75 Jahre „Von guten Mächten“

Ein Gedicht feiert Jubiläum.

Dietrich Bonhoeffers Gedicht ‚Von guten Mächten treu und still umgeben…‘ ist 75 Jahre alt

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Am 19.Dezember 1944 erblickte das inzwischen weltweit bekannte Gedicht von den guten Mächten das Licht der Öffentlichkeit. Zuvor war sein Autor mit ihm  ‘schwanger‘, bis er es aufschrieb und es aus der Haft im Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin seiner Verlobten Maria von Wedemeyer in einem Weihnachtsbrief schickte. Das persönliche Gedicht war bestimmt für eine private Öffentlichkeit, für seine Familie. Sie sorgte sich um die Zukunft von vier ihrer Mitglieder: Klaus und Dietrich, die Brüder, und Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi, die Schwiegersöhne. Sie waren von der Gestapo verhaftet worden, Hans und Dietrich am 5.April 1943 und Klaus und Rüdiger Anfang Oktober 1944. Ihnen drohte der Tod durch den Strang, da sie angeklagt wurden, sich am Sturz der NSregierung beteiligt zu haben. Noch waren keine Urteile gefällt. Noch flackerte ein kleiner Funken Hoffnung. Kann die Vollstreckung der möglichen Todesurteile hinausgeschoben werden? Würde das NSregime durch die Truppen der alliierten Kriegsparteien schnell besiegt werden? In der Advents- und Weihnachtszeit, vor dem Jahreswechsel 1944 auf 1945 war zu ahnen, aber nicht absehbar, dass der Nazispuk bald vorbei sein würde, doch wann?

Dietrich Bonhoeffer war im Oktober 1944 aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in das Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt worden. Heute befindet sich hier die Gedächtnisstätte ‚Topografie des Terrors‘. Es war die Zentrale der Massenvernichtung von über 6 Millionen Juden sowie Sinti und Roma und homosexuell lebenden Menschen in den verschiedenen KZ’s im Deutschen Reich und in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. An diesem Ort des Grauens erblickte das Gedicht ‚Von guten Mächten treu und still umgeben…‘ das Licht der Welt. Waren es nicht böse Mächte schlechthin, die hier herrschten und wüteten? Hatte der Autor nicht selber die ‚Maskerade des Bösen‘ zusammen mit seinen Freunden im Widerstand durchschaut? Hatte sich nicht der Teufel in Gestalt des Führers den Mantel einer Lichtgestalt umgehängt und die Volksmassen geblendet?[1]

Im Kellergefängnis der SS-Zentrale schreibt Dietrich Bonhoeffer für seine Verlobte und seine Familie ein Gedicht, dass bis heute Menschen tröstet, aufbaut und Mut macht, gegen den Augenschein zu glauben,  dass gute Mächte stärker sind als die bösen. Bonhoeffer notiert das Gedicht am Ende seines Briefes, fast an den Rand gedrückt und das kostbare Papier ausnutzend. Er leitet es sehr prosaisch ein: „Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für dich und die Eltern und Geschwister.“[2]

Erst ein Jahr nach Bonhoeffers Tod durch Erhängen am 9.April 1945 im KZ Flossenbürg erblickt das Gedicht von den guten Mächten das Licht einer größeren Öffentlichkeit. Eberhard Bethge, der Freund Bonhoeffers veröffentlicht es zusammen mit anderen Gedichten und mit Briefen von Dietrichs Bruder Klaus aus der Haft in einem kleinen Büchlein mit dem Titel ‚Auf dem Weg zur Freiheit‘. Verbunden mit der Veröffentlichung einer Sammlung von Briefen Bonhoeffers aus der Haft unter dem Titel ‚Widerstand und Ergebung‘ [3] beginnt die weltweit wachsende Verbreitung dieses Gerichtes.

Eberhard Bethge hat 1946 jene Fassung veröffentlicht, die er in der Abschrift durch die Familie vorliegen hatte und die den Titel trug ‚Neujahr 1945‘.[4] Das Original selber befand sich damals in der Hand von Bonhoeffers Verlobten Maria von Wedemeyer, die kurz vor ihrem Tod am 16. November 1977  verfügte, dass der Briefwechsel  erst 15 Jahre nach ihrem Tod von ihrer Schwester Ruth-Alice von Bismarck veröffentlicht werden dürfe.[5]

