Gedenken zum 75. Jahrestag

Vor 75 Jahren, im April 1945, wurden vier Mitglieder der Familie Karl und Paula Bonhoeffer ermordet. Sie wurden Opfer der NS-Diktatur, gegen die sie sich gestellt hatten.

Leider ist es in diesem Jahr nicht möglich, dieser Widerstandskämpfer im Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn zu gedenken: Die Ausstellung über ‚Die Familie Bonhoeffer in Friedrichsbrunn‘ ist gegenwärtig wegen der Coronapandemie und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umgangsregeln geschlossen.

Gerne hätten wir gerade in diesem Jahr und um diese Zeit interessierten Besuchern die Ausstellung gezeigt:
In zwei Räumen wird auf großen Wandtafeln mit Fotos und Texten das Leben dieser bildungsbürgerlichen Großfamilie aus Berlin in ihrem Friedrichsbrunner Ferienhaus vorgestellt – auf unserer Homepage finden Sie dazu einige Informationen.
Im ersten Raum, den Sie vom Café aus betreten, fällt Ihr Blick auf die große Wand mit Impressionen des Lebens der Familie im Friedrichsbrunner Ferienhaus.

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Auf der Fensterseite finden Sie auf Stellwänden Fotos und kurze Lebensläufe der Familie: der Großmutter Julie, der Eltern Karl und Paula, der acht Kinder. Auf der rechten Seite können Sie sich vertraut machen mit dem Widerstand der  Familie gegen das menschenverachtende Hitlerregime sowie die Inhaftierung von vier Mitgliedern der Familie, die Todesurteile und ihre Vollstreckung im April 1945, vor 75 Jahren.

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Dazu schreibt Dr. Günter Ebbrecht, Pfr. i. R., der stellvertretende Vorsitzende unseres Vereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn e.V.:
Am 9.4. 2020 jährt sich zum 75. Mal der Todestag Dietrich Bonhoeffers, sein Tod im KZ Flossenbürg durch Erhängen. Wahrscheinlich zeitgleich wurde sein Schwager Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen ermordet. Zwei Wochen später, in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, wurden sein Bruder Klaus und sein Schwager Rüdiger Schleicher von einem SS-Kommando in der Nähe des Lehrter Bahnhofes (heute Hauptbahnhof) in Berlin hinterrücks erschossen. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin befindet sich das Grab der dort nach dem Krieg in einen Bombenkrater Verscharrten und der Erinnerungsort an jene, die kein Grab haben, weil ihre Leichen verbrannt und die Asche verstreut wurde.
In diesem Jahr 2020 fällt der 9. April auf den Gründonnerstag, den Vortag des Karfreitages, der Nacht nach dem letzten Pesachmahl Jesu mit seinen Freunden. Es ist jene Nacht, in der  Jesus nach den Erzählungen der Evangelien den Weg über Gethesmane zur Gefangennahme, Folterung, Verurteilung und Erhängen am Kreuz gegangen ist.
Dietrich Bonhoeffer erinnert in einem seiner entscheidenden Briefe, geschrieben am 21.7.1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler durch Stauffenberg, an diesen Ort Gethsemene und an dieses Geschehen. Im Rückblick auf sein Leben im Angesicht des wahrscheinlichen Todes schreibt er:
Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen —
sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden —
und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben —
dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Metanoia (dt. Umkehr zu Gott), und so wird man ein Mensch, ein Christ…
Ich bin dankbar, daß ich das habe erkennen können, und ich weiß, daß ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin. Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges“ (DBW 8, 542).
In seinem letzten Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ vom 19.12.1944 findet sich in der 3. Strophe ein Anklang an diesen Moment im Leben Jesu, an Gethsemane:
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Dieses Gedicht hat unzählige Menschen bisher getröstet und begleitet. Im Geist dieses Gedichtes und in der in ihm ausgedrückten Haltung tiefen Gottvertrauens, „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28), und in der Gewissheit, „dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Römer 8,38), haben die vier Mitglieder der Bonhoefferfamilie den Konsequenzen ihres widerständigen Tuns und dem Tod in die Augen geblickt.
Bleiben Sie getröstet und behütet, von guten Mächten wunderbar geborgen, in diesen Zeiten der Coronapandemie. Seien Sie mit Ihren Gedanken und Gebeten bei jenen, die leiden und krank sind, und unterstützen Sie alle, die helfen, überall in der Welt.
Trotz Allem und in Allem: Frohe Ostern!
Ihr
Günter Ebbrecht
Einen Aufsatz zu den vier ermordeten Mitgliedern der Bonhoefferfamilie finden Sie auf dem Bonhoefferportal:
Falls Sie in diesen Tagen Ruhe und Zeit finden, für Sich einen ‚Lesegottesdienst‘ zu halten, dann können Sie den folgenden Gottesdienst aufrufen und lesen – wir haben ihn  vor 5 Jahren aus Anlass des 70. Jahres der Ermordung von vier Mitgliedern der Familie Karl und Paula Bonhoeffer in der Marktkirche in Einbeck gehalten:

Grund zum Widerstand – Kraft im Widerstehen – Mut im Weitergehen
Die Familie Bonhoeffer im Widerstand gegen Hitler

Ein Gottesdienst aus Anlass des 70. Jahrestages der Ermordung von Mitgliedern der Familie Bonhoeffer im April 1945, entworfen und verfasst von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck, gehalten am 19.7.2015 um 18.00 Uhr in der Kirche St. Jacobi in Einbeck.

 

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