„Auf das Leben vorbereitet“ – Der 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

20. Bonhoeffertag 2017-08-20 Bericht Günter Ebbrecht (Rev. HDB)

Auf den Handzetteln und Plakaten, die zum 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 20. August 2017 einluden, fand sich neben einem eher unbekannten Foto der Großfamilie Karl und Paula Bonhoeffer das Motto: „Auf das Leben vorbereitet“. Die Kombination von Foto und Motto ließ erahnen, wer oder was uns auf das Leben vorbereitet: die Familie. An diesem wechselhaften Spätsommertag stand die Familie in unterschiedlichen Perspektiven im Zentrum des Bonhoeffertages im Ostharz, dort, wo die Familie Bonhoeffer seit 1913 ihr „Häuschen“ besaß, das für die gesamte Familie „Heimat und Freiheit“ (Susanne Dress) bedeutete.

Das Foto aus dem Jahr 1925 zeigt eine kecke, eine heiter-lockere Generationenpyramide, deren Sockel die jungen Eltern Rüdiger und Ursula Schleicher bilden, auf dem sich in einer tragenden Reihe die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, sowie neben ihr ihr Sohn Karl und dessen Frau Paula präsentieren. Auf Paula Bonhoeffers Schoß sitzt der etwa einjährige Enkelsohn Walter. Darüber, gewissermaßen als Gipfel, schauen und lächeln die sieben Kinder und zum Teil deren Ehepartner in die Kamera. Alles in allem eine intakte, eine harmonische Familie. Von ihr können die Kinder und deren Kinder mit Recht sagen: „Sie hat uns gut auf das Leben vorbereitet.“

Der festliche Gottesdienst im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Bonhoefferfamilie, mit dem der 20. Bonhoeffertag begann, war zum einen geprägt von der Stellung des Sonntages im Kirchenjahr, der üblicherweise „Israelsonntag“ genannt, und von einer weltbekannten Familiengeschichte: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinen zwei Söhnen aus Lukas 15.

Die Verwurzelung der christlichen Kirche im Volk Israel, gewissermaßen Israel als Herkunftsfamilie der Christenheit, wurde hörbar mit der Epistellesung aus Deuteronomium 6,4–9: „Höre, Israel, Adonaj ist unser Gott, Adonaj ist einer. Adonaj, deinen Gott, sollst du lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Das sog. „Schᵉma Jisrael“ soll zum Leit- und Geleitwort der Kinder werden. Es soll in ihr Herz eingeschrieben werden – „learned by heart“. Es ist ein Wort, das auf das Leben vorbereitet. Der Referent des Nachmittags, Dr. Cornelius Bormann griff zu Beginn seines Vortrages über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“ diesen Hinweis auf das Judentum als Herkunftsfamilie der Christenheit, als Grundlage des „Abendlandes“ auf. Bormann zitierte aus Bonhoeffers Ethikfragment „Erbe und Verfall“: „Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung… Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“[1]

Die Predigt von Regionalbischof Propst Christoph Hackbeil, der als Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt aktiv dazu beigetragen hat, dass das Ferienhaus der Bonhoefferfamilie ein Erinnerungs- und Begegnungsort wird und bleibt, legte anschaulich und aktuell Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater aus. Der lukanische Jesus erzählt eine „Familiengeschichte“. Er folgt den Prototypen seiner hebräischen Bibel. Mit einer Frage setzte der Prediger ein: „Die intakte Familie – ist es das, was heute Thema sein soll?“

Er erinnerte zunächst an die intakte Großfamilie der Bonhoeffers, deren Urlaubsaktivitäten in den Ausstellungsräumen des Bonhoefferhauses in Friedrichsbrunn lebendig wird. Sodann versetzte er seine Zuhörer – es waren rund 130 Menschen zum Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses gekommen – in die galiläische Tiefebene, wo zwei Söhne eines jüdischen Großbauern geschwisterlich miteinander aufwachsen, bis ein Riss durch die Familie geht, bis der Wegzug des jüngeren Sohnes mit seinem ausgezahlten Erbe die Familie spaltet. Diese Spaltung der Familie verstärkt sich noch durch die Rückkehr des verlorenen, tot geglaubten jüngeren Bruders, als der mit offenen Armen von seinem Vater wieder in die Familie aufgenommen, von seinem älteren, daheim gebliebenen Bruder jedoch abgelehnt wird. Als der Vater davon hört, geht er sogleich hinaus zu seinem älteren Sohn, der in Familientreue zu Hause geblieben ist, und wirbt bei dem älteren Bruder für die Versöhnung mit dem jüngeren. Gehören sie nicht beide zu einer Familie?

Wie der barmherzige Vater, so handelt Gott. Jesus erzählt von Gott als liebenden, barmherzigen Vater. „Doch all das tut er nicht, weil in seiner Familie alles in Ordnung ist. Gott geht es wie vielen Menschen: Seine Familie ist nicht intakt. Viele seine Kinder leben nicht versöhnt miteinander.“

Jesu Vatergott – so der Prediger – sieht mit Schmerzen den Riss, der sich zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und der Christenheit aufgetan hat. Er leidet unter dem Hass, der in der Geschichte von Christen gegen den älteren Bruder Israel bis hin zum mörderischen antisemitischen NS-Regime entflammt ist. „Das Evangelium des heutigen Sonntages bekennt den liebenden Vater über beiden, Juden wie Christen, obwohl es von der beginnenden Entfremdung weiß. So sollen wir auf den gütigen Gott Israels sehen, der der Vater Jesu Christi ist… In den Juden sollen wir unsere Geschwister vor Gott sehen. Dazu müssen wir mehr über das Judentum wissen und zum Dialog bereit sein… Als die teuflische Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis begann, war Dietrich Bonhoeffer einer der wenigen, der widersprach.“

Der Blick auf die zerrissene Familie im Gleichnis zeigt uns: Jesus malt uns keine „intakte“ Familie vor Augen. Er richtet kein Familienidyll und -ideal auf. Die Brüder müssen neu miteinander leben lernen. Glück haben Kinder, die in ihren Familien Geborgenheit erfahren. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht, so der Prediger. Ehen können zerbrechen. Viele Familien werden gegenwärtig durch Flucht zerrissen. Eine Vielzahl von Familienformen existiert nebeneinander. Wir sollen sie nicht moralisch abwerten und gegeneinander ausspielen. Kirchengemeinden sollen für Menschen mit gebrochenen Familienbeziehungen ein Zuhause werden. Sie sollen Familien in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen unterstützen. „Familie muss gestärkt werden als der Ort, wo Menschen am stärksten Beistand und Solidarität erleben und erlernen.“

Zuletzt kehrte der Prediger zur Familie Bonhoeffer zurück, deren schöne bildungsbürgerliche Welt des Berliner Grunewalds oder des Harzer Friedrichsbrunns zerbrach, als das menschenverachtende NS-Regime vier der Söhne bzw. Schwiegersöhne der Familie ermordete. Die innere Klarheit über das notwendige Tun und die Solidarität untereinander trug diese Familie. Ebenso die Geborgenheit der Kindheit. Propst Hackbeil schloss mit dem Zitat Karl Bonhoeffers aus einem Brief an seinen ehemaligen Assistenten jüdischer Herkunft, der vor den Nazis in die USA fliehen konnte. Beide Familiengeschichten – die biblische und die der Bonhoeffers – können heute noch dazu beitragen, auf das Leben vorzubereiten.

Die Zeit zwischen dem Gottesdienst und dem Vortrag von Dr. Cornelius Bormann am Nachmittag war gefüllt mit Aktivitäten, die auch familiäres Leben bestimmen. Da war zunächst die Einladung, an einem gemeinsamen Tisch Platz zu nehmen. Dazu hatte die Familie Zehnpfund, die das Café im Haus betreibt, zusammen mit einem Stab von Mitarbeitern ein kräftigendes Mittagsmahl vorbereitet. Bereichert wurde das gemeindliche Familienleben durch die spielerische Präsentation einiger Kindergartenkinder mit ihren Eltern und deren Erzieherinnen, die in die Welt der Indianer führte. Natürlich gehört das Familiengespräch am gemeinsamen Tisch dazu. Ruth Ziemer und Christine Bick, zwei Mitglieder des Träger- und Fördervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, luden ein, eigene Familienerfahrungen miteinander auszutauschen. Sie regten die Fantasie der Erinnerung an: „Versetzen Sie sich in Ihre Kindheit zurück … und denken Sie an die Situation zu Hause bei Tisch. Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge die Bilder kommen, die Sie beim Essen zeigen.“ Weitere Fragen gaben Impulse zum Gespräch, die an einigen Tischen zu einem regen persönlichen Austausch führten.

Danach gingen die Besucher des Bonhoeffertages zur nahegelegenen Bonhoefferkirche. Rund 60 Besucher lauschten dort gespannt den frei vorgetragenen Ausführungen von Dr. Cornelius Bormann über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“. Nachdem er mit dem Zitat aus dem Ethikfragment „Erbe und Verfall“ die Brücke zum Gottesdienst am Vormittag geschlagen hatte, zeigte er die Ausgabe einer Lutherbibel aus dem Jahr 1911. Eine solche Bibel hatten die Eltern ihrem zweiten Sohn Walter zur Konfirmation geschenkt. Nach dem Tod Walters kurz vor dem Ende des I. Weltkrieges erhielt Dietrich dessen Bibel von seiner Mutter zur Konfirmation. Sie wurde zu seiner Arbeits- und Meditationsbibel. Sie begleitete ihn bis in die Haftzeit.

Wie diese Bibel ein Zeichen familiärer Verbundenheit war, so war es auch der Siegelring der Familie, den sowohl Dietrich als auch seine Brüder trugen.

Der Siegelring mit dem Wappen der schwäbischen Bonhoeffers öffnete den Blick auf den Vater Karl mit seiner naturwissenschaftlichen Nüchternheit und menschlichen Empathie und auf die Mutter mit ihrer Frömmigkeit und Fähigkeit, das Familienleben zu planen, zu gestalten und die Kinder zu fördern.[2] Über die Eltern hinaus weitete der Referent die Sicht auf die beiden Großeltern der Bonhoefferkinder, vor allem auf die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, mit ihrem wachen Sinn für die Unterdrückung und Entrechtung der Juden, mit ihrer Gradlinigkeit und Aufrichtigkeit, die Dietrich Bonhoeffer in seiner Traueransprache 1936 hervorhob.[3] Noch weiter ging der Referent zurück, um den Wurzelgrund dieser besonderen Familie aufzuzeigen.

Vier Urgroßväter stellte er den Zuhörern vor Augen und mit ihnen vier Aspekte von Lebensentwürfen, die die Bonhoefferkinder auf das Leben vorbereiteten.[4] In Buchform, in Bildern, die die Wohnung schmückten und bestimmten, und in Erzählungen war ihnen ihr Leben präsent:

  • Christian Tafel verkörpert das revolutionäre, das freiheitlich-republikanische Erbe;
  • Stanislav Graf von Kalkreuth steht für das kreative, das musische – bei ihm das malerische – Talent;
  • Sophronius Franz Bonhöffer bringt das bürgerliche Erbe und Engagement einer freien Reichsstadt in die Familiengeschichte ein;
  • Karl August von Hase vertritt die liberale Prägung des Protestantismus. Als Burschenschaftler führte ein Konflikt mit den Landesfürsten zur Festungshaft in Hohenasperg. Den autobiografischen Bericht hat Dietrich Bonhoeffer in der Haft erneut gelesen. Als späterer Kirchenhistoriker schrieb Karl August von Hase eine Kirchengeschichte, die in drei Ergebnissen des 19. Jahrhunderts den Anspruch des von Jesus von Nazareth verheißenen Reiches Gottes widergespiegelt sah: in der Emanzipation der Juden, in der Befreiung der „Neger“ aus der Sklaverei und in der Solidarität der Arbeiterschaft.

 

Nachdem der Referent in wenigen Zügen die Geschwister Dietrich Bonhoeffers als Teil der Familie beschrieben hatte[5], entfaltete er den Ort ihres Wohnumfeldes, den Grunewald,[6] angefangen von der Idee des Gründung dieser Villenkolonie bis hin zu ihren Bewohnern. Er charakterisierte dieses Wohnviertel mit seinen mehr als 6.000 Bewohnern als einen kleinen Kulturstaat, der nach Ablösung des wilhelminischen Machtstaates durch den I. Weltkrieg ein Vorbild des neuen Staates der Weimarer Republik hätte sein können. Dieses Viertel war Ausdruck des Bildungsbürgertums, das u. a. seinen Ursprung in der französischen Revolution hat und Teil des allgemeinen Bürgertums ist. Bildung und Kultur werden als zentral angesehen. Sie sollen auf das Leben vorbereiten. Sie zielen auf die Gestaltung von Zukunft. Sie bilden das Bewusstsein der Verantwortlichkeit. Sie prägen Individualität und Persönlichkeit. Eine besondere Untergruppe des Bürgertums ist das protestantische bildungsbürgerliche Milieu, das der Referent mithilfe der Studien Max Webers beschrieb. In diesem Milieu verbindet sich Luthers Erbe der Wertschätzung des Gottesdienstes im Alltag der Welt, in Beruf und Arbeit mit dem Erwählungsgedanken calvinistischer Prägung, bei der sich die Erwähltheit in Erfolg und Wohlhabenheit zeigt.

In seiner Haftzeit hat sich Dietrich Bonhoeffer intensiv an seine Familie und das Wohnumfeld in Berlin-Grunewald erinnert und die Erinnerungen z. B. in einem Dramen- und Romanfragment verarbeitet.. Sie spiegeln dieses liberale, protestantische, bildungsbürgerliche Milieu wider.[7] Nicht nur das Dramen- und Romanfragment Dietrich Bonhoeffers in der Haft, schon Partien seiner „Ethik“ und Abschnitte des Essays „Nach zehn Jahren“ zeugen von diesem bürgerlichen Bewusstsein, das mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein gepaart ist. So zitierte der Referent aus „Nach zehn Jahren“:

„Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür. Wo man um materieller Bequemlichkeit willen duldet, dass die Frechheit einem zu nahe tritt, dort hat man sich bereits selbst aufgegeben, dort hat man … sich schuldig gemacht am Ganzen. In anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sein, von der Gleichheit der Menschen Zeugnis zu geben; heute wird gerade das Christentum für die Achtung menschlicher Distanzen und menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten haben.“[8].

Christine von Dohnanyi, geb. Bonhoeffer, äußerte im Sommer 1946 gegenüber Ricarda Huch als Ziele der Erziehung ihrer Eltern: „Persönliche Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, unbedingte Wahrhaftigkeit und Verantwortlichkeit dem gesprochenen Wort, ja sogar der Formulierung gegenüber, Ablehnung von Modenarrheiten auf geistigem und anderem Gebiet, Achtung vor der Meinung und besonders vor den Gefühlen der Mitmenschen.“[9]

Der Referent schloss mit einem Ausblick auf die in den ethischen Fragmenten zentralen Begriffe der „Wirklichkeitsgemäßheit“ bzw. „Situationsgemäßheit“. Er verband sie mit Wahrheit und Freiheit. „Der verantwortlich Handelnde bezieht die gegebene Situation in sein Handeln ein… Nicht irgendein fremdes Gesetz wird der Wirklichkeit aufgezwungen, vielmehr ist das Handeln des Verantwortlichen im tiefsten Sinne wirklichkeitsgemäß.“[10]

Angesichts der Frage „Was ist wirklich?“ verwies der Referent auf ein unscheinbares Zitat aus dem Brief vom 15.12.1943: „Lüge ist die Zerstörung und die Feindschaft gegen das Wirkliche, wie es in Gott ist.“ (DBW 8, S. 238). Wahrheit – im Umkehrschluss – ist Aufbau und Freundschaft des Wirklichen. Das Wirkliche gibt es nicht ohne Wahrheit. Doch Wahrheit ist situationsbezogen, Einsicht in die Wirklichkeit der jeweiligen Situation – wie sie sich von Gott aus ergibt.[11] Was dies bedeutet, müsste an Bonhoeffers Überlegungen zu „Jesus Christus und die mündige Welt“ entfaltet werden, mit denen Bonhoeffer die guten Erfahrungen und Einsichten seiner bürgerlichen Welt theologisch integriert.[12]

An dieser Stelle wäre es reizvoll gewesen, in eine intensive Diskussion einzutreten. Doch die Hörer waren so erfüllt, so gesättigt von der Beschreibung der Hintergründe dieser Familie, die auch Dietrich Bonhoeffer nachhaltig geprägt haben, dass es zu keinem Nachgespräch mehr kam. Sie dankten es dem Referenten mit einem intensiven Applaus und mit Worten der Anerkennung in persönlichen Gesprächen.

Mit einem Reisesegen entließ der amtierende Pastor der Gemeinde die Zuhörerschaft in der Bonhoefferkirche und lud zu einem Wiedersehen im Jahr 2018 ein. Der Träger- und Förderverein „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. wird sich bemühen, ein neues aktuelles Thema zu finden, das organisch mit dem Erbe der Bonhoefferfamilie verbunden werden kann.

