23. Bonhoeffertag am 23. August 2020: Abgesagt

Der für den 23. August 2020 angekündigte 23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn findet nicht statt.

Nachdem die Landesregierung Sachsen-Anhalts am 26. Mai die 6. SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung erlassen hatte, befasste sich der Gesamtvorstand am 5. Juni mit den Rahmenbedingungen dieser für den Verein so zentralen  Veranstaltung, die immer mit einem Freiluftgottesdienst der Ev. Kirchengemeinde für den Pfarrsprengel beginnt.

Unter den derzeit gültigen Bedingungen scheint die Nachmittagsveranstaltung in der Kirche nicht zu realisieren zu sein. Wegen der einzuhaltenden Abstände dürften nicht so viele Besucher in die Kirche, wie in den letzten Jahren immer kamen. Kurze Einheiten, zwischendurch Lüften, und stets ohne Staus hinein- und herausgehen – diese Vorgaben sind mit unserem Programm schwer in Einklang zu bringen.

Angesichts der Umstände und Bedenken hat sich dann auch die Kirchengemeinde entschieden, auf den Gottesdienst zu verzichten. Die Kräfte sind begrenzt und es ist ungewiss, ob alle notwendigen Maßnahmen durchgeführt werden könnten. Die Gemeinde hofft, dass sich nach der Pause im kommenden Jahr mehr Menschen, aus dem Ort und von außerhalb, einladen lassen.

Der Programmentwurf (Stand 26.3.2020) bleibt zunächst für den Bonhoeffertag 2021 bestehen:

Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben

11.00 Uhr: Festlicher Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7, bei schlechtem Wetter in der Bonhoefferkirche,
mit dem Posaunenchor Thale, Leitung Christine Bick. Liturgie und Predigt: Pfarrerin Dr. Saskia Lieske, Thale

Anschließend Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr: Am Familientisch – im Gespräch über Erfahrungen mit der Familie

14.00 Uhr: Vorträge und Gespräche in der Bonhoefferkirche

Familie(n)leben –

Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer
Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Theologin und Autorin, Gnadenthal im Taunus

Familie(n) leben heute –

Familien als verlässliche Gemeinschaften in der Verantwortung für das Gemeinwohl stärken (Arbeitstitel)
Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V., Berlin

Vorträge und Gespräche mit den Referentinnen und den Besucher*innen

Ca. 16.00 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoefferhauses

Vor 75 Jahren, kurz vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8./9. Mai 1945, wurden vier Mitglieder der Familie Karl und Paula Bonhoeffer durch das NS-Regime ermordet: die Söhne Klaus und Dietrich Bonhoeffer und die Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher. Sie waren aktiv im Widerstand eingebunden. Die übrige Familie wusste dies und unterstützte ihren Einsatz. Im Oktober 1945 schrieb der Vater, Prof. Dr. Karl Bonhoeffer, an Prof. Joßmann, einen seiner ehemaligen Mitarbeiter in der Charité, der als Jude rechtzeitig in die USA emigrieren konnte:

„Daß wir sehr viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie … erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. Die ganzen Jahre hindurch stand man unter dem Druck der Sorge um die noch nicht Verhafteten, aber Gefährdeten. Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz auf ihre gradlinige Haltung“ (Bethge / Gremmels, Dietrich Bonhoeffer, München, 1986, S. 234).

Dieser Brief ist ein Zeugnis über den Zusammenhalt der Familie, die gemeinsam der Hitlerdiktatur, dem Unrechtsstaat, der Menschenverachtung in der millionenfachen Ermordung von Juden widerstanden hat.

Was ermöglichte den Widerständlern ihre ‚gradlinige Haltung‘? Aus vielen weiteren Zeugnissen aus dem Kreis der Familie geht hervor: es waren auch die familiären Bande, das Vertrauen untereinander und die erlernte Verantwortung für das eigene und das politische Leben.

Bewegend ist der testamentarische Brief von Klaus Bonhoeffer an seine Kinder Ostern 1945 aus der Haftanstalt Lehrter-Straße sechs Wochen nach dem Todesurteil. Er bittet seine Kinder, „in Liebe, Vertrauen, Ritterlichkeit und Sorge“ ihrer Mutter fest zur Seite zu stehen. Er fordert sie auf, als Geschwister in aller Verschiedenheit „fest und immer fester“ zusammenzuhalten. „Pflegt, was Euch zusammenführt. Spielt, singt und tanzt miteinander, wie wir es so oft gemacht haben.“ Er erinnert sie an den Ehering an seiner rechten Hand und an den Wappenring, den alle Bonhoeffersöhne trugen, an seiner Linken. Sein Testament: „Höre die Stimme der Vergangenheit. Verliere dich nicht selbstherrlich an die flüchtige Gegenwart. Sei treu der guten Art deiner Familie und überliefere sie Kindern und Enkeln… Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die rechte Haltung. Haltet stolz zu Eurer Familie, aus der solche Kräfte wachsen.“

Was kann Familie heute zur Bildung von Verantwortung für das eigene Leben wie das des Gemeinwesens beitragen?