Das Faksimile der letzten Seite mit dem Gedicht ist in ‚Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder‘ abgedruckt.[6] Es handelt sich bei diesem Buch um Interpretationen von Kirchenliedern aus allen Jahrhunderten. Unter den Interpretationen weit bekannter Kirchenliedern findet sich auch Analyse und Interpretation des Gedichtes von den guten Mächten von Jürgen Henkys. Das zeigt: inzwischen ist Bonhoeffers letztes Gedicht aus der Haft, obgleich nicht im klassischen Reimschema bekannter Kirchenlieder verfasst, zahlreich vertont worden und ins Gesangbuch, ja in die Gesangbücher von Kirchen und Christen in aller Welt aufgenommen worden. Jürgen Henkys, meisterhafter Interpret der Gedichte Bonhoeffers aus der Haft[7], schätzt (2005), dass es über 50 Vertonungen gibt. Diese haben wesentlich zu der Verbreitung des Gedichtes, dessen 75. Jubiläum wir 2019 feiern, beigetragen. Ulla Hahn hat in ihre Auswahl deutscher Gedichte mit Kurzkommentaren unter dem Titel ‚Gedichte fürs Gedächtnis zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen‘ (1999) in der Rubrik ‚Gedanken-Gedichte‘ auch Bonhoeffers ‚Von guten Mächten…‘ aufgenommen.[8]

Zur Geschichte der Verbreitung, ja Popularisierung der ‚guten Mächte‘ gehören auch die kaum zu überblickenden Adaptionen von Gedichtteilen in Gestalt von Postkarten, Kalenderdrucken, Verwendung auf Todesanzeigen. Vor allem hat hier der letzte, der 7. Vers losgelöst von den anderen und abgelöst vom Ganzen des Gedichtes und vom Kontext seiner Abfassung, einen festen Platz im Bewusstsein und Gedächtnis vieler Menschen gefunden. In diesen Worten spiegeln sich die Sehnsüchte und verdichten sich die spirituellen Vorstellungen jener widerspiegeln, die, unabhängig von und ohne ein Wissen, dass die Worte im Gestapogefängnis in Berlin, in der Hölle des NS-Staatsterrors, formuliert wurden, sie für sich aufbauend finden.

Die Möglichkeit der vielfältigen Deutung und Aneignung der ‚guten Mächte‘ mag vor allem daran liegen, dass Bonhoeffer sowohl die erste wie die siebte Strophe mit den Worten ‚Von guten Mächten…‘ eröffnet. Damit lässt sich Vielfältiges verbinden und gefühlsmäßig Hilfreich-Tröstendes. Jürgen Henkys urteilt treffend: „‘Von guten Mächten treu und still umgeben‘ oder ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘ ist ein unersetzliches  Inzipit (übers. es fängt an), weil niemand in der Reihe der geistlichen Vorgänger und Zeitgenossen einen Gedichtanfang gefunden hatte, der so offen und zugleich so wahr, so einfach und zugleich so persönlich anmutet…Ohne diese Art des poetischen Einsatzes – offen, wahr, persönlich, einfach – wäre sein Gedicht kaum zu den vielen und sehr unterschiedlichen Menschen gelangt, die es sich heute sagen lassen und die es dabei für ihre eigene Lebenslage und Weltsicht umdeuten.“.“[9]

Auch wenn es erlaubt ist, mit einem veröffentlichten Gedicht als einem öffentlichen Gut in persönlicher Aneignung umzugehen, so ist es doch hilfreich, nützlich und gut, nach der Bedeutung für den Autor zu fragen und nach dem Kontext, in dem es entstanden ist. Dazu verhilft der Brief, in dem das Gedicht von den guten Mächten zuerst das Licht der (privaten) Öffentlichkeit erblickte. Dort beschreibt Bonhoeffer, was für ihn die guten Mächte sind. Er beginnt den Brief vom 19.12.1944 mit dem Hinweis, dass es trotz der Bombennächte stille Tage in den Häusern seiner Familie sein werden, denn er weiß, dass vier Familienmitglieder inhaftiert und vom Todesurteil bedroht sind. Er erinnert seine Erfahrungen: je stiller es in seiner Zelle gewesen sei, desto stärker habe er die Verbindung zu den Seinen gespürt. „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen.“[10] Dann zählt er auf: „Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“[11] Dann verweist er auf ein altes Kinderlied, das von Engeln singt.

Es ist das Kinderlied, das sich unter dem Titel ‚Abendgebet‘ in des ‚Knaben Wunderhorn‘ befindet und das in die Oper ‚Hänsel und Gretel‘ von Adelheid Wette (Libretto) und Engelbert Humperdinck  (Musik) aufgenommen wurde. Es beginnt: ‚Abends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn…‘  Bonhoeffer selber zitiert daraus ‚zweie die mich decken, zweie, die mich wecken.“ Er ergänzt: „so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“[12] Hier klingen nicht nur Worte des Gedichtes an, sondern hier greift Bonhoeffer Gedanken aus dem Briefwechsel mit seiner Verlobten von Weihnachten 1943 auf. Aus diesen Anspielungen schließt Henkys, dass es sich bei dem Gedicht von den guten Mächten um ein Engellied‘ handelt.[13] Er fügt hinzu: „Die es heute singen, wissen das allerdings kaum…Wenn der von sehr handgreiflich bösen Mächten umgebene Bonhoeffer die biblischen Engel als die verborgen wirkenden und in seiner eigenen Geschichte erfahrenen guten Mächte deutet, dann gibt er – hier wie auch sonst in seinen Briefen – einen neuen Zugang zu fremd gewordener Glaubensüberlieferung frei.“[14]

Die über die jenseitigen Gestalten, wie z.B. Engel, hinausweisende Aufzählung Bonhoeffers im Weihnachtsbrief an seine Verlobte, lassen zugleich erkennen: mit den guten Mächten sind ganz diesseitige Sachverhalte mitgemeint. Zu ihnen gehören Musikstücke, Bücher, Gespräche mit Freunden.  In den konkreten Gestalten und Wirkungen der guten Mächte werden Diesseitiges und Jenseitiges verbunden, ja, sie fließen ineinander über, sie verweisen aufeinander.  Das eine ist nicht ohne das Andere.  In dem Gedicht ‚Von guten Mächten…‘ konkretisiert Bonhoeffer seine theologischen Überlegungen in seinem Brief-Austausch mit Eberhard Bethge. Ihr Herzstück: Gott ist mitten im Diesseits jenseitig, ja mitten im Leiden anwesend.  Im Anderen unser selbst, im Du, wird er erfahren. Gott begegnet uns im Leiden seiner geschundenen Geschöpfe – und bleibt dabei doch Gott.[15]

So schließt das Gedicht, das in diesen Tagen sein 75  jähriges Jubiläum feiert, mit einer Parallelisierung: ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen (1. Zeile) … Gott ist bei uns am Abend und am Morgen (3.Zeile)‘. Weil gute Mächte uns umgeben und bergen, auch wenn um uns herum böse Mächte das Sagen haben und toben, können und dürfen wir gegen den Augenschein glauben: „Von allen Seiten umgibst Du mich, G‘TT, und hältst deine Hand über mir.“ PSALM 139,5.

(Vertiefung: Link auf meinen Vortrag: Ein Weihnachtslied?!

[1] S. DBW 8, S. 20 Anmerkung 3 mit Verweis auf DBW 16, 538 in einer 1941 in der Schweiz geschriebenen Stellungnahme zu William Patons Schrift ‚Church and the New Order‘.

[2] Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz (hg.), Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer – Maria von Wedemeyer 1943-1945, München 1992, S. 209

[3] Zur Geschichte der Veröffentlichung der Gefängnisbriefe s. DBW 8, Wiederstand und Ergebung S.9ff; September 1951 die erste größere Ausgabe von Briefen. Bis 1966 sind 13 Auflagen erschienen, seitdem unzählige, s. die Statistik bis zum Jahr 1998 dort S. 10ff, Anmerkungen

[4] Ein hektographiertes Typoskript mit der Bezeichnung ‚Neujahr 1945‘. Es wurde im Sommer 1945 von Paula Bonhoeffer Eberhard Bethge übergeben. Das Faksimile befindet sich im Bildband S. 224; s. DBW 8, 607 Anmerkung 1

[5] S.o. Anmerkung 1; Brautbriefe S. X. Maria von Wedemeyer hatte schon 1967 in der theologischen Zeitschrift Union Seminary Quarterly Review einen Artikel mit Ausschnitten aus den Briefen veröffentlicht. Eberhard Bethge konnte den Brief 1988 einsehen; so DBW 8, S. 607 Anmerkung 1

[6] Hansjakob Becker, Ansgar Franz u.a. (hg.) Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, München 2001, S. 454Darin interpretiert Jürgen Henkys ‚Von guten Mächten treu und still umgeben‘ auf den Seiten 452-461

[7] Jürgen Henkys, Geheimnis der Freiheit. Die Gedichte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft, Gütersloh 2005, das Standardwerk für die Gedichte Bonhoeffers!

[8] Ulla Hahn (ausgewählt und kommentiert), Gedichte fürs Gedächtnis zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen, Stuttgart 1999, im Jahr 2004 schon in der 14. Auflage!, ebda. S. 218f

[9] Jürgen Henkys, Geheimnis der Freiheit, Gütersloh 2005, S. 264f

[10] Brautbriefe, S. 208

[11] Ebda.

[12] Ebda. S. 208

[13] In ‚Geistliches Wunderhorn‘ S. 456

[14] Ebda. S. 456

[15] DBW 8, S. 408 u.a. ; vor allem auch in dem Gedicht ‚Christen und Heiden‘, DBW 8, 515

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