Die nächsten Treffen von Mitgliedern des Vereins

2018 Januar, Samstag 27., 11.00 Uhr, BHF: Gesamtvorstand

2018 März, Samstag 10., 10.03 Uhr, BHF: Mitgliederversammlung

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„Auf das Leben vorbereitet“ – Der 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

20. Bonhoeffertag 2017-08-20 Bericht Günter Ebbrecht (Rev. HDB)

Auf den Handzetteln und Plakaten, die zum 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 20. August 2017 einluden, fand sich neben einem eher unbekannten Foto der Großfamilie Karl und Paula Bonhoeffer das Motto: „Auf das Leben vorbereitet“. Die Kombination von Foto und Motto ließ erahnen, wer oder was uns auf das Leben vorbereitet: die Familie. An diesem wechselhaften Spätsommertag stand die Familie in unterschiedlichen Perspektiven im Zentrum des Bonhoeffertages im Ostharz, dort, wo die Familie Bonhoeffer seit 1913 ihr „Häuschen“ besaß, das für die gesamte Familie „Heimat und Freiheit“ (Susanne Dress) bedeutete.

Das Foto aus dem Jahr 1925 zeigt eine kecke, eine heiter-lockere Generationenpyramide, deren Sockel die jungen Eltern Rüdiger und Ursula Schleicher bilden, auf dem sich in einer tragenden Reihe die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, sowie neben ihr ihr Sohn Karl und dessen Frau Paula präsentieren. Auf Paula Bonhoeffers Schoß sitzt der etwa einjährige Enkelsohn Walter. Darüber, gewissermaßen als Gipfel, schauen und lächeln die sieben Kinder und zum Teil deren Ehepartner in die Kamera. Alles in allem eine intakte, eine harmonische Familie. Von ihr können die Kinder und deren Kinder mit Recht sagen: „Sie hat uns gut auf das Leben vorbereitet.“

Der festliche Gottesdienst im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Bonhoefferfamilie, mit dem der 20. Bonhoeffertag begann, war zum einen geprägt von der Stellung des Sonntages im Kirchenjahr, der üblicherweise „Israelsonntag“ genannt, und von einer weltbekannten Familiengeschichte: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinen zwei Söhnen aus Lukas 15.

Die Verwurzelung der christlichen Kirche im Volk Israel, gewissermaßen Israel als Herkunftsfamilie der Christenheit, wurde hörbar mit der Epistellesung aus Deuteronomium 6,4–9: „Höre, Israel, Adonaj ist unser Gott, Adonaj ist einer. Adonaj, deinen Gott, sollst du lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Das sog. „Schᵉma Jisrael“ soll zum Leit- und Geleitwort der Kinder werden. Es soll in ihr Herz eingeschrieben werden – „learned by heart“. Es ist ein Wort, das auf das Leben vorbereitet. Der Referent des Nachmittags, Dr. Cornelius Bormann griff zu Beginn seines Vortrages über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“ diesen Hinweis auf das Judentum als Herkunftsfamilie der Christenheit, als Grundlage des „Abendlandes“ auf. Bormann zitierte aus Bonhoeffers Ethikfragment „Erbe und Verfall“: „Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung… Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“[1]

Die Predigt von Regionalbischof Propst Christoph Hackbeil, der als Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt aktiv dazu beigetragen hat, dass das Ferienhaus der Bonhoefferfamilie ein Erinnerungs- und Begegnungsort wird und bleibt, legte anschaulich und aktuell Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater aus. Der lukanische Jesus erzählt eine „Familiengeschichte“. Er folgt den Prototypen seiner hebräischen Bibel. Mit einer Frage setzte der Prediger ein: „Die intakte Familie – ist es das, was heute Thema sein soll?“

Er erinnerte zunächst an die intakte Großfamilie der Bonhoeffers, deren Urlaubsaktivitäten in den Ausstellungsräumen des Bonhoefferhauses in Friedrichsbrunn lebendig wird. Sodann versetzte er seine Zuhörer – es waren rund 130 Menschen zum Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses gekommen – in die galiläische Tiefebene, wo zwei Söhne eines jüdischen Großbauern geschwisterlich miteinander aufwachsen, bis ein Riss durch die Familie geht, bis der Wegzug des jüngeren Sohnes mit seinem ausgezahlten Erbe die Familie spaltet. Diese Spaltung der Familie verstärkt sich noch durch die Rückkehr des verlorenen, tot geglaubten jüngeren Bruders, als der mit offenen Armen von seinem Vater wieder in die Familie aufgenommen, von seinem älteren, daheim gebliebenen Bruder jedoch abgelehnt wird. Als der Vater davon hört, geht er sogleich hinaus zu seinem älteren Sohn, der in Familientreue zu Hause geblieben ist, und wirbt bei dem älteren Bruder für die Versöhnung mit dem jüngeren. Gehören sie nicht beide zu einer Familie?