Der 23. Bonhoeffertag in Friedrichbrunn, in dem die Familie ein Ferienhaus besaß, greift das Thema ‚Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben‘ auf. Am Sonntag, den 23.8.2020 soll einen Tag lang im Gottesdienst, in Vorträgen, in Gesprächen mit sachkundigen Referentinnen und untereinander diesem Thema nachgegangen werden.

Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst im Garten des Ferienhauses der Familie Bonhoeffer. Die Liturgie und Predigt wird gehalten von der Pfarrerin im Pfarrsprengel Dr. Saskia Lieske und mitgestaltet vom Posaunenchor Thale unter der Leitung von KMDin Christine Bick.

Nach einem Mittagessen vom Grill im Café Bonhoeffer, zubereitet von der Besitzerin Gabriela Zehnpfund mit ihrem Team, werden die Besucher*innen eingeladen, miteinander über ‚Familien-Erfahrungen‘ ins Gespräch zu kommen.

Ab 14.00 Uhr finden in der Bonhoefferkirche Friedrichsbrunn Vorträge, Gesprächsimpulse und Diskussionen statt. Dazu werden fachkundige Referentinnen sprechen:

Frau Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Herausgeberin der Lebenserinnerungen von Susanne Dreß, der jüngsten Tochter der Familie, referiert über ‚Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer‘. Rückfragen im Plenum schließen sich an.

Im zweiten Teil des Nachmittags gibt Frau Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V. aus Berlin und Mitverfasserin der Studie der EKD von 2013 mit dem Titel ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘, einige Denkimpulse zu ‚Familie leben heute‘.

Dass der 23. Bonhoeffertag 2020 einen Tag nach dem 111. Geburtstag von Susanne Dreß, geborene Bonhoeffer (22.8.1909 – 15.1.1991) stattfindet und zugleich an den Geburtstag der taffen

Großmutter Julie Bonhoeffer (21.8.1842 – 13.1.1936) erinnert, entspricht einer Tradition der Bonhoeffertage Friedrichsbrunn, die sich unterschiedlichen Aspekten der gesamten Familie widmen und in der Regel im zweiten Drittel des August eines Jahres stattfinden.

Gedenken zum 75. Jahrestag

Vor 75 Jahren, im April 1945, wurden vier Mitglieder der Familie Karl und Paula Bonhoeffer ermordet. Sie wurden Opfer der NS-Diktatur, gegen die sie sich gestellt hatten.

Leider ist es in diesem Jahr nicht möglich, dieser Widerstandskämpfer im Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn zu gedenken: Die Ausstellung über ‚Die Familie Bonhoeffer in Friedrichsbrunn‘ ist gegenwärtig wegen der Coronapandemie und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umgangsregeln geschlossen.

Gerne hätten wir gerade in diesem Jahr und um diese Zeit interessierten Besuchern die Ausstellung gezeigt:
In zwei Räumen wird auf großen Wandtafeln mit Fotos und Texten das Leben dieser bildungsbürgerlichen Großfamilie aus Berlin in ihrem Friedrichsbrunner Ferienhaus vorgestellt – auf unserer Homepage finden Sie dazu einige Informationen.
Im ersten Raum, den Sie vom Café aus betreten, fällt Ihr Blick auf die große Wand mit Impressionen des Lebens der Familie im Friedrichsbrunner Ferienhaus.

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Auf der Fensterseite finden Sie auf Stellwänden Fotos und kurze Lebensläufe der Familie: der Großmutter Julie, der Eltern Karl und Paula, der acht Kinder. Auf der rechten Seite können Sie sich vertraut machen mit dem Widerstand der  Familie gegen das menschenverachtende Hitlerregime sowie die Inhaftierung von vier Mitgliedern der Familie, die Todesurteile und ihre Vollstreckung im April 1945, vor 75 Jahren.

