24. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 21. August 2022 – Bericht

Während der Posaunenchor aus Thale sich noch warmspielte, nahmen bereits die ersten Gäste an den zahlreichen Tischen im Garten des Bonhoeffer-Hauses in Friedrichsbrunn Platz. Als es um 11 Uhr losging, war der Garten gut gefüllt. An die 80 Menschen waren gekommen, um zum Auftakt des 24. Bonhoeffertages am 21. August 2022 einen Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern. Dieser stand wie der gesamte Tag unter dem Thema „Mit guten Mächten Krisen bewältigen“.

Grundlage für die Predigt von Superintendent Jürgen Schilling war eine Krise, die das Volk Israel bei seiner Wanderung durch die Wüste durchlebte (4. Mose 21,4-9). Im Angesicht der kargen und scheinbar ziellosen Gegenwart wurde die Vergangenheit in ägyptischer Gefangenschaft langsam, aber sicher verklärt. Kurzzeitig schien es so, als wäre der Weg ins versprochene Land zu weit. Zuerst richteten die Israeliten ihren Ärger gegen Gott, später setzten sie ihre Hoffnung auf Gott, dass er das Schicksal wenden kann. Letzteres zog sich wie ein roter Faden durch den Tag – nicht nur im Gottesdienst, sondern auch am Nachmittag kamen immer wieder die geistliche Dimension und Gott als wichtiges Gegenüber zur Sprache, um Krisen zu bewältigen. Dass auch in der Musik eine große Kraft liegt, wurde ebenso im Gottesdienst deutlich. Die musikalische Gestaltung durch den Posaunenchor Thale löste sichtbare Freude bei den Mitfeiernden aus.

Nach einer Mittagspause, bei der die Gelegenheit bestand, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich bei einem Imbiss zu stärken, ging es in der Bonhoefferkirche weiter. Dort wurde zunächst eine Collage mit Zitaten jener vier Mitglieder der Bonhoeffer-Familie, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden, zum Klingen gebracht. Dr. Günter Ebbrecht aus Einbeck hatte dafür Briefausschnitte, Gedichte und Skizzen von Dietrich und Klaus Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher zusammengestellt, die von verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern vorgetragen wurden. Die Dokumente vermittelten allesamt einen Einblick in die unvorstellbar große Schwere der Gefangenschaft, gleichzeitig aber auch einen Eindruck von dem, was die Inhaftierten in dieser existenziellen Krise getragen hat. Dazu zählten Erinnerungen an zurückliegende unbeschwerte Zeiten ebenso wie das Zeichnen und Musizieren, die geistliche Verbundenheit und ein Wort des Apostels Paulus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28). Es waren beeindruckende Zeugnisse, die teilweise auch musikalisch zu Gehör gebracht wurden. Die leise Gegenfrage, ob wirklich alle Dinge einem zum Besten dienen, blieb allerdings vermutlich bei dem einen oder der anderen bestehen.

Prof. Dr. Constantin Klein aus Dresden hatte dann die schwierige Aufgabe, nach dieser emotional intensiven Stunde auf das Feld der Wissenschaft zu führen. Sein Vortrag trug den Titel „Aushalten und Gestalten von Ohnmacht, Angst und Sorge – Resilienz in Religion und Spiritualität“. Dabei stellte er ein Modell zur Bewältigung von Stress und Krisen vor und argumentierte dafür, dass Resilienz vor allem ein dynamischer Prozess sei, in dessen Lauf es unter anderem darum geht, sich bewusst dazu zu verhalten, in Krisen weiterzugehen und den eigenen Lebensweg neu anzunehmen.

Mit einem Reisesegen klang der 24. Bonhoeffertag schließlich aus. Einen herzlichen Dank nochmal allen Mitwirkenden. 

Saskia Lieske

Hier geht’s zur Bildergalerie von Eberhard Heimrich.

Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben. Bericht vom 23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Der Bericht von Pfarrerin Dr. Saskia Lieske mit Fotos von Gottfried Bürger auf der Seite des Kirchenkreises Halberstadt: https://www.kirchenkreis-halberstadt.de/kk/meldungen/rueckblicke/2021/4649562347.php

Den folgenden Bericht können Sie auch als PDF-Dokument herunterladen:

Am Sonntag, den 29. August 2021, war es soweit. Nach einem Jahr coronabedingter Pause sollte der für 2020 geplante 23. Bonhoeffertag unbeschwert in Friedrichsbrunn starten. Die Veranstalter, das Kirchspiel Bad Suderode-Friedrichsbrunn und der Träger- und Förderverein hatten sich nach eingehenden Onlineberatungen per Zoom darauf verständigt, den 23. Bonhoeffertag Ende August durchzuführen, falls es die Inzidenz der Pandemie erlaube. Und die niedrigen Inzidenzwerte in Sachsen-Anhalt und noch geringere im Landkreis Harz erlaubten es. Doch ein Blick in den wolkenverhangenen Himmel mit seinen Wassermassen trübte die Freude auf den Neustart.

Trotz des anhaltenden Nieselregens startete der 23. Bonhoeffertag mit dem Gesamt­thema ‚Familie(n) leben‘ am Vormittag um 11.00 Uhr. Nicht wie sonst an der frischen Luft unter heiterem Himmel im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Familie Bon­hoeffer, sondern im geschlossenen Raum der Bonhoefferkirche. Knapp 65 Menschen waren gekommen und konnten sich einigermaßen sicher mit Abstand und Mund-Na­senschutz dort versammeln. Der Posaunenchor Thale unter der Leitung von Kirchen­musikdirektorin Christine Bick eröffnete von der Empore herab beschwingt den Gottesdienst und ließ das regnerische Wetter vergessen. Die von allen mit Maske gesungenen Lieder aus den ‚freitönen‘ waren trotz Dämpfung zu hören. Schon die Begrüßung und erst recht die Lesung von Markus 3,31-35 führten ein in das Thema des Tages: Familie(n)leben.

Die Predigerin und erste Vorsitzende des Förder- und Trägervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn Pfarrerin Dr. Saskia Lieske sprach schon in der Begrüßung die Bedeu­tungsweite und die Komplexität des Themas an: Manche Christinnen und Christen ver­mitteln oft den Eindruck, dass es ein eindeutiges biblisches Familienbild gäbe. Dieses ähnele zumeist dem Bild aus dem 19. Jahrhundert: Vater-Mutter-Kinder. Doch die biblischen Schriften kennen eine große Vielfalt an Familienformen, ange­fangen bei den Großfamilien mit Vielehe bei den Erzmüttern und -vätern. Der Text der Le­sung und der Predigt aus Markus 3,31-35 setze dieser Vielfalt, so die Liturgin, sogar die Krone auf. Denn der Evangelist erzähle von der Herkunfts­familie Jesu. Angesichts einer großen Volksmenge, die Jesus in einem übervollen Haus umringt, gelangt die biologische Familie Jesu nicht zu ihrem Sohn und Bruder. Sie fordern Jesus über Mittler auf, zu seiner Herkunftsfamilie herauszukommen. Jesus, so der Evange­list, antwortet: „Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?“ Dann blickt er die Menschen an, die rings um ihn sitzen und sagt: „Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Die Predigerin setzte in ihrer Predigt ein mit dem unbestreitbaren Satz: „Alle Menschen haben eine Familie, denn jeder Mensch kommt aus einer Familie.“ Wie aber Familienleben aussieht und sich auswirkt, ist sehr unterschiedlich. Die Predigerin schilderte Momente großen Glücks und Erfüllung, aber auch die Gefähr­dungen und Brüche, die Enge und unerfüllten Wünsche. Das Thema ‚Familienleben‘ sei heikel, hoch emotional, denn es verbinden sich mit Familie sehr persön­liche und emotionale Erfahrungen. „Es geht ums Eingemachte, um die eigene Lebensgeschich­te.“

So gäbe es auch in der ‚Heiligen Familie‘ Streit. Heißt es nicht im Dekalog, den Jesus kennt und teilt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen? Doch in der Erzählung aus dem Markusevangelium scheint er dies vergessen zu haben. Er bittet seine leibliche Mutter und seine leiblichen Brüder nicht höflich ins gastfreie Haus, sondern weist sie schroff zurück. Meint es seine Herkunftsfamilie nicht gut mit ihm, da sie ihn vor Unbesonnenheit bewahren will? Sie behauptet, er sei von Sinnen, und es sei besser für ihn, geregelter Arbeit nachzu­gehen. „Seine Familie sorgt sich, vielleicht macht sie der Rummel um ihren Sohn und Bruder auch skeptisch.“

Ob Jesu Herkunftsfamilie draußen vor der Türe hört, was Jesus drinnen auf ihren Rückruf ins familiäre Heim ant­wortet und wie er Familie definiert, wird nicht berichtet. Denn entgegen aller Tra­dition und Konvention definiert Jesus Familie neu: Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Die verwandtschaftlichen Be­ziehungen der Abstammung rücken in den Hintergrund. Jesus entwirft das Bild einer größeren Familie, das Bild der Familie Gottes. Zu ihr gehören alle, die den Willen Gottes tun.

Die Predigerin wendete sich dann dem zu, was dies im Sinne Jesu heißt. Es gibt in der Bibel viele Versuche, den Wilen Gottes in zahlreiche Gebote zu fassen. Doch Jesus kon­zentriere sich auf die drei, die in der Regel als „Doppelgebot der Liebe“ bezeichnet werden. Der Wille Gottes bestehe darin: „Gott, den Nächsten und auch sich selbst zu lieben.“ Was das konkret heißt, schildere die gleichnishafte Geschichte vom barmher­zigen Samariter. Es komme darauf an, dass „ich mit offenen Augen durchs Leben gehe und darauf Acht gebe, wer meine Zuwendung braucht und wem ich so zur Nächsten werden kann.“ Dabei komme es auf den ersten Schritt, den empathischen Blick an: „Der Mensch, der Räubern zum Opfer gefallen war, brauchte den Samariter, der seine Wunden versorgte und ihn in die Pflege eines anderen gab. Der Mensch, der sonst keinen zum Reden findet, braucht vielleicht ein offenes Ohr. Andere brauchen eine feste Umarmung; ein aufmunterndes Lächeln; ein bisschen Geld; Unterstützung im Haus; ein gutes Wort.“ Gottes Willen zu tun, bewege sich, so die Predigerin „im­mer in einem Dreieck: die Verbindung zu Gott pflegen, aufmerksam für die Bedürf­nisse des anderen sein und achtsam für die eigenen Bedürfnisse bleiben.“ Dieses Dreieck gleiche einem Mobile, das sich mal hierhin, mal dorthin bewege, aber immer zusammengehalten sein will.

Dieses Bild des ‚Windspiels‘ träfe auch auf die ‚Familie Gottes‘ zu, wie Jesus sie in Markus 3 beschreibt. Denn die ‚Familie Gottes‘ vermag die Herkunftsfamilie, die unterschiedlichen Familienformen zu integrieren. Wie in dem ‚Mobile‘ hebe die Bibel einmal das Gebot der Elternliebe hervor; mal liege das Achtergewicht darauf, dass die leibliche Verwandtschaft aufgebrochen wird. „Familie wird nicht überflüssig, aber sie ist eben nicht die einzige Familie, in der Menschen leben.“ So ist die ‚Familie Gottes‘ „unfassbar groß – und wird dann wiederum ganz konkret, nämlich in den Gemeinden vor Ort und überall, wo Christ*innen zusammenkommen und Gemeinschaft haben.“

Auch wenn es wie in unseren Herkunftsfamilien in der Kirche, in der ‚Familie Gottes‘, Konflikte und Krisen gebe, so bleibe es wichtig, sich von Jesus daran erinnern zu las­sen, worum es geht: den Willen Gottes zu tun. Das bedeute: „Füreinander da zu sein; den anderen nicht im Stich zu lassen, sondern tatkräftig Hilfe anzubieten; für­einander Sorge zu tragen; die anderen Familienmitglieder mit ihren Stärken und Schwächen anzunehmen; sich mit den anderen mitzufreuen oder mit ihnen mit­zuleiden.“ Auch wenn dies nicht immer gelingt, kann doch die Gemeinde zu einem Ort werden, „an dem Menschen sich wie in einer Familie geborgen und aufgehoben fühlen.“ Die letzten Worte der Predigt klangen wie ein ‚Amen‘: „Gott sei Dank, dass es sie gibt.“

Auf dieses eindrückliche Plädoyer für die größere Familie Gottes, in der die unter­schiedlichen Familienformen heimisch sein dürfen, antwortete die Gottesdienstge­mein­de mit dem Lied: ‚Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt, seine Gerech­tigkeit, Amen,‘ bei dem es in der vierten Strophe heißt: ‚Ihr seid das Volk, das der Herr sich auser­sehn, seid eines Sinnes und Geistes.‘

Leider fielen wegen des Regens die Gespräche über Familienleben an den Tischen im Freien aus. Doch hier und da hat in den Räumen des Cafés, der Kolonistenstube und in den Ausstellungsräumen beim und nach dem Mittagsessen das Thema ‚Familie(n) leben‘ heiße und nachdenkliche Gespräche ausgelöst, denn: „Alle Menschen haben eine Familie, denn jeder Mensch kommt aus einer Familie.“

Der Nachmittag führte ab 14.00 Uhr ca. 40 Teilnehmende des Bonhoeffertages in der Bonhoefferkirche zu zwei Vorträgen mit anschließendem Gespräch im Plenum zusam­men. Die Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Herausgeberin der Erinnerungen von Susanne Dreß[1], der jüngsten Tochter von Paula und Karl Bonhoeffer, referierte an­hand der Aufzeichnungen von Susanne Dreß über das Leben der Familie Bonhoeffer, also über ein bedeutsames Familienleben damals. Sie setzte dabei vier Akzente: ‚Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer.‘

Die Soziologin und Bundesgeschäftsführerin der Ev. Arbeitsgemeinschaft Familie der EKiD, Dr. Insa Schöningh, sprach über ‚Familienleben heute‘.

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht stellte die Referentinnen vor und moderierte die an­schließen­de Diskussion.

Wenn sie, so Jutta Koslowski, in ihrem Vortrag die Familie Bonhoeffer, die in Frie­drichs­brunn ihr Ferienhaus für die ganze Familie, dazu Verwandte und Freunde hatte, als Vorbild darstelle, so sei damit keine Idealisierung verbunden, sondern die Zeich­nung des Bildes einer Familie, die noch heute dazu beitragen könne, Familien ver­lässlich zu stärken. Sie wolle in ihrem Vortrag Lesungen aus den Aufzeichnungen von Susanne Dreß und teilweise aus den Erinnerungen ihrer älteren Schwester Sabine Leibholz-Bonhoeffer[2] mit allgemeinen Beobachtungen zu dem, was diese Familie ausgemacht habe – sie nannte dies ihr ‚Familiengeheimnis‘ – verknüpfen. Unter vier zentralen Aspekten stellte sie fünf ‚Geheimnisse‘ dar – das, was diese Familie uns als ihr ‚Vermächtnis‘ bzw. ihren ‚Schatz‘ vererben kann:

  1. Die Ehe der Eltern Karl und Paula,
  2. Ihr Konzept der Kindererziehung,
  3. Das kulturelle Leben dieser Familie und ihres Umfeldes und
  4. Ihr politisches Engagement.

Jutta Koslowski eröffnete ihren Vortrag mit einem längeren Zitat aus den Aufzeich­nungen von Susanne Dreß, das sich auf das Ferienhaus in Friedrichsbrunn bezieht. Susanne schildert darin ihren Weg als Kind in die Ferien als ihren ‚Privatweg ins Glück‘. Sie beschreibt z. B. den Jubelschrei, mit dem sie das Ferienhaus nach der An­kunft empfängt: „Zum dritten Mal durch ein Gatter, dann kommt die kleine Wald­wiese, bis zu der ich schon alleine gehen darf – und wenn der Wald sich lichtet, hinter der Schützenwiese, liegt es da. ‚Unser Häuschen! Unser Häuschen!‘, brülle ich wie verrückt, denn nun ist es wirklich wahr und kein Traum und gar nichts ist passiert; es ist da und ich bin da – und nun ist das Leben nur noch schön.“[3]

Dieser Jubelruf ist nicht nur Ausdruck der Begeisterung des Kindes, das die Ferien im Harz als Paradies erlebt, in dem alles eitel Sonnenschein scheint und es keinen Regen – wie an diesem Bonhoeffertag – gibt, sondern auch der Ausdruck einer großen Sicherheit, in einer Welt leben zu dürfen, die in Ordnung ist. So fasst Susanne Dreß ihr Friedrichsbrunn als Ort und als eine Zeit im Leben ihrer Herkunftsfamilie so zusam­men: „Frie­drichs­brunn war Som­mer, war Freiheit, war Heimat, war Besitz.“[4]

Die Referentin fasste das darin sichtbare Geheimnis bzw. Vermächtnis der Familie Bonhoeffer in dem Wort ‚Freiheit‘ zusammen. Die Eltern stellten einen geschützten Rahmen und Raum bereit, in dem aus und mit dem Vertrauen der Eltern die Kinder in Freiheit aufwachsen und Eigenverantwortung entwickeln konnten.

In einem ersten Abschnitt wandte sich die Referentin der Ehe von Paula und Karl Bonhoeffer zu. Sie beschrieb den Eindruck, den diese Ehe bei den Kindern hinter­lassen habe. Diese schilderten ein harmonisches Elternhaus, so dass z. B. Susanne erschrocken war, als sie Streit in den Ehen ihrer älteren Geschwister erlebte. Auch wenn Paula Bonhoeffer recht selbständig gewesen sei – sie hatte ein Lehrerinnenexa­men abgelegt und verwaltete ein Haus mit etlichem Personal – so wäre sie für ihren Mann und er für sie dagewesen. Sie nahmen sich füreinander Zeit; so verreisten sie oft auch ohne ihre Kinder, was aufgrund des eingestellten Personals leicht möglich war. So waren sie auch nicht immer die gesamte Zeit im Ferienhaus in Friedrichs­brunn dabei, wenn ihre Kinder dort die Sommerferien verbrachten. Sabine Leibholz-Bonhoeffer fasst den Abschnitt ihrer Erinnerung an die Eltern so zusammen: „Meine Eltern trennten sich fast nie, jeder war nur ‚ein halber Mensch‘ ohne den andern. Sie brachten es in einer fünfzigjährigen Ehe auf eine Trennungszeit von ein paar Wochen.“[5]

Als ‚Geheimnis‘ bzw. ‚Vermächtnis‘ dieser Familie fasste die Referentin im Blick auf die Ehe der Eltern zusammen: Ihr Zusammenleben war bestimmt von Liebe. Karl Bonhoeffer nennt in seinen Erinnerungen die erste Begegnung mit Paula von Hase einen „mystischen Moment“.

Zum Aspekt ‚Kindererziehung‘ zitierte Jutta Koslowski aus den Erinnerungen Sabines: „Uns acht Kindern hat unsere Mutter eine wunderschöne Jugend geschenkt. Sie war eine vorzügliche Pädagogin, immer konsequent mit uns, aber nie schulmeister­lich… Verbot blieb Verbot, aber viel lieber erlaubte sie, was irgend zu verantworten war. Sie verstand es ausgezeichnet, unsere Zustimmung zu erwerben und Probleme mit uns zu lösen, und mit unerschöpflicher Phantasie dachte sie sich in unsere Spiele ein. Es wäre unmöglich gewesen, ihr eine freche Antwort zu geben, und wenn wir zu an­deren unverschämt waren, fackelte sie nicht lange, bis sie uns eine Ohrfeige gab.“[6] Sabine vergisst aber auch nicht, den Blick und das mokante Lächeln des Vaters zu erwähnen und sein gezügeltes Temperament hervorzuheben. Die Eltern standen, so die Erinnerung der Zwillingstochter, wie eine Mauer zusammen; es hätte „kein Hü und Hott“ gegeben. Sie waren, so die Erinnerungen der beiden Schwestern, die letzte Autorität und forderten verantwortliches Handeln.

Das ‚Geheimnis‘ der Kindererziehung, so Jutta Koslowski, gründe in der ‚Einigkeit‘ der Eltern; auch wenn das Wort von der Mauer, die sie gemeinsam bildeten, ambivalent sei, so seien doch der klare Rahmen und die klaren Regeln, die sie setzten, wichtig für das Leben der Kinder. Sie übten eine ‚Autorität‘, die nicht autoritär war, sondern die die Autorenschaft der Kinder, die Verantwortung für ihr Tun und Unter­lassen för­der­te.

Ein großer Abschnitt in Susannes Aufzeichnungen aus dem Leben im Hause Bonhoef­fer bezieht sich auf das kulturelle Leben der Familie. Sie erzählt von den Einflüssen der Malerei und bildenden Kunst im Hause und in der Familiengeschichte. Sie berich­tet von Theaterbesuchen und der eigenen Schauspielerei, den Stegreifspielen in der Familie. Sie schwärmt von den Leseabenden im Kreis der Familie und den Diskus­sio­nen der älteren Geschwister mit den Eltern und untereinander, denen sie als die Jüng­ste interessiert folgte.

Anschaulich schildert sie die Abende um den ‚sechseckigen Tisch‘[7]. Sie waren, so erinnert sie sich, ihre ‚Haupt-Bildungs- und Schulungsquelle‘. Hier lernte sie ‚mitzu­denken, sowie philosophische Begriffe und Fremdwörter‘. Sie lernte, obgleich stumm dabeisitzend, ‚zu formulieren und diskutieren‘. Sie nennt dies: ‚Ich konnte also schweigend reden.‘[8] Immer wieder verweist sie in ihren Aufzeichnungen auf den wö­chentlichen Rhythmus; so zählt sie auf, was am Samstag oder am Sonntag geschah oder was im Rhythmus des Jahres, vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit pas­sierte.

Als ‚Geheimnis‘ bzw. ‚Vermächtnis‘ der kulturellen Anregungen im Familienleben und um dieses herum hob die Referentin hervor: Tradition und Ordnung; aber auch die Pflege von Ritualen und vor allem: viel gemeinsam gestaltete Zeit; wenn man aber heute meine, es reiche wenig gemeinsame Zeit, es sei nur nötig, ‚Qualitätszeit‘ zu haben, so sehe man bei der Familie Bonhoeffer, es habe quantitativ viel Qualitätszeit in der Familie gegeben.

Zum vierten Aspekt, zum politischen Engagement der Familie, wählte die Referentin nicht unmittelbare Erinnerungen aus der NS-Zeit aus. Vielmehr fragte sie danach, welche Motive und welche Haltung diese Familie zum Widerstand gegen die NS-Diktatur bereit und fähig gemacht habe. Mit der Erinnerung an Susannes 7. Geburts­tag in Friedrichsbrunn und dem darin sichtbaren Handeln ihrer Mutter führe der Vortrag lokal zurück zum Einstieg mit dem Hinweis auf den ‚Freiheitsraum‘ Frie­drichsbrunn.[9] Zu ihrem 7. Geburtstag habe Susanne 56 Kinder eingeladen, weil sie einladen durfte, wen sie wolle, so die Mutter. Nach dem Fest wurden fünf Kinder, fünf Geschwister, nicht von ihren Eltern abgeholt. Paula Bonhoeffer brachte sie heim und ‚entdeckte so die Familie Sanderhoff‘.[10] Sie sah aber auch die Außenseiterrolle sowie die Armut der Familie. Darum schlug sie ihrem Ehemann Karl vor, die Familie mit aufs Gelände des Ferienhauses zu nehmen und ihnen die Aufgabe zu übertragen, auf das Ferienhaus zu achten. Mit einem gerechten Geben und Nehmen wurde dieser Vorschlag umge­setzt[11]. Natürlich sei die vertragliche ‚Nachbarschaftshilfe‘ nicht ohne Konflikte verlaufen, erzählt Susanne anschaulich.

Der Bericht Susannes über die Begegnung und Unterstützung der Familie Sanderhoff sei ein Beispiel für die ethische Einstellung und Haltung in der Familie: Solidarität und Gerechtigkeit sind wichtige ‚Werte‘ bzw. Tugenden. Sie benennen auch das ‚vierte Geheimnis‘, das die Familie zu ihrem Widerstand gegen den Unrechts­staat des Dritten Reiches geführt und diesen Widerstand bestimmt habe. Ihr Verhalten sei von Großmütigkeit und Langmut, aber auch von intensiver Anteilnahme und Verantwortung für sozial schwä­che­re Menschen sowie von Toleranz und Rechtsbewusstsein geprägt worden. Die Anteilnahme am großen Ganzen sowie die Verantwortung für Recht und Gerechtigkeit, die für alle gelte, kennzeichneten das politische Engage­ment dieser Familie.

Die anschließende Diskussion wurde unter anderem von der Frage nach dem Ver­gleich zwischen der großen Dietrich-Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges und den lebendigen Erinnerungen Susanne Dreß bestimmt. Besitzen die Aufzeichnungen Susannes mehr Wahrheitstreue als die Darstellung Bethges?, so eine Frage aus dem Publikum. Die Referentin wies darauf hin, dass es sich um unterschiedliche Werke, eben um eine ausgearbeitete Biografie dort und Lebenserinnerungen hier handele. Die beiden Bücher ergänzten einander, wobei das Werk von Susanne Dreß mit ihrem ersten Buch über Kindheit und Jugend auf das Familienleben und weniger auf ihren Bruder Dietrich ziele. Die Aufzeichnungen Susannes trügen aber zugleich dazu bei, die Prägun­gen Dietrichs durch seine Familie zu verstehen.

Es wurde auf die unterschiedliche Färbung der Religiosität von Dietrich und Susanne hingewiesen, vor allem aber wurde angemerkt, dass es sich bei den Aufzeichnun­gen Susannes doch sehr stark um ein idealisiertes Bild von Familie handele, um das Bild einer privilegierten, finanziell gut abgesicherten bildungsbürgerlichen Großfamilie. Manches erinnere zudem an das konservative Ehe- und Familienbild, das sich in eini­gen Texten Dietrich Bonhoeffers finde, z. B. in den Gedanken zur Trauung von Eber­hard und Renate Bethge. Die Referentin verwies in ihrer Antwort zum Einen auf ihre Anfangsbemerkung, dass die Schilderungen von Susanne im Rückblick auf ihre Kindheit stark von eitel Sonnenschein geprägt seien. Sie wies zugleich darauf hin, dass in Susannes Schilderungen auch Schattenseiten, Brüchiges und Unvollkommenes in der Familie vorkomme. Sie habe mehr auf die förderlichen Seiten des ‚Vermächtnisses‘ dieser Familie hinweisen wollen: Was war das ‚Geheimnis‘ dieser Familie, so dass uns die Schilderung ihres Familienlebens noch heute anzusprechen vermag?

Der zweite Teil des Nachmittages führte dann zu den Problemen von Familien heute und zeichnete ein vielfältiges, ambivalentes Bild des Familienlebens in unserer Ge­gen­wart. Frau Dr. Insa Schöningh, Soziologin und Geschäftsführerin der Ev. Arbeitsgemeinschaft Familie e. V. (eaf), hatte ihre Überlegungen für die Teilnehmenden in 6 Thesen zusammengefasst und erleichternd schriftlich vorgelegt. Sie bildeten den Leitfaden für ihren Vortrag.

Sie knüpfte an die Predigt am Vormittag an. Schon die Bibel zeige eine Vielfalt an Familienformen. War Maria vielleicht sogar eine alleinerziehende Mutter? Sah die ‚Heilige Familie‘ ganz anders aus, als wir sie uns vorstellen? Sie verwies auf Naomi und ihre Schwiegermutter Ruth sowie auf den ohne Familie lebenden Jesus (These 1).[12] So gibt es heute „Paarfamilien (verheiratet und unverheiratet), Patchworkfami­lien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien und viele weitere Bezeichnungen“ (These 1). Gibt es überhaupt eine Definition von Familie? Ist Familie nicht vielmehr eine subjektive Kategorie? Ihrer Ansicht nach gibt es keine feste Definition, wohl aber ist den verschiedenen Familienformen gemeinsam das Zusammenleben von zwei oder mehr Generationen. ‚Familie‘ ist demnach eine einerseits dauerhafte und andererseits wandlungsfähige Institution, in der unter verschiedenen Konstellationen Kinder geboren und großgezogen werden.

Aus der Einsicht in die Pluralität von Familienformen folge, so die Referentin, dass die jeweilige Form des Zusammenlebens nicht entscheidend sei. In welcher Form auch immer, ist ‚Familie‘ nach evangelischem Verständnis der „maßgebliche Ort, an dem Autonomie und Angewiesenheit, Freiheit und Bindung gleichzeitig erfahren und ge­lebt werden können.“ (These 2). In einer ‚Familie‘ kann und soll in Freiheit miteinan­der gestritten, aber auch Geborgenheit, Zugehörigkeit, Angenommensein erfahren werden. Die Referentin verwies auf die bekannten Gefährdungen des Familienlebens durch Gewalt, sexuelle Ausbeutung, Kälte und Entfremdung der Familienmitglieder untereinander. Sie lassen ‚Familienleben‘ zur Enge, zur Folter werden. Daher bedür­fen Familien unabhängig von der Lebensform Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat. Familien können Gutes bewirken: Kinder und Jugendliche werden widerstandfähig durch Geborgenheit, Zusammenhalt, ein warmes Nest oder, wie die Studie der EKD ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘ als Leitbild formuliert: „Protestantische Theologie unterstützt das Leitbild der an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbind­licher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird.“[13]

Den beiden Thesen ‚Familie lebt in vielen Formen‘ und ‚Die Form des Zusammen­le­bens ist nicht entscheidend‘ folgt der schlichte Satz: „Familie ist ein komplexes Ge­schehen“ (These 3). Familienleben heute versteht sich nicht (mehr) von selbst. Tradi­tionen und Konventionen sind ausgehöhlt und oft obsolet.[14] Rituale fehlen vielfach und müssen neu erfunden und definiert werden. Der Zeittakt einer Woche ist häufig aus­ge­lagert und wird fremdbestimmt vom Rhythmus der Arbeit. Familienleben findet zumeist entlang der beruflichen Tätigkeit eines oder beider Elternteile statt. Feste wie z. B. die Konfirmation des Kindes getrenntlebender Eltern bedürfen logistischer Pla­nungen, wie die Familienmitglieder in welcher Konstellation zusammen feiern kön­nen. Kinder einer Patchworkfamilie haben oft nicht nur vier Großelternteile sondern acht. Die Schilderungen der Familie Bonhoeffer in den Aufzeichnungen von Susanne Dreß zeigten, so die Referentin mit Bezug auf den Vortrag von Frau Koslowski, ein an­de­res Bild. Es ist ein Bild wie aus vergangenen Welten, obgleich auch dieses damals ein Familienbild neben anderen war. Die Folgen aus der gewachsenen Komplexität und der geschwundenen Traditionen und Konventionen: „Vielmehr muss jede Familie ‚ihr‘ Familienleben selbst gestalten. Das lässt viel Freiheit, bedeutet aber auch viel Verantwortung“ (These 3).  

Der Grund für diese Veränderungen liege unter anderem auch in den gewandelten Geschlechterrollen. Ganz anders, so die Referentin, sahen wir das bei den Bonhoef­fers. Die Mutter regiert, auch als ausgebildete Pädagogin, das Haus. Der Vater wird bestimmt von seinem Beruf. Heute hingegen: „Mütter sind zunehmend berufstätig und sehen es auch als ihre Aufgabe an, das Familieneinkommen mit zu erwirtschaf­ten“ (These 4). Für die Frauen in der DDR war die berufliche Tätigkeit von Müttern schon früh selbstverständlich. In der BRD trat dies später auf. War in der DDR die außerfamiliäre Verpflichtung von Frauen selbstverständlich, ist sie heute lebensnot­wendig, denn „in den meisten Fällen reicht das Einkommen nur eines Elternteils nicht für den Unterhalt der Familie aus“ (These 4). Obwohl sich zunehmend – z. T. aufgrund der geteilten Elternzeit – auch Väter um Erziehung und Betreuung der Kinder bemühen, investieren statistisch gesehen Frauen mehr Zeit in der Haushaltsarbeit.

Zugleich stiegen in unserer Zeit die Ansprüche und Anforderungen an beide Eltern­teile. Der neunte Familienbericht, veröffentlicht im Mai 2021, spricht von der „Intensivierung der Elternschaft“ Dies meint: Es werden hohe Erwartungen an das pädagogische Handeln der Elternteile gestellt; diese werden von außen an die Eltern herangetragen, aber auch von den Eltern selber an sich gestellt.[15] Statistisch ver­bringen im Durchschnitt Väter 30 bis 60 Minuten und Mütter 75 bis 105 Minuten täglich mit ihren Kindern. Zudem steige die Kinderzeit in Kitas und Schulen, oft beginnend mit dem 1. Lebensjahr in der Krippe. Zudem forderten Arztbesuche, Musikschule, Sport und andere Aktivitäten der Kinder den Einsatz der Eltern oder Großeltern. Die Digitalisierung und der damit verbundene Medienkonsum der Kinder seien kräftig angestiegen und bildeten eine große Herausforderung für die Eltern. Gerade in der Coronapandemie sei dies zu beobachten, verschärft durch unterbundene Kontakte der Kinder und den digitalen Unterricht. Auch Entscheidungen zur Bildungslaufbahn der Kinder beanspruchten die Eltern.

Neben Geld und Bildungschancen werde heute verstärkt der ‚Raum‘, z. B. zum Spielen und Sich-Erproben, zur lebensnotwendigen Ressource. Zudem hätten sich die Er­ziehungs­ziele stark gewandelt, vom Gehorsam hin zur Bildung von Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein. Fazit der 5. These: „Kinder werden nicht einfach mehr groß, sondern an das pädagogische Handeln der Eltern werden hohe Erwartungen gestellt.“

Mit einem eher düsteren Ausblick schloss die Referentin die Darstellung des Bildes heutigen Familienlebens. Sie verwies auf die grundlegende Komponente für Familien­leben heute. „Die soziale Ungleichheit nimmt grundsätzlich in der Gesellschaft zu, das gilt auch für Familien“ (These 6). Das zeige sich an einer Grafik zur Entwicklung des ver­fügbaren Haushaltseinkommens mit der Überschrift ‚Wirtschaftliche Absicherung von Familien‘.[16] Die soziale Schere sei in den letzten 10 Jahren weiter auseinander ge­gan­gen; 10 % der Familien lägen 2021 mit ihrem Haushaltseinkommen unter dem Niveau von 1992, während die oberen 10 % 40 % darüber liegen. Das habe Folgen für das Familienleben heute.  „Damit sind insbesondere die Bildungschancen der Kinder sehr ungleich verteilt. Das ist angesichts der ständig steigenden Bedeutung von Bil­dung ein Problem und bedroht den sozialen Zusammenhalt.“[17]

Die anschließende Diskussion im Plenum suchte Wege aus dieser für viele Familien schier ausweglosen Situation. So wurde z. B. nach den Möglichkeiten der ‚Zivilgesell­schaft‘, von Vereinen wie z. B. Sportvereinen, Freiwilliger Feuerwehr, Kirchengemein­den zur Unterstützung und Entlastung der ‚Familienarbeit‘ gefragt. Gibt es zivil­gesellschaftliche Netzwerke, die die früheren traditionellen Netze von Ver­wandt­schaft und Nachbarschaft ersetzen können? Gibt es Untersuchungen dazu? Gibt es Beispiele der Vernetzung unterschiedlicher Angebote für Kinder und Jugendliche? Wie steht es mit dem Modell von ‚Familienhäusern‘ oder Mehrgenerationenwohnen? Könnte sich nicht der 10. Familienbericht mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden um Klärung von ‚Netzwerken für Familien‘ bemühen? So die Anfrage und Bitte an die Referentin, im Rahmen der Einflussnahme der eaf auf die nächste Regierung ein solches Thema zu setzen, zumal die Referentin auf diesem Feld kaum entsprechende Untersuchungen benennen konnte.

Während des Nachmittages hatten Christine und Hartmut Bick mit Klavier- und Gitarrenbegleitung Lieder zu Texten Dietrich Bonhoeffers gesungen[18] und damit Zeit und Raum für eigenes Nachdenken und Nachklingen des Gehörten und Besprochenen geöffnet. Der Nachmittag endete gegen 16.30 Uhr mit einem Dank an die Referentinnen durch den Schatzmeister des Förder- und Trägervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn e.V. Hartmut Bick. Das Ehepaar Bick entließ die Teilnehmenden mit einem Segenslied in den immer noch regnerischen Nachmittag. Wer noch Zeit und Lust hatte, konnte den Tag im Bonhoefferhaus bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen.

Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht                                            Einbeck, der 16.9.2021


[1] Jutta Koslowski (Hg.): Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer. Die Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffers jüngster Schwester Susanne Dreß, Gütersloh, 2018.

[2] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: vergangen – erlebt – überwunden. Schicksale der Familie Bonhoeffer. Gütersloh 1995, 8. Auflage.

[3] Koslowski (Hg.) Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer, S. 94.

[4] Ebda. S. 91.

[5] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: vergangen – erlebt – überwunden, S.25.

[6] Ebda. S. 17.

[7] Koslowski: Aus dem Leben, S. 277.

[8] Ebda. S. 277.

[9] Koslowski: Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer, S. 108ff.

[10] Ebda. S. 109.

[11] Ebda. S 109f.

[12] Siehe dazu und zu den weiteren Ausführungen: Kirchenamt der EKD (Hg.): Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, Gütersloh 2013. Das Kapitel 5 entfaltet ‚Theologische Orientierung‘, ebda. S. 54ff. Die Referentin hat an der Abfassung dieser Studie mitgewirkt.

[13] EKD-Studie S. 13.

[14] These 3 vollständig: „Familie zu leben ist heute ein komplexes Geschehen und versteht sich weder von selbst – längst nicht alle Menschen entscheiden sich für Familie – noch folgt Familienleben bestimmten vorgebahnten Gleisen. Vielmehr muss jede Familie ‚ihr‘ Familienleben selbst gestalten. Das lässt viel Freiheit, bedeutet aber auch viel Verantwortung.“

[15] Siehe dazu die Schaubilder in einem Vortrag von Sabine Walper, Vorsitzende des Ausschusses für den 9. Familienbericht: https://www.ag-familie.de/media/docs21/AGF_DJI_VA_Fambericht_Praes_Walper_Teil1_010721.pdf.

[16] Die Grafik findet sich in dem Vortrag von Sabine Walper, s. Anmerkung 15.

[17] Fazit der sechsten These.

[18] Jochen Rieger (Hg.): Musikalische Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer, Texte verschiedener Autoren, Musik Jochen Rieger. 2006, Gerth Medien Musikverlag Asslar. ISBN 3-89615-390-0.

23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 29. August 2021

Familie(n) leben: Familienleben – Familie leben“

Einladung zum 23. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 29.8.2021

Die Einladung im Format DIN A5 können Sie hier herunterladen:

Der Einladungstext als A4PDF:

Der 23. Bonhoeffertag 2020 ist ausgefallen. Der Grund: die Coronapandemie. Die Entscheidung der Veranstalter, das Kirchspiel Bad Suderode und Friedrichsbrunn und der Träger- und Förderverein Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn, hieß vor einem Jahr: Wir verschieben den 23. Bonhoeffertag auf 2021 und hoffen, dass die Pandemie dann gebannt ist. Noch ist sie nicht überstanden, aber es scheint, als könnten in diesem Sommer die Auflagen gelockert werden. Die Inzidenzzahlen sind stark rückläufig und die Anzahl der Impfungen steigt. So hoffen die Veranstalter, dass der 23. Bonhoeffertag mit gleicher Überschrift und gleichem Programm Ende August durchgeführt werden kann. Sie bitten alle Teilnehmer*innen, die dann gültigen Regeln (z. B. Maskenpflicht) einzuhalten; gegebenenfalls die Impfbescheinigungen bereit zu halten, sich tags zuvor testen zu lassen und die Testbescheinigung mitzubringen. Vielleicht brauchen wir diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr und können aufatmend und die gemeinsam geteilten Erfahrungen im Gepäck neu starten.

Das Thema des 23. Bonhoeffertages ist so aktuell, dass es Raum lässt, auch die teils belastenden Erfahrungen von Familien in Pandemiezeiten angesichts von Lockdown und teils geschlossenen Schulen, von Homeoffice und Homeschooling (neue Wörter, die wir gelernt haben) einzubeziehen. Wie haben Familien mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen die Krisenzeit durchstanden? Wie konnten sie dies meistern? Was hat sie gestärkt, was geschwächt? Haben Kontakte, Verwandtschaften, Freundschaften, Solidargemeinschaften gelitten oder sind sie sogar intensiver geworden?

