heimat, die Sehnsucht nach dem Paradies von unserer tatsächlichen Kindheit abzulösen. Sie liegt hinter uns, „verschlossen und beschützt durch die Cherubim.“ Oft sind die biografischen Heimaterfahrungen verbunden mit Heimatverlust. Doch die innere Heimat kann gekoppelt werden an die Hoffnung, „die wir in uns tragen, an das, wofür wir leben, was uns lebendig macht, von dem wir ab und zu einen Vorgeschmack kosten dürfen, wenn wir tief berührt sind, wenn es kribbelt, wenn unser Herz überfließt vor Glück, vor Dankbarkeit, vor Staunen, vor Mitgefühl, vor Energie.“

Der Begriff „Heimat“ verbindet sich so mit Erwartungen, die unsere Vernunft übersteigen. Die Predigerin erinnert zum Schluss an die Abschiedspredigt Dietrich Bonhoeffers beim Weggang von Barcelona. Er predigte über Philipper 4,7, über Gottes Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Sie zitiert aus dieser Predigt einen Spitzensatz: „Frieden haben heißt eine Heimat haben in der Unruhe der Welt.“ Und sie schließt: „Der Friede Gottes kommt uns aus der Zukunft entgegen, er ist mehr als wir denken und uns vorstellen können. Heimat als einen inneren Frieden zu verstehen, der über alles menschliche Begreifen geht – wie befreiend!“ Das letzte Wort der Predigt ist wie beim abschiednehmenden Bonhoeffer: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Paulus im Brief an die Philipper 4,7).

Da ist meine Heimat – da bin ich zuhaus“

Der Verlust der paradiesischen Heimat, die sehnsuchtsvolle Suche und die Hoffnung auf Ankunft in der Heimat des Friedens Gottes, die leisen Töne und Stimmen begleiten die Gäste des 21. Bonhoeffertages den Tag über. Doch zunächst können sich alle mit dem kräftigen Essensangebot von Frau Zehnpfund, der Besitzerin des Bonhoefferhauses stärken. Inzwischen hat die Sonne die kühlenden Wolken aufgerissen und wärmt die Besucherinnen und Besucher.

Sie werden nach dem Mittagessen eingeladen, sich zu sechst rund um die Tische zu setzen. Auf einem Plakat in ihrer Mitte lesen sie in Großbuchstaben das Wort HEIMAT. Zu jedem der Buchstaben, entweder als Anfangs-, End- oder Mittelbuchstaben können sie Worte bilden, die mit ihren Heimaterfahrungen in Zusammenhang stehen. So entsteht eine Wortwolke für die unterschiedlichen Heimaterfahrungen, die im Austausch der zunächst Fremden Nähe und Vertrautheit entstehen lassen. Denn was dem Einen Heimat bedeutet, kann beim Anderen heimatliche Gefühle auslösen. Bei diesen Erzählrunden teilen die Menschen an den Tischen einander den persönlichen Bezug zum Thema mit und lernen sich kennen.

Anschließend machen sich die Gäste auf den kurzen Weg vom Garten des Bonhoefferhauses zur Bonhoefferkirche, wo mit einem Vortrag und einem Rundgespräch das Tagesthema vertieft wird:

Heimat und Fremde – im Leben der Bonhoeffers und in den Erfahrungen einheimischer und geflüchteter Menschen in Deutschland.“

Die Veranstaltung in der Bonhoefferkirche ist, wie die Themenstellung nahe legt, zweigeteilt. Nach der Begrüßung durch den Moderator Pfr. Christoph Carstens führt Propst Dr. Ulrich Lincoln mit einem Referat zum Thema „Dietrich Bonhoeffer: Heimat und Exil“ ein. Darauf folgt ein Rundgespräch mit weiteren Gesprächspartnern mit dem allgemeinen Thema „Verlust, Suche und Ankommen in der Heimat“.

Heimat und Exil bei Dietrich Bonhoeffer

Propst Lincoln betont zu Beginn seines Vortrages mit dem Doppelbegriff ‚Heimat und Exil‘ die große Aktualität des Themas, wobei das Stichwort ‚Heimat‘ höchst aktuell ist, das Wort ‚Exi‘ jedoch kaum thematisiert wird. Sein Eindruck ist: ‚Der Heimatbegriff verkommt schnell zu einer politischen Waffe.‘ Die politische Aktualität scheint neu, tatsächlich wird der Heimatbegriff etwa alle zehn bis fünfzehn Jahre in der BRD debattiert. ‚Er gehört zur Debatte um das Selbstverständnis dieser Republik von Beginn an.‘ Es gibt den Gebrauch des Wortes, zumeist mit starken Emotionen verbunden, und es gibt das Nachdenken über diesen Sprachgebrauch. Diese Unterscheidung ist hilfreich für das Denken Bonhoeffers über Heimat.

Das Wort ‚Exil‘ hingegen liegt der deutschen Sprache ferner; es ist ein lateinisches Wort, „in gewisser Hinsicht ist der Begriff ein Fremdwort im Deutschen. Exilierte haben es hier nie leicht gehabt.“ So sahen sich Exulanten bei ihrer Rückkehr nach 1945 dem Verdacht ausgesetzt, Vaterlandsverräter zu sein; prominent bei Aussagen über Willy Brandt.

Eberhard Bethge, Freund und Biograf Bonhoeffers, kommentiert diese Schieflage in einem Aufsatz aus dem Jahr 1968 mit Bezug auf Bonhoeffer. Wie hat Bonhoeffer Heimat und Exil verstanden? Lincoln entfaltet seine Antwort in drei Thesen.

Die 1. These: „Heimat ist für Bonhoeffer notwendigerweise etwas anderes als für uns heute.“

‚Heimat‘ spricht „von dem Alten, Bekannten, Vertrauten, von der Herkunft.“ So bestimmt Lincoln: „Heimat zu haben heißt, auf eine Frage antworten zu können… ,Wo kommst du her?‘ Heimat zu haben heißt, eine Herkunft zu haben und darüber Auskunft geben zu können.“ Die Frage wird von außen gestellt: „Wo kommst du her?“ Der Vortragende unterscheidet sie von der Frage „Wo gehöre ich hin?“ Diese Frage fragt nach der Identität, die von der Frage nach der Heimat zu unterscheiden ist.

Zugleich folgt Lincoln der These W. G. Sebalds in ‚Unheimliche Heimat‘: In dem Moment, wo in der Heimat kein Verweilen mehr war, wo Menschengruppen sich gezwungen sahen, auszuwandern, da gewinnt ‚Heimat‘ Gewicht. Pointiert: „Je mehr von der Heimat die Rede ist, desto weniger gibt es sie.“ Daraus folgt für Lincoln ein Doppeltes:

  1. „Der Heimatbegriff ist reflexiv; sobald er verwendet wird, ist die Sache selbst bereits entglitten, vielleicht für immer verloren.“

  2. „Der Heimatbegriff wandelt sich, entsprechend den Veränderungen der Lebenswelt und den veränderten Formen der Entfremdung von dieser Lebenswelt.“ ‚Heimat‘ ist nur zu verstehen in seinem jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontext. „Der Heimatbegriff ist immer schon ein Konstrukt.“

Weil Bonhoeffer in einer anderen Welt lebte als wir heute, ist ‚Heimat‘ für Bonhoeffer etwas anderes als für uns heute, auch wenn manches ähnlich klingen mag. Lincoln verweist dazu auf den biografischen und gesellschaftlichen Kontext. Bonhoeffer „lebte in einer Zeit ungeheurer Um- und Abbrüche und nie zuvor gesehener Zwangsmobilität.“ Schon der 1. Weltkrieg löste Entwurzelung, Verschleppung, Vertreibung, Umsiedlung von Menschengruppen in Europa aus. Dies wurde durch den 2. Weltkrieg noch verstärkt. „Zwischen 1914 und 1945 wurde Europa zu einem Kontinent der Entwurzelung und Heimatlosigkeit für unzählige Millionen von Menschen.“ Dadurch ist Heimat „für Einzelne wie Generationen zu einer höchst komplizierten und nahezu ortlosen Sache geworden… Es gibt kein Woher mehr.“ Dies wird zur Generationserfahrung breiter Bevölkerungsschichten. Und das Paradox: „Aber dies ist auch die Welt, in der zugleich für viele andere Menschen in Europa ein relativ behagliches bürgerliches Leben in mehr oder weniger großem Wohlstand und Sicherheit möglich war.“ Das ist die Welt, in der Bonhoeffer, der Sohn einer groß- und bildungsbürgerlichen Familie, aufgewachsen ist.

Die 2.These: „Bonhoeffers biographische Heimaterfahrungen spiegeln sowohl die bürgerliche Sicherheit seiner Herkunft als auch die traumatischen Entfremdungen seines Zeitalters.“

Biografisch gesehen war für Bonhoeffer die Geborgenheit seines Elternhauses und die familiäre Gemeinschaft Heimat. Lincoln spricht von einer privaten Heimaterfahrung und unterscheidet diese von einem reflektierten politischen Heimatbegriff. Bonhoeffer war sich der familär verwurzelten Sicherheit bewusst. Seine Schwester Susanne gibt eine Äußerung ihres Bruders Dietrich so wieder:

„Ich möchte einmal ungeborgen sein. Wir können die anderen nicht verstehen. Bei uns sind immer die Eltern da, die alle Schwierigkeiten erleichtern. Und ob wir noch so weit weg sind, gibt uns das eine so unverschämte Sicherheit.“ Dies gilt trotz der zahlreichen Auslandsreisen und -aufenthalte Bonhoeffers. „Er überschritt Grenzen, auch Grenzen seiner Herkunft und seines Milieus.“ Am Deutlichsten beim 1. New Yorker Aufenthalt 1930/31 hin zu den afroamerikanischen Christen in Harlem. Noch scheint es: „Dieser Wander- und Reisedrang ist zunächst vielleicht Ausdruck des Lebens- und Bildungshungers eines begabten und privilegierten Bürgersohnes.“

Mit der Rückkehr aus London, so Lincoln, ändert sich diese Lebensform. „Aus dem Weltenbummler wird ein Wanderer innerhalb der Grenzen Deutschlands.“ Hat Bonhoeffer mit dem Predigerseminar in Finkenwalde noch einen klaren Lebens- und Wirkungsmittelpunkt, so wechseln die Orte ab 1940 – verursacht durch seine Mitwirkung in der Konspiration gegen Hitler. Für Lincoln ist Bonhoeffer nicht nur zu einem „Geheimdienstler, sondern auch zu einem Wanderer und Passanten geworden, der als Mittdreißiger den Pfad des bürgerlichen Lebens längst verlassen hatte.“ Das erinnere ihn an Walter Benjamins „Passagen-Werk“ mit seinen Großstadtreflexionen. Zwar sei Bonhoeffer kein philosophischer Flaneur der Großstadt, „aber in der Tat stelle ich ihn mir in diesen Kriegsjahren vor als einen bürgerlichen Wanderer ohne festen Halt in seiner bürgerlichen Herkunft.“ Darin sieht er die theologische Pointe: „Für Bonhoeffer wurde der Gedanke wichtig, selber Gast auf Erden zu sein – und mehr nicht.“ Nach Lincoln verbindet Bonhoeffer diese anthropologische Grunderfahrung mit der theologischen Wertschätzung der Diesseitigkeit: „Ich darf meinem Los, ein Gast und Fremdling auf dieser Erde sein zu müssen, nicht dadurch ausweichen, dass ich mein irdisches Leben in Gedanken an den Himmel verträume“ (DBW 15, 530).

Auch wenn er seiner Schwester Susanne gegenüber in jungen Jahren von der ‚unverschämten Sicherheit‘ sprach, die ihm das Elternhaus mitgegeben hatte, so gab es „auch für ihn Entfernungen und Entfremdungen, die sehr schmerzhaft waren.“ Bonhoeffers Beschäftigung mit der Heimat, so Lincoln, beginnt beim ‚Heimweh‘.

Die 3. These: „Heimweh und Exil – Bonhoeffers Reflexionen der Heimat stehen im Zusammenhang einer doppelten Exilserfahrung.“

Lincoln beruft sich dafür auf eine Passage in einem Brief Bonhoeffers an E. Bethge vom 18.12.1943, dem 4. Adventssonntag: „Ich habe ein paar Mal in meinem Leben das Heimweh kennen gelernt. Es gibt keinen schlimmeren Schmerz“ (DBW/WE 92). Es ist einer der ersten unzensierten Briefe an den Freund aus der Haft. Lincoln nennt für ‚Heimweh‘ zwei Beispiele aus Bonhoeffers Lebens. In beiden Lebenssituationen bricht das Heimweh auf in Exilssituationen. „Bonhoeffer hat besonders dort Heimweh erlebt und als schmerzhaft erfahren, wo er durch seine Lebensumstände in eine Situation des Exils gebracht wurde, mit der er sich auseinandersetzen musste.“

Das eine Beispiel ist seine zweite USA-Reise im Sommer 1939. Sie hätte der Weg aus zunehmender Verfolgung und der Ausweg aus der anstehenden Einberufung zum Militärdienst sein können. Sein Tagebuch spiegelt eindrücklich das Heimweh, das ihn im möglichen Exil befällt (DBW 15, 217 – 240). Bonhoeffer beklagt das große theologische Gefälle zwischen Deutschland und den USA. Er spürt seine existentielle Verlorenheit in der Fremde, die heil zu sein scheint, während Deutschland brennt. „Es ist doch für einen Deutschen hier drüben nicht auszuhalten; man wird einfach zerrissen. Während einer Katastrophe (erg. „in Deutschland“) hier zu sein, ist einfach undenkbar, wenn es nicht so gefügt wird. Aber selbst daran schuld zu sein, sich selbst Vorwürfe machen zu müssen, unnötig herausgegangen zu sein, ist gewiss vernichtend… Weh dann denen, die hier heimatlos sind“ (DBW 15, S. 231f). Der Schmerz des Heimwehs nach Familie und den Brüdern im Predigerseminar und die Qual der Schuldgefühle, geflohen zu sein statt standzuhalten, treibt Bonhoeffer um. In dem Heimweh erkennt er, dass er in die Heimat zurückfahren muss: Nicht „als würden wir gebraucht (von Gott!?), sondern einfach weil dort unser Leben ist und weil wir unser Leben zurücklassen, vernichten, wenn wir nicht wieder dabei sind. Es ist gar nichts Frommes, sondern etwas fast Vitales“ (DBW 15, 234).

Einerseits: „Dies sind starke Aussagen über eine Heimatverbundenheit.“

Andererseits: Bonhoeffer fühlt sich als ein Exilierter, der sich die fremde Umwelt nicht aneignen kann. Seine Äußerungen drücken seine ‚Be-Fremdung‘ aus. „Die Heimat hat gerufen, und ihr Ruf ist stärker als alle anderen Stimmen.“ Ins Exil zu gehen wäre in diesem Moment für ihn die falsche Entscheidung und die Rückkehr zugleich auch ein Sieg des Heimwehs.

Seit April 1943 erlebt er das, was ‚Exil‘ meint, tatsächlich. Es ist gefügt und er flieht nicht. Es ist, so Lincoln, das Exil im eigenen Land in einer Gefängniszelle. „Das Gefängnis ist eine Verbannung für Bonhoeffer, eine nicht überbrückbare traumatische Trennung von den Menschen, die ihm Heimat und Geborgenheit bedeuten. Distanz und Ohnmacht, Trennung und Unfreiheit, in diesen eisernen Koordinaten bewegt sich sein Leben als Verbannter in diesen Jahren.“ Zugleich reflektiert Bonhoeffer diese Situation.

Lincoln zieht dazu eine Passage aus dem im Mai 1944 geschriebenen Taufbrief für Dietrich Bethge heran. (Dietrich Bethge war der Sohn von Dietrich Bonhoeffers Freund Eberhard und Renate Bethge, Tochter von Dietrichs Schwester Ursula und ihrem Mann Rüdiger Schleicher.) Bonhoeffer beschreibt darin liebevoll „die Herkunft des Kindes, seine Verwurzelung in der Welt der vorangegangenen Generationen.“ Zugleich sieht Bonhoeffer die Welt der Eltern und Großeltern versinken. „Ich würde dir wünschen, auf dem Lande aufwachsen zu können; aber es wird nicht mehr das Land sein, auf dem Dein Vater großgeworden ist. Die Großstädte, von denen die Menschen sich alle Fülle des Lebens und des Genusses erwarteten und in denen sie wie zu einem Fest zusammenströmten, haben den Tod und das Sterben mit allen erdenklichen Schrecken auf sich gezogen und wie auf der Flucht haben Frauen und Kinder diese Orte des Grauens verlassen“ (DBW 7, S. ).

Bilder der Bombardements der großen Städte in Deutschland und der damit verbundenen Vertreibung und Heimatlosigkeit im eigenen Land werden wach. Menschen werden „zu Flüchtlingen und Exilierten innerhalb der eigenen Staatsgrenzen, der eigenen Heimat.“ Bonhoeffer beschreibt „den Verlust einer Lebenswelt, die früher einmal die Menschen getragen hat, nun aber im Untergehen begriffen ist. Es ist nicht die Vertreibung aus dem Paradies, aber doch der Untergang einer Welt. Wie die neue Welt aussehen würde, das war ihm viel weniger klar. Doch dass die Christen diese neue Welt mit Kaft und gläubiger Diesseitigkeit annehmen und gestalten werden, das erwartete er unbedingt. Bonhoeffers Blick auf die verlorene Heimat ist nicht larmoyant (rührselig), sondern nüchten.“

Die beiden Beispiele von ‚Exilserfahrungen‘ 1939 und 1943ff zeigen unterschiedliche Reaktionen und Reflexionen. Einmal siegt das Heimweh nach der Heimat. Das andere Mal verbindet Bonhoeffer Heimat, auch seine eigene Herkunft, mit dem erfolgten geschichtlichen Umbruch und mit der Verantwortung, diese überpersonalen Entwicklungen anzunehmen. Bonhoeffer, so Lincoln, hat in seinen reifen Jahren mit der Spannung von Heimat und Exil gerungen. „Heimat,“ so das Fazit, „ist für ihn eine Chiffre für eine verlorene Herkunft. Die religiös mündig gewordene Welt der Gegenwart aber ist bestimmt durch die Erfahrung des Exils, innerhalb wie außerhalb der Staatsgrenzen.“ In diesem Ringen mit den Grunderfahrungen des 20. Jahrhundert sieht der Vortragende den Beitrag Bonhoeffers für den spannungsvollen Zusammenhang von Heimat und Exil. Er schließt mit einem Gedicht von Marianne Leibholz, der ältesten Tochter von Bonhoeffers Zwillingsschwester und einem weiteren Patenkind Dietrich Bonhoeffers, das sie mit 18 Jahren im britischen Exil geschrieben hat und das den Titel ‚Exil II‘ trägt. Die Erfahrungen eines Vertriebenen aus der Heimat bündelt sie in der 4. Strophe nach dem Durchleiden der Vertreibung:

„Kraft strömt ihm zu. Kennt keine Fremde,

nur Vaterland, soweit der Himmel reicht.

Wird nie mehr wie vorzeiten Heimat finden.

Er ahnt es, dankbar. Und sein Herz ist leicht.“

Was ist ‚Heimat‘? – Zwischen Verlust, Suche und Ankommen

In der anschließenden Diskussion unter der Moderation von Pfr. Christoph Carstens erörtern die Gesprächspartner Renate Zöller, Daniel Ziemer und Propst Dr. Lincoln die unterschiedlichen Facetten des Leitwortes ,Heimat‘. (Ausführlich zu den Personen am Ende dieses Berichtes.)

Der Moderator setzt mit einer Beobachtung aus seiner Kindheit in der DDR ein: Auf den Waggons der Deutschen Reichsbahn (schon das ein Kuriosum) entdeckte er an den Waggons das Wort ,Heimatbahnhof‘ mit einem Städtenamen dahinter. Provokativ die Frage: Kann ein Zugwaggon eine Heimat haben? Bezeichnet demnach ,Heimat‘ nur einen Herkunftsort?, so die Frage an Frau Zöller.

Sie hat in ihrem Buch als Journalistin vielfältige Interviews mit Menschen mit unterschiedlichen Heimaterfahrungen ausgewertet und veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass Heimat nicht nur die Beschreibung für eine Herkunft ist. „Heimat antwortet nicht nur auf die Frage: »Woher kommst Du?«, sondern kann auch in die Zukunft deuten: »Wo finde ich ein (neues) Zuhause?« Ich kann mir eine neue Heimat schaffen, wenn ich eine alte unfreiwillig verloren oder freiwillig verlassen habe. Weil zudem jede und jeder unterschiedliche Heimat-Erfahrungen in seinem Leben gesammelt hat, müssen wir von Heimat eigentlich im Plural sprechen.“ ,Heimaten‘ – so hätte sie ihr Buch am liebsten betitelt. Das wirft die Frage auf: Ist ,Heimat‘ eine individuelle oder kollektive Konstruktion?

„Kann ,Heimat‘ eine gemeinsame Plattform sein, so wie früher erzählte Erinnerungen von Menschen begannen: Damals in der Heimat… ?“ So stellt der Moderator Daniel Ziemer, der mit der Stiftung Flucht – Vertreibung – Versöhnung die Erinnerungen von ,Heimatvertriebenen‘ dokumentiert und archiviert, ja sogar musealisiert, die nächste Frage. Es gab und gibt Erfahrungen von ,verlorener Heimat‘. Sie wurden in der Nachkriegszeit von Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten des ehemaligen Deutschen Reiches häufig geäußert und in Vertriebenenverbänden gebündelt und politisch vertreten. Mit dem Reklamieren des Heimatverlustes, der politischen Forderung nach Heimatrecht und Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen, rückte die Erinnerung an die Heimat in der Zeit der Entspannungspolitik in ein zunehmend revanchistisches Licht. Die verlorene Heimat, also die Vergangenheit sollte wiederhergestellt werden. Beruhigend: Ein solches Heimatverständnis vererbt sich nicht. Die nachfolgenden jüngeren Generationen lösten sich davon, weil sie die reklamierte Heimat nur aus Erzählungen kannten, sich mit der neuen politischen Situation arrangierten und sich neu beheimateten.

Aber, so die Rückfrage des Moderators, hat es dann noch Sinn, diese Erfahrungen festzuhalten, sie zu dokumentieren und zu präsentieren in Form eines Museums? Nur dann, so Daniel Ziemer, wenn es gelingt, in der Konfrontation mit dem Heimatverlust zu vermitteln, dass die gestrigen Erfahrungen der Vertreibung aus der alten Heimat sich mit Erfahrungen heutiger Flucht und Vertreibung verbinden lassen, Zugänge zu ihnen eröffnen und sich durch die vergleichende Vermittlung die Einsicht einstellt, dass die Verlusterfahrungen von Heimat, die Sehnsucht nach Heimat und die Neugründung von Heimat gewissermaßen universell sind. Die Empathie mit den individuellen, aber auch teilweise kollektivierbaren Erfahrungen von Heimatvertriebenen können dann helfen, Empathie für heutige Vertriebene und Flüchtende zu wecken, und umgekehrt kann die Anteilnahme am Schicksal heutiger Geflüchteter auch zu einer größeren Sensibilität für die Erinnerungen der deutschen Vertriebenen führen.

Doch gelingt das heute?, fragt der Moderator weiter. Hören wir nicht immer wieder von den einst Betroffenen: Ja, das waren Deutsche, aber heute, das sind Andere, Fremde mit anderen Sprachen, aus anderen Kulturen und mit unbekannten Religionen. Das ist unvergleichbar. Können wir von den individuellen oder teilkollektiven Erfahrungen hindurchstoßen zu universellen, die dann zu einem gegenseitigen Verständnis des Verlustes von Heimat und der existentiellen Erfahrung von Heimat führen? Die Frage bleibt zunächst unbeantwortet.

Wie ergeht es einem deutschen Theologen, der als Pfarrer ins Ausland geht?, fragt der Moderator Propst Dr. Lincoln. Packt er seine ,Heimat‘ mit in den Koffer? Nimmt er seine vertraute Kultur mit in eine andere, fremde Welt? Die neuen Erfahrungen in einem fremden Umfeld, so Ulrich Lincoln, führen dazu, zum einen auf die Herkunft zurückzuschauen, sie bewusster wahrzunehmen, Unterschiede zu entdecken. Sie führen aber auch dazu, diese mit neuen Augen anzuschauen, dabei Unbekanntes zu entdecken und Allzubekanntes neu zu verstehen.

Und dann: In den Kirchengemeinden der Auslandsdeutschen, so seine Beobachtung, war das Thema ,Heimat‘ nicht wichtig, wohl aber die Sprache. Mit anderen die vertraute Sprache zu sprechen und zu pflegen, auch wenn die Sprache des ‚Einwanderungslandes‘ gelernt worden war. So ist die Glaubenssprache zumeist deutsch und die Frage aktuell: Was geben wir unseren Kindern, die in dem fremden Land aufwachsen, mit?

Der Moderator wendet sich an Frau Zöller: „Ist das das, was Sie ,Heimatgefühl‘ nennen nicht viel zu vage und sehr subjektiv?

Heimat lässt sich nicht an einem Ort allein festmachen, so die Antwort. Zwei Menschen können am selben Ort wohnen und ihre Heimat trotzdem ganz unterschiedlich empfinden. Sie hängt mit den Menschen zusammen, mit denen man dort lebt, mit denen uns die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunftspläne verbinden. Außerdem ändert sich auch die eigene Wahrnehmung von Heimat immer wieder im Leben, mal kann sie wichtiger, mal unwichtiger sein. Deshalb hat die Autorin dem Buch ein Zitat aus einem Lied von Herbert Grönemeyer vorangestellt: ‚Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.‘ Frau Zöller würde sogar einen Schritt weiter gehen: Heimat ist ein Gefühl, das man mit anderen teilen kann und muss

Vielleicht hilft die Unterscheidung: Es gibt ein Heimatverständnis, das von außen kommt. Es antwortet auf die Frage eines Mitmenschen: Wo kommst Du her? Der Fragende erwartet zumeist eine eindeutige Antwort: Aus diesem oder jenem Ort oder einer bestimmten Region oder einem Land. Und wenn wir einen Mitmenschen mit anderem Aussehen als dem typisch deutschen fragen: ,Wo kommst Du her?‘ und dieser antwortet: ‚Aus Köln‘, wird die Antwort bezweifelt. Wir schieben nach: ‚Aber wo kommst Du wirklich her?‘ Darin liegt die Gefahr der Ausgrenzung und der Einengung auf ein äußerliches Heimatverständnis.

Anders ist hingegen ein Heimatverständnis von innen, das auf die Fragen antwortet: ,Wo bin ich zuhause? Wo fühle ich mich geborgen? Wo verorte ich mich?‘ Dieses individuelle Empfinden von Heimat hat nichts mit Abgrenzung zu tun, so Frau Zöller, sondern öffnet im Idealfall den Raum für ein plurales Verständnis von Heimat. In der politischen Diskussion gilt häufig die Festlegung, der Mensch könne nur eine Heimat haben, oder umgekehrt: Jeder Mensch müsse eine Heimat haben. ,Heimat‘ im Plural würde z. B. eine Debatte wie die um Mesut Özil entkrampfen. Wenn es nicht nur eine Heimat sondern mehrere Heimaten gibt und ich hier und dort beheimatet sein kann, dann öffnet sich eine Brücke. Wie es in mir eine Pluralität gibt, so auch im Anderen. Erzähl mir von Deiner, ich erzähl Dir von meiner Heimat, aber auch von den verlorenen Heimaten. Dann kann es zu einem Gespräch darüber kommen, was Dir, was mir, was uns ,Heimat‘ ist, wo wir zuhause sind. Über Unterschiedliches und Trennendes hinaus kann sich Verbindendes zeigen.

Kann auf diese Weise ein inklusives, ein universelleres Verständnis von ,Heimat‘ entstehen? Daniel Ziemer berichtet von einer Erfahrung im Blick auf die Suche nach geeigneten Bildern und Symbolen für die Erfahrung von Heimat und Heimatverlust im Rahmen von Ausstellungen. Aus Interviews mit Heimatvertriebenen ergab sich, dass diese z. B. aus ihrem Heim, das sie verlassen mussten, einen Schlüssel mitgenommen haben. Er wurde aufbewahrt als Erinnerungszeichen des Verlustes der Heimat, aber auch als Hoffnungssymbol. Als er mit einer Gruppe syrischer Flüchtlinge sprach und dieses Symbol des Schlüssels zeigte, verstanden sie es. Sie erzählten fast identische Geschichten, in denen auch der Hausschlüssel Zeichen für den Verlust der vertrauten und die Sehnsucht nach einer neuer Heimat ist.