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Dazu schreibt Dr. Günter Ebbrecht, Pfr. i. R., der stellvertretende Vorsitzende unseres Vereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn e.V.:
Am 9.4. 2020 jährt sich zum 75. Mal der Todestag Dietrich Bonhoeffers, sein Tod im KZ Flossenbürg durch Erhängen. Wahrscheinlich zeitgleich wurde sein Schwager Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen ermordet. Zwei Wochen später, in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, wurden sein Bruder Klaus und sein Schwager Rüdiger Schleicher von einem SS-Kommando in der Nähe des Lehrter Bahnhofes (heute Hauptbahnhof) in Berlin hinterrücks erschossen. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin befindet sich das Grab der dort nach dem Krieg in einen Bombenkrater Verscharrten und der Erinnerungsort an jene, die kein Grab haben, weil ihre Leichen verbrannt und die Asche verstreut wurde.
In diesem Jahr 2020 fällt der 9. April auf den Gründonnerstag, den Vortag des Karfreitages, der Nacht nach dem letzten Pesachmahl Jesu mit seinen Freunden. Es ist jene Nacht, in der  Jesus nach den Erzählungen der Evangelien den Weg über Gethesmane zur Gefangennahme, Folterung, Verurteilung und Erhängen am Kreuz gegangen ist.
Dietrich Bonhoeffer erinnert in einem seiner entscheidenden Briefe, geschrieben am 21.7.1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler durch Stauffenberg, an diesen Ort Gethsemene und an dieses Geschehen. Im Rückblick auf sein Leben im Angesicht des wahrscheinlichen Todes schreibt er:
Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen —
sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden —
und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben —
dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Metanoia (dt. Umkehr zu Gott), und so wird man ein Mensch, ein Christ…
Ich bin dankbar, daß ich das habe erkennen können, und ich weiß, daß ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin. Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges“ (DBW 8, 542).
In seinem letzten Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ vom 19.12.1944 findet sich in der 3. Strophe ein Anklang an diesen Moment im Leben Jesu, an Gethsemane:
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Dieses Gedicht hat unzählige Menschen bisher getröstet und begleitet. Im Geist dieses Gedichtes und in der in ihm ausgedrückten Haltung tiefen Gottvertrauens, „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28), und in der Gewissheit, „dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Römer 8,38), haben die vier Mitglieder der Bonhoefferfamilie den Konsequenzen ihres widerständigen Tuns und dem Tod in die Augen geblickt.
Bleiben Sie getröstet und behütet, von guten Mächten wunderbar geborgen, in diesen Zeiten der Coronapandemie. Seien Sie mit Ihren Gedanken und Gebeten bei jenen, die leiden und krank sind, und unterstützen Sie alle, die helfen, überall in der Welt.
Trotz Allem und in Allem: Frohe Ostern!
Ihr
Günter Ebbrecht
Einen Aufsatz zu den vier ermordeten Mitgliedern der Bonhoefferfamilie finden Sie auf dem Bonhoefferportal:
Falls Sie in diesen Tagen Ruhe und Zeit finden, für Sich einen ‚Lesegottesdienst‘ zu halten, dann können Sie den folgenden Gottesdienst aufrufen und lesen – wir haben ihn  vor 5 Jahren aus Anlass des 70. Jahres der Ermordung von vier Mitgliedern der Familie Karl und Paula Bonhoeffer in der Marktkirche in Einbeck gehalten:

Grund zum Widerstand – Kraft im Widerstehen – Mut im Weitergehen
Die Familie Bonhoeffer im Widerstand gegen Hitler

Ein Gottesdienst aus Anlass des 70. Jahrestages der Ermordung von Mitgliedern der Familie Bonhoeffer im April 1945, entworfen und verfasst von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck, gehalten am 19.7.2015 um 18.00 Uhr in der Kirche St. Jacobi in Einbeck.

 

Die Öffentlichkeitsreferentin für das Bonhoeffer-Haus: Dr. Marianne Bethge

Hervorgehoben

Bethge Marianne Passbild 2Am 1. April 2020 hat Frau Dr. Marianne Bethge ihren Dienst als Öffentlichkeitsreferentin für den Träger- und Förderverein angetreten. Sie ist Ihre Ansprechpartnerin, wenn es um Einführungen in die Ausstellung, Bildungsveranstaltungen oder Anfragen zur Geschichte des Hauses geht.

 

Anfragen erreichen Sie telefonisch: 03946 52 50 54 oder 0151 2668 5780. Sie können auch eine E-Mail schreiben, verwenden Sie dabei bitte den Namen jannyb beim bekannten Provider t-online.de. (Die Veröffentlichung einer anderen E-Mail-Adresse in der üblichen Form führte zu 20 Spam-Mails täglich.)

Empfehlungen für Zeiten erzwungenen Rückzugs

Am 23.03.2020 veröffentlichte der türkische Journalist Can Dündar „Empfehlungen für die Quarantäne“:

„Um zu vergessen werden wir schneller, um uns zu erinnern werden wir langsamer“, schrieb Milan Kundera.

Wir lebten wie der Blitz und ohne zurückzublicken und mussten jetzt plötzlich und zwangsweise stehen bleiben. Wir finden uns in einer Pause wieder, die wir nicht erwartet hatten.

Ich habe so etwas Ähnliches im Gefängnis in der Isolationshaft erlebt. Aus dieser kurzen Erfahrung möchte ich Ihnen einige Empfehlungen für den Alltag geben.“

Lesen Sie weiter auf https://ozguruz.de/newsletter-de/ –> 23.03.2020

Die Tipps von Can Dündar erinnern mich an die Briefe der von den Nazis Inhaftierten aus dem Widerstand, so z. B. an Dietrich Bonhoeffers Briefe aus der Haft: https://www.dietrich-bonhoeffer.net/fileadmin/media/projekte/_Wer_bin_ich__-_4._Fassung_Kurz_16-08-18-2.pdf

Bleiben Sie wohlbehütet. Gute Mächte mögen Sie treu und still umgeben.
Günter Ebbrecht

75 Jahre „Von guten Mächten“

Ein Gedicht feiert Jubiläum.