Wie der barmherzige Vater, so handelt Gott. Jesus erzählt von Gott als liebenden, barmherzigen Vater. „Doch all das tut er nicht, weil in seiner Familie alles in Ordnung ist. Gott geht es wie vielen Menschen: Seine Familie ist nicht intakt. Viele seine Kinder leben nicht versöhnt miteinander.“

Jesu Vatergott – so der Prediger – sieht mit Schmerzen den Riss, der sich zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und der Christenheit aufgetan hat. Er leidet unter dem Hass, der in der Geschichte von Christen gegen den älteren Bruder Israel bis hin zum mörderischen antisemitischen NS-Regime entflammt ist. „Das Evangelium des heutigen Sonntages bekennt den liebenden Vater über beiden, Juden wie Christen, obwohl es von der beginnenden Entfremdung weiß. So sollen wir auf den gütigen Gott Israels sehen, der der Vater Jesu Christi ist… In den Juden sollen wir unsere Geschwister vor Gott sehen. Dazu müssen wir mehr über das Judentum wissen und zum Dialog bereit sein… Als die teuflische Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis begann, war Dietrich Bonhoeffer einer der wenigen, der widersprach.“

Der Blick auf die zerrissene Familie im Gleichnis zeigt uns: Jesus malt uns keine „intakte“ Familie vor Augen. Er richtet kein Familienidyll und -ideal auf. Die Brüder müssen neu miteinander leben lernen. Glück haben Kinder, die in ihren Familien Geborgenheit erfahren. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht, so der Prediger. Ehen können zerbrechen. Viele Familien werden gegenwärtig durch Flucht zerrissen. Eine Vielzahl von Familienformen existiert nebeneinander. Wir sollen sie nicht moralisch abwerten und gegeneinander ausspielen. Kirchengemeinden sollen für Menschen mit gebrochenen Familienbeziehungen ein Zuhause werden. Sie sollen Familien in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen unterstützen. „Familie muss gestärkt werden als der Ort, wo Menschen am stärksten Beistand und Solidarität erleben und erlernen.“

Zuletzt kehrte der Prediger zur Familie Bonhoeffer zurück, deren schöne bildungsbürgerliche Welt des Berliner Grunewalds oder des Harzer Friedrichsbrunns zerbrach, als das menschenverachtende NS-Regime vier der Söhne bzw. Schwiegersöhne der Familie ermordete. Die innere Klarheit über das notwendige Tun und die Solidarität untereinander trug diese Familie. Ebenso die Geborgenheit der Kindheit. Propst Hackbeil schloss mit dem Zitat Karl Bonhoeffers aus einem Brief an seinen ehemaligen Assistenten jüdischer Herkunft, der vor den Nazis in die USA fliehen konnte. Beide Familiengeschichten – die biblische und die der Bonhoeffers – können heute noch dazu beitragen, auf das Leben vorzubereiten.

Die Zeit zwischen dem Gottesdienst und dem Vortrag von Dr. Cornelius Bormann am Nachmittag war gefüllt mit Aktivitäten, die auch familiäres Leben bestimmen. Da war zunächst die Einladung, an einem gemeinsamen Tisch Platz zu nehmen. Dazu hatte die Familie Zehnpfund, die das Café im Haus betreibt, zusammen mit einem Stab von Mitarbeitern ein kräftigendes Mittagsmahl vorbereitet. Bereichert wurde das gemeindliche Familienleben durch die spielerische Präsentation einiger Kindergartenkinder mit ihren Eltern und deren Erzieherinnen, die in die Welt der Indianer führte. Natürlich gehört das Familiengespräch am gemeinsamen Tisch dazu. Ruth Ziemer und Christine Bick, zwei Mitglieder des Träger- und Fördervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, luden ein, eigene Familienerfahrungen miteinander auszutauschen. Sie regten die Fantasie der Erinnerung an: „Versetzen Sie sich in Ihre Kindheit zurück … und denken Sie an die Situation zu Hause bei Tisch. Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge die Bilder kommen, die Sie beim Essen zeigen.“ Weitere Fragen gaben Impulse zum Gespräch, die an einigen Tischen zu einem regen persönlichen Austausch führten.

Danach gingen die Besucher des Bonhoeffertages zur nahegelegenen Bonhoefferkirche. Rund 60 Besucher lauschten dort gespannt den frei vorgetragenen Ausführungen von Dr. Cornelius Bormann über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“. Nachdem er mit dem Zitat aus dem Ethikfragment „Erbe und Verfall“ die Brücke zum Gottesdienst am Vormittag geschlagen hatte, zeigte er die Ausgabe einer Lutherbibel aus dem Jahr 1911. Eine solche Bibel hatten die Eltern ihrem zweiten Sohn Walter zur Konfirmation geschenkt. Nach dem Tod Walters kurz vor dem Ende des I. Weltkrieges erhielt Dietrich dessen Bibel von seiner Mutter zur Konfirmation. Sie wurde zu seiner Arbeits- und Meditationsbibel. Sie begleitete ihn bis in die Haftzeit.

Wie diese Bibel ein Zeichen familiärer Verbundenheit war, so war es auch der Siegelring der Familie, den sowohl Dietrich als auch seine Brüder trugen.

Der Siegelring mit dem Wappen der schwäbischen Bonhoeffers öffnete den Blick auf den Vater Karl mit seiner naturwissenschaftlichen Nüchternheit und menschlichen Empathie und auf die Mutter mit ihrer Frömmigkeit und Fähigkeit, das Familienleben zu planen, zu gestalten und die Kinder zu fördern.[2] Über die Eltern hinaus weitete der Referent die Sicht auf die beiden Großeltern der Bonhoefferkinder, vor allem auf die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, mit ihrem wachen Sinn für die Unterdrückung und Entrechtung der Juden, mit ihrer Gradlinigkeit und Aufrichtigkeit, die Dietrich Bonhoeffer in seiner Traueransprache 1936 hervorhob.[3] Noch weiter ging der Referent zurück, um den Wurzelgrund dieser besonderen Familie aufzuzeigen.

Vier Urgroßväter stellte er den Zuhörern vor Augen und mit ihnen vier Aspekte von Lebensentwürfen, die die Bonhoefferkinder auf das Leben vorbereiteten.[4] In Buchform, in Bildern, die die Wohnung schmückten und bestimmten, und in Erzählungen war ihnen ihr Leben präsent:

  • Christian Tafel verkörpert das revolutionäre, das freiheitlich-republikanische Erbe;
  • Stanislav Graf von Kalkreuth steht für das kreative, das musische – bei ihm das malerische – Talent;
  • Sophronius Franz Bonhöffer bringt das bürgerliche Erbe und Engagement einer freien Reichsstadt in die Familiengeschichte ein;
  • Karl August von Hase vertritt die liberale Prägung des Protestantismus. Als Burschenschaftler führte ein Konflikt mit den Landesfürsten zur Festungshaft in Hohenasperg. Den autobiografischen Bericht hat Dietrich Bonhoeffer in der Haft erneut gelesen. Als späterer Kirchenhistoriker schrieb Karl August von Hase eine Kirchengeschichte, die in drei Ergebnissen des 19. Jahrhunderts den Anspruch des von Jesus von Nazareth verheißenen Reiches Gottes widergespiegelt sah: in der Emanzipation der Juden, in der Befreiung der „Neger“ aus der Sklaverei und in der Solidarität der Arbeiterschaft.

 

Nachdem der Referent in wenigen Zügen die Geschwister Dietrich Bonhoeffers als Teil der Familie beschrieben hatte[5], entfaltete er den Ort ihres Wohnumfeldes, den Grunewald,[6] angefangen von der Idee des Gründung dieser Villenkolonie bis hin zu ihren Bewohnern. Er charakterisierte dieses Wohnviertel mit seinen mehr als 6.000 Bewohnern als einen kleinen Kulturstaat, der nach Ablösung des wilhelminischen Machtstaates durch den I. Weltkrieg ein Vorbild des neuen Staates der Weimarer Republik hätte sein können. Dieses Viertel war Ausdruck des Bildungsbürgertums, das u. a. seinen Ursprung in der französischen Revolution hat und Teil des allgemeinen Bürgertums ist. Bildung und Kultur werden als zentral angesehen. Sie sollen auf das Leben vorbereiten. Sie zielen auf die Gestaltung von Zukunft. Sie bilden das Bewusstsein der Verantwortlichkeit. Sie prägen Individualität und Persönlichkeit. Eine besondere Untergruppe des Bürgertums ist das protestantische bildungsbürgerliche Milieu, das der Referent mithilfe der Studien Max Webers beschrieb. In diesem Milieu verbindet sich Luthers Erbe der Wertschätzung des Gottesdienstes im Alltag der Welt, in Beruf und Arbeit mit dem Erwählungsgedanken calvinistischer Prägung, bei der sich die Erwähltheit in Erfolg und Wohlhabenheit zeigt.

In seiner Haftzeit hat sich Dietrich Bonhoeffer intensiv an seine Familie und das Wohnumfeld in Berlin-Grunewald erinnert und die Erinnerungen z. B. in einem Dramen- und Romanfragment verarbeitet.. Sie spiegeln dieses liberale, protestantische, bildungsbürgerliche Milieu wider.[7] Nicht nur das Dramen- und Romanfragment Dietrich Bonhoeffers in der Haft, schon Partien seiner „Ethik“ und Abschnitte des Essays „Nach zehn Jahren“ zeugen von diesem bürgerlichen Bewusstsein, das mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein gepaart ist. So zitierte der Referent aus „Nach zehn Jahren“:

„Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür. Wo man um materieller Bequemlichkeit willen duldet, dass die Frechheit einem zu nahe tritt, dort hat man sich bereits selbst aufgegeben, dort hat man … sich schuldig gemacht am Ganzen. In anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sein, von der Gleichheit der Menschen Zeugnis zu geben; heute wird gerade das Christentum für die Achtung menschlicher Distanzen und menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten haben.“[8].

Christine von Dohnanyi, geb. Bonhoeffer, äußerte im Sommer 1946 gegenüber Ricarda Huch als Ziele der Erziehung ihrer Eltern: „Persönliche Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, unbedingte Wahrhaftigkeit und Verantwortlichkeit dem gesprochenen Wort, ja sogar der Formulierung gegenüber, Ablehnung von Modenarrheiten auf geistigem und anderem Gebiet, Achtung vor der Meinung und besonders vor den Gefühlen der Mitmenschen.“[9]

Der Referent schloss mit einem Ausblick auf die in den ethischen Fragmenten zentralen Begriffe der „Wirklichkeitsgemäßheit“ bzw. „Situationsgemäßheit“. Er verband sie mit Wahrheit und Freiheit. „Der verantwortlich Handelnde bezieht die gegebene Situation in sein Handeln ein… Nicht irgendein fremdes Gesetz wird der Wirklichkeit aufgezwungen, vielmehr ist das Handeln des Verantwortlichen im tiefsten Sinne wirklichkeitsgemäß.“[10]

Angesichts der Frage „Was ist wirklich?“ verwies der Referent auf ein unscheinbares Zitat aus dem Brief vom 15.12.1943: „Lüge ist die Zerstörung und die Feindschaft gegen das Wirkliche, wie es in Gott ist.“ (DBW 8, S. 238). Wahrheit – im Umkehrschluss – ist Aufbau und Freundschaft des Wirklichen. Das Wirkliche gibt es nicht ohne Wahrheit. Doch Wahrheit ist situationsbezogen, Einsicht in die Wirklichkeit der jeweiligen Situation – wie sie sich von Gott aus ergibt.[11] Was dies bedeutet, müsste an Bonhoeffers Überlegungen zu „Jesus Christus und die mündige Welt“ entfaltet werden, mit denen Bonhoeffer die guten Erfahrungen und Einsichten seiner bürgerlichen Welt theologisch integriert.[12]

An dieser Stelle wäre es reizvoll gewesen, in eine intensive Diskussion einzutreten. Doch die Hörer waren so erfüllt, so gesättigt von der Beschreibung der Hintergründe dieser Familie, die auch Dietrich Bonhoeffer nachhaltig geprägt haben, dass es zu keinem Nachgespräch mehr kam. Sie dankten es dem Referenten mit einem intensiven Applaus und mit Worten der Anerkennung in persönlichen Gesprächen.

Mit einem Reisesegen entließ der amtierende Pastor der Gemeinde die Zuhörerschaft in der Bonhoefferkirche und lud zu einem Wiedersehen im Jahr 2018 ein. Der Träger- und Förderverein „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. wird sich bemühen, ein neues aktuelles Thema zu finden, das organisch mit dem Erbe der Bonhoefferfamilie verbunden werden kann.

[1]   DBW 6, S. 95

[2]    Cornelius Bormann, Jesus Christus und die mündige Welt. Dietrich Bonhoeffers Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft vor dem Hintergrund der erinnerten Jugendzeit, Rheinbach 2015, S. 131ff

[3]    C. Bormann, a. a. O., S. 148f

[4]    C. Bormann, a. a. O., S. 150-156

[5]    Siehe teilweise C. Bormann, a. a. O., S. 195ff

[6]    Siehe C. Bormann, a. a. O., S. 156ff

[7]    Ausführlich C. Bormann, a. a. O., S. 74ff

[8]   DBW 8, S. 32

[9]   M. Smid, Hans von Dohnanyi und Christine Bonhoeffer. Eine Ehe im Widerstand, S. 25

[10] DBW 6, S. 221

[11] Siehe dazu den gesamten Abschnitt DBW 6, S. 221ff; z. B.: „Die Menschwerdung Gottes allein ermöglicht ein echtes wirklichkeitsgemäßes Handeln. Die Welt bleibt Welt, aber sie bleibt es doch nur, weil Gott sich ihrer angenommen und seine Herrschaft über sie erklärt hat.“ A. a. O., S. 223

[12] Siehe C. Bormann, a. a. O., S.253ff, speziell zum Begriff „mündig“ a. a. O., S. 288ff

20. Juli 2017 – Erinnerung an den 20. Juli 1944

Heute vor 73 Jahren, am 20. Juli 1944, scheiterte der Versuch, Hitler beim berühmten Staufenberg-Attentat zu töten.

Jetzt erzählt Valerie Riedesel – Cäsar von Hofackers Enkelin – die Geschichte der Kinder der Attentäter. Darunter ihre Mutter, deren Tagebucheinträge bisher unveröffentlicht blieben. Ein packender Bericht über die Geschichte einer Familie, die in schweren Zeiten für ihren Glauben eingetreten ist. Hier geht’s zum Buch über die „Geisterkinder“.

Sendetermine Geisterkinder

20.7. um 18.45 Uhr auf NDR. DAS! erinnert gemeinsam mit Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach an das Schicksal ihrer Familie und ihres Großvaters Caesar von Hofacker.

20.7. um 20.15 Uhr auf Bibel TV. Die Dokumentation zu „Geisterkinder“ und anschließend um 21.00 Uhr das Gespräch mit Autorin Valerie Riedesel.

20.7. um 22.05 Uhr auf MDR. artour – das Kulturmagazin des MDR: Die Kinder des 20. Juli.

Sendung verpasst? Nutzen Sie die Mediatheken der Sender!

„Ich könnte Dir stundenlang erzählen, auch von Dingen, die einem trotz allem neue Kraft und neuen Mut geben. Aber mein Mund muß verschlossen bleiben“, schreibt der deutsche Offizier Caesar von Hofacker an seine Frau am 26. Juni 1944 aus Paris. Weniger als einen Monat später, am 20. Juli 1944, zündet sein Vetter Claus Schenck Graf von Stauffenberg eine Bombe in Hitlers Führerhauptquartier. Caesar von Hofacker hat das Attentat von Paris aus maßgeblich mit geplant. Sogar Erwin Rommel versucht er für den Umsturz zu gewinnen. Dafür wird er wie alle anderen Widerstandskämpfer rund um Stauffenberg als Verschwörer hingerichtet. Zurück lässt er seine Frau Lotte und fünf Kinder. Für sie beginnt eine unermessliche Odyssee – Sippenhaft in Gefängnissen und versteckten Baracken in den Konzentrationslagern Stutthof, Buchenwald und Dachau. Die drei Jüngsten werden in ein Kinderheim in den Harz verschleppt. Niemand soll wissen, wer sie sind. Es sind die „Geisterkinder“.

In „Geisterkinder. Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft“ erzählt Valerie Riedesel, die Enkelin Caesar von Hofackers, die historischen Ereignisse aus Sicht ihrer Familie – menschlich, berührend und echt. Sie greift dabei zurück auf einen einzigartigen Fundus unveröffentlichter Originaldokumente. In Briefen und Tagebüchern erwacht ein liebender Vater und Ehemann zu neuem Leben; eine Mutter und Ehefrau, die ihr Schicksal mit Haltung meistert; sowie sensible und mutige Töchter, die unerwartet früh erwachsen werden müssen. Sie alle sind Zeitzeugen, deren Geschichte „trotz allem neue Kraft und neuen Mut“ bewahrt hat. Glaube und Liebe sind stärker als Terror und Angst, raunt uns jede Zeile zu. Mit „Geisterkinder“ erinnert Valerie Riedesel an einen beeindruckenden, menschlichen Wertekompass, der uns in stürmischen Zeiten zu navigieren hilft.

Das Buch gibts im SCM Shop, hier finden Sie weitere Informationen.

Bonhoeffer in China

Ein Interview mit Yu Jie.

Yu Jie ist ein Freund des regimekritischen Friedensnobelpreisträgers von 2010, Liu Xiaobo.

Er selber wurde am 9.10.2010 unter Hausarrest gestellt. 

Einblicke in die aktuelle Situation der Christen in China – und warum Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ gerade für sie relevant ist: http://www.plough.com/de/themen/glaube/nachfolge/bonhoeffer-in-china

 

Das Bonhoeffer-Haus braucht Ihre Spende

Wir brauchen Ihr Geld nicht. Jedenfalls nicht für uns.

Die Mitglieder des Träger- und Fördervereins „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. arbeiten ehrenamtlich. Sie treffen sich einmal im Jahr zur Mitgliederversammlung, entscheiden über Projekte, planen und beschließen den Haushalt.

Die Vorstandsmitglieder treffen sich mehrmals im Jahr und steuern das „Tagesgeschäft“.

Aber fürs Bonhoeffer-Haus brauchen wir auch Ihre Spende.

Das bezahlen wir davon:

  • das Gehalt des Öffentlichkeitsreferenten (Minijob),

  • die Miete der Räume,

  • die Aktualisierung der Ausstellung,

  • die Durchführung der Bonhoeffer-Tage usw.

Das bewirken wir damit:

  • Spontane Ausstellungsbesucher entdecken eine Familie im Widerstand gegen das Nazi-Regime.

  • Gemeindegruppen setzen sich mit dem Erbe der Bonhoeffers auseinander.

  • Ein Gedenkort bleibt erhalten.

Kontakt zum Schatzmeister:
Hartmut Bick, Telefon 03946-989052, bonhoeffer-haus@online.de

Jede Spende hilft.

Aber Daueraufträge Weiterlesen

Lehrerfortbildung: „Wer bin ich?“ – Bonhoeffers Gefängnisgedicht

„Wer bin ich?“ – Bonhoeffers Gefängnisgedicht im Spiegel der Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern heute

Lehrerfortbildung, 21.08.2016, 11:00 – 15:30 Uhr

Tagungsort: Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, Waldstraße 7

„Wer bin ich?“, fragen sich die Spielerinnen und Spieler und versuchen herauszubekommen, welcher Name ihnen mit Klebeband auf die Stirn geschrieben steht. „Wer bin ich?“, fragen sich Schülerinnen und Schüler und versuchen zu verstehen, was sie einzigartig macht. „Bin ich das, was andere von mir sagen oder das, was ich selbst von mir weiß?“, fragt sich Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis.

Open-Air-Gottesdienst, Aktionen auf der Bühne und Mit-mach-Angebote laden zur eigenen Auseinandersetzung mit der Frage ein. Frau Dr. Christina Lange präsentiert Kurzfilme, Audios, Gemälde und Installationen von Schülerinnen und Schülern aus einem Wettbewerb zu Bonhoeffers Frage nach der eigenen Identität.

Teilnehmerbeitrag: Spende. Selbstverpflegung (Imbiss, Café) möglich.

Teilnehmende: Unterrichtende, Sek I und II

Leitung: Franziska Kaus und Ruth Ziemer

Referenten: Dr. Christina Lange (Bremen) und Dr. Günter Ebbrecht (Einbeck)

Weiße Tauben als Hoffnungszeichen

Der 18. Bonhoeffertag am 30. August 2015 in Friedrichsbrunn wurde eröffnet mit einem Gottesdienst unter der Leitung von Pastorin Franziska Kaus. Gut 100 Besucher freuten sich, dass dieser Gottesdienst bei strahlendem Sonnenschein im Garten des Café Bonhoffer stattfinden konnte. Sie kamen aus dem ganzen Pfarrsprengel, der Region und weit darüber hinaus. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick begleitete den Gesang der Festgemeinde. Superintendentin Angelika Zädow predigte über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Anderen Menschen ein Nächster zu werden und Barmherzigkeit zu üben gelte in diesen Tagen natürlich auch und ganz besonders im Blick auf die Menschen, die vor Krieg und Terror in ihrer Heimat auch nach Deutschland fliehen. Am Nachmittag referierte Dr. Ernst-Albert Scharffenorth aus Heidelberg vor einem großen Kreis Interessierter über „Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen“. Er legte dar, dass sowohl der Vater Karl als auch der Sohn Dietrich bereits 1933 um die Gefahren wussten, die von Hitlers Machtübernahme ausgingen. Sie hatten Hitlers Verhalten in den letzten Jahren der Weimarer Republik richtig gedeutet. Die Gespräche während der Pausen begleitete ein Musiker mit Improvisationen auf seinen Gitarren. Mit dem Reisesegen entließ Pfarrerin Kaus die Besucher des Bonhoeffertages, dabei ließ sie weiße Tauben fliegen, als Zeichen unserer Hoffnung auf Frieden. Der Träger- und Förderverein „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ freut sich über zwei neue Mitglieder.

Der 18. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 30. August 2015

Ein Bericht von Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Der blaue Himmel öffnete sich über alle, die sich zum 18. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn auf dem Berg über Thale im Ostharz eingefunden hatten. Die Sonne, die nach dem Matthäusevangelium über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte scheint, beschien die ca 120 Gottesdienstbe­sucher im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer. Der Posaunenchor unter der Leitung der Kantorin Christine Bick forderte die Gäste auf, die neueren geistlichen Lieder mitzusingen. In diesem Jahr begrüßte die neue Pfarrerin des Kirchspiels Thale-Bad Suderode Franziska Kaus die Gottesdienstbesucher. Sie seien aus dem Tal hinaufgekommen auf die Anhöhe der Ostharzer Berge, um auszuatmen, um sich zu lagern und um einen neuen Überblick über ihr Leben und Einblick in Gottes Liebe zu finden.

Die Gottesdienstgemeinde hörte die gute Botschaft aus dem Johannesbrief, dass Gott Liebe ist. Sie ließ sich in der Predigt mitnehmen auf den Weg vom Gebirge, auf dem Jerusalem liegt, hinab nach Jericho ins Westjordantal. Superintendentin Angelika Zädow wies nach der Lesung von Lukas 10,31ff gleich auf den Perspektivwechsel in den Fragestellungen hin: von der Frage des Gesetzeslehrer zu Beginn hin zur Rückfrage Jesu an den frommen Mitbürger am Schluss. Ausgangspunkt des Gespräches zwischen dem Gesetzestreuen und Jesus ist das Gebot der Nächstenliebe, das er besser verstehen will: ‚Aber wer ist eigentlich mein Nächster?‘ Endpunkt des Gespräches ist die Anfrage Jesu an uns fürsorglichen Bürger in einem reichen Land: ‚Wer ist der Nächste für den am Weg Liegenden geworden?‘.

Zwischen den beiden Fragen liegt Jesu Erzählung über den brutal Überfallenen und über drei Menschen, die vorbeigehen. Nur einer von ihnen hält an, steigt zum am Weg Gestrandeten ab, versorgt den Verletzten und ermöglicht ihm ein Dach über den Kopf . ‚Wer von den dreien ist dem zum Nächsten geworden, der am Wegesrand ausgehungert und verblutend zurückgelassen wurde?‘ Es kommt nach Jesus und nach Gottes Weisung der Nächstenliebe nicht darauf an, zu definieren, wer überhaupt unser Nächster ist, sondern auf unsere Antwort auf die an uns gerichtete konkrete Frage: ‚Wo werde ich zum Nächsten, dem, der meiner Unterstützung bedarf?‘. Es geht um den Perspektivwechsel weg von mir, der festlegt, wer mir nahe ist oder fern, hin zu dem, der mich in seiner Not braucht. Es ist der Blickwechsel vom Ich zum Du, zum Anderen in seiner Misere. Es geht um ‚misericordia‘, um die Fähigkeit und Haltung des geöffneten Herzens dem mir Fremden gegenüber. Es geht darum, den Blick zu wenden vom ‚Wegsehen und Vorbeigehen‘ zum ‚Hinsehen und Zugehen‘. „Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist eine Gegengeschichte gegen das Wegsehen.“, sagte die Predigerin.

Die Aktualität und das konkrete Gebot ist klar: „In dieser Zeit fliehen immer mehr Menschen vor Not und Elend. Sie nehmen einen unendlich langen Weg in Kauf. So wie Mahmut und Malik aus Syrien: sie sind über Libyien, die Türkei, Italien, Griechenland und mehre Balkanländer wochenlang unterwegs gewesen. Der eine ist Bauingenieur, der andere arbeitete mit autistisch behinderten Menschen. Sie fliehen vor Terror und Gewalt in ihrem Land. Und kommen zu uns. Als Menschen. Als Menschen, die wir von der gleichen Sehnsucht nach Freiheit, Liebe und Glück erfüllt sind. Als Menschen, denen Gott den gleichen Lebensraum gab wie uns. Wo immer wir geboren wurden auf dieser Welt – welche Sprache auch immer wir sprechen – wir sind und bleiben Kinder der Völkerfamilie Gottes. Durch Menschen wie Mahmut und Malik werden wir zu Nächsten. Als Person, als Gemeinde, als Kirche und als Land.“ Schauen wir hin, werden wir mit ihnen solidarisch auf ihrem Weg, wo sie leicht unter die Räuber und Räder geraten? Werden wir ihnen zu Nächsten?

Die Predigerin endete mit: Ja, „es ist möglich, dass das Notwendige erkannt und getan wird. ‚Gehe hin und tue desgleichen‘ – dieser Satz ist Forderung und Ermutigung zugleich…du kannst hinschauen. Du kannst den Mund aufmachen, wenn Menschen beschimpft werden. Du kannst die Ängstlichen ermutigen. Du bist fähig zu Barmherzigkeit und praktischem Tun. Du kannst Deinen Nächsten erkennen, wie Gott dich erkannt hat.“

Die Lieder ergänzten und vertieften diese Aufforderung und Ermutigung: ‚Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt, seine Gerechtigkeit, Amen.‘ ‚Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit‘. Gemeinsam gesprochene Abschnitte aus dem 119. Psalm, den Dietrich Bonhoeffer als seinen Lieblingspsalm bezeichnete, wiesen dieselbe Perspektive. Bonhoeffers Glaubenssätze aus ‚Nach zehn Jahren‘ bekräftigten das konkrete Gebot heute, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, dass Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Unter dem offenen Himmel und im Schatten der Linden, die einst von der Bonhoefferfamilie in den Garten gesetzt wurden und in denen später die Enkelkinder kletterten und spielten, wurde mit diesem bewegenden Gottesdienst der 18. Bonhoeffertag eröffnet. In der Mittagspause konnten sich die Gäste am Grillgut, mit Kartoffelsalat oder ‚Spack mit Hack‘ stärken. Sie konnten, was viele taten, die neue Ausstellung in den Räumen des Bonhoefferhauses besichtigen. Sie konnten sich in der wärmenden Sonne austauschen und auf den Vortrag am Nachmittag in der Bonhoefferkirche vorbereiten.