[1]   DBW 6, S. 95

[2]    Cornelius Bormann, Jesus Christus und die mündige Welt. Dietrich Bonhoeffers Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft vor dem Hintergrund der erinnerten Jugendzeit, Rheinbach 2015, S. 131ff

[3]    C. Bormann, a. a. O., S. 148f

[4]    C. Bormann, a. a. O., S. 150-156

[5]    Siehe teilweise C. Bormann, a. a. O., S. 195ff

[6]    Siehe C. Bormann, a. a. O., S. 156ff

[7]    Ausführlich C. Bormann, a. a. O., S. 74ff

[8]   DBW 8, S. 32

[9]   M. Smid, Hans von Dohnanyi und Christine Bonhoeffer. Eine Ehe im Widerstand, S. 25

[10] DBW 6, S. 221

[11] Siehe dazu den gesamten Abschnitt DBW 6, S. 221ff; z. B.: „Die Menschwerdung Gottes allein ermöglicht ein echtes wirklichkeitsgemäßes Handeln. Die Welt bleibt Welt, aber sie bleibt es doch nur, weil Gott sich ihrer angenommen und seine Herrschaft über sie erklärt hat.“ A. a. O., S. 223

[12] Siehe C. Bormann, a. a. O., S.253ff, speziell zum Begriff „mündig“ a. a. O., S. 288ff

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Dominic Borchert arbeitet als Öffentlichkeitsreferent für das Bonhoeffer-Haus

Dominic BorchertSeit dem 1. Februar 2015 ist Dominic Borchert als Öffentlichkeitsreferent für den Träger- und Förderverein tätig. Er wird in Zukunft Ansprechpartner sein, wenn es um Einführungen in die Ausstellung, Bildungsveranstaltungen oder Anfragen zur Geschichte des Hauses geht.

Dominic Borchert hat von 2005 bis 2011 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Neuere und Neueste Geschichte studiert und den Grad eines Magister Artium erworben. Der Schwerpunkt seines Studiums lag dabei auf der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen, z. B. im kollektiven Gedächtnis oder in den Medien.

Bereits seit 2014 arbeitet Dominic Borchert als freier Mitarbeiter für die Mitteldeutsche Zeitung.

Anfragen erreichen ihn über seine E-Mail-Adress D-Borchert@gmx.net oder über die Mobiltelefonnummer 0176 204 204 82.

Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn – eigentliches Zuhause und Zufluchtsort

31. August 2014: 17. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Ein Bericht von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Der 17. Bonhoeffertag 2014 in Friedrichsbrunn war geprägt von der Präsentation und Eröffnung der neuen Ausstellung im Bonhoeffer-Haus. Fast ein Jahr lang hat eine Arbeitsgruppe aus Studierenden der Hochschule Harz, Wernigerode, unter Anleitung von Prof. Eberhard Högerle, und aus Mitgliedern des Gesamtvorstandes des Träger- und Fördervereins ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. an der Konzeption einer selbsterschließenden, interaktiv gestalteten und generationsübergreifend ausgerichteten Ausstellung in zwei Räumen des ehemaligen Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer gearbeitet. Das Ergebnis wurde einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt, nachdem schon am 31. Juli 2014 der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Haseloff das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn besucht und die ersten Ergebnisse besichtigt hatte.

Doch der Reihe nach. Wie immer sollte das Treffen, an dem in diesem Jahr im Durchschnitt des Tages rund 100 Menschen teilnahmen, mit einem Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses eröffnet werden. Wolken und auch Regen waren für den Sonntag angesagt. Da ist es ein Glück, dass die Bonhoefferkirche im Ort groß genug ist, um die Besucher zu fassen. Was die Superintendentin Angelika Zädow als ein Glück ansah, nahm die Mitpredigerin Pastorin Ursula Meckel als Pech wahr. Denn wunderschön waren bisher die Gottesdienste im Freien. Mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung begannen beide ihre Dialogpredigt über ‚Glück und Unglück‘. Die Tageslosung des 31. August 2014 hat die Predigerinnen dazu inspiriert: „Freue dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beides, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt.“ (Prediger 7,14). Die beiden Predigerinnen begeben sich auf die Suche nach der Bestimmung des Glücks. Sie nehmen die Gottesdienstbesucher auf ihre Reise mit in die Welt des kleinen und großen Glücks. Im Hebräischen steht beim Prediger‚ha tow‘, ‚das Gute‘ für‚Glück‘. ‚Gut‘ kann angenehm riechendes Öl sein oder etwas Nützliches wie fruchtbares Land. Im Staat Bhutan steht das Glück in der Verfassung. Sie spricht vom ‚Bruttoinlandsglück‘. Es gibt ein Ministerium für Glück. Dazu zählen: 1. Bewahren und Fördern der Kultur. 2. Leben im Einklang mit der Natur. 3. Gerechte Wirtschaftsentwicklung. 4. Gutes Regieren. Selbst in Großbritannien wird nach einem Glücksindex gesucht und die Einbeziehung der Zufriedenheit in das Bruttosozialprodukt wurde im Bundestag gefordert.

Der Prediger spricht davon, dass Gott uns beides schickt‚ ‚Glück und Unglück‘. Dietrich Bonhoeffer sagt in seinem Gedicht ‚Glück und Unglück‘, geschrieben in der Haft in Tegel: „Glück und Unglück, die rasch uns und überwältigend treffen, sind sich am Anfang wie Hitze und Frost bei jäher Berührung, kaum unterscheidbar nah.“ Erst die Zeit wird erweisen, ob etwas Glück oder Unglück ist, denn nur Gott kennt das Ganze. Zu erkennen, dass Gott Glück oder Unglück schickt, hat mit Vertrauen zu tun, wenn es kein blindes Schicksal sein soll. Wer das Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen…‘ singt, mag denken, dass der Autor es in einer glücklichen Situation geschrieben hat. Es ist im Gefängnis dem Tod nahe von Dietrich Bonhoeffer verfasst worden. Er weiß sich in dieser Situation Gott nahe. So sagt uns seit Jahresanfang die Jahreslosung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Die Nähe Gottes bei und unter uns, ist Grund unseres Glücks und die Kraft, Unglück zu bestehen.

Die Präsentation der neuen Ausstellung ‚Die Bonhoeffers in Friedrichsbrunn‘, ebenfalls in einer dialogisch-narrativen Form von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht, Prof. Högerle und den Studierenden gestaltet, wurde nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn, mit einer Querflöten-Improvisation der Apelschen Melodie des Bonhoeffergedichtes eröffnet. Die Brücke zum Vormittag war damit hergestellt.

Ruth Ziemer erinnert an ein Gespräch beim Sachsen-Anhalt-Tag Mitte Juli in Wernigerode. Dort hatte der Verein das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn präsentiert. Eine Frau kommt auf sie zu und sagt: „Dietrich Bonhoeffer, der hat doch das Lied geschrieben ‚Von guten Mächten‘. Da läuft mir immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich es höre oder singe.“ Günter Ebbrecht zieht die Querverbindung zum Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn. Dietrich Bonhoeffer hat in einem Brief aus dem Gefängnis an seine Eltern geschrieben, wenn er die Glocken der Gefängniskirche höre, müsse er immer an die Sommertage in Friedrichsbrunn denken. Dann sei ihm, als wäre er ‚wie von guten Geistern umgeben.‘ Dieses und weitere Zitate – wie später Marikje Smid in ihrem Vortrag zu Hans und Christine von Dohnanyi ausführte – aus den letzten Briefen seiner Verwandten im Widerstand beweisen die Kraft der Erinnerungen an die Ferienzeiten in Friedrichsbrunn in bedrängten Zeiten. Diese Erinnerungen in der Haft an Friedrichsbrunn und an ‚Sommer, Freiheit und Heimat‘ (Susanne Dreß, geb. Bonhoeffer) sowie die Prägung durch die große Familie, die Eltern, Geschwister, später die Schwäger und Schwägerinnen werden in der neuen Ausstellung lebendig.

Wie dies geschieht, davon berichteten Prof. Högerle und die Studierenden, die die von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht vorgelegten Texte, Zitate und Fotos ansprechend in großen Schautafeln und in die Fantasie anregenden kleinen ‚Guckkästen‘ umgesetzt haben. Prof. Högerle erläuterte das Ziel des gemeinsamen Studienprojektes, die Machart der Ausstellung und die Erstellung eines Gesamtpaketes für den Träger- und Förderverein, angefangen von einem Logo für den Verein, einem einheitlichen corporate design über Roll-Ups (Aufsteller) für die Werbung über verschiedene Prospekte bis hin zur Homepage. Die Studierenden erzählten von dem Prozess, angefangen vom ersten Konzept über die Zusammenarbeit mit den Fachleuten und über die Realisierung. Lebendig, spannend und unterhaltsam entsteht, mit Fotos untermalt, vor den über 100 Besuchern, darunter zahlreichen Politikern aus Kommune, Landkreis und Landtag, das Bild einer fruchtbaren Teamarbeit. Mit der neuen Ausstellung hat der Verein ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. dem Land Sachsen-Anhalt eine Erinnerungs- und Gedenkstätte an Persönlichkeiten des politischen und militärischen Widerstandes gegen das NS-Regime ‚geschenkt‘. Dies hob Propst Hackbeil, Regionalbischof des Sprengels Stendal der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, hervor. Er berichtete von den ersten Überlegungen etwa 2008, die dann zu der Anmietung von Räumen im Bonhoeffer-Haus durch den Kirchenkreis führten und damit die heutige Ausstellung ermöglichten.

Der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, der sich für ein Grußwort zur Eröffnung hatte gewinnen lassen, erinnerte sich an seine Zeit als Bausoldat, wo sie die von Eberhard Bethge in der DDR erschiene große Bonhoefferbiografie ‚aufgekauft‘ und dann intensiv studiert hatten. Er hob die große Bedeutung authentischer Orte für die Erinnerung und für die geschichtliche Bildung von Schülerinnen und Schüler hervor; in einem Lehrerbrief in diesem Sommer habe das Ministerium auf solche Orte hingewiesen und den Lehrerinnen und Lehrern Mut gemacht, solche Orte mit Schülergruppen aufzusuchen, um deren Geist zu spüren und in sich in die Vergangenheit hineinzubegeben. Er ermunterte den Verein, sich an die Landeszentrale für politische Bildung zu wenden und sich von der Stiftung ‚Denkmäler und Gedenkstätten‘ unterstützen zu lassen. Mit großer Sympathie und Aufmerksamkeit verfolgte er die Präsentation und die Begeisterung des Gestaltungsteams. Nach der Präsentation in der Kirche ließ er sich von Prof. Högerle, den Studierenden und Mitstreitern aus dem Verein durch die neue Ausstellung führen, bevor ihn der Ortsbürgermeister von Friedrichsbrunn und eine Kinderschar mit Beschlag belegten, um ihm die Wünsche für den Erhalt der Grundschule am Ort vorzutragen.

Während zahlreiche Besucher der Präsentation in der Kirche sich die Zeit nahmen, sich anschließend die neue Ausstellung in den Räumen des Bonhoeffer-Hauses anzuschauen, versammelten sich rund 50 Gäste des Bonhoeffertages wieder in der Bonhoefferkirche zum weiteren Höhepunkt und Abschluss des Treffens. Dr. Marikje Smid aus Heiligenloh hatte zugesagt, den großen Vortrag zu halten. Als Thema hatte sie gewählt: „Zwischen eigentlichem Zuhause und Zufluchtsort – Friedrichsbrunn auf dem gemeinsamen Weg von Christine und Hans von Dohnanyi.“ Leider war sie aufgrund der Erkrankung ihres Mannes daran gehindert, nach Friedrichsbrunn zu kommen, was sie sehr bedauerte. Freundlicher­weise hatte sie ihr Manuskript Dr. Ebbrecht geschickt und ihn gebeten, an ihrer Statt den Vortrag ‚vorzulesen‘. M. Smid hatte eigens für diesen Ort und für diesen Tag die über 1500 Briefe sowie das Silvestertagebuch von Karl Bonhoeffer und andere Dokumente des Ehepaares Dohnanyi wieder gelesen unter der Perspektive der Bedeutung des Ferienhauses in Friedrichsbrunn für Christine Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und ihre Kinder. In anschaulicher und spannender Weise entstand vor den Ohren der Zuhörer die Bedeutung dieses Hauses für die Dohnanyis.

Zwei Zitate stecken den Rahmen ab und betten die unterschiedlichen Erinnerungen an die Zeiten im Ferienhaus darin ein. Auf Bitte von Ricarda Huch vom 18.11.1946 an Christine von Dohnanyi, etwas Wesentliches über ihren Bruder Dietrich zu schreiben, antwortet Christine am 12.12.1946: „Die schönste und harmloseste Zeit des Zusammenlebens mit unseren Eltern waren die Ferienzeiten in unserem Landhaus … Dieses Haus, ein kleines ehemaliges Försterhaus, ist für uns alle fast noch mehr das eigentliche Zuhause gewesen als die Stadtwohnung … Dieses Landhaus ist für uns ein Zufluchtsort geblieben und die Männer der Familie, im besonderen Maße Dietrich, kannten keinen Ort, den sie zur ruhigen geistigen Arbeit so gern aufsuchten wie dies Friedrichsbrunn.“ Damit wird das Vortragsthema von Christine v. Dohnanyi selber benannt: eigentliches Zuhause und Zufluchtsort.

Am Ende ihres Vortrages zitiert M. Smid aus der Trauerpredigt Eberhard Bethges zum Tod Christine von Dohnanyis am 2.2.1965. Er spricht darin von „unserem klüftereichen Innenleben“, über das sich Christine ihm gegenüber geäußert habe. E. Bethge fasst ihr Leben in den Klüften der Zeiten und Gaben so zusammen: „Es klaffen ihre Kindheit und ihr Alter, Friedrichsbrunn mit seinen Pilz- und Waldgerüchen – und die Prinz-Albrecht-Straße mit ihrer politischen Verstrickung. Ihre Verwurzelung in einer reichen Tradition – und ihre tiefe Ruhelosigkeit. Das Haus und Heim, wie sie es empfing und zu bieten verstand – und ihre mehr als zwanzigjährige, selbst gewählte Hauslosigkeit.“

Auf dem Hintergrund eines ruhelosen Lebens mit zeitweiliger Hauslosigkeit, bis die Familie in Sakrow ein sicheres Heim in den Kriegsjahren gefunden hat, entfaltet M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort in Friedrichsbrunn. Sie berichtet von Friedrichsbrunn in den verschiedenen Jahren, zunächst ohne ihren Freund Hans, aber mit dessen Schwester Grete. Dann endlich mit dem Verlobten und Geschwistern, weiter als frisch Vermählte. Nach ihrer Trauung am 12.2.1925 unternehmen beide ihre Hochzeitsreise nach Friedrichsbrunn. Hans berichtet davon seinen Schwiegereltern, er könne sich „kaum einen schöneren Ort für eine Hochzeitsreise vorstellen als Friedrichsbrunn.“ Er fügt hinzu: „Ich sehe Christel mit Vergnügen wirtschaften.“ Kurz nach der Geburt ihrer ältesten Tochter Barbara im Juni 1926 sind die jungen Eltern im August mehrere Wochen im Harzer Ferienhaus. Mit Ausnahme eines gemeinsamen Urlaubs in Kärnten im Sommer 1939 verleben die von Dohnaynis in Friedrichsbrunn ihre Ferienzeit. Selbst die Vorgesetzten, der Präsident des Reichsgerichtes Erwin Bumke und der Justizminister Gürtner sind im Ferienhaus zu Gast.

Erst im Krieg, als die Familie nach Sakrow ins eigene Haus zieht, finden sie ihr eigentliches Zuhause mit Garten, im Freien, am Wasser. Dieses Haus wird ihr, der Schleichers und Eltern Bonhoeffer Zufluchtsort vor den Bombenangriffen auf Berlin. So schreibt Karl Bonhoeffer Silvester 1943 in sein Tagebuch: „Wie Sakrow für Schleichers und uns ein Zufluchtsort vor den Bombenangriffen geworden ist, so ist es Friedrichsbrunn für Karl-Friedrichs und Suses Kinder. Grete und Suse wirtschaften dort mit einem Hauslehrer für die Bonhoefferkinder.“

In der Haft sind die guten Erinnerungen an Friedrichsbrunn für Hans von Dohnanyi, vor allem die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern Kraft und Stärke. So schreibt er kurz nach der Verhaftung am 11. April 1943 an seine ebenfalls in Haft befindliche Frau: „Aber wenn jetzt, so Gott will, bald all dies Schwere vorbei ist, … dann fahren wir hinaus in das kleine Häuschen nach Friedrichsbrunn, das uns so sehr an Herz gewachsen ist und wo wir unsere ersten Flitterwochen verlebten.“ Auch wenn Friedrichsbrunn im weiteren Kampf ums Überleben in den Hintergrund tritt, so bleibt doch „die Sehnsucht nach der Ruhe und dem wortlosen Frieden im Friedrichsbrunner Wald im Herzen lebendig.“ So schreibt Hans am 12.11.1944 an seine Frau: „Wenn ich jetzt den Arm um Dich legen und mit Dir in den Wald gehen könnte – ohne ein Wort zu sagen, freilich, dann würde ich mir einbilden, Dir wirklich etwas zu sein oder doch das, was meinem Leben erst den Sinn gibt: die Stelle, an der Du ausruhen kannst.“ Aus dem Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße schreibt Hans von Dohnanyi am 12.2.1945 seiner Frau zum 20. Hochzeitstag: „Wie schön war dieser Tag vor 20 Jahren! Und die 14 Tage armer Ritter und Nierensuppe; ich möchte sie so gern wieder von deiner lieben Hand gemacht haben!“