Der 23. Bonhoeffertag widmet sich dem Thema „Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben“ in einer doppelten Perspektive: ‚damals‘ und ‚heute‘, wobei die jeweiligen historischen Herausforderungen sowie die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich waren und sind. Da der Bonhoeffertag am Ort des Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer stattfindet, wird sich der Blick bei ‚Familie(n)leben – damals‘ auf diese Berliner Großfamilie mit ihren 8 Kindern beziehen. Der Abschnitt ‚Familie(n)leben – heute‘ blickt auf die Herausforderungen und Anforderungen für Familien mit ihren unterschiedlichen Zusammensetzungen und gesellschaftlichen Erfahrungen heute

Der Rückblick zeigt: vor 76 Jahren hat das NS- Regime vier Mitglieder der Familie Karl und Paula Bonhoeffer ermorden lassen: die Söhne Klaus und Dietrich Bonhoeffer und die Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher. Sie waren aktiv im Widerstand eingebunden. Die übrige Familie wusste dies und unterstütze ihren Einsatz. Im Oktober 1945 schrieb der Vater, Prof. Dr. Karl Bonhoeffer:

„Daß wir sehr viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie…erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. Die ganzen Jahre hindurch stand man unter dem Druck der Sorge um die noch nicht Verhafteten, aber Gefährdeten. Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz auf ihre gradlinige Haltung.“ (Bethge/Gremmels, Dietrich Bonhoeffer, München, 1986, S. 234).

Dieser Rückblick wenige Monate nach der Befreiung von der NS-Diktatur ist neben dem Einblick in die Trauer über den Verlust von vier Familienmitgliedern ein Zeugnis über den Zusammenhalt der Familie, die gemeinsam der Diktatur, dem Unrechtsstaat, der Menschenverachtung in der millionenfachen Ermordung von Juden widerstanden hat. Was ermöglichte den Widerständlern ihre ‚gradlinige Haltung‘? Was befähigte sie zur ‚Zivilcourage‘? Aus vielen weiteren Zeugnissen aus dem Kreis der Familie geht hervor: es waren auch die familiären Bande, das Vertrauen untereinander und die erlernte Verantwortung für das eigene und das politische Leben. Es war eine ‚Erziehung zur Selbständigkeit und Verantwortung‘. Es war die intellektuelle Redlichkeit und Wahrhaftigkeit. Es waren die kulturelle Mitgift, aber auch die christlichen Bindungen.

Und heute? In der Pandemie und nach der Pandemie? Was kann Familie heute zur Bildung von Verantwortung für das eigene Leben, für Leben und Gesundheit Anderer wie für das Gemeinwesen beitragen? Wie können Krisen gemeistert und wie der Zusammenhalt gestärkt werden? Welche materiellen, psychischen, kulturellen und religiösen ‚Ressourcen‘ braucht Familienleben heute?

Der 23. Bonhoeffertag greift das Thema ‚Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben‘ auf. Am Sonntag, den 29.8.2021 soll einen Tag lang im Gottesdienst, in Vorträgen, in Gesprächen mit sachkundigen Referentinnen und untereinander diesem Thema nachgegangen werden.

Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst im Garten des Ferienhauses der Familie Bonhoeffer. Die Liturgie und Predigt wird gehalten von Pfarrerin Dr. Saskia Lieske, der Ortspfarrerin, und begleitet vom Posaunenchor Thale unter der Leitung von KMDin Christine Bick.

Nach einem Mittagessen vom Grill im Garten des Café Bonhoeffer, zubereitet von der Besitzerin Gabriela Zehnpfund mit ihrem Team, werden die Besucher*innen eingeladen, miteinander über ‚Familien-Erfahrungen‘ ins Gespräch zu kommen.

Ab 14.00 Uhr finden in der Bonhoefferkirche Friedrichsbrunn – unter Einhaltung der dann geltenden coronabedingten Regeln – Vorträge, Gesprächsimpulse und Diskussionen statt. Dazu werden fachkundige Referentinnen sprechen:

Frau Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Herausgeberin der Lebenserinnerungen von Susanne Dreß, der jüngsten Tochter der Familie, referiert über ‚Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer‘. Rückfragen im Plenum schließen sich an.

Im zweiten Teil des Nachmittags gibt Frau Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V. aus Berlin und Mitverfasserin der Studie der EKD von 2013 mit dem Titel ‚Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken‘, einige Denkimpulse zu ‚Familie leben heute‘. Eine sicherlich lebhafte Diskussion wird sich anschließen.

Programmentwurf (Stand 06.06.2021)

Familie(n)leben: Familienleben – Familie leben

11.00 Uhr Festlicher Gottesdienst

im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7

bei schlechtem Wetter in der Bonhoefferkirche

mit dem Posaunenchor Thale. Leitung Christine Bick

Liturgie und Predigt: Pfarrerin Dr. Saskia Lieske, Thale

Anschließend Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr Am Familientisch – im Gespräch über Erfahrungen mit der Familie

14.00 Uhr Vorträge und Gespräche in der Bonhoefferkirche

Familie(n)leben damals

Ehe, Kindererziehung, kulturelles Leben und politisches Engagement im Hause Bonhoeffer

Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Theologin und Autorin, Gnadenthal im Taunus

Familie(n)leben heute

Familien als verlässliche Gemeinschaften in der Verantwortung für das Gemeinwohl stärken

Dr. Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V., Berlin

Vorträge und Gespräche mit den Referentinnen und den Besucher*innen

Diskussionsleitung: Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Ca. 16.00 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoefferhauses

Adresse:

Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn

Waldstraße 7

06502 Thale-Friedrichsbrunn

Tel: 03946-989052

Anfahrtbeschreibung:

22. Bonhoeffertag, 1. September 2019: Was heißt: „Die Wahrheit sagen“?

BHT 22 20190901 1047 Gemeinde vor GD P1070164

BHT 22 20190901 1045 Gemeinde vor GD P1070163Einem Neffen, der 1942 einberufen worden war, schrieb Dietrich Bonhoeffer: „Du weißt, was ein gutes Familienleben, was gute Eltern, was Recht und Wahrheit, was Menschlichkeit und Bildung, was Tradition für höhere Güter sind… Aber es ist klar, … daß Dir dadurch Konflikte bevorstehen…“

Auch Dietrich Bonhoeffer selbst hatte durch seine Erziehung Wahrheit als „höheres Gut“ kennen gelernt. Als Christ und Pfarrer war er der Wahrheit verpflichtet. Aber dann kam er zur Überzeugung, dass der Führer des verbrecherischen national-sozialistischen Regimes mit Gewalt beseitigt werden musste, war zum Doppelagenten geworden – und am Ende inhaftiert. Was hieß es nun, unter den jeweiligen Umständen, die Wahrheit zu sagen?

Wir haben diese Frage für den 22. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn aufgegriffen.

BHT 22 20190901 1101 GD Anfang P1400967

Zunächst im Gottesdienst,  der wieder „open air“ im Garten des Bonhoeffer-Hauses stattfinden konnte – der Himmel verdunkelte sich zwar zusehends, hielt den Regen jedoch zurück. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick gestaltete den Gottesdienst musikalisch. In der Predigt entfalteten Pfarrerin Angela Kunze-Beiküfner und Hartmut Bick den Wahrheitsbegriff im Alten und im Neuen Testament.

BHT 22 20190901 1105 GD HBick ABeiküfner-Kunze P1400969

Das hebräische Wort für Wahrheit – aemaet – hängt mit Wörtern zusammen, die „fest, sicher, treu“ bedeuten.

Man kann aemaet sagen, dann geht es darum, dass das, was gesagt wird, verlässlich ist.

Man kann aemaet üben, dann geht es um die Zuverlässigkeit der Person, die etwas sagt.

Ein Wörterbuch sagt es so: „Das Hebräische kennt kein selbstständiges Wort für „Wahrheit“. Das heißt nicht, dass es den Begriff Wahrheit nicht kennt, aber sein Wahrheitsbegriff ist unablösbar mit der Vorstellung der Verlässlichkeit verknüpft“ (ThHWAT I 204). Ein grundsätzliches Gebot, immer und unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, gibt es in der hebräischen Bibel nicht. Stattdessen gibt es die Verpflichtung auf die Treue Gottes und die Förderung dessen, was dem Leben dient.

Als Pfarrerin Kunze-Beiküfner noch zu DDR-Zeiten einige Jahre lang für die Gemeinschaft von Taizé in geheimer Mission zu verbotenen christlichen Treffen in die osteuropäischen Nachbarländer reiste, „bedeutete das für mich selbstverständlich, bei den Grenzkontrollen falsche Angaben über die Zwecke und Ziele meiner Reisen zu machen. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet. Wenn ein Untergrundpriester in der Slowakei enttarnt wurde, erwarteten ihn sehr viele Jahre Gefängnis. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet.“

Auf den ersten Blick scheint das Neue Testament näher an unserem heutigen Wahrheitsverständnis dran zu sein: „alaetheia ist ein wirklicher Tatbestand bzw. ein wahrer Sachverhalt. Aber Johannes und Paulus z. B. haben auch ein tiefes Verständnis des Alten Testamentes. Und darum verbinden sie das eine mit dem anderen:

„Die Wahrheit“, also „das Offenbarte“ ist Jesus Christus. In Christus offenbart sich der wahre und wahrhaftige Gott. Und der Glaube an den in Christus offenbarten Gott bleibt keine Theorie, kein Denkspiel, bleibt nicht abstrakt, sondern prägt den Alltag, hat Einfluss auf das Handeln, führt zu einem mitmenschlichen Verhalten. Der Unglaube andererseits, weil er nicht der Wahrheit entspricht, nimmt dem Denken und Handeln die klare Orientierung.“

BHT 22 20190901 1305 Ruth Ziemer erklärt Gesprächsthema P1070166

Für Gesprächsrunden an den Tischen nach dem „Mittagsimbiss vom Grill“ hatten Ruth Ziemer und Christine Bick Anregungen in Form von Plakaten vorbereitet: „Die ganze Wahrheit über … Das sagen ihre Gegner… Das sagen ihre Fans…“ Viele Besucher nahmen die Anregung auf und kamen ins Gespräch miteinander: Kann man „die ganze Wahrheit“ über eine Person erfahren? Und wie gehen wir mit dem um, was wir voneinander wissen?

BHT 22 20190901 1402 Vorstellung Gesprächsplakate P1400976Zu Beginn der Nachmittagsveranstaltung in der Kirche wurden die „Gesprächsergebnisse“ präsentiert.

BHT 22 20190901 1405 GEbbrecht stellt Referenten vor P1400977Dann stellte Dr. Günter Ebbrecht den ersten Referenten vor: Wolf Krötke, emeritierter Professor für systematische Theologie.

BHT 22 20190901 1410 Wolf Krötke am Rednerpult P1400978

Unter dem Thema „Die Wahrheit sagen – die Wahrheit ans Licht bringen“ beschäftigte er sich mit einem Aufsatz, den Dietrich Bonhoeffer 1943 in der Tegeler Zelle schrieb. („Nebenbei schrieb ich einen Aufsatz über: »Was heißt die Wahrheit sagen?«, DB in einem Brief am 18.11.1943.)

Bonhoeffer war also bei seiner theologisch-existenziellen Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage mit einer tödlichen Bedrohung des eigenen Lebens und mit Ängsten um das Leben von Mitverschwörern konfrontiert. Bonhoeffers in dieser Grenzsituation formuliertes Wahrheitsverständnis ist wegweisend und lebensdienlich bis heute. Dietrich Bonhoeffer plädiert für eine kontextuelle, konkrete und lebendige Wahrheit:

Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die ‚Wahrheit gesagt wird‘ ohne Beachtung dessen, zu dem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit. Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit zu sagen‘, nur ein totes Götzenbild der Wahrheit zur Schau stellt.

Für Bonhoeffer ist jede wahrheitsgemäße Rede eingebettet in Beziehungen und hat deshalb eine doppelte Verantwortung:

Weil es in jedem Wort immer um die doppelte Beziehung zum anderen Menschen und zu einer Sache geht, darum muss diese Beziehung in jedem Wort ersichtlich sein, ein beziehungsloses Wort ist hohl; es enthält keine Wahrheit.

BHT 22 20190901 1452 Gespräch nach Referat P1070171

Im Anschluss an den Vortrag entspann sich ein reges Gespräch mit den Zuhörern.

BHT 22 20190901 1500 CBick HBick Gesang + Instr P1400979

Mit Gesang und Instrumenten sorgten Christine und Hartmut Bick für die musikalische Umrahmung der Nachmittagsveranstaltung.

BHT 22 20190901 1515 CCarstens interviewt MBensmann P1400980

Als zweiter Referent stellte sich Marcus Bensmann den Fragen von Pfr. Christoph Carstens und der Besucher. Er arbeitet für Correctiv, „das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum.“

Sein Thema war: Solide Recherche als Grundlage eines glaubwürdigen Journalismus’ und einer gut informierten Gesellschaft. Antworten auf den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘.

Er wies zunächst auf einen grundlegenden Wandel hin, der sich in der Medienlandschaft vollzieht: Früher gab es „die Torhüter“ der Informationen: Verlagsleiter, Redaktionen in Presse, Funk und Fernsehen. Die Informationsempfänger hatten mehr oder weniger Vertrauen in die Sender der Informationen. Dank der Informationstechnologie und digitaler Medien kann heute jeder nicht nur Empfänger, sondern auch „Sender“ sein. Es bleibt die Frage: Welchen Informationen kann ich vertrauen?

Correctiv arbeitet – wie jedes gute Medienunternehmen – mit überprüften und überprüfbaren Informationen — und stellt darüber hinaus Handwerkszeug zur Verfügung, um die „journalistische Kompetenz“ jedes Interessierten zu stärken. Nachrichten werden mit den Lesern zusammen überprüft – und manchmal als Fake News entlarvt.