In diesem Jahr wurde der ausgewiesene Bonhoefferexperte und Mitherausgeber des 12. Bandes des DBW ‚Berlin. 1932-1933‘ Dr. Ernst-Albert Scharffenorth eingeladen, den Nachmittagsvortrag zu halten. Im 70. Jahr des Gedächtnisses an die Ermordung von vier Söhnen der Familie Karl und Paula Bonhoeffer, an Dietrich und Klaus Bonhoeffer und an ihre Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher im April 1945 – kurz vor der Kapitulation und Befreiung vom Nazi- Unrechtsstaat – sollte die Perspektive nicht auf das Ende bzw. auf den unmittelbaren Widerstand gelegt werden, sondern auf die Anfänge. Ganz im Sinne der wachrüttelnden Herausforderung: ‚Wehret den Anfängen!‘. Natürlich sollte das mit dem Blick des Historikers geschehen, der sich in die Situation jener versetzt, die im Anfang noch nicht wissen, wie das Ende aussehen und wie sich die Reichkanzlerschaft Hitlers, der sich zum ‚Führer‘ erklärt, entwickelt. Das Thema des Vortrages: „Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen.“

Bei seinem Vortrag wählte Dr. Scharffenorth zwei Beispiele aus dem Kreis der Familie für Ereignisse im Jahr 1933 aus, die er in zum Teil detaillreichen historischen Abwägungen entfaltete: zum einen das Handeln des Vaters Prof. Dr. Karl Bonhoeffer als hoch angesehenem Psychiater und Neurologen in Deutschland angesichts des ‚Erbgesundheitsgesetzes‘ im Sommer 1933. Zum anderen den Rundfunkvortrag Dietrich Bonhoeffers am 1.2.1933 über ‚Wandlungen des Führerbegriff in der jungen Generation‘, zwei Tage nach der Machtübernahme des ‚Führers‘ Adolf Hitler (s. DBW 12, 242-260).

Beide Beispiele belegen, ergänzt durch Hinweise auf die uns bekannten Gespräche in der Familie und ihren Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Machtergreifung, dass diese Familie wachsam und hellsichtig die drohenden Gefahren der Zerstörung des Rechtsstaates der Weimarer Republik durchschaute und im Rahmen ihrer beruflichen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten zu begrenzen oder zu bekämpfen suchten: der Vater mithilfe seiner wissenschaftlichen Autorität und einer seiner Söhne in der Mitwirkung des Aufbaus einer Bekennenden Kirche.

Karl Bonhoeffer bezeichnet in seinem autobiografischen Rückblick 1946 den Sieg des Nationalsozialismus 1933 als ein großes Unglück. Seine und der Familie Abneigung und Misstrauen basieren nicht auf der Lektüre von Hitlers ‚Mein Kampf‘ sondern u.a. auf dem Widerwillen gegen die demagogischen Propagandareden Adolf Hitlers und seinem Sympathietelegramm in der Potembarschen Mordangelegenheit. In Potembar, einem Dorf in Schlesien hatte eine Gruppe von Nazis im August 1932 erwerbslose Arbeiter auf bestialische Weise umgebracht. Sie wurden kurz drauf in einem ordentlichen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Nazigrößen verurteilten das Urteil und deklarierten die Mörder zu Märtyrern der Bewegung. A.Hitler schrieb in einem Telegramm: „Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre, der Kampf gegen eine Regierung, unter der dieses möglich war, unsere Pflicht.“

Es ist die Abscheu vor der Gewalt im gesellschaftlichen Alltag und die Ablehnung der Legitimation von Rechtsbrüchen, die Karl Bonhoeffers Ablehnung Hitlers und seiner Partei bestimmen. Im Alltag der Hochschule sucht er mit seiner unangreifbaren Autorität Schlimmes zu verhindern. Er lehnt es ab, dass in seiner Klinik Hitlerbüsten aufgestellt wurden. Um so größer war diejenige seines gegen das Votum der Fakultät nach Bonhoeffers Emeritierung berufenen Nachfolgers M.de Crinis.

Karl Bonhoeffer widerspricht den Forderungen von jungen Ärzten nach der sofortigen Entlassung jüdischer Ärzte in seinem Arbeitsbereich und verweit darauf, dass nicht die Partei sondern nur staatliche Stellen dazu berechtigt wären. Er verweist auf die Fachkompetenz der jüdischen Kollegen und den Verlust ärztlicher Versorgung, falls sie entlassen würden. Im Jahr 1933 wurde Karl Bonhoeffer 65 Jahre alt, ein möglicher Zeitpunkt für seine Emiritierung. Er lässt sich von der Familie und Kollegen überzeugen, dass er sich in dieser politischen Situation der Entmachtung und Gleichschaltung der Hochschulen der Verantwortung nicht entziehen darf. So bleibt er bis zum letztmöglichen Zeitpunkt 1938. Dieses Engagement lassen seine Gegnerschaft gegen die Rechtsbrüche des neuen Regimes erkennen.

Das neue ‚Erbgesundheitsgesetz‘ (Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses) vom 14.7.1933 mit seiner Ermöglichung der Zwangssterilisierung kann er jedoch nicht verhindern. Er versucht aber, die Umsetzung zu ‚torpedieren‘ durch eine alternative Diagnostik. Das Vorliegen einer Erbkrankheit musste von Ärzten entschieden werden. Durch geforderte Einzelfallprüfungen konnten aus medizinischen Gründen ‚Zwangssterilisierungen‘ verhindert werden. Dazu richtet Karl Bonhoeffer Kurse für Ärzte ein und veröffentlicht Texte über die Einzelfallprüfungen.

Dr. Scharffenorth legte dar, warum er in diesem Handeln Karl Bonhoeffers einen ‚getarnten Kampf‘ gegen die NS-Ideologie und beginnenden NS-Staat erkennen kann. Karl Bonhoeffer lehnte eine Sterilisierung nicht generell ab. Er wendete sich gegen den Zwang zur Sterilisierung. Es ist ein Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Patienten.

Das zweite Beispiel für die Erkenntnis der Gefahren durch die NS-Ideologie: Dietrich Bonhoeffers Stellungnahme zum Führerbegriff.

D.B. äußert sich schon im Sommer 1932 auf einer ökumenischen Konferenz des Weltbundes für Freundschaftsarbeit in der Tschechoslowakei, dass Hitlers nationale Partei die demokratischen Möglichkeiten zur Errichtung einer Diktatur missbrauche. Darum verlässt D.B. frühzeitig die Konferenz, um in Deutschland wählen zu gehen. Ein Zeichen für seine republikanische Haltung, wie sie auch die übrigen Familienmitglieder erkennen lassen.

Am 6.2.1933 – nach seinem Rundfunkvortrag mitten in der Phase der Euphorie der Machtübernahme Hitlers – schreibt er einen Brief an R. Niebuhr, in dem er eine „grauenhafte kulturelle Barbarisierung“ in Deutschland voraussieht und in dem er sich wünscht: in Deutschland wäre jetzt wie in den USA eine „Civil Liberties Union“, eine die Bürgerrechte und die bürgerlichen Freiheiten verteidigende Union notwendig. Denn die neue Staatsmacht schränke Verfassungsrechte ein.

Auf diesem Hintergrund können und müssen Passagen seines Rundfunkvortrag über ‚Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation‘ gedeutet werden. Dr. Scharffenorth begründete ausführlich seine These, dass die frühzeitige Abschaltung dieser Rundfunkrede kein Akt der Zensur gewesen sei, sondern vermutlich auf eine leichte zeitliche Überziehung der Sendezeit durch Dietrich Bonhoeffer selber, der wohl ungeübt etwas zu langsam gesprochen habe, zurückgehe. Er versuchte kenntnisreich zu rekonstruieren, welche Sätze durch die Abschaltung weggefallen sein könnten. Für theologisch geschulte Ohren lag darin ein kleines Aha-erlebnis. Er stellte sich und den Hörern vor, welche heiße Diskussion es in der Familie nach diesem ‚Eklat‘ gegeben haben könnte. Er wies darauf hin, dass Dietrich Bonhoeffer dieses ‚Unglück des Missverständnisses‘ durch die Kappung seiner letzten Sätze durch zwei weitere Vorträge zu diesem Thema zu beheben suchte. Am 25.2.1933 erfolgte eine leicht gekürzte Veröffentlichung in der Kreuzzeitung.

Als zentrales Ergebnis für die Stellungnahme zum Nationalsozialismus 1933 und damit für die kommenden Jahre hob Dr. Scharffenorth hervor, dass Bonhoeffer in der Rundfunkrede und in den Vorträgen auf die Gefahren eines politisch – messianischen Führerbegriffs hinweist. Er habe schon früh den ‚Führermythos‘ durchschaut und entlarvt. Bonhoeffer legt schon am 1.2., zwei Tage nach der Machtübernahme Hitlers eine Kritik des Irrglaubens an den Heilsbringer Hitler, ohne dessen Namen zu nennen, vor: wo ein Führer – ob Jugendführer oder ein politischer Führer wie A.Hitler – die Begrenztheit seiner Aufgaben und Möglichkeiten überschreitet und vom Ideal zum Idol wird, da „gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.“

Auch wenn die geringe Zeitüberschreitung zwei folgenreiche Schlusssätze kappte und damit seine Analyse des ‚Führermythos‘ in Frage stellte, lassen die Rundfunkrede und die anschließenden Langfassungen den Schluss zu: das Böse in der Gestalt des Lichtes (so später) kann erkennen, wer es erkennen will.

Dr. Scharffenorth beließ es nicht bei dieser Analyse, sondern erörterte kritisch das mit dem Führerbegriff eng verbundene erkennbare Amts- und Ordnungsverständnis. Bonhoeffer sieht das in der Jugendbewegung emanzipierte charismatische Führungsverständnis und anerkennt es für kleine Gruppen und für die Jugend. Die Maßlosigkeit des messianischen politischen Führers kritisiert er klar. Aber findet D.B. einen politischen Ort für den ‚Führer‘ von unten, als ‚Selbstrechtfertigung des Volkes‘, für eine Gesellschaft? Versteht D.B. in dieser Zeit die ‚Führergestalt‘ noch in Analogie zum Vater und Lehrer? Bleibt D.B. hier noch der lutherischen Tradition verhaftet? Ist er damit seinem eigenen Vaterbild, der Autorität des Vaters, verpflichtet? Der Referent suchte den Schritt hin zu einer theologischen Legitimation der Demokratie und wies auf den Traum von der Demokratie eines Martin Luther King hin.

Die Zuhörer dankten dem Referenten durch ihren Applaus und stellten in einer anschließenden Diskussionsrunde ihre Fragen. Manches konnte bei Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoefferhauses weiter erörtert werden.

Hier im Garten schloss Pfarrerin Kaus den 18. Bonhoeffertag mit einem Abendsegen. Danach flogen weiße Tauben als Zeichen des Friedens in den immer noch blauen Himmel.