Dietrich Bonhoeffers Gedicht ‚Von guten Mächten treu und still umgeben…‘ ist 75 Jahre alt

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Am 19.Dezember 1944 erblickte das inzwischen weltweit bekannte Gedicht von den guten Mächten das Licht der Öffentlichkeit. Zuvor war sein Autor mit ihm  ‘schwanger‘, bis er es aufschrieb und es aus der Haft im Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin seiner Verlobten Maria von Wedemeyer in einem Weihnachtsbrief schickte. Das persönliche Gedicht war bestimmt für eine private Öffentlichkeit, für seine Familie. Sie sorgte sich um die Zukunft von vier ihrer Mitglieder: Klaus und Dietrich, die Brüder, und Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi, die Schwiegersöhne. Sie waren von der Gestapo verhaftet worden, Hans und Dietrich am 5.April 1943 und Klaus und Rüdiger Anfang Oktober 1944. Ihnen drohte der Tod durch den Strang, da sie angeklagt wurden, sich am Sturz der NSregierung beteiligt zu haben. Noch waren keine Urteile gefällt. Noch flackerte ein kleiner Funken Hoffnung. Kann die Vollstreckung der möglichen Todesurteile hinausgeschoben werden? Würde das NSregime durch die Truppen der alliierten Kriegsparteien schnell besiegt werden? In der Advents- und Weihnachtszeit, vor dem Jahreswechsel 1944 auf 1945 war zu ahnen, aber nicht absehbar, dass der Nazispuk bald vorbei sein würde, doch wann?

Dietrich Bonhoeffer war im Oktober 1944 aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in das Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt worden. Heute befindet sich hier die Gedächtnisstätte ‚Topografie des Terrors‘. Es war die Zentrale der Massenvernichtung von über 6 Millionen Juden sowie Sinti und Roma und homosexuell lebenden Menschen in den verschiedenen KZ’s im Deutschen Reich und in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. An diesem Ort des Grauens erblickte das Gedicht ‚Von guten Mächten treu und still umgeben…‘ das Licht der Welt. Waren es nicht böse Mächte schlechthin, die hier herrschten und wüteten? Hatte der Autor nicht selber die ‚Maskerade des Bösen‘ zusammen mit seinen Freunden im Widerstand durchschaut? Hatte sich nicht der Teufel in Gestalt des Führers den Mantel einer Lichtgestalt umgehängt und die Volksmassen geblendet?[1]

Im Kellergefängnis der SS-Zentrale schreibt Dietrich Bonhoeffer für seine Verlobte und seine Familie ein Gedicht, dass bis heute Menschen tröstet, aufbaut und Mut macht, gegen den Augenschein zu glauben,  dass gute Mächte stärker sind als die bösen. Bonhoeffer notiert das Gedicht am Ende seines Briefes, fast an den Rand gedrückt und das kostbare Papier ausnutzend. Er leitet es sehr prosaisch ein: „Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für dich und die Eltern und Geschwister.“[2]

Erst ein Jahr nach Bonhoeffers Tod durch Erhängen am 9.April 1945 im KZ Flossenbürg erblickt das Gedicht von den guten Mächten das Licht einer größeren Öffentlichkeit. Eberhard Bethge, der Freund Bonhoeffers veröffentlicht es zusammen mit anderen Gedichten und mit Briefen von Dietrichs Bruder Klaus aus der Haft in einem kleinen Büchlein mit dem Titel ‚Auf dem Weg zur Freiheit‘. Verbunden mit der Veröffentlichung einer Sammlung von Briefen Bonhoeffers aus der Haft unter dem Titel ‚Widerstand und Ergebung‘ [3] beginnt die weltweit wachsende Verbreitung dieses Gerichtes.

Eberhard Bethge hat 1946 jene Fassung veröffentlicht, die er in der Abschrift durch die Familie vorliegen hatte und die den Titel trug ‚Neujahr 1945‘.[4] Das Original selber befand sich damals in der Hand von Bonhoeffers Verlobten Maria von Wedemeyer, die kurz vor ihrem Tod am 16. November 1977  verfügte, dass der Briefwechsel  erst 15 Jahre nach ihrem Tod von ihrer Schwester Ruth-Alice von Bismarck veröffentlicht werden dürfe.[5]

Das Faksimile der letzten Seite mit dem Gedicht ist in ‚Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder‘ abgedruckt.[6] Es handelt sich bei diesem Buch um Interpretationen von Kirchenliedern aus allen Jahrhunderten. Unter den Interpretationen weit bekannter Kirchenliedern findet sich auch Analyse und Interpretation des Gedichtes von den guten Mächten von Jürgen Henkys. Das zeigt: inzwischen ist Bonhoeffers letztes Gedicht aus der Haft, obgleich nicht im klassischen Reimschema bekannter Kirchenlieder verfasst, zahlreich vertont worden und ins Gesangbuch, ja in die Gesangbücher von Kirchen und Christen in aller Welt aufgenommen worden. Jürgen Henkys, meisterhafter Interpret der Gedichte Bonhoeffers aus der Haft[7], schätzt (2005), dass es über 50 Vertonungen gibt. Diese haben wesentlich zu der Verbreitung des Gedichtes, dessen 75. Jubiläum wir 2019 feiern, beigetragen. Ulla Hahn hat in ihre Auswahl deutscher Gedichte mit Kurzkommentaren unter dem Titel ‚Gedichte fürs Gedächtnis zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen‘ (1999) in der Rubrik ‚Gedanken-Gedichte‘ auch Bonhoeffers ‚Von guten Mächten…‘ aufgenommen.[8]