BHT 22 20190901 1524 Marcus Bensmann 3K P1070182

Mag es bei vielen auch eine Sehnsucht nach der „Herrschaft der Weisen“ geben,  Bensmann wäre eine Befähigung der Menschen zu einem kritischen Umgang mit den Medien lieber. Für seine eigenen Arbeiten hat er den Anspruch, alles getan zu haben, was der Wahrheitsfindung dient. Das soll auch rüberkommen – und wenn er dann doch falsch liegen sollte, kann das immer noch korrigiert werden, durch die „journalistisch kompetent“ gewordenen Empfänger.

Vermutlich gehörten die fünfzig Zuhörer nicht zu denen, die die meisten Medien als „Lügenpresse“ verteufeln, aber der eine oder andere mag schon allgemein skeptisch geworden sein, und sei es durch einzelne Erlebnisse, dass es „in der Zeitung nicht so stand, wie es war oder wie wir es dem Redakteur erzählt haben“.

Bensmanns Ausführungen motivierten, aus einem neuen Blickwinkel an den Umgang mit Medien heranzugehen.

Im Garten des Bonhoeffer-Hauses konnte der Tag bei Kaffee und Kuchen aus dem Café ausklingen.

Einladung: 22. Bonhoeffertag, 1. September 2019

Sonntag, 1. September 2019: 22. Bonhoeffertag. Thema „Wahrheit und Lüge“

Friedrichsbrunn ist trotz Bauarbeiten zu erreichen! Die Zufahrt von QLB über Bad Suderode ist frei. Ignorieren Sie die Sperrschilder am Ortseingang – bis zur Ortsmitte können Sie fahren, und dann rechts in die Waldstraße. Auch die Zufahrt von Thale aus wird am 01.09. vormittags wegen eines Triathlons gesperrt sein.

11.00 Uhr Festlicher Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7

danach Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr Miteinander im Gespräch: Alltagserfahrungen mit Wahrheit und Lüge

14.00 Uhr Vorträge und Gespräch in der Kirche: Was heißt: Die Wahrheit sagen?

Referenten zum Thema: Die Wahrheit sagen – Die Wahrheit ans Licht bringen
Wolf Krötke, Dr. theol., Prof. em.
Marcus Mensmann, Journalist, Recherchenetzwerk Correctiv

15.30 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten

Das endgültige Programm finden Sie ab Mitte Juni auf diesen Seiten.

 

Heimat zwischen Verlust, Suche und Ankunft

Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck.

Der 21. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

am 26. August 2018

Wieder hat die Kirchengemeinde Friedrichsbrunn zusammen mit dem Verein „Bonheffer-Haus Friedrichsbrunn“ in den Ostharz eingeladen, um einen Bonhoeffertag zu erleben – es ist schon der 21.! Wieder haben sich Menschen aus der Nähe und Ferne auf den Weg gemacht. Auch wenn dieser, wie bei mir, zum Teil durch den Harz, durch „Bonhoeffers Mittelgebirge“ führt, so gelingt die Anfahrt nur mit Um­wegen. Zahlreiche Baustellen versperren den Weg und in Friedrichsbrunn selbst soll die Haupt­straße erneuert werden. Glücklicherweise hat sich der Baubeginn verzögert So ist das eben mit der Heimat. So unberührt und heil, wie manche meinen, ist sie eben nicht. Zudem muss ich den Wet­tersturz verkraften; nach dem superheißen Sommer angenehm.

Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses

Über 80 Menschen haben sich am Morgen des 26. August 2018 im Garten des einstigen Ferien­hauses der Familie Bonhoeffer zum Gottesdienst im Freien versammelt. Der Blick auf das an­sprechende Heftchen mit dem Gottesdienstablauf auf den gedeckten Biertischen ruft Neugierde hervor. Da prangt auf dem Deckblatt Albrecht Dürers Radierung von Adam und Eva in ihrer fast nackten Jugendlichkeit und Schönheit. Festgehalten wird der Moment, wo Eva aus dem Mund der Schlange die verbotene Frucht ergreift, um sie Adam weiterzugeben. Noch liegen die Tiere im paradiesischen Wald friedlich nebeneinander und träumen. Ins Bild hinein ist das Thema des Tages montiert: „Heimat zwischen Verlust, Suche und Ankunft“. Der Blick vom Cover des Gottes­dienst­ab­­laufes zum Altar und darüber hinaus in den Garten, in dem einst die Kinder und Enkelkinder von Karl und Paula Bonhoeffer spielten und werkelten, wird eingefangen von der Altarbibel. Leuchtend farbig ist ein Blick in den Garten Eden zu sehen. Eine Verbindung zwischen den Bildern und dem Thema des Bonhoeffertages entsteht in meinem Kopf. Ich werde neugierig, was mich erwarten wird.

Der Posaunenchor unter der Leitung der Kirchenmusikerin Christine Bick intoniert: „Morning has broken – Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang. Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt. Dank für die Lieder, Dank für den Morgen, Dank für das Wort, dem beides entspringt.“ Die Gemeinde singt kräftig und spürt den sanft fallenden Tropfen nach, die sonnendurchleuchtet die Spuren Gottes im Garten reflektieren.

Der Ortspfarrer Ulrich Lörzer spricht mit der Gemeinde Psalm 84 im Wechsel. Er ist eine Einla­dung zum Tempel; denn lieb sind dem Beter, der Beterin die Wohnungen Gottes. Die Seele sehnt sich nach den Vorhöfen, wo der Vogel ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen gefunden hat und wo der Mensch Schutz und Schild, Heimat und Geborgenheit finden kann. Der Tempel: ein heimatlicher Ort.

Pfarrerin Ruth Ziemer, Schulpfarrerin im Kirchenkreis Halberstadt und Mitglied im Vorstand des Vereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, liest Auszüge aus der zweiten Schöpfungserzählung. Die Paradiesgeschichte, die mit der Vertreibung aus dem Paradies endet und in der Menschheitsgeschichte mit Verlust, Suche und Ankunft von Heimat ihre vielfältige Fortsetzung findet, wird zur Vorlage ihrer Predigt. Es geht „um das Herkommen und das Ankommen und das Dasein in der Heimat“. Dieses Wort ist mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Lässt sich das Wort „Heimat“ überhaupt in andere Sprachen übersetzen? Bedeutet es la patrie – Vaterland? Meint es home oder homeland, das Zuhause? Oder pays d’orgine, den Geburtsort? Wohl alles dies und doch etwas anderes.

Die Predigerin nähert sich von außen nach innen, von lauten Stimmen zu den leiseren. Sie beginnt mit den lauten Stimmen, die uns in den Ohren dröhnen. Noch weiß ich nicht, was in der vergangenen Nacht in Chemnitz geschehen ist. „Gefällt dir unsere Heimat nicht? Dann geh doch woanders hin. Du gehörst eh nicht zu uns,“ zitiert die Predigerin. Vor meinem inneren Auge tauchen die Bilder von grölenden Menschen auf, mit denen Menschen fremder Hautfarbe, anderen Glaubens, unbekannter Kulturen verfolgt werden. „Du liebst doch deine Heimat, oder?“ dröhnen die Stimmen weiter. „Dann wirst du doch etwas tun, um sie zu schützen. Vor Überfremdung. Vor dem Vergessen. Vor den Kapitalisten. Oder möchtest du zulassen, dass es deine Heimat eines Tages nicht mehr gibt?“ Heimat wird zu einem Drohwort. Zu laut sind die Stimmen, die die leiseren übertönen, und die Angst einflössen.

Die Predigerin macht eine Pause. Sie setzt neu und leise ein: „Ruhe. Stille… Befreiendes Aufatmen… Die lauten Stimmen sind weg.“ Stattdessen steigt ein Gefühl auf im Bauch. „Sehnsucht nach Geborgenheit. Heimat als Sehnsucht nach einem Ort, an den ich hingehöre, zu dem ich gehöre… Ein Ort, der zu mir gehört, an dem ich sicher bin, zu Hause… Ein Ort, an dem es weder Gut noch Böse gibt und an dem ich nackt sein kann, ohne mich zu schämen. Ein Ort, an dem ich Kind sein kann. Ein Paradies. Ein Ort – an den ich nicht zurück kann.“

Da sind sie wieder, die Bilder auf dem Deckblatt und in der Altarbibel. Die Predigerin erzählt vom Garten Eden, erzählt menschlich von Gott und dem Menschenpaar. Dabei spricht Gott auch Gebote aus und „achtet mit rücksichtsvoller Konsequenz auf ihre Einhaltung.“ Denn Gott will das Menschenpaar beschützen. Gott weiß: Wenn sie von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, werden sie sich von Gott entfernen, ihn verlassen, vielleicht sogar vergessen – „wie Kinder ihren Vater und ihre Mutter verlassen.“ Der Wunsch, ihr Leben selber zu gestalten, Grenzen auszutesten, aus der Wohlfühlzone herauszukommen, ist groß. Sie essen die Frucht von diesem Baum und werden gewahr: Sie sind nackt. Sie verstecken sich vor Gott. Das kindliche Spiel mit dem vertrauten Gott ist unterbrochen. Sie sind erwachsen geworden und müssen die Folgen ihre Tuns übernehmen.

Die Predigerin deutet: „Für Gott, den Schöpfer, ist es Zeit, die Kontrolle über Adam und Eva abzugeben und die Kinder loszulassen. Es fällt ihm nicht leicht. Er hat es nicht so gemeint mit der Drohung: Ihr werdet sterben. Aber gesagt ist gesagt. Gottes Wort.“ So stirbt die Kindheit und mit der Kindheit das Paradies.

Doch bevor das Menschenpaar die unbeschwerte Heimat verlassen muss, legt Gott schützend Kleider um sie. Die Cherubim bewachen das Tor zum Paradies. „Zurück bleibt ein Gefühl der Heimat, in der Erinnerung… eine Ahnung, in einer inneren Schatzkiste aufbewahrt mit bestimmten Gerüchen und Bildern und Geschichten.“ Selbst wenn das Menschenpaar zurück könnte, würde es den paradiesischen Garten nicht wieder erkennen, denn es hat nicht mehr die Augen von Kindern.

Die Predigerin fragt die zuhörende Gemeinde: „Welche Bilder und Wünsche und Erinnerungen und Träume mischen sich in Ihre Paradiesvorstellungen?“ Sie lässt Zeit zum Nachdenken und Nachsinnen.

Die Wächter bewachen das Paradies. Eine Rückkehr ist nicht möglich. Doch für die Predigerin verwandeln sich die drohenden Engelswächter mit ihrem blitzenden Schwert in Beschützer der Erinnerungen und Wünsche der Erwachsenen an die Heimat ihrer Kindheit; sie beschützen sie zugleich vor ihren Gefühlen des Erwachsenenwerdens, „vor ihrer Einsamkeit, ihrer Ohnmacht, ihrer Scham, ihren Schuldgefühlen.“

In einem Schlussgedanken lädt die Predigerin ein, die innere Heimat, die Sehnsucht nach dem Paradies von unserer tatsächlichen Kindheit abzulösen. Sie liegt hinter uns, „verschlossen und beschützt durch die Cherubim.“ Oft sind die biografischen Heimaterfahrungen verbunden mit Heimatverlust. Doch die innere Heimat kann gekoppelt werden an die Hoffnung, „die wir in uns tragen, an das, wofür wir leben, was uns lebendig macht, von dem wir ab und zu einen Vorgeschmack kosten dürfen, wenn wir tief berührt sind, wenn es kribbelt, wenn unser Herz überfließt vor Glück, vor Dankbarkeit, vor Staunen, vor Mitgefühl, vor Energie.“

Der Begriff „Heimat“ verbindet sich so mit Erwartungen, die unsere Vernunft übersteigen. Die Predigerin erinnert zum Schluss an die Abschiedspredigt Dietrich Bonhoeffers beim Weggang von Barcelona. Er predigte über Philipper 4,7, über Gottes Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Sie zitiert aus dieser Predigt einen Spitzensatz: „Frieden haben heißt eine Heimat haben in der Unruhe der Welt.“ Und sie schließt: „Der Friede Gottes kommt uns aus der Zukunft entgegen, er ist mehr als wir denken und uns vorstellen können. Heimat als einen inneren Frieden zu verstehen, der über alles menschliche Begreifen geht – wie befreiend!“ Das letzte Wort der Predigt ist wie beim abschiednehmenden Bonhoeffer: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Paulus im Brief an die Philipper 4,7).

Da ist meine Heimat – da bin ich zuhaus“

Der Verlust der paradiesischen Heimat, die sehnsuchtsvolle Suche und die Hoffnung auf Ankunft in der Heimat des Friedens Gottes, die leisen Töne und Stimmen begleiten die Gäste des 21. Bonhoeffertages den Tag über. Doch zunächst können sich alle mit dem kräftigen Essensangebot von Frau Zehnpfund, der Besitzerin des Bonhoefferhauses stärken. Inzwischen hat die Sonne die kühlenden Wolken aufgerissen und wärmt die Besucherinnen und Besucher.

Sie werden nach dem Mittagessen eingeladen, sich zu sechst rund um die Tische zu setzen. Auf einem Plakat in ihrer Mitte lesen sie in Großbuchstaben das Wort HEIMAT. Zu jedem der Buchstaben, entweder als Anfangs-, End- oder Mittelbuchstaben können sie Worte bilden, die mit ihren Heimaterfahrungen in Zusammenhang stehen. So entsteht eine Wortwolke für die unterschiedlichen Heimaterfahrungen, die im Austausch der zunächst Fremden Nähe und Vertrautheit entstehen lassen. Denn was dem Einen Heimat bedeutet, kann beim Anderen heimatliche Gefühle auslösen. Bei diesen Erzählrunden teilen die Menschen an den Tischen einander den persönlichen Bezug zum Thema mit und lernen sich kennen.

Anschließend machen sich die Gäste auf den kurzen Weg vom Garten des Bonhoefferhauses zur Bonhoefferkirche, wo mit einem Vortrag und einem Rundgespräch das Tagesthema vertieft wird:

Heimat und Fremde – im Leben der Bonhoeffers und in den Erfahrungen einheimischer und geflüchteter Menschen in Deutschland.“

Die Veranstaltung in der Bonhoefferkirche ist, wie die Themenstellung nahe legt, zweigeteilt. Nach der Begrüßung durch den Moderator Pfr. Christoph Carstens führt Propst Dr. Ulrich Lincoln mit einem Referat zum Thema „Dietrich Bonhoeffer: Heimat und Exil“ ein. Darauf folgt ein Rundgespräch mit weiteren Gesprächspartnern mit dem allgemeinen Thema „Verlust, Suche und Ankommen in der Heimat“.

Heimat und Exil bei Dietrich Bonhoeffer

Propst Lincoln betont zu Beginn seines Vortrages mit dem Doppelbegriff ‚Heimat und Exil‘ die große Aktualität des Themas, wobei das Stichwort ‚Heimat‘ höchst aktuell ist, das Wort ‚Exi‘ jedoch kaum thematisiert wird. Sein Eindruck ist: ‚Der Heimatbegriff verkommt schnell zu einer politischen Waffe.‘ Die politische Aktualität scheint neu, tatsächlich wird der Heimatbegriff etwa alle zehn bis fünfzehn Jahre in der BRD debattiert. ‚Er gehört zur Debatte um das Selbstverständnis dieser Republik von Beginn an.‘ Es gibt den Gebrauch des Wortes, zumeist mit starken Emotionen verbunden, und es gibt das Nachdenken über diesen Sprachgebrauch. Diese Unterscheidung ist hilfreich für das Denken Bonhoeffers über Heimat.

Das Wort ‚Exil‘ hingegen liegt der deutschen Sprache ferner; es ist ein lateinisches Wort, „in gewisser Hinsicht ist der Begriff ein Fremdwort im Deutschen. Exilierte haben es hier nie leicht gehabt.“ So sahen sich Exulanten bei ihrer Rückkehr nach 1945 dem Verdacht ausgesetzt, Vaterlandsverräter zu sein; prominent bei Aussagen über Willy Brandt.

Eberhard Bethge, Freund und Biograf Bonhoeffers, kommentiert diese Schieflage in einem Aufsatz aus dem Jahr 1968 mit Bezug auf Bonhoeffer. Wie hat Bonhoeffer Heimat und Exil verstanden? Lincoln entfaltet seine Antwort in drei Thesen.

Die 1. These: „Heimat ist für Bonhoeffer notwendigerweise etwas anderes als für uns heute.“

‚Heimat‘ spricht „von dem Alten, Bekannten, Vertrauten, von der Herkunft.“ So bestimmt Lincoln: „Heimat zu haben heißt, auf eine Frage antworten zu können… ,Wo kommst du her?‘ Heimat zu haben heißt, eine Herkunft zu haben und darüber Auskunft geben zu können.“ Die Frage wird von außen gestellt: „Wo kommst du her?“ Der Vortragende unterscheidet sie von der Frage „Wo gehöre ich hin?“ Diese Frage fragt nach der Identität, die von der Frage nach der Heimat zu unterscheiden ist.

Zugleich folgt Lincoln der These W. G. Sebalds in ‚Unheimliche Heimat‘: In dem Moment, wo in der Heimat kein Verweilen mehr war, wo Menschengruppen sich gezwungen sahen, auszuwandern, da gewinnt ‚Heimat‘ Gewicht. Pointiert: „Je mehr von der Heimat die Rede ist, desto weniger gibt es sie.“ Daraus folgt für Lincoln ein Doppeltes:

  1. „Der Heimatbegriff ist reflexiv; sobald er verwendet wird, ist die Sache selbst bereits entglitten, vielleicht für immer verloren.“

  2. „Der Heimatbegriff wandelt sich, entsprechend den Veränderungen der Lebenswelt und den veränderten Formen der Entfremdung von dieser Lebenswelt.“ ‚Heimat‘ ist nur zu verstehen in seinem jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontext. „Der Heimatbegriff ist immer schon ein Konstrukt.“

Weil Bonhoeffer in einer anderen Welt lebte als wir heute, ist ‚Heimat‘ für Bonhoeffer etwas anderes als für uns heute, auch wenn manches ähnlich klingen mag. Lincoln verweist dazu auf den biografischen und gesellschaftlichen Kontext. Bonhoeffer „lebte in einer Zeit ungeheurer Um- und Abbrüche und nie zuvor gesehener Zwangsmobilität.“ Schon der 1. Weltkrieg löste Entwurzelung, Verschleppung, Vertreibung, Umsiedlung von Menschengruppen in Europa aus. Dies wurde durch den 2. Weltkrieg noch verstärkt. „Zwischen 1914 und 1945 wurde Europa zu einem Kontinent der Entwurzelung und Heimatlosigkeit für unzählige Millionen von Menschen.“ Dadurch ist Heimat „für Einzelne wie Generationen zu einer höchst komplizierten und nahezu ortlosen Sache geworden… Es gibt kein Woher mehr.“ Dies wird zur Generationserfahrung breiter Bevölkerungsschichten. Und das Paradox: „Aber dies ist auch die Welt, in der zugleich für viele andere Menschen in Europa ein relativ behagliches bürgerliches Leben in mehr oder weniger großem Wohlstand und Sicherheit möglich war.“ Das ist die Welt, in der Bonhoeffer, der Sohn einer groß- und bildungsbürgerlichen Familie, aufgewachsen ist.

Die 2.These: „Bonhoeffers biographische Heimaterfahrungen spiegeln sowohl die bürgerliche Sicherheit seiner Herkunft als auch die traumatischen Entfremdungen seines Zeitalters.“

Biografisch gesehen war für Bonhoeffer die Geborgenheit seines Elternhauses und die familiäre Gemeinschaft Heimat. Lincoln spricht von einer privaten Heimaterfahrung und unterscheidet diese von einem reflektierten politischen Heimatbegriff. Bonhoeffer war sich der familär verwurzelten Sicherheit bewusst. Seine Schwester Susanne gibt eine Äußerung ihres Bruders Dietrich so wieder:

„Ich möchte einmal ungeborgen sein. Wir können die anderen nicht verstehen. Bei uns sind immer die Eltern da, die alle Schwierigkeiten erleichtern. Und ob wir noch so weit weg sind, gibt uns das eine so unverschämte Sicherheit.“ Dies gilt trotz der zahlreichen Auslandsreisen und -aufenthalte Bonhoeffers. „Er überschritt Grenzen, auch Grenzen seiner Herkunft und seines Milieus.“ Am Deutlichsten beim 1. New Yorker Aufenthalt 1930/31 hin zu den afroamerikanischen Christen in Harlem. Noch scheint es: „Dieser Wander- und Reisedrang ist zunächst vielleicht Ausdruck des Lebens- und Bildungshungers eines begabten und privilegierten Bürgersohnes.“

Mit der Rückkehr aus London, so Lincoln, ändert sich diese Lebensform. „Aus dem Weltenbummler wird ein Wanderer innerhalb der Grenzen Deutschlands.“ Hat Bonhoeffer mit dem Predigerseminar in Finkenwalde noch einen klaren Lebens- und Wirkungsmittelpunkt, so wechseln die Orte ab 1940 – verursacht durch seine Mitwirkung in der Konspiration gegen Hitler. Für Lincoln ist Bonhoeffer nicht nur zu einem „Geheimdienstler, sondern auch zu einem Wanderer und Passanten geworden, der als Mittdreißiger den Pfad des bürgerlichen Lebens längst verlassen hatte.“ Das erinnere ihn an Walter Benjamins „Passagen-Werk“ mit seinen Großstadtreflexionen. Zwar sei Bonhoeffer kein philosophischer Flaneur der Großstadt, „aber in der Tat stelle ich ihn mir in diesen Kriegsjahren vor als einen bürgerlichen Wanderer ohne festen Halt in seiner bürgerlichen Herkunft.“ Darin sieht er die theologische Pointe: „Für Bonhoeffer wurde der Gedanke wichtig, selber Gast auf Erden zu sein – und mehr nicht.“ Nach Lincoln verbindet Bonhoeffer diese anthropologische Grunderfahrung mit der theologischen Wertschätzung der Diesseitigkeit: „Ich darf meinem Los, ein Gast und Fremdling auf dieser Erde sein zu müssen, nicht dadurch ausweichen, dass ich mein irdisches Leben in Gedanken an den Himmel verträume“ (DBW 15, 530).

Auch wenn er seiner Schwester Susanne gegenüber in jungen Jahren von der ‚unverschämten Sicherheit‘ sprach, die ihm das Elternhaus mitgegeben hatte, so gab es „auch für ihn Entfernungen und Entfremdungen, die sehr schmerzhaft waren.“ Bonhoeffers Beschäftigung mit der Heimat, so Lincoln, beginnt beim ‚Heimweh‘.

Die 3. These: „Heimweh und Exil – Bonhoeffers Reflexionen der Heimat stehen im Zusammenhang einer doppelten Exilserfahrung.“

Lincoln beruft sich dafür auf eine Passage in einem Brief Bonhoeffers an E. Bethge vom 18.12.1943, dem 4. Adventssonntag: „Ich habe ein paar Mal in meinem Leben das Heimweh kennen gelernt. Es gibt keinen schlimmeren Schmerz“ (DBW/WE 92). Es ist einer der ersten unzensierten Briefe an den Freund aus der Haft. Lincoln nennt für ‚Heimweh‘ zwei Beispiele aus Bonhoeffers Lebens. In beiden Lebenssituationen bricht das Heimweh auf in Exilssituationen. „Bonhoeffer hat besonders dort Heimweh erlebt und als schmerzhaft erfahren, wo er durch seine Lebensumstände in eine Situation des Exils gebracht wurde, mit der er sich auseinandersetzen musste.“

Das eine Beispiel ist seine zweite USA-Reise im Sommer 1939. Sie hätte der Weg aus zunehmender Verfolgung und der Ausweg aus der anstehenden Einberufung zum Militärdienst sein können. Sein Tagebuch spiegelt eindrücklich das Heimweh, das ihn im möglichen Exil befällt (DBW 15, 217 – 240). Bonhoeffer beklagt das große theologische Gefälle zwischen Deutschland und den USA. Er spürt seine existentielle Verlorenheit in der Fremde, die heil zu sein scheint, während Deutschland brennt. „Es ist doch für einen Deutschen hier drüben nicht auszuhalten; man wird einfach zerrissen. Während einer Katastrophe (erg. „in Deutschland“) hier zu sein, ist einfach undenkbar, wenn es nicht so gefügt wird. Aber selbst daran schuld zu sein, sich selbst Vorwürfe machen zu müssen, unnötig herausgegangen zu sein, ist gewiss vernichtend… Weh dann denen, die hier heimatlos sind“ (DBW 15, S. 231f). Der Schmerz des Heimwehs nach Familie und den Brüdern im Predigerseminar und die Qual der Schuldgefühle, geflohen zu sein statt standzuhalten, treibt Bonhoeffer um. In dem Heimweh erkennt er, dass er in die Heimat zurückfahren muss: Nicht „als würden wir gebraucht (von Gott!?), sondern einfach weil dort unser Leben ist und weil wir unser Leben zurücklassen, vernichten, wenn wir nicht wieder dabei sind. Es ist gar nichts Frommes, sondern etwas fast Vitales“ (DBW 15, 234).

Einerseits: „Dies sind starke Aussagen über eine Heimatverbundenheit.“

Andererseits: Bonhoeffer fühlt sich als ein Exilierter, der sich die fremde Umwelt nicht aneignen kann. Seine Äußerungen drücken seine ‚Be-Fremdung‘ aus. „Die Heimat hat gerufen, und ihr Ruf ist stärker als alle anderen Stimmen.“ Ins Exil zu gehen wäre in diesem Moment für ihn die falsche Entscheidung und die Rückkehr zugleich auch ein Sieg des Heimwehs.

Seit April 1943 erlebt er das, was ‚Exil‘ meint, tatsächlich. Es ist gefügt und er flieht nicht. Es ist, so Lincoln, das Exil im eigenen Land in einer Gefängniszelle. „Das Gefängnis ist eine Verbannung für Bonhoeffer, eine nicht überbrückbare traumatische Trennung von den Menschen, die ihm Heimat und Geborgenheit bedeuten. Distanz und Ohnmacht, Trennung und Unfreiheit, in diesen eisernen Koordinaten bewegt sich sein Leben als Verbannter in diesen Jahren.“ Zugleich reflektiert Bonhoeffer diese Situation.

Lincoln zieht dazu eine Passage aus dem im Mai 1944 geschriebenen Taufbrief für Dietrich Bethge heran. (Dietrich Bethge war der Sohn von Dietrich Bonhoeffers Freund Eberhard und Renate Bethge, Tochter von Dietrichs Schwester Ursula und ihrem Mann Rüdiger Schleicher.) Bonhoeffer beschreibt darin liebevoll „die Herkunft des Kindes, seine Verwurzelung in der Welt der vorangegangenen Generationen.“ Zugleich sieht Bonhoeffer die Welt der Eltern und Großeltern versinken. „Ich würde dir wünschen, auf dem Lande aufwachsen zu können; aber es wird nicht mehr das Land sein, auf dem Dein Vater großgeworden ist. Die Großstädte, von denen die Menschen sich alle Fülle des Lebens und des Genusses erwarteten und in denen sie wie zu einem Fest zusammenströmten, haben den Tod und das Sterben mit allen erdenklichen Schrecken auf sich gezogen und wie auf der Flucht haben Frauen und Kinder diese Orte des Grauens verlassen“ (DBW 7, S. ).

Bilder der Bombardements der großen Städte in Deutschland und der damit verbundenen Vertreibung und Heimatlosigkeit im eigenen Land werden wach. Menschen werden „zu Flüchtlingen und Exilierten innerhalb der eigenen Staatsgrenzen, der eigenen Heimat.“ Bonhoeffer beschreibt „den Verlust einer Lebenswelt, die früher einmal die Menschen getragen hat, nun aber im Untergehen begriffen ist. Es ist nicht die Vertreibung aus dem Paradies, aber doch der Untergang einer Welt. Wie die neue Welt aussehen würde, das war ihm viel weniger klar. Doch dass die Christen diese neue Welt mit Kaft und gläubiger Diesseitigkeit annehmen und gestalten werden, das erwartete er unbedingt. Bonhoeffers Blick auf die verlorene Heimat ist nicht larmoyant (rührselig), sondern nüchten.“

Die beiden Beispiele von ‚Exilserfahrungen‘ 1939 und 1943ff zeigen unterschiedliche Reaktionen und Reflexionen. Einmal siegt das Heimweh nach der Heimat. Das andere Mal verbindet Bonhoeffer Heimat, auch seine eigene Herkunft, mit dem erfolgten geschichtlichen Umbruch und mit der Verantwortung, diese überpersonalen Entwicklungen anzunehmen. Bonhoeffer, so Lincoln, hat in seinen reifen Jahren mit der Spannung von Heimat und Exil gerungen. „Heimat,“ so das Fazit, „ist für ihn eine Chiffre für eine verlorene Herkunft. Die religiös mündig gewordene Welt der Gegenwart aber ist bestimmt durch die Erfahrung des Exils, innerhalb wie außerhalb der Staatsgrenzen.“ In diesem Ringen mit den Grunderfahrungen des 20. Jahrhundert sieht der Vortragende den Beitrag Bonhoeffers für den spannungsvollen Zusammenhang von Heimat und Exil. Er schließt mit einem Gedicht von Marianne Leibholz, der ältesten Tochter von Bonhoeffers Zwillingsschwester und einem weiteren Patenkind Dietrich Bonhoeffers, das sie mit 18 Jahren im britischen Exil geschrieben hat und das den Titel ‚Exil II‘ trägt. Die Erfahrungen eines Vertriebenen aus der Heimat bündelt sie in der 4. Strophe nach dem Durchleiden der Vertreibung:

„Kraft strömt ihm zu. Kennt keine Fremde,

nur Vaterland, soweit der Himmel reicht.

Wird nie mehr wie vorzeiten Heimat finden.

Er ahnt es, dankbar. Und sein Herz ist leicht.“

Was ist ‚Heimat‘? – Zwischen Verlust, Suche und Ankommen

In der anschließenden Diskussion unter der Moderation von Pfr. Christoph Carstens erörtern die Gesprächspartner Renate Zöller, Daniel Ziemer und Propst Dr. Lincoln die unterschiedlichen Facetten des Leitwortes ,Heimat‘. (Ausführlich zu den Personen am Ende dieses Berichtes.)

Der Moderator setzt mit einer Beobachtung aus seiner Kindheit in der DDR ein: Auf den Waggons der Deutschen Reichsbahn (schon das ein Kuriosum) entdeckte er an den Waggons das Wort ,Heimatbahnhof‘ mit einem Städtenamen dahinter. Provokativ die Frage: Kann ein Zugwaggon eine Heimat haben? Bezeichnet demnach ,Heimat‘ nur einen Herkunftsort?, so die Frage an Frau Zöller.

Sie hat in ihrem Buch als Journalistin vielfältige Interviews mit Menschen mit unterschiedlichen Heimaterfahrungen ausgewertet und veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass Heimat nicht nur die Beschreibung für eine Herkunft ist. „Heimat antwortet nicht nur auf die Frage: »Woher kommst Du?«, sondern kann auch in die Zukunft deuten: »Wo finde ich ein (neues) Zuhause?« Ich kann mir eine neue Heimat schaffen, wenn ich eine alte unfreiwillig verloren oder freiwillig verlassen habe. Weil zudem jede und jeder unterschiedliche Heimat-Erfahrungen in seinem Leben gesammelt hat, müssen wir von Heimat eigentlich im Plural sprechen.“ ,Heimaten‘ – so hätte sie ihr Buch am liebsten betitelt. Das wirft die Frage auf: Ist ,Heimat‘ eine individuelle oder kollektive Konstruktion?

„Kann ,Heimat‘ eine gemeinsame Plattform sein, so wie früher erzählte Erinnerungen von Menschen begannen: Damals in der Heimat… ?“ So stellt der Moderator Daniel Ziemer, der mit der Stiftung Flucht – Vertreibung – Versöhnung die Erinnerungen von ,Heimatvertriebenen‘ dokumentiert und archiviert, ja sogar musealisiert, die nächste Frage. Es gab und gibt Erfahrungen von ,verlorener Heimat‘. Sie wurden in der Nachkriegszeit von Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten des ehemaligen Deutschen Reiches häufig geäußert und in Vertriebenenverbänden gebündelt und politisch vertreten. Mit dem Reklamieren des Heimatverlustes, der politischen Forderung nach Heimatrecht und Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen, rückte die Erinnerung an die Heimat in der Zeit der Entspannungspolitik in ein zunehmend revanchistisches Licht. Die verlorene Heimat, also die Vergangenheit sollte wiederhergestellt werden. Beruhigend: Ein solches Heimatverständnis vererbt sich nicht. Die nachfolgenden jüngeren Generationen lösten sich davon, weil sie die reklamierte Heimat nur aus Erzählungen kannten, sich mit der neuen politischen Situation arrangierten und sich neu beheimateten.

Aber, so die Rückfrage des Moderators, hat es dann noch Sinn, diese Erfahrungen festzuhalten, sie zu dokumentieren und zu präsentieren in Form eines Museums? Nur dann, so Daniel Ziemer, wenn es gelingt, in der Konfrontation mit dem Heimatverlust zu vermitteln, dass die gestrigen Erfahrungen der Vertreibung aus der alten Heimat sich mit Erfahrungen heutiger Flucht und Vertreibung verbinden lassen, Zugänge zu ihnen eröffnen und sich durch die vergleichende Vermittlung die Einsicht einstellt, dass die Verlusterfahrungen von Heimat, die Sehnsucht nach Heimat und die Neugründung von Heimat gewissermaßen universell sind. Die Empathie mit den individuellen, aber auch teilweise kollektivierbaren Erfahrungen von Heimatvertriebenen können dann helfen, Empathie für heutige Vertriebene und Flüchtende zu wecken, und umgekehrt kann die Anteilnahme am Schicksal heutiger Geflüchteter auch zu einer größeren Sensibilität für die Erinnerungen der deutschen Vertriebenen führen.

Doch gelingt das heute?, fragt der Moderator weiter. Hören wir nicht immer wieder von den einst Betroffenen: Ja, das waren Deutsche, aber heute, das sind Andere, Fremde mit anderen Sprachen, aus anderen Kulturen und mit unbekannten Religionen. Das ist unvergleichbar. Können wir von den individuellen oder teilkollektiven Erfahrungen hindurchstoßen zu universellen, die dann zu einem gegenseitigen Verständnis des Verlustes von Heimat und der existentiellen Erfahrung von Heimat führen? Die Frage bleibt zunächst unbeantwortet.

Wie ergeht es einem deutschen Theologen, der als Pfarrer ins Ausland geht?, fragt der Moderator Propst Dr. Lincoln. Packt er seine ,Heimat‘ mit in den Koffer? Nimmt er seine vertraute Kultur mit in eine andere, fremde Welt? Die neuen Erfahrungen in einem fremden Umfeld, so Ulrich Lincoln, führen dazu, zum einen auf die Herkunft zurückzuschauen, sie bewusster wahrzunehmen, Unterschiede zu entdecken. Sie führen aber auch dazu, diese mit neuen Augen anzuschauen, dabei Unbekanntes zu entdecken und Allzubekanntes neu zu verstehen.

Und dann: In den Kirchengemeinden der Auslandsdeutschen, so seine Beobachtung, war das Thema ,Heimat‘ nicht wichtig, wohl aber die Sprache. Mit anderen die vertraute Sprache zu sprechen und zu pflegen, auch wenn die Sprache des ‚Einwanderungslandes‘ gelernt worden war. So ist die Glaubenssprache zumeist deutsch und die Frage aktuell: Was geben wir unseren Kindern, die in dem fremden Land aufwachsen, mit?

Der Moderator wendet sich an Frau Zöller: „Ist das das, was Sie ,Heimatgefühl‘ nennen nicht viel zu vage und sehr subjektiv?

Heimat lässt sich nicht an einem Ort allein festmachen, so die Antwort. Zwei Menschen können am selben Ort wohnen und ihre Heimat trotzdem ganz unterschiedlich empfinden. Sie hängt mit den Menschen zusammen, mit denen man dort lebt, mit denen uns die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunftspläne verbinden. Außerdem ändert sich auch die eigene Wahrnehmung von Heimat immer wieder im Leben, mal kann sie wichtiger, mal unwichtiger sein. Deshalb hat die Autorin dem Buch ein Zitat aus einem Lied von Herbert Grönemeyer vorangestellt: ‚Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.‘ Frau Zöller würde sogar einen Schritt weiter gehen: Heimat ist ein Gefühl, das man mit anderen teilen kann und muss

Vielleicht hilft die Unterscheidung: Es gibt ein Heimatverständnis, das von außen kommt. Es antwortet auf die Frage eines Mitmenschen: Wo kommst Du her? Der Fragende erwartet zumeist eine eindeutige Antwort: Aus diesem oder jenem Ort oder einer bestimmten Region oder einem Land. Und wenn wir einen Mitmenschen mit anderem Aussehen als dem typisch deutschen fragen: ,Wo kommst Du her?‘ und dieser antwortet: ‚Aus Köln‘, wird die Antwort bezweifelt. Wir schieben nach: ‚Aber wo kommst Du wirklich her?‘ Darin liegt die Gefahr der Ausgrenzung und der Einengung auf ein äußerliches Heimatverständnis.

Anders ist hingegen ein Heimatverständnis von innen, das auf die Fragen antwortet: ,Wo bin ich zuhause? Wo fühle ich mich geborgen? Wo verorte ich mich?‘ Dieses individuelle Empfinden von Heimat hat nichts mit Abgrenzung zu tun, so Frau Zöller, sondern öffnet im Idealfall den Raum für ein plurales Verständnis von Heimat. In der politischen Diskussion gilt häufig die Festlegung, der Mensch könne nur eine Heimat haben, oder umgekehrt: Jeder Mensch müsse eine Heimat haben. ,Heimat‘ im Plural würde z. B. eine Debatte wie die um Mesut Özil entkrampfen. Wenn es nicht nur eine Heimat sondern mehrere Heimaten gibt und ich hier und dort beheimatet sein kann, dann öffnet sich eine Brücke. Wie es in mir eine Pluralität gibt, so auch im Anderen. Erzähl mir von Deiner, ich erzähl Dir von meiner Heimat, aber auch von den verlorenen Heimaten. Dann kann es zu einem Gespräch darüber kommen, was Dir, was mir, was uns ,Heimat‘ ist, wo wir zuhause sind. Über Unterschiedliches und Trennendes hinaus kann sich Verbindendes zeigen.

Kann auf diese Weise ein inklusives, ein universelleres Verständnis von ,Heimat‘ entstehen? Daniel Ziemer berichtet von einer Erfahrung im Blick auf die Suche nach geeigneten Bildern und Symbolen für die Erfahrung von Heimat und Heimatverlust im Rahmen von Ausstellungen. Aus Interviews mit Heimatvertriebenen ergab sich, dass diese z. B. aus ihrem Heim, das sie verlassen mussten, einen Schlüssel mitgenommen haben. Er wurde aufbewahrt als Erinnerungszeichen des Verlustes der Heimat, aber auch als Hoffnungssymbol. Als er mit einer Gruppe syrischer Flüchtlinge sprach und dieses Symbol des Schlüssels zeigte, verstanden sie es. Sie erzählten fast identische Geschichten, in denen auch der Hausschlüssel Zeichen für den Verlust der vertrauten und die Sehnsucht nach einer neuer Heimat ist.

Gläubige Menschen, so der Moderator weiter, sprechen von der ,Heimat‘ im Himmel. ‚Bewahrt dieses transzendente Heimatverständnis vor einem aus- und abgrenzenden Heimatverständnis und vor Verirrungen in den unterschiedlichen Deutungen?‘, fragt er den Theologen in der Runde. Ulrich Lincoln zögert und ist sich nicht sicher, ob es so ist. Wohl hilft das Bewusstsein, Gast auf Erden zu sein und die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, ein exklusives, ausgrenzendes Heimatverständnis zu entgrenzen. Das relativiert ein allzu festgelegtes Heimatverständnis. Hier sind vor allem die evangelischen Theologen in Deutschland gefragt, die sich zur Zeit Bonhoeffers kaum mit der Erfahrung von Exil und Heimatlosigkeit beschäftigt haben. Bis in die Wortwahl hinein zeigt sich auch heute noch die ev. Kirche als ,Heimatkirche‘. Sie spricht von Landeskirchen und Landesbischöfen. Doch dagegen hilft nicht, mit einem Bein im Himmel zu stehen und dort seine Heimat zu haben, sondern ein universelles, ökumenisches Verständnis von Kirche und Christenheit.

Einen weiteren Aspekt des Heimatverständnisses zeigt der Hinweis des Moderators auf den Namen seines ehemaliges Schulfaches in der Grundschule: ,Sach- und Heimatkunde‘. Der Moderator bittet das Publikum um eine Abstimmung. Welcher Aussage stimmen Sie eher zu: Der Aussage „Heimat hat man“ oder der Aussage „Heimat muss man lernen“? Ist Heimat ein einmal erworbener, bleibender Besitz, ein in der Kindheit vermitteltes Gefühl, oder ist Heimat etwas, was ich erwerben kann, mir aneignen muss oder soll? Die Meinungen im Publikum gehen auseinander, mehrheitlich hin zu ‚Heimat hat man‘. Es wurde aber auch infrage gestellt, ob die Aussagen sich gegenseitig ausschließen.

,Heimat‘ ist eine Art Mitgift und Prägung. Zugleich bin ich herausgefordert, meine Vorstellungen offen zu halten. ,Heimat‘ kann, soll und muss sich wandeln, so Renate Zöller. Sie glaubt: Die zuerst wahrgenommene Heimat der Kindheit ist uns besonders warm in Erinnerung, weil wir sie nicht erobern mussten. Geborgenheit, Sicherheit, Liebe werden uns meist von unseren Familien ungefragt geschenkt, ohne dass wir darüber überhaupt nachdenken. Wenn wir uns als Erwachsene eine neue Heimat schaffen wollen, versuchen wir das über unseren Intellekt, indem wir uns engagieren, Freunde suchen, in Vereine gehen. Es ist nicht einfach, sich neu zu beheimaten, glaubt Frau Zöller, und zugleich findet sie es besonders wichtig, es, wenn nötig, immer wieder neu zu versuchen – als Zugezogener ebenso wie als Gebliebener.

Auf die Frage des Moderators, ob und welches Potential in der ,Heimatdiskussion‘ für die kommenden Jahre steckt, antworten die Gesprächspartner abschließend:

Wir stecken schon mitten drin in dieser Diskussion. Das zeigen der Fußball, die breite Zustimmung zur Volksmusik, entstehendes regionales Heimatbewusstsein. Doch müssen wir wahrnehmen, dass der Heimatbegriff sehr ambivalent ist und damit auch die Berufung auf ‚Heimat‘. Darum sollte in der weiteren Debatte ein angewandter Heimatbegriff betont werden. Wir sollten statt einer emphatischen Heimatdebatte lieber eine Regionalisierungsdiskussion führen und wegkommen von einem exklusiven und pathetischen Heimatverständnis. Der Heimatbegriff selbst bleibt problematisch, gerade auch in seiner Interpretation als Gefühl. Stattdessen kann man von Bonhoeffer lernen: Für ihn ging es nicht mehr um Heimatgefühle, sondern um das Verstehen einer geschichtlichen Situation. (Propst Dr. Lincoln).

Die Debatte über Heimat wird immer dann problematisch, wenn sie sich zu einem Identitätsstreit mit Aus- und Abgrenzungen entwickelt. Wir müssen darum wachsam darauf achten, welche Folgen die Verwendung des Begriffes ,Heimat‘ in Deutschland jeweils und bei wem auslöst, denn das Wort wurde in der deutschen Geschichte immer wieder als politischer Kampfbegriff benutzt.. Schließt es Vielfalt und Diversität ein und ermöglicht es sie, dann kann die Verwendung hilfreich sein, z. B., wenn damit Geborgenheit oder Kleinräumigkeit gemeint ist. (Daniel Ziemer)

Wir sollten dennoch den Gebrauch des Wortes ,Heimat‘ nicht aufgeben und nicht den lauten Stimmen von Rechts überlassen, sondern positiv besetzen, auch wenn es schwer fällt. Das Bedürfnis nach einer überschaubaren Heimat in einer globalisierten Welt ist vorhanden – das müssen wir ernst nehmen. Wir sollten über Heimaterfahrungen und Heimatgefühle sprechen und davon erzählen, um zu erkennen, wie vielfältig sie sind, wie hilfreich für ein menschliches Miteinander, und dass sie einem Grundbedürfnis des Menschen nach Beheimatung entsprechen. (Renate Zöller)

So bestätigte, reflektierte und vertiefte das Rundgespräch das, was die Teilnehmenden nach dem Mittagessen in ihren Gesprächsrunden mit den ,Wortwolken‘ zu den einzelnen Buchstaben des Wortes ‚HEIMAT‘ aus ihren jeweiligen Heimaterfahrungen zu Papier gebracht hatten – die Plakate hatten sie mit in den Kirchenraum gebracht .

Mit einem Dank an die Gesprächspartner sowie an den Moderator für ihre engagierte und anregende thematische Gestaltung und mit einem Dank für das interessierte Zuhören und Mitgehen der ca. 50 Besucher schließt der Kassenwart des Vereins den Nachmittag.

Ausklang

Draußen haben die Wolken am Himmel mehr Lücken gelassen, so dass die wärmende Sonne die Kühle des Vormittags vertrieben hat und nun jenes Mittelgebirge, das Dietrich Bonhoeffer als die Landschaft, die ihn geprägt und gebildet hat, in klares Licht taucht. Die für die Bonhoeffer-Kinder heimatliche Landschaft ist heute eine Landschaft für Menschen im Umbruch. Davon zeugen nicht nur die Baustellen, die in diesem Sommer versiegenden Bäche und Talsperren, die Umweltschäden an Wald und Flur, sondern auch die Wirkungen deutscher Nachkriegsgeschichte, die die Menschen in Ost und West in einem einst geteilten Land mit zwei deutschen Staaten geprägt und verändert haben. Teil dieser Geschichte ist die wechselvolle Geschichte des einstigen Ferienhauses der Familie, das den Bonhoefferkindern in den Sommerferien Sommer, Freiheit und Heimat – so Susanne Bonhoeffer-Dress – bot, Urlaube für die jungen Familien mit ihren Kindern ermöglichte und Zuflucht für die Familien des ältesten und der jüngsten der Bonhoeffers vor den Bomben auf Berlin und Leipzig gab, danach über 40 Jahre der Familie nicht zugänglich war und Wohnstätte für Flüchtlinge und später für ältere Menschen in der DDR wurde, heute touristisch genutzt wird und ein Ort der Erinnerung an eine in den aktiven Widerstand gegen den NS-Staat involvierte, kulturell und christlich verwurzelte und weltoffen orientierte Familie geworden ist.

Zu den Personen, die den 21. Bonhoeffertag inhaltlich mitgestaltet haben:

Christoph Carstens ist Vorsitzender des Vereins „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. und stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Renate Zöller, 1971 geboren, studierte Osteuropäische Geschichte, Germanistik und Slawistik in Köln, St. Petersburg und Prag. Sie lebte mehrere Jahre in Moskau und Prag und arbeitet als freie Journalistin u. a. für die taz, Deutsch Perfekt, den Tschechischen Rundfunk und das tschechische Magazin Respekt.

Für ihre Arbeit über Heimat unterstützte sie das Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen mit dem Milena Jesenská Stipendium. Sie recherchierte zur Bedeutung und dem gegenwärtigen Verständnis von ‚Heimat‘. Sie führte dazu zahlreiche Interviews mit Menschen, die ihre Heimat verloren haben, auf der Suche nach Heimat sind oder vom Ankommen in einer neuen Heimat berichten konnten. Ergänzt werden die persönlichen Interviews von Gesprächen mit einer Gruppe von Wissenschaftlern aus Halle, die interdisziplinär zum Thema ‚Heimat‘ arbeiten, sowie mit der Psychologin Beate Mitzscherlich. Unter dem Titel ‚Was ist eigentlich Heimat? – Annäherung an ein Gefühl‘ hat sie die unterschiedlichen Erfahrungen und Erkenntnisse veröffentlicht: Christoph Links Verlag 2015.

Daniel Ziemer studierte Neuere und Neueste Geschichte sowie Soziologie in Dresden und Freiburg. Er arbeitet an der Schnittstelle von kuratorischer Praxis und musealer Vermittlung und konzipierte zeit- und kulturgeschichtliche Sonderausstellungen für das Haus der Geschichte der BRD sowie für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Seit November 2016 vertritt er den Bereich Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin (www.sfvv.de).

Dr. Ulrich Lincoln ist Theologe und Pfarrer der Braunschweigischen Landeskirche. Er studierte in Bielefeld, Glasgow, Heidelberg und Alexandria/USA. Seine Doktorarbeit schrieb er über Sören Kierkegaard an der Uni Frankfurt. Seit 2010 war er als Auslandspfarrer der EKD in der deutschen Gemeinde in London-Ost, in der auch Dietrich Bonhoeffer von 1933 – 35 wirkte, tätig. Dort hat er das Bonhoeffer Centre London gegründet, eine Arbeits- und Studiengemeinschaft, die jährlich einen Bonhoeffer Day gestaltet und weitere Veranstaltungen für Gemeinden und Bonhoeffer-Forscher anbietet. 2014 erschien ein Buch ‚Die Theologie und das Hören‘. Seit August 2016 ist er Propst im Kirchenkreis Vorsfelde.

21. Bonhoeffertag: HEIMAT – zwischen Verlust, Suche und Ankunft

Zum 21. Mal wurde auf Einladung der Evangelischen Kirchengemeinde in Friedrichsbrunn ein Tag zum Gedenken an Dietrich Bonhoeffer und seine Familie begangen. Die Eltern von Dietrich hatten 1913 für sich und ihre Kinder ein Ferienhaus im Harz gekauft, die Familie nutzte es bis in die Kriegsjahre hinein. Heute ist im „Bonhoeffer-Haus“ ein Café und eine sehenswerte interaktive Ausstellung zur Familie Bonhoeffer untergebracht.

Der 21. Bonhoeffertag nahm sich eines aktuellen gesellschaftlichen Themas an, das aus der Sicht auch der eingeladenen Referenten das Potential in sich trägt, die Medien noch eine Zeit lang zu beschäftigen.

Mit dem Thema:
„Heimat zwischen Verlust, Suche und Ankunft – Heimat und Fremde im Leben der Bonhoeffers und in den Erfahrungen einheimischer und geflüchteter Menschen in Deutschland“ ging es um den Diskurs zu dem schillernden Begriff „Heimat“.

Der Tradition gemäß beginnt der Bonhoeffertag mit einem Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses. Den Gottesdienst leitete Pfarrer Ulrich Lörzer, z. Zt. zuständig für den Pfarrsprengel Thale. Die Predigt hielt Ruth Ziemer, Schulpfarrerin im Evangelischen Kirchenkreis Halberstadt. Der hiermit verbundene inhaltliche Impuls zu unserer Glaubensheimat in Gott, die uns „Heimat“ nicht nur als einen Sehnsuchtsort von der Vergangenheit her, sondern auch als etwas Zukünftiges denken lässt, wurde nach einem Mittagsimbiss kreativ weitergeführt mit einem Austausch von Heimaterfahrungen.

Propst Dr. Ulrich Lincoln (Wolfsburg) referierte anschließend über „Heimat und Exil bei Dietrich Bonhoeffer“.

Darauf folgte ein Podiumsgespräch, moderiert von Pfarrer Christoph Carstens, dem Vorsitzenden des „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e.V.). Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, zu differenzieren zwischen dem persönlichen, von der Erinnerung und vom Gefühl her getriebenen Verständnis von „Heimat“ und dem Verständnis von „Heimat“ als einem politischen Begriff, der schnell auch ausgrenzend gebraucht werden kann und wird.

Zum Podiumsgespräch waren eingeladen:

  • Propst Dr. Ulrich Lincoln
  • Renate Zöller, Journalistin und Autorin des Buches „Heimat – Annäherung an ein Gefühl“ (Hürth bei Köln)
  • Daniel Ziemer, Mitarbeiter der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ am Deutschen Historischen Museum in Berlin

Bei Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoeffer-Hauses fand eine Veranstaltung ihr Ende, die vielen Anwesenden mit ihren interessanten und anregenden Gedanken noch weiter nachgehen wird.

Hier stellte sich zudem für alle überraschend und themenbezogen die Kostümgruppe des Ortes Friedrichsbrunn mit historischen Kostümen vor – ein Zeichen dafür, dass der Bonhoeffertag im Ort wie bisher auch über die kirchlichen Grenzen hinaus wahrgenommen wird.

Zu danken ist auch Frau Gabriela Zehnpfund, der Inhaberin des Bonhoeffer-Cafés und ihrem Team, die für das leibliche Wohl aller Gäste sorgte.

Pfarrer Ulrich Lörzer

21. Bonhoeffertag, Sonntag, 26. August 2018: Heimat – zwischen Verlust, Suche und Ankunft

11.00 Uhr: Festlicher Gottesdienst

im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7,
bei schlechtem Wetter in der Kirche,
mit dem Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick.

Predigt: Pfarrerin Ruth Ziemer.

 

Anschließend Mittagsimbiss vom Grill

13.15 Uhr: »Da ist meine Heimat – da bin ich zuhaus’«

Heimat-Erfahrungen im Gespräch

 

14.00 Uhr in der Bonhoeffer-Kirche: Heimat und Fremde – im Leben Bonhoeffers und in den Erfahrungen einheimischer und geflüchteter Menschen in Deutschland

»Heimat und Exil bei Dietrich Bonhoeffer«

Kurzvortrag von Propst Dr. Ulrich Lincoln, Wolfsburg

 

»Verlust, Suche – und Ankommen in der Heimat«

Podiumsgespräch mit

  • Renate Zöller, Journalistin und Autorin des Buches „Heimat – Annäherung an ein Gefühl“, Hürth bei Köln,
  • Daniel Ziemer, Mitarbeiter bei der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«, Berlin,
  • Propst Dr. Ulrich Lincoln, Wolfsburg,
  • Moderation: Pfr. Christoph Carstens, Vorsitzender des »Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn« e. V., Quedlinburg.

15.30 Uhr: Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoeffer-Hauses.

Der Handzettel zum Ausdrucken als Plakat: 21. Bonhoeffertag 2018. A5+ 20180612 tonersparende Druckversion