Gläubige Menschen, so der Moderator weiter, sprechen von der ,Heimat‘ im Himmel. ‚Bewahrt dieses transzendente Heimatverständnis vor einem aus- und abgrenzenden Heimatverständnis und vor Verirrungen in den unterschiedlichen Deutungen?‘, fragt er den Theologen in der Runde. Ulrich Lincoln zögert und ist sich nicht sicher, ob es so ist. Wohl hilft das Bewusstsein, Gast auf Erden zu sein und die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, ein exklusives, ausgrenzendes Heimatverständnis zu entgrenzen. Das relativiert ein allzu festgelegtes Heimatverständnis. Hier sind vor allem die evangelischen Theologen in Deutschland gefragt, die sich zur Zeit Bonhoeffers kaum mit der Erfahrung von Exil und Heimatlosigkeit beschäftigt haben. Bis in die Wortwahl hinein zeigt sich auch heute noch die ev. Kirche als ,Heimatkirche‘. Sie spricht von Landeskirchen und Landesbischöfen. Doch dagegen hilft nicht, mit einem Bein im Himmel zu stehen und dort seine Heimat zu haben, sondern ein universelles, ökumenisches Verständnis von Kirche und Christenheit.

Einen weiteren Aspekt des Heimatverständnisses zeigt der Hinweis des Moderators auf den Namen seines ehemaliges Schulfaches in der Grundschule: ,Sach- und Heimatkunde‘. Der Moderator bittet das Publikum um eine Abstimmung. Welcher Aussage stimmen Sie eher zu: Der Aussage „Heimat hat man“ oder der Aussage „Heimat muss man lernen“? Ist Heimat ein einmal erworbener, bleibender Besitz, ein in der Kindheit vermitteltes Gefühl, oder ist Heimat etwas, was ich erwerben kann, mir aneignen muss oder soll? Die Meinungen im Publikum gehen auseinander, mehrheitlich hin zu ‚Heimat hat man‘. Es wurde aber auch infrage gestellt, ob die Aussagen sich gegenseitig ausschließen.

,Heimat‘ ist eine Art Mitgift und Prägung. Zugleich bin ich herausgefordert, meine Vorstellungen offen zu halten. ,Heimat‘ kann, soll und muss sich wandeln, so Renate Zöller. Sie glaubt: Die zuerst wahrgenommene Heimat der Kindheit ist uns besonders warm in Erinnerung, weil wir sie nicht erobern mussten. Geborgenheit, Sicherheit, Liebe werden uns meist von unseren Familien ungefragt geschenkt, ohne dass wir darüber überhaupt nachdenken. Wenn wir uns als Erwachsene eine neue Heimat schaffen wollen, versuchen wir das über unseren Intellekt, indem wir uns engagieren, Freunde suchen, in Vereine gehen. Es ist nicht einfach, sich neu zu beheimaten, glaubt Frau Zöller, und zugleich findet sie es besonders wichtig, es, wenn nötig, immer wieder neu zu versuchen – als Zugezogener ebenso wie als Gebliebener.

Auf die Frage des Moderators, ob und welches Potential in der ,Heimatdiskussion‘ für die kommenden Jahre steckt, antworten die Gesprächspartner abschließend:

Wir stecken schon mitten drin in dieser Diskussion. Das zeigen der Fußball, die breite Zustimmung zur Volksmusik, entstehendes regionales Heimatbewusstsein. Doch müssen wir wahrnehmen, dass der Heimatbegriff sehr ambivalent ist und damit auch die Berufung auf ‚Heimat‘. Darum sollte in der weiteren Debatte ein angewandter Heimatbegriff betont werden. Wir sollten statt einer emphatischen Heimatdebatte lieber eine Regionalisierungsdiskussion führen und wegkommen von einem exklusiven und pathetischen Heimatverständnis. Der Heimatbegriff selbst bleibt problematisch, gerade auch in seiner Interpretation als Gefühl. Stattdessen kann man von Bonhoeffer lernen: Für ihn ging es nicht mehr um Heimatgefühle, sondern um das Verstehen einer geschichtlichen Situation. (Propst Dr. Lincoln).

Die Debatte über Heimat wird immer dann problematisch, wenn sie sich zu einem Identitätsstreit mit Aus- und Abgrenzungen entwickelt. Wir müssen darum wachsam darauf achten, welche Folgen die Verwendung des Begriffes ,Heimat‘ in Deutschland jeweils und bei wem auslöst, denn das Wort wurde in der deutschen Geschichte immer wieder als politischer Kampfbegriff benutzt.. Schließt es Vielfalt und Diversität ein und ermöglicht es sie, dann kann die Verwendung hilfreich sein, z. B., wenn damit Geborgenheit oder Kleinräumigkeit gemeint ist. (Daniel Ziemer)

Wir sollten dennoch den Gebrauch des Wortes ,Heimat‘ nicht aufgeben und nicht den lauten Stimmen von Rechts überlassen, sondern positiv besetzen, auch wenn es schwer fällt. Das Bedürfnis nach einer überschaubaren Heimat in einer globalisierten Welt ist vorhanden – das müssen wir ernst nehmen. Wir sollten über Heimaterfahrungen und Heimatgefühle sprechen und davon erzählen, um zu erkennen, wie vielfältig sie sind, wie hilfreich für ein menschliches Miteinander, und dass sie einem Grundbedürfnis des Menschen nach Beheimatung entsprechen. (Renate Zöller)

So bestätigte, reflektierte und vertiefte das Rundgespräch das, was die Teilnehmenden nach dem Mittagessen in ihren Gesprächsrunden mit den ,Wortwolken‘ zu den einzelnen Buchstaben des Wortes ‚HEIMAT‘ aus ihren jeweiligen Heimaterfahrungen zu Papier gebracht hatten – die Plakate hatten sie mit in den Kirchenraum gebracht .

Mit einem Dank an die Gesprächspartner sowie an den Moderator für ihre engagierte und anregende thematische Gestaltung und mit einem Dank für das interessierte Zuhören und Mitgehen der ca. 50 Besucher schließt der Kassenwart des Vereins den Nachmittag.

Ausklang

Draußen haben die Wolken am Himmel mehr Lücken gelassen, so dass die wärmende Sonne die Kühle des Vormittags vertrieben hat und nun jenes Mittelgebirge, das Dietrich Bonhoeffer als die Landschaft, die ihn geprägt und gebildet hat, in klares Licht taucht. Die für die Bonhoeffer-Kinder heimatliche Landschaft ist heute eine Landschaft für Menschen im Umbruch. Davon zeugen nicht nur die Baustellen, die in diesem Sommer versiegenden Bäche und Talsperren, die Umweltschäden an Wald und Flur, sondern auch die Wirkungen deutscher Nachkriegsgeschichte, die die Menschen in Ost und West in einem einst geteilten Land mit zwei deutschen Staaten geprägt und verändert haben. Teil dieser Geschichte ist die wechselvolle Geschichte des einstigen Ferienhauses der Familie, das den Bonhoefferkindern in den Sommerferien Sommer, Freiheit und Heimat – so Susanne Bonhoeffer-Dress – bot, Urlaube für die jungen Familien mit ihren Kindern ermöglichte und Zuflucht für die Familien des ältesten und der jüngsten der Bonhoeffers vor den Bomben auf Berlin und Leipzig gab, danach über 40 Jahre der Familie nicht zugänglich war und Wohnstätte für Flüchtlinge und später für ältere Menschen in der DDR wurde, heute touristisch genutzt wird und ein Ort der Erinnerung an eine in den aktiven Widerstand gegen den NS-Staat involvierte, kulturell und christlich verwurzelte und weltoffen orientierte Familie geworden ist.

Zu den Personen, die den 21. Bonhoeffertag inhaltlich mitgestaltet haben:

Christoph Carstens ist Vorsitzender des Vereins „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. und stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Renate Zöller, 1971 geboren, studierte Osteuropäische Geschichte, Germanistik und Slawistik in Köln, St. Petersburg und Prag. Sie lebte mehrere Jahre in Moskau und Prag und arbeitet als freie Journalistin u. a. für die taz, Deutsch Perfekt, den Tschechischen Rundfunk und das tschechische Magazin Respekt.

Für ihre Arbeit über Heimat unterstützte sie das Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen mit dem Milena Jesenská Stipendium. Sie recherchierte zur Bedeutung und dem gegenwärtigen Verständnis von ‚Heimat‘. Sie führte dazu zahlreiche Interviews mit Menschen, die ihre Heimat verloren haben, auf der Suche nach Heimat sind oder vom Ankommen in einer neuen Heimat berichten konnten. Ergänzt werden die persönlichen Interviews von Gesprächen mit einer Gruppe von Wissenschaftlern aus Halle, die interdisziplinär zum Thema ‚Heimat‘ arbeiten, sowie mit der Psychologin Beate Mitzscherlich. Unter dem Titel ‚Was ist eigentlich Heimat? – Annäherung an ein Gefühl‘ hat sie die unterschiedlichen Erfahrungen und Erkenntnisse veröffentlicht: Christoph Links Verlag 2015.

Daniel Ziemer studierte Neuere und Neueste Geschichte sowie Soziologie in Dresden und Freiburg. Er arbeitet an der Schnittstelle von kuratorischer Praxis und musealer Vermittlung und konzipierte zeit- und kulturgeschichtliche Sonderausstellungen für das Haus der Geschichte der BRD sowie für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Seit November 2016 vertritt er den Bereich Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin (www.sfvv.de).

Dr. Ulrich Lincoln ist Theologe und Pfarrer der Braunschweigischen Landeskirche. Er studierte in Bielefeld, Glasgow, Heidelberg und Alexandria/USA. Seine Doktorarbeit schrieb er über Sören Kierkegaard an der Uni Frankfurt. Seit 2010 war er als Auslandspfarrer der EKD in der deutschen Gemeinde in London-Ost, in der auch Dietrich Bonhoeffer von 1933 – 35 wirkte, tätig. Dort hat er das Bonhoeffer Centre London gegründet, eine Arbeits- und Studiengemeinschaft, die jährlich einen Bonhoeffer Day gestaltet und weitere Veranstaltungen für Gemeinden und Bonhoeffer-Forscher anbietet. 2014 erschien ein Buch ‚Die Theologie und das Hören‘. Seit August 2016 ist er Propst im Kirchenkreis Vorsfelde.

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