Detailreich, einfühlsam und liebevoll beschreibt M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort Ferienhaus Friedrichsbrunn, so dass die Zuhörenden gebannt lauschen und ihr – in Abwesenheit – für diesen Einblick in einen besonderen Ort mit langem Applaus danken. Die beiden anwesenden Kinder des ältesten Bruders Karl Friedrich Bonhoeffer, Prof. Dr. Friedrich Bonhoeffer und Katharina Schmidt, geb. Bonhoeffer, waren ebenso angetan wie die übrigen Besucher. Sie ergänzten im Einzelgespräch und in der Gruppe diese vorgetragenen Eindrücke aus eigenen Erfahrungen, denn für sie und für die Dreß-Kinder wurde das Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn in den Kriegsjahren ebenso ein Zuhause und Zufluchtsort.

 

Ministerpräsident Haseloff zu Besuch im Bonhoeffer Haus in Friedrichsbrunn (31.7.2014)

„Es gibt im Land nur wenige Gedenstätten, an denen man des Lebens und Werks derartig habhaft werden kann… Das verborgene Kleinod muss neu ins Bewusstsein Sachsen-Anhalts und Deutschlands gehoben werden.“ Der Harz sei nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, in Friedrichsbrunn sei eine spirituelle Komponente zu erleben. „Warum gehört diese Stätte nicht in den Kanon der von Schulklassen zu besuchenden Orte?“

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, bei seinem Besuch im Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn am 31. Juli 2014.

Der 16. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 25. August 2013

Ein Bericht von Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Wieder haben sich bei trockenem, fast sonnigem Sommerwetter Menschen aus nah und fern in Friedrichsbrunn beim ehemaligen Ferienhaus der Familie Bonhoeffer und in der Bonhoefferkirche zum Bonhoeffertag getroffen. In diesem Jahr waren über 220 Menschen gekommen, um diesen Tag gemeinsam mit Open-Air-Gottesdienst, Vortrag in der Kirche und abschließendem Konzert zu begehen.

Zahlreiche Presseartikel, unter anderem auch vom Evangelischen Pressedienst auf der Homepage der EKD am 24.August, hatten im Vorfeld an die Wiederkehr des Erwerbs des Hauses durch das Ehepaar Karl und Paula Bonhoeffer vor 100 Jahren im Jahre 1913 erinnert. So titelte die ‚Volksstimme‘ in Sachsen-Anhalt am 20. Juli: ‚Kraft aus der Erinnerung. Vor 100 Jahren kauften Dietrich Bonhoeffers Eltern ein Ferienhaus in Friedrichsbrunn im Harz. Gottesdienst und ein besonderer Tag erinnern an den Widerstandskämpfer.

Der Tag begann im Garten des ehemaligen Ferienhauses. Vor der Kulisse des Bonhoefferhauses lud der gut bestückte Posaunenchor die über 220 Besucherinnen und Besucher zum Singen, Hören und Beten ein. Die Superintendentin des Kirchenkreises Halberstadt, Angelika Zädow und Ursula Meckel, die Pastorin des Kirchspiels Suderode, zu dem Friedrichsbrunn gehört, lasen und entfalteten im Dialog die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Sie brachten die Gemeinde darüber ins Nachdenken, dass Jesus die Frage eines Gesetzeslehrers: ‚Und wer ist mein Nächster?‘, in die Rückfrage verwandelt: ‚Wer von den Dreien in der Geschichte ist dem zum Nächsten geworden, der von den Räubern überfallen wurde?‘ Altbischof Axel Noack von der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, jetzt Teil der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, griff die Frage nach der Nächstenschaft auf, indem er die Losung des Sonntages in seiner Predigt bedachte: ‚Der HERR kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker wie es recht ist.‘

Nach dem Gottesdienst war Raum und Zeit für Speis und Trank, für Begegnung und Gespräche sowie für die Besichtigung der Ausstellung über die Familie Bonhoeffer in Friedrichsbrunn. Unter den über 20 Personen war auch eine Gruppe aus Dassel, wo sich Dietrich Bonhoeffer Anfang März 1933, vor 80 Jahren, bei einer ökumenischen Konferenz für eine von der Wahrheit des Evangeliums und der Klarheit des Bekenntnisses bestimmte Kirche in weltweiter Geschwisterlichkeit eingesetzt hatte.

Am frühen Nachmittag entfaltete Propst i. R. Dr. Heino Falcke aus Erfurt in der Bonhoefferkirche in einem biografisch geprägten Vortrag seine Erfahrungen mit Dietrich Bonhoeffer und dessen Einfluß auf sein Leben und kirchliches Wirken. Sein Vortragesthema lautete: ‚Mein Bonhoeffer – Was mir Dietrich Bonhoeffer bedeutet hat – persönlich und im Dienst der Kirche.‘ Er nahm die Zuhörerschaft mit auf seinen Weg mit Bonhoeffer seit seiner ersten Begegnung mit einem Schüler Bonhoeffers in der Jungen Gemeinde, weiter nach der Lektüre von ‚Widerstand und Ergebung‘ beim Theologiestudium und als Pfarrer bei der Erneuerung der Kirche in der DDR sowie im Einsatz für den Frieden in den 80-iger Jahren.

Für seinen Lebensweg sei mit 16 Jahren im Mai 1945 die Begegnung mit Pfarrer Karlheinz Corbach in der Jungen Gemeinde in Seehausen entscheidend gewesen (siehe DBW 15, S. 700). Mit ihm habe er angefangen, Bonhoeffers ‚Nachfolge‘ zu lesen. Man müsse glauben, um gehorsam sein zu können und den Schritt des Gehorsams wagen, um glauben zu lernen. Es gehe nicht, in der Suche nach der Antwort auf den Sinn des Lebens Zuschauer bleiben zu wollen. Diese erste Begegnung mit einem Schüler Bonhoeffers und durch ihn mit Dietrich Bonhoeffers ‚Nachfolge‘ wurde, so Falcke, der Auslöser, Theologie zu studieren.

Die zweite Begegnung erfolgte 1952 am Ende des Studium durch die Lektüre von ‚Widerstand und Ergebung‘. Er sei auf dem Weg zurück in die Kirchenprovinz Sachsen gewesen, da hätten ihn Bonhoeffers Sätze in der Taufpredigt für Dietrich Bethge ermutigt, sich auf den Umschmelzungsprozess der Kirche, deren Gestalt sich radikal ändern müsse, einzulassen. Die ‚forcierte Säkularisierung‘ der DDR-Gesellschaft habe ihn kirchenpolitisch herausgefordert. Gegen die Versuchungen der Kirche, aggressiv gegen den Staat vorzugehen oder sich einfach anzupassen und gegen die Versuchung des Rückzuges der Kirche auf sich selbst (‚Selbstghettoisierung‘) habe Bonhoeffers Leitwort von der ‚Kirche für Andere‘ befreiend und hilfreich gewirkt.

Als die SED den Slogan von der ‚Kirche im Sozialismus‘ geprägt hatte, hätten sich die Kirchen dazu verhalten müssen. H. Falcke zitierte seinen Beitrag auf der Synode des Kirchenbundes 1973: Weil Gott in Jesus Christus für Andere da war (im Zeichen des Kreuzes), könne Kirche nur Kirche sein, sofern sie für Andere da ist. Sie würde zwar die atheistische DDR als Ausdruck der Aufklärung und Säkularisierung respektieren, jedoch zugleich ihr Verhältnis zur DDR und zum Sozialismus in der DDR theologisch reflektieren müssen. Wenn Gott Autor unserer Freiheit und Mündigkeit ist, dann muss alle Autorität – auch die staatliche – Autorschaft von Freiheit sein, die die freie Verantwortung des Menschen, das offene Wort, die Vielfalt der Meinungen, die Selbstverantwortung des Menschen zulässt. ‚Wenn Gott riskiert, im Menschen einen mündigen Partner zu haben, dann sollte Kirche und Gesellschaft nicht weniger riskieren‘, sagte Falcke. ‚Kirche im Sozialismus‘ könne von diesem Kirchenverständnis her nur Einsatz für einen ‚verbesserlichen Sozialismus‘ bedeuten.

Die dritte Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer habe sich angesichts des kalten Krieges, des Westrüstens in Ost und West und der atomaren Abschreckung in der ‚Friedensfrage‘ ergeben. Bei der Mitarbeit an der Erarbeitung einer Handreichung zur Seelsorge an Wehrpflichtigen seien sie von der christologischen Begründung der Friedensethik in Bonhoeffers ökumenischen Predigten auf Fanø inspiriert worden: Der Friede ist kein Problem, sondern mit dem Erscheinen Jesu Christi das uns gegebenes Gebot Gottes. Es fordere die Kirchen zu einem klaren Friedenswort auf, das ein allgemeines christliches Konzil sprechen sollte. Für die Handreichung habe dies bedeutet: In der damaligen Situation gäben diejenigen, die den Wehrdienst verweigerten (Bausoldaten) ein deutlicheres Zeugnis für das Friedensgebot Christi. Wie Dietrich Bonhoeffer kein Prinzipienmensch gewesen sei, so hätte er auch keinen prinzipiellen Pazifismus vertreten. Er sei Pazifist gewesen, der auf das Friedensgebot Christi in der Begegnung mit der jeweiligen Situation gehört habe. Von ihm sei ein ‚wirklichkeitsbezogener Pazifismus‘ zu lernen. H. Falcke hob zudem den ökumenischen Zusammenhang des Friedenszeugnisses der Christen hervor. Die ökumenische Gemeinschaft der Kirche sei die Verleiblichung des Friedens Christi.

In einem letzten Schritt sprach er den gegenwärtig aktuellen Themenbereich ‚Bonhoeffer und die Religion‘ an. Ist dessen Analyse der ‚religionslosen Welt‘ ein Irrtum gewesen angesichts der Wiederkehr der Religion und ihrer Beeinflussung der Machtpolitik, z. B. im Nahen Osten? Angesichts der fortgeschrittenen Zeit konnte er sich nicht auf Bonhoeffers Gedicht ‚Christen und Heiden‘ einlassen, vielmehr nahm Falcke den Amoklauf eines jungen Menschen 2002 im Gutenberggymnasium in Erfurt als Beispiel. Erfurt habe damals unter einem Schock gestanden. Am Tatort seien viele beschriftete Zettel hingelegt worden. Nur auf einem habe er gelesen: ‚Gott, wo warst Du?‘. Die meisten Menschen hätten gefragt: ‚Wie konnte das geschehen?‘ ‚Was ist mit uns los?‘. Nicht die Theodizeefrage beschäftige die Menschen, sondern die Frage nach der Anthropodizee. Der Mensch sei dem Menschen zum Rätsel geworden. So äußere sich heute wohl die religiöse Frage als Frage nach dem Menschen, nach dem Menschsein des Menschen, nach seiner Würde. Falcke schilderte dann eindrücklich, wie sich in dieser Situation 2002 Kirche in der Solidarität mit den erschütterten Menschen als ‚Kirche bei den Anderen‘ erwiesen hat und in analogen Situationen zeigen sollte.

Nach über einer Stunde gespannten Zuhörens bedankten sich die Hörerinnen und Hörer mit einem intensiven Applaus bei Heino Falcke für seine autobiografische und zeitaktuelle Vergegenwärtigung, für ‚seinen Dietrich Bonhoeffer‘.

Während seines Vortrages in der Bonhoefferkirche feierten Kinder und ihre Eltern im Garten des Bonhoefferhauses ein kreatives Familienfest.

Der 16. Bonhoeffertag klang aus mit einem Konzert mit Instrumentalmusik und Liedern der Band ‚Triple B‘ aus Wernigerode. Diese Musikgruppe aus sechs Musikern nahm die Hörerinnen und Hörer mit auf eine Reise durch unterschiedliche europäische Länder und Musikstile verschiedener Zeiten. Sie präsentierten in anschaulicher und begeisternder Weise Weltmusik. Das Publikum war eingeladen, bei zwei Liedern aus Taizé mitzusingen.

Frau Pastorin Meckel bedankte sich zum Schluss bei den Mitwirkenden und den Besucherinnen und Besuchern für ihr Kommen und Mitgehen und lud alle zum 17. Bonhoeffertag am 31.August 2014 nach Friedrichsbrunn ein – ‚so Gott will und wir leben‘.

38 Grad Celsius, Sonne, blauer Himmel und bewegende Erinnerungen

 

Auf der Seite des Ev. Kirchenkreises Halberstadt findet sich ebenfalls ein Bericht, ergänzt mit vielen Fotos: http://www.kirchenkreis-halberstadt.de/content/rueckblicke/2012/bt.php

 

19.8.2012: 15. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn im Harz

Ein Bericht von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Nun schon zum 15. Mal lud die Kirchengemeinde Friedrichsbrunn zum Bonhoeffertag ein, in diesem Jahr am 19. August. Petrus meinte es gut mit der ‚Bonhoeffergemeinde‘. Bei klarer Sonne und unter blauem Himmel wurde der Tag mit einem Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses eröffnet. Unter den Linden wehte ein laues Lüftchen. Das kräftige Dach der Baumkronen, auf den alten Fotos der Familie aus der Zeit um 1915 noch zarte Lindenbäumchen, schützte die Gottesdienstgemeinde und zwei Kinder mit ihren Eltern und Paten, die getauft wurden, vor der prallen Sonne.

Die Gemeindepfarrerin Ursula Meckel gestaltete den Gottesdienst zusammen mit der Superintendentin des Kirchenkreises Halberstadt Angelika Zädow. Wurde beim 14. Bonhoeffertag 2011 ein neues Taufgeschirr vorgestellt, so konnten 2012 damit zwei Kinder der Kirchengemeinde Friedrichsbrunn getauft werden. Gottes Volk wächst! Als Taufspruch schlug Superintendentin Zädow die Tageslosung vor: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“ (1.Petr. 5,5). In einer Dialogpredigt loteten die beiden Predigerinnen aus, was ‚Demut‘ bedeutet: „Ich weiß, dass ich das Wichtige im Leben geschenkt bekomme und mir nicht erarbeiten oder verdienen kann und muss: die Liebe der Eltern und Familie, Freundschaft, vertrauen können, Geborgenheit erleben, glauben…“ Hochmütig sind jene, die meinen, sie verdankten alles sich selbst, vor allem das, was gelingt.

Das Wort ‚Demut‘ verrät, dass Mut dazu gehört, demütig zu sein. Damit öffnete Pastorin Meckel eine Tür zu Dietrich Bonhoeffer. Sie zitierte aus seinem Gedicht ‚Wer bin ich?‘ das Schlussgebet: „Wer ich auch bin. Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“ – Ausdruck der Demut vor Gott. In einer Charakteristik Bonhoeffers von einem Mithäftling heißt es: „Immer bewies Bonhoeffer Haltung. Er war ganz Bescheidenheit und Freundlichkeit und verbreitete um sich eine Atmosphäre der Dankbarkeit, dass wir leben.“ So setzte der Taufgottesdienst einen ersten Schwerpunkt des Tages. Die Ortsgemeinde war einbezogen, so dass sichtbar wurde: Der Bonhoeffertag Friedrichsbrunn wird getragen vom Volk Gottes vor Ort. Er ist geerdet, nicht nur in der frischen Luft unter den Linden mitten in der Mittelgebirgslandschaft des Harzes, an die sich Dietrich Bonhoeffer im Tegeler Gefängnis als gute Geister, die ihn umgeben, erinnert. Natur als Gottes schöpferisches Geschenk und Menschen als Geschenke Gottes, als ‚Gotteskinder‘, wie die Predigerinnen im Gottesdienst weiter erläuterten!

Im Gottesdienst und im Verlauf des weiteren Tages wurden die Teilnehmer/innen darüber informiert, dass am 9. Juni 2012 ein ‚Träger- und Förderverein Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ gegründet wurde. Die Gäste aus nah und fern, darunter auch Mitglieder der Internationalen Bonhoeffergesellschaft, wurden eingeladen, Mitglieder zu werden, um die Erinnerungs- und Bildungsarbeit im Bonhoefferhaus zu unterstützen. Mit ihr wird an die gesamte große und mutige Familie Karl und Paul Bonhoeffers erinnert und ihr Wirken gestern, heute und morgen den Besucher/innen erschlossen.

Dies vermochte in einer besonderen Mischung aus persönlichen Eindrücken, geschichtlichem Gedenken, historischen Reflexionen und humorvollen Geschichten Dr. Tobias Korenke aus Berlin, der Enkelsohn von Dr. Rüdiger und Ursula Schleicher, geb. Bonhoeffer, mit seinem Vortrag in der Bonhoefferkirche: „In weiter Ferne, so nah. Meine Großeltern Rüdiger und Ursula Schleicher, geb. Bonhoeffer“. Er nahm am Nachmittag die Besucher/innen mit auf den Weg dieser beiden Menschen, die seinem Eindruck nach nur gemeinsam zu denken und zu beschreiben seien. Dies zeigten u. a. Briefe aus den Jahren 1924 bis 1944, die der Referent im Moment entziffert und intensiv studiert. „Er (Rüdiger Schleicher) wurde das, was er war, durch sie (Ursula Bonhoeffer). Und sie wurde das, was sie war, durch ihn. Und trotzdem – oder vielleicht auch deswegen – waren sie beide ganz eigenständige Persönlichkeiten,“ so der Referent.

Tobias Korenke erzählte zunächst den Werdegang seines Großvaters und seiner Großmutter getrennt voneinander, bis daraus 1923 eine gemeinsame Geschichte wurde. Er verwies dabei u. a. auf die Biografie Rüdiger Schleichers von Uwe Gerrens. Er hob die Selbstbezeichnung Rüdiger Schleichers als eines ‚süddeutschen Liberalen‘ hervor. Seine Briefe und seine Lektüre zeigten, „wie sehr schon der Student davon überzeugt war, dass es weniger individuelle Interessen als Tugenden und Gemeinsinn sind, die einen politischen Verband zusammenhalten.“ Korenke zeichnete das Bild seines Großvaters als Vertreter einer ‚national-kommunitären‘ Kultur, zu der der Referent u. a. auch Max Weber und Friedrich Naumann zählte, die Rüdiger Schleicher studierte.

Auch Korenkes Großmutter Ursula war bestimmt von einer den Menschen zugewandten Lebensweise, die von ‚Mitgefühl‘ geprägt war. Das Elternhaus, die Geschwisterschar und die Freundschaften haben dazu beigetragen, dass sie ‚Fürsorgerin’ (heute würde man sagen: ‚Sozialarbeiterin‘) wurde und in einem Berliner Stadtteil tätig war, der, wie der Referent bei seinen Recherchen herausfand, zum Rotlichtmilieu gehörte: „Darüber hätte meine Großmutter uns nie berichtet,“ jedoch von ihrem beruflichem Engagement für sozial schwache Familien. Liebevoll beschrieb der Enkelsohn seine Großmutter, die er erst zwei Jahrzehnte nach der Ermordung seines Großvaters erlebte: „Ich finde: Schon auf den bekannten Familienbildern der acht Bonhoeffer-Kinder fällt meine Großmutter auf – weil sie besonders schön war, und schön blieb sie bis ins hohe Alter. Sie hatte wunderbare Haare, die auch im Alter noch schwarz waren, und sehr schöne große dunkle, warme, sanfte Augen. Ihre Haut kam mir auch im hohen Alter noch glatt und durchscheinend vor. Und“ – hier spricht der Enkel – „sie roch unübertroffen gut. Ihre entschiedene, klare Art muss Rüdiger sofort gefallen haben… Sie hatte einen wunderbaren trockenen Humor, der Spott durchaus einschließen konnte. Und sie liebte die Musik. Sie hatte auch eine schöne Stimme.“

Tobias Korenke beschrieb nicht nur anschaulich das Leben im Hause Bonhoeffer und im Hause seiner Großeltern, wie dies den Kindern ihre Mutter Christine Korenke, geb. Schleicher oft erzählt hat. Er schilderte die politische Grundhaltung der Herkunftsfamilie, die die Nazis ablehnten und die gesamte Familie in den politischen Widerstand führte. Die bedrückende berufliche und politische Situation Rüdiger Schleichers in der zunehmenden Pervertierung des Rechts- in einen Unrechtsstaates mit Naziterror wurden in seinen Ausführungen ebenso lebendig wie die Kraftquellen des Widerstandes erkennbar wurden: die Bekennende Kirche, die Ablehnung der Judenverfolgung, das Wissen um die barbarische Rechtsbeugung, die durch ‚Mitwissen‘ das Gewissen schärfte.

Dem Referenten gelang es, ein Ehepaar im Widerstand zu zeichnen, ohne einer ‚Heldenverehrung‘ zu verfallen. Als Historiker wahrte er einen reflexiven Abstand zur eigenen Familie und fragte zum Schluss eindringlich: „Wie wird man (gemeint ist hier u. a. die Großmutter) mit so einem Verlust fertig? Und wie geht man mit dem Wissen darum um, dass die Liebsten im eigenen Land, von ‚Landsleuten‘ umgebracht wurden? Wie konnte man in einem Land weiterleben, in dem die ‚Mörder unter uns‘ sind?“ Er gestand freimütig: „Ich weiß es nicht.“

Knapp schilderte er die finanziell engen Verhältnisse nach dem Krieg und die seelischen Wunden angesichts der langen Weigerung der BRD-Justiz, die Unrechtsurteile des Volksgerichtshofes aufzuheben und das Wirken des Widerstandes zu rehabilitieren. Er führte aus: „Ich bin davon überzeugt: Meine Großmutter hat die Ermordung ihres Mannes, die Ermordung ihrer engsten Verwandten nie überwunden. Ihre Erfahrung, was Menschen Menschen antun können, hat sie tief geprägt. Sie hat gelernt, damit zu leben. Irgendwie.“ In wenigen Strichen zeichnete er die Nachkriegsgeschichte seiner Großmutter. Allmählich erklang wieder Musik im Hause und es wurden Feste gefeiert. Das Interesse an Politik erwachte erneut und das Herz für sozial Schwache wurde wieder weit. Doch die tiefe Verwundung blieb, so dass der Großenkel sich scheute, die Großmutter nach den letzten Monaten und Tagen der Haft des Großvaters zu fragen und wie sie mit dem gewaltsamen Tod ihres Mannes umging.

Der Enkel verschwieg die ins Bodenlose führende Frage nicht: Wofür? Die vordergründige Antwort, dass der 20. Juli 1944 dazu beigetragen habe, Deutschland in die Völkerfamilie aufzunehmen, reiche ihm nicht. Er fragte bohrend nach dem Preis, den die Männer und Frauen des Widerstandes samt ihrer Familien gezahlt hätten. „War es das wert? Wofür?“ So fragt der Enkel sich, der diese Schwindel erregende Frage weder seiner Großmutter noch seiner Mutter zu stellen wagte. Er selber findet die Antwort darauf in der Formulierung von Rabbiner Albert Friedländer: „Das große Geschenk, das uns durch die Männer (ergänze: und Frauen) des Widerstandes erreicht, ist der Beweis, dass Widerstand möglich war, genau in der Zeit, in der die große Mehrheit das Gift getrunken und sich unter die Diktatur gestellt hat. Sie standen fast allein.“ Diese Antwort klingt bescheiden, nicht heldenhaft und doch fordert sie mutige Menschen, die zugleich ‚demütig vor Gott‘ sind. Tobias Korenke ermutigte die Zuhörer/innen, die ‚Möglichkeit zur Alternative‘ als Ansporn zu ergreifen. Denn nichts ist alternativlos und sog. Sachzwänge sollten uns nicht von der Suche nach besseren Lösungen und ihrer Umsetzung abhalten. Dazu braucht es einen couragierten Geist. „Rüdiger und Ursula Schleicher haben diesen Geist vorgelebt. Sie konnten und wollten nur so leben.“ Mit diesen Worten entließ der Referent seine Zuhörerschaft, die ihm mit einem kräftigen Applaus dankte.

Der 15. Bonhoeffertag klang aus in einem meditativen und zugleich ermutigenden Abschluss einer Collage aus Texten und Musik, die Angelika Zädow, Sopran, und Ursula Meckel, Sprecherin, begleitet von Kirchenmusikdirektor Gottfried Biller vortrugen. „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn. Aufstehn, aufeinander zugehn und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehn,“ sang die versammelte Gemeinde zum Schluss, gestärkt und ermutigt von Gottes Aufstand und der Menschen Widerstand, wie ihn die Familie Bonhoeffer in unterschiedlicher Weise in ihrer Zeit geglaubt und gelebt hat. Pastorin Meckel lud alle ein, am 25. August 2013 den 16. Bonhoeffertag zu feiern – so Gott will und wir leben. 2013 ist das Jahr, in dem der Ankauf des Ferienhauses der Bonhoeffers in Friedrichsbrunn sich zum 100. Mal jährt. Ein Grund mehr, den couragierten Geist dieser Familie tiefer zu verstehen in einer Umgebung, die Dietrich Bonhoeffer als „gute Geister, die mich umgeben,“ bezeichnet hat.

Bilder von Bethges Lebensweg und Susannes Erinnerungen

 

Bilder von Bethges Lebensweg und Susannes Erinnerungen

14.8.2011: 14. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Ein Bericht von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck, abgedruckt im Rundbrief der ibg Nr. 96, Oktober 2011, S. 61–63

Am Sonntag, den 14. August 2011,wurde die von der ehemaligen Pfarrerin von Friedrichsbrunn Wanda Krüger begonnene Tradition der Bonhoeffertage fortgesetzt. Die Kirchengemeinde hatte zum 14. Bonhoeffertag eingeladen, der wie im Jahre zuvor in enger Verbindung mit dem Heimat- und Brunnenfest Friedrichsbrunn am Tage davor gefeiert wurde. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Erbe der Familie Karl und Paula Bonhoeffer, das sie mit ihrem Ferienhaus in Friedrichsbrunn hinterlassen haben, vor Ort und regional fortgesetzt wird. Zahlreiche Gäste aus Friedrichsbrunn, aber auch weit darüber hinaus – so aus Straßburg, aus Berlin oder Gütersloh – waren zum Bonhoeffertag nach Friedrichsbrunn gekommen, darunter etliche Mitglieder der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft. Dazu hat die im Rundbrief abgedruckte Einladung und das Programm dankenswerterweise beigetragen.

Der Sonntagmorgen begann mit einem Gottesdienst im Garten und auf der Wiese hinter dem Bonhoefferhaus. Erneut überraschten die Superintendentin Angelika Zädow und die Gemeindepfarrerin von Thale Ursula Meckel die Gottesdienstbesucher mit einer lebendigen Dialogpredigt. Ausgangspunkt war das der Kirchengemeinde geschenkte Taufgeschirr aus Zinn, das zur Predigt über das Wesen der Kirche: ‚Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt‘ inspirierte. Hineingewoben in den Gottesdienst mit Lesung, Posaunenchor, Sologesang und kräftigem Gemeindegesang war das Gespräch zwischen den beiden Theologinnen über Matthäus 5,13-16. Als Beispiel für das Volk Gottes als Salz der Erde wurde an Dietrich Bonhoeffers kirchliches und politisches Eintreten für eine glaubwürdige Kirche erinnert und auf afrikanische Christen in Simbabwe verwiesen, die sich seit 2008 für die unterdrückte Bevölkerung einsetzen.

Gegen Hunger und Durst haben Garbiela Zehnpfund und ihr Mann mit einer schmackhaften Grillmahlzeit gesorgt: eine augenfällige Symbiose von ‚Cafe Bonhoeffer‘ und von den aktivierenden und spirituellen Impulsen Bonhoeffers. Für die kulturell-künstlerische Nahrung sorgte nach dem Mahl die Eröffnung der Ausstellung der Aquarelle von Pfr. i. R. Eberhard Vater von jenen Orten und Landschaften, in denen Eberhard Bethge in der Kirchenprovinz Sachsen, vor seiner Zusammenarbeit mit Dietrich Bonhoeffer in Finkenwalde, geboren und aufgewachsen war, gelebt und gewirkt hatte. Der Beraterkreis des Bonhoefferhauses hat inzwischen entschieden, das Aquarell des Ferienhauses in Friedrichsbrunn anzukaufen.

Am Nachmittag teilte sich die Festgemeinde auf. Die jüngeren und jüngsten Gäste erlebten auf der Wiese hinterm Bonhoefferhaus einen kunterbunten Nachmittag mit Spielen, Bastelaktivitäten, einem Stelzenmann und Kakao und Kuchen. Sie folgten damit den Geburtstagsfeiern von Susanne Dress, geb. Bonhoeffer, die sie in ihrer Kindheit oft am 22. August in Friedrichsbrunn im großen Rahmen feierte.

Die älteren an einem Vortrag interessierten Gäste versammelten sich in der Bonhoefferkirche. Hier stellte Dr. Ferdinand Schlingensiepen in seiner ihm eigenen treffenden Vortragsweise die Erinnerungen von Susanne Bonhoeffer an ihren Bruder Dietrich und an die Familienferien in Friedrichsbrunn vor. In einem einleitenden Beitrag zum Geschwisterverhältnis von Dietrich, dem älteren Bruder, und Susanne, der jüngsten Schwester, charakterisierte er anschaulich in unterschiedlichen Lebenslagen das Geschwisterpaar, vom kindlichen Spiel mit Holzklötzen über Kriegsspiele im Berliner Garten während des 1. Weltkrieges bis hin zu lockeren Partys, die ganz anders abliefen als die Feste im Hause Bonhoeffer. Dabei konnte Schlingensiepen auf bisher unveröffentlichte Erinnerungen von Susanne Dress, geb. Bonhoeffer, zurückgreifen, die er von ihrem Sohn, Prof. Dr. Andreas Dress, während der Vorbereitung seiner Bonhoefferbiografie erhalten hatte. Die Erinnerung der kleinen Susanne an ihren Bruder mag für viele andere stehen: „Ich glaube ich habe ihn ( gemeint ist Dietrich) angebetet; jedenfalls konnte ich mir keinen Jungen denken, der ihm überlegen war. Er war der Stärkste, Schnellste, Klügste, Einfallsreichste, Freundlichste, Frömmste und Schönste von allen Kindern, die ich kannte“.

Danach las Ferdinand Schlingensiepen aus Susannes ‚Erinnerungen‘ Auszüge jener Passagen vor, die die intensiven Erlebnisse Susannes in Friedrichsbrunn widerspiegeln. Die glühende Sehnsucht der jüngsten Bonhoeffertochter nach Friedrichsbrunn – für sie ein Ort der Freiheit – wurde ebenso anschaulich wie ihre Detailbeschreibungen der Wanderungen rund um Friedrichsbrunn mit den Wald- und Wiesenerlebnissen. Die Zuhörenden tauchten ein in die lebendige Schilderung der Bahnfahrt von Berlin nach Thale wie in das erschreckende Geschehen im Bergrat-Müller-Teich, wo Lenchen, das Kindermädchen fast ertrunken wäre, wäre sie nicht von ‚Hörnchen‘, der Erzieherin, gerettet worden. Vor dem inneren Auge der Zuhörenden erstand das turbulente Leben rund um das Schützenfest, wie wir solches von Dorffesten erwarten oder aus eigenem Erleben erinnern. Auch die schmollende Susanne, die nach einem verletzenden Wort ihrer späteren Schwägerin Grete sich in die Einsamkeit des Waldes zurückzieht und dort eigentlich ‚sterben‘ will, bis der Hunger sie wieder nach Hause treibt, kam den Zuhörenden in ihrer erstaunlichen Selbstreflexivität, die sich in der Schilderung ihrer Seelenlage äußert, nahe. Das alles wurde mit einem Schmunzeln vorgetragen. Die Zuhörer dankten Ferdinand Schlingensiepen mit einem kräftigen Applaus. Er hatte vermocht, die Friedrichsbrunner Urlaube der Bonhoeffers und damit die Bedeutung dieses Ferienortes und -hauses lebendig werden zu lassen, wie dies im Jahre zuvor Dr. Ilse Tödt mit ‚Friedrichsbrunn – Bonhoeffers Mittelgebirge‘ getan hatte.

Der Nachmittag in der Bonhoefferkirche wurde abgeschlossen mit Liedern von und zu Texten Dietrich Bonhoeffers von unterschiedlichen Komponisten, vorgetragen von der Kantorin Christine Bick aus Quedlinburg und ihrem Ehemann Hartmut. Ein heiterer und begeisternder Tag rundete sich. Sogar die Sonne trug dazu bei, indem sie mit den dicken Wolken kämpfte und obsiegte.

Die Gäste des 14. Bonhoeffertages – hoffentlich um weitere neue ergänzt – freuen sich auf den 15. Bonhoeffertag. Er soll am 19. August 2013 wieder in Friedrichsbrunn rund um das Bonhoefferhaus und in der Bonhoefferkirche begangen werden. Propst i. R. Dr. Heino Falcke hat sein Kommen zugesagt, sofern es seine gesundheitlichen Kräfte zulassen. Ein autobiografisch gefärbtes Vortragsthema wird die Gäste ansprechen: „Was mir Dietrich Bonhoeffer bedeutet hat – persönlich und im Dienst der Kirche.“ Sicher wird dabei auch ein Stück DDR-Geschichte zur Sprache kommen.