Zur Geschichte der Verbreitung, ja Popularisierung der ‚guten Mächte‘ gehören auch die kaum zu überblickenden Adaptionen von Gedichtteilen in Gestalt von Postkarten, Kalenderdrucken, Verwendung auf Todesanzeigen. Vor allem hat hier der letzte, der 7. Vers losgelöst von den anderen und abgelöst vom Ganzen des Gedichtes und vom Kontext seiner Abfassung, einen festen Platz im Bewusstsein und Gedächtnis vieler Menschen gefunden. In diesen Worten spiegeln sich die Sehnsüchte und verdichten sich die spirituellen Vorstellungen jener widerspiegeln, die, unabhängig von und ohne ein Wissen, dass die Worte im Gestapogefängnis in Berlin, in der Hölle des NS-Staatsterrors, formuliert wurden, sie für sich aufbauend finden.

Die Möglichkeit der vielfältigen Deutung und Aneignung der ‚guten Mächte‘ mag vor allem daran liegen, dass Bonhoeffer sowohl die erste wie die siebte Strophe mit den Worten ‚Von guten Mächten…‘ eröffnet. Damit lässt sich Vielfältiges verbinden und gefühlsmäßig Hilfreich-Tröstendes. Jürgen Henkys urteilt treffend: „‘Von guten Mächten treu und still umgeben‘ oder ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘ ist ein unersetzliches  Inzipit (übers. es fängt an), weil niemand in der Reihe der geistlichen Vorgänger und Zeitgenossen einen Gedichtanfang gefunden hatte, der so offen und zugleich so wahr, so einfach und zugleich so persönlich anmutet…Ohne diese Art des poetischen Einsatzes – offen, wahr, persönlich, einfach – wäre sein Gedicht kaum zu den vielen und sehr unterschiedlichen Menschen gelangt, die es sich heute sagen lassen und die es dabei für ihre eigene Lebenslage und Weltsicht umdeuten.“.“[9]

Auch wenn es erlaubt ist, mit einem veröffentlichten Gedicht als einem öffentlichen Gut in persönlicher Aneignung umzugehen, so ist es doch hilfreich, nützlich und gut, nach der Bedeutung für den Autor zu fragen und nach dem Kontext, in dem es entstanden ist. Dazu verhilft der Brief, in dem das Gedicht von den guten Mächten zuerst das Licht der (privaten) Öffentlichkeit erblickte. Dort beschreibt Bonhoeffer, was für ihn die guten Mächte sind. Er beginnt den Brief vom 19.12.1944 mit dem Hinweis, dass es trotz der Bombennächte stille Tage in den Häusern seiner Familie sein werden, denn er weiß, dass vier Familienmitglieder inhaftiert und vom Todesurteil bedroht sind. Er erinnert seine Erfahrungen: je stiller es in seiner Zelle gewesen sei, desto stärker habe er die Verbindung zu den Seinen gespürt. „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen.“[10] Dann zählt er auf: „Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“[11] Dann verweist er auf ein altes Kinderlied, das von Engeln singt.

Es ist das Kinderlied, das sich unter dem Titel ‚Abendgebet‘ in des ‚Knaben Wunderhorn‘ befindet und das in die Oper ‚Hänsel und Gretel‘ von Adelheid Wette (Libretto) und Engelbert Humperdinck  (Musik) aufgenommen wurde. Es beginnt: ‚Abends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn…‘  Bonhoeffer selber zitiert daraus ‚zweie die mich decken, zweie, die mich wecken.“ Er ergänzt: „so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“[12] Hier klingen nicht nur Worte des Gedichtes an, sondern hier greift Bonhoeffer Gedanken aus dem Briefwechsel mit seiner Verlobten von Weihnachten 1943 auf. Aus diesen Anspielungen schließt Henkys, dass es sich bei dem Gedicht von den guten Mächten um ein Engellied‘ handelt.[13] Er fügt hinzu: „Die es heute singen, wissen das allerdings kaum…Wenn der von sehr handgreiflich bösen Mächten umgebene Bonhoeffer die biblischen Engel als die verborgen wirkenden und in seiner eigenen Geschichte erfahrenen guten Mächte deutet, dann gibt er – hier wie auch sonst in seinen Briefen – einen neuen Zugang zu fremd gewordener Glaubensüberlieferung frei.“[14]

Die über die jenseitigen Gestalten, wie z.B. Engel, hinausweisende Aufzählung Bonhoeffers im Weihnachtsbrief an seine Verlobte, lassen zugleich erkennen: mit den guten Mächten sind ganz diesseitige Sachverhalte mitgemeint. Zu ihnen gehören Musikstücke, Bücher, Gespräche mit Freunden.  In den konkreten Gestalten und Wirkungen der guten Mächte werden Diesseitiges und Jenseitiges verbunden, ja, sie fließen ineinander über, sie verweisen aufeinander.  Das eine ist nicht ohne das Andere.  In dem Gedicht ‚Von guten Mächten…‘ konkretisiert Bonhoeffer seine theologischen Überlegungen in seinem Brief-Austausch mit Eberhard Bethge. Ihr Herzstück: Gott ist mitten im Diesseits jenseitig, ja mitten im Leiden anwesend.  Im Anderen unser selbst, im Du, wird er erfahren. Gott begegnet uns im Leiden seiner geschundenen Geschöpfe – und bleibt dabei doch Gott.[15]

So schließt das Gedicht, das in diesen Tagen sein 75  jähriges Jubiläum feiert, mit einer Parallelisierung: ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen (1. Zeile) … Gott ist bei uns am Abend und am Morgen (3.Zeile)‘. Weil gute Mächte uns umgeben und bergen, auch wenn um uns herum böse Mächte das Sagen haben und toben, können und dürfen wir gegen den Augenschein glauben: „Von allen Seiten umgibst Du mich, G‘TT, und hältst deine Hand über mir.“ PSALM 139,5.

(Vertiefung: Link auf meinen Vortrag: Ein Weihnachtslied?!

[1] S. DBW 8, S. 20 Anmerkung 3 mit Verweis auf DBW 16, 538 in einer 1941 in der Schweiz geschriebenen Stellungnahme zu William Patons Schrift ‚Church and the New Order‘.

[2] Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz (hg.), Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer – Maria von Wedemeyer 1943-1945, München 1992, S. 209

[3] Zur Geschichte der Veröffentlichung der Gefängnisbriefe s. DBW 8, Wiederstand und Ergebung S.9ff; September 1951 die erste größere Ausgabe von Briefen. Bis 1966 sind 13 Auflagen erschienen, seitdem unzählige, s. die Statistik bis zum Jahr 1998 dort S. 10ff, Anmerkungen

[4] Ein hektographiertes Typoskript mit der Bezeichnung ‚Neujahr 1945‘. Es wurde im Sommer 1945 von Paula Bonhoeffer Eberhard Bethge übergeben. Das Faksimile befindet sich im Bildband S. 224; s. DBW 8, 607 Anmerkung 1

[5] S.o. Anmerkung 1; Brautbriefe S. X. Maria von Wedemeyer hatte schon 1967 in der theologischen Zeitschrift Union Seminary Quarterly Review einen Artikel mit Ausschnitten aus den Briefen veröffentlicht. Eberhard Bethge konnte den Brief 1988 einsehen; so DBW 8, S. 607 Anmerkung 1

[6] Hansjakob Becker, Ansgar Franz u.a. (hg.) Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, München 2001, S. 454Darin interpretiert Jürgen Henkys ‚Von guten Mächten treu und still umgeben‘ auf den Seiten 452-461

[7] Jürgen Henkys, Geheimnis der Freiheit. Die Gedichte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft, Gütersloh 2005, das Standardwerk für die Gedichte Bonhoeffers!

[8] Ulla Hahn (ausgewählt und kommentiert), Gedichte fürs Gedächtnis zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen, Stuttgart 1999, im Jahr 2004 schon in der 14. Auflage!, ebda. S. 218f

[9] Jürgen Henkys, Geheimnis der Freiheit, Gütersloh 2005, S. 264f

[10] Brautbriefe, S. 208

[11] Ebda.

[12] Ebda. S. 208

[13] In ‚Geistliches Wunderhorn‘ S. 456

[14] Ebda. S. 456

[15] DBW 8, S. 408 u.a. ; vor allem auch in dem Gedicht ‚Christen und Heiden‘, DBW 8, 515

Beitrag als Word-Dokument: 75 Jahre Von guten Mächten. G. Ebbrecht, 2019-12-19

Beitrag als PDF-Dokument: 75 Jahre Von guten Mächten. G. Ebbrecht, 2019-12-19

22. Bonhoeffertag, 1. September 2019: Was heißt: „Die Wahrheit sagen“?

BHT 22 20190901 1047 Gemeinde vor GD P1070164

BHT 22 20190901 1045 Gemeinde vor GD P1070163Einem Neffen, der 1942 einberufen worden war, schrieb Dietrich Bonhoeffer: „Du weißt, was ein gutes Familienleben, was gute Eltern, was Recht und Wahrheit, was Menschlichkeit und Bildung, was Tradition für höhere Güter sind… Aber es ist klar, … daß Dir dadurch Konflikte bevorstehen…“

Auch Dietrich Bonhoeffer selbst hatte durch seine Erziehung Wahrheit als „höheres Gut“ kennen gelernt. Als Christ und Pfarrer war er der Wahrheit verpflichtet. Aber dann kam er zur Überzeugung, dass der Führer des verbrecherischen national-sozialistischen Regimes mit Gewalt beseitigt werden musste, war zum Doppelagenten geworden – und am Ende inhaftiert. Was hieß es nun, unter den jeweiligen Umständen, die Wahrheit zu sagen?

Wir haben diese Frage für den 22. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn aufgegriffen.

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Zunächst im Gottesdienst,  der wieder „open air“ im Garten des Bonhoeffer-Hauses stattfinden konnte – der Himmel verdunkelte sich zwar zusehends, hielt den Regen jedoch zurück. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick gestaltete den Gottesdienst musikalisch. In der Predigt entfalteten Pfarrerin Angela Kunze-Beiküfner und Hartmut Bick den Wahrheitsbegriff im Alten und im Neuen Testament.

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Das hebräische Wort für Wahrheit – aemaet – hängt mit Wörtern zusammen, die „fest, sicher, treu“ bedeuten.

Man kann aemaet sagen, dann geht es darum, dass das, was gesagt wird, verlässlich ist.

Man kann aemaet üben, dann geht es um die Zuverlässigkeit der Person, die etwas sagt.

Ein Wörterbuch sagt es so: „Das Hebräische kennt kein selbstständiges Wort für „Wahrheit“. Das heißt nicht, dass es den Begriff Wahrheit nicht kennt, aber sein Wahrheitsbegriff ist unablösbar mit der Vorstellung der Verlässlichkeit verknüpft“ (ThHWAT I 204). Ein grundsätzliches Gebot, immer und unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, gibt es in der hebräischen Bibel nicht. Stattdessen gibt es die Verpflichtung auf die Treue Gottes und die Förderung dessen, was dem Leben dient.

Als Pfarrerin Kunze-Beiküfner noch zu DDR-Zeiten einige Jahre lang für die Gemeinschaft von Taizé in geheimer Mission zu verbotenen christlichen Treffen in die osteuropäischen Nachbarländer reiste, „bedeutete das für mich selbstverständlich, bei den Grenzkontrollen falsche Angaben über die Zwecke und Ziele meiner Reisen zu machen. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet. Wenn ein Untergrundpriester in der Slowakei enttarnt wurde, erwarteten ihn sehr viele Jahre Gefängnis. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet.“

Auf den ersten Blick scheint das Neue Testament näher an unserem heutigen Wahrheitsverständnis dran zu sein: „alaetheia ist ein wirklicher Tatbestand bzw. ein wahrer Sachverhalt. Aber Johannes und Paulus z. B. haben auch ein tiefes Verständnis des Alten Testamentes. Und darum verbinden sie das eine mit dem anderen:

„Die Wahrheit“, also „das Offenbarte“ ist Jesus Christus. In Christus offenbart sich der wahre und wahrhaftige Gott. Und der Glaube an den in Christus offenbarten Gott bleibt keine Theorie, kein Denkspiel, bleibt nicht abstrakt, sondern prägt den Alltag, hat Einfluss auf das Handeln, führt zu einem mitmenschlichen Verhalten. Der Unglaube andererseits, weil er nicht der Wahrheit entspricht, nimmt dem Denken und Handeln die klare Orientierung.“

BHT 22 20190901 1305 Ruth Ziemer erklärt Gesprächsthema P1070166

Für Gesprächsrunden an den Tischen nach dem „Mittagsimbiss vom Grill“ hatten Ruth Ziemer und Christine Bick Anregungen in Form von Plakaten vorbereitet: „Die ganze Wahrheit über … Das sagen ihre Gegner… Das sagen ihre Fans…“ Viele Besucher nahmen die Anregung auf und kamen ins Gespräch miteinander: Kann man „die ganze Wahrheit“ über eine Person erfahren? Und wie gehen wir mit dem um, was wir voneinander wissen?

BHT 22 20190901 1402 Vorstellung Gesprächsplakate P1400976Zu Beginn der Nachmittagsveranstaltung in der Kirche wurden die „Gesprächsergebnisse“ präsentiert.

BHT 22 20190901 1405 GEbbrecht stellt Referenten vor P1400977Dann stellte Dr. Günter Ebbrecht den ersten Referenten vor: Wolf Krötke, emeritierter Professor für systematische Theologie.

BHT 22 20190901 1410 Wolf Krötke am Rednerpult P1400978

Unter dem Thema „Die Wahrheit sagen – die Wahrheit ans Licht bringen“ beschäftigte er sich mit einem Aufsatz, den Dietrich Bonhoeffer 1943 in der Tegeler Zelle schrieb. („Nebenbei schrieb ich einen Aufsatz über: »Was heißt die Wahrheit sagen?«, DB in einem Brief am 18.11.1943.)

Bonhoeffer war also bei seiner theologisch-existenziellen Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage mit einer tödlichen Bedrohung des eigenen Lebens und mit Ängsten um das Leben von Mitverschwörern konfrontiert. Bonhoeffers in dieser Grenzsituation formuliertes Wahrheitsverständnis ist wegweisend und lebensdienlich bis heute. Dietrich Bonhoeffer plädiert für eine kontextuelle, konkrete und lebendige Wahrheit:

Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die ‚Wahrheit gesagt wird‘ ohne Beachtung dessen, zu dem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit. Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit zu sagen‘, nur ein totes Götzenbild der Wahrheit zur Schau stellt.

Für Bonhoeffer ist jede wahrheitsgemäße Rede eingebettet in Beziehungen und hat deshalb eine doppelte Verantwortung:

Weil es in jedem Wort immer um die doppelte Beziehung zum anderen Menschen und zu einer Sache geht, darum muss diese Beziehung in jedem Wort ersichtlich sein, ein beziehungsloses Wort ist hohl; es enthält keine Wahrheit.

BHT 22 20190901 1452 Gespräch nach Referat P1070171

Im Anschluss an den Vortrag entspann sich ein reges Gespräch mit den Zuhörern.

BHT 22 20190901 1500 CBick HBick Gesang + Instr P1400979

Mit Gesang und Instrumenten sorgten Christine und Hartmut Bick für die musikalische Umrahmung der Nachmittagsveranstaltung.

BHT 22 20190901 1515 CCarstens interviewt MBensmann P1400980

Als zweiter Referent stellte sich Marcus Bensmann den Fragen von Pfr. Christoph Carstens und der Besucher. Er arbeitet für Correctiv, „das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum.“

Sein Thema war: Solide Recherche als Grundlage eines glaubwürdigen Journalismus’ und einer gut informierten Gesellschaft. Antworten auf den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘.

Er wies zunächst auf einen grundlegenden Wandel hin, der sich in der Medienlandschaft vollzieht: Früher gab es „die Torhüter“ der Informationen: Verlagsleiter, Redaktionen in Presse, Funk und Fernsehen. Die Informationsempfänger hatten mehr oder weniger Vertrauen in die Sender der Informationen. Dank der Informationstechnologie und digitaler Medien kann heute jeder nicht nur Empfänger, sondern auch „Sender“ sein. Es bleibt die Frage: Welchen Informationen kann ich vertrauen?

Correctiv arbeitet – wie jedes gute Medienunternehmen – mit überprüften und überprüfbaren Informationen — und stellt darüber hinaus Handwerkszeug zur Verfügung, um die „journalistische Kompetenz“ jedes Interessierten zu stärken. Nachrichten werden mit den Lesern zusammen überprüft – und manchmal als Fake News entlarvt.

BHT 22 20190901 1524 Marcus Bensmann 3K P1070182

Mag es bei vielen auch eine Sehnsucht nach der „Herrschaft der Weisen“ geben,  Bensmann wäre eine Befähigung der Menschen zu einem kritischen Umgang mit den Medien lieber. Für seine eigenen Arbeiten hat er den Anspruch, alles getan zu haben, was der Wahrheitsfindung dient. Das soll auch rüberkommen – und wenn er dann doch falsch liegen sollte, kann das immer noch korrigiert werden, durch die „journalistisch kompetent“ gewordenen Empfänger.

Vermutlich gehörten die fünfzig Zuhörer nicht zu denen, die die meisten Medien als „Lügenpresse“ verteufeln, aber der eine oder andere mag schon allgemein skeptisch geworden sein, und sei es durch einzelne Erlebnisse, dass es „in der Zeitung nicht so stand, wie es war oder wie wir es dem Redakteur erzählt haben“.

Bensmanns Ausführungen motivierten, aus einem neuen Blickwinkel an den Umgang mit Medien heranzugehen.

Im Garten des Bonhoeffer-Hauses konnte der Tag bei Kaffee und Kuchen aus dem Café ausklingen.

Einladung: 22. Bonhoeffertag, 1. September 2019

Sonntag, 1. September 2019: 22. Bonhoeffertag. Thema „Wahrheit und Lüge“

Friedrichsbrunn ist trotz Bauarbeiten zu erreichen! Die Zufahrt von QLB über Bad Suderode ist frei. Ignorieren Sie die Sperrschilder am Ortseingang – bis zur Ortsmitte können Sie fahren, und dann rechts in die Waldstraße. Auch die Zufahrt von Thale aus wird am 01.09. vormittags wegen eines Triathlons gesperrt sein.

11.00 Uhr Festlicher Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7

danach Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr Miteinander im Gespräch: Alltagserfahrungen mit Wahrheit und Lüge

14.00 Uhr Vorträge und Gespräch in der Kirche: Was heißt: Die Wahrheit sagen?

Referenten zum Thema: Die Wahrheit sagen – Die Wahrheit ans Licht bringen
Wolf Krötke, Dr. theol., Prof. em.
Marcus Mensmann, Journalist, Recherchenetzwerk Correctiv

15.30 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten

Das endgültige Programm finden Sie ab Mitte Juni auf diesen Seiten.