22. Bonhoeffertag, 1. September 2019: Was heißt: „Die Wahrheit sagen“?

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BHT 22 20190901 1045 Gemeinde vor GD P1070163Einem Neffen, der 1942 einberufen worden war, schrieb Dietrich Bonhoeffer: „Du weißt, was ein gutes Familienleben, was gute Eltern, was Recht und Wahrheit, was Menschlichkeit und Bildung, was Tradition für höhere Güter sind… Aber es ist klar, … daß Dir dadurch Konflikte bevorstehen…“

Auch Dietrich Bonhoeffer selbst hatte durch seine Erziehung Wahrheit als „höheres Gut“ kennen gelernt. Als Christ und Pfarrer war er der Wahrheit verpflichtet. Aber dann kam er zur Überzeugung, dass der Führer des verbrecherischen national-sozialistischen Regimes mit Gewalt beseitigt werden musste, war zum Doppelagenten geworden – und am Ende inhaftiert. Was hieß es nun, unter den jeweiligen Umständen, die Wahrheit zu sagen?

Wir haben diese Frage für den 22. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn aufgegriffen.

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Zunächst im Gottesdienst,  der wieder „open air“ im Garten des Bonhoeffer-Hauses stattfinden konnte – der Himmel verdunkelte sich zwar zusehends, hielt den Regen jedoch zurück. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick gestaltete den Gottesdienst musikalisch. In der Predigt entfalteten Pfarrerin Angela Kunze-Beiküfner und Hartmut Bick den Wahrheitsbegriff im Alten und im Neuen Testament.

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Das hebräische Wort für Wahrheit – aemaet – hängt mit Wörtern zusammen, die „fest, sicher, treu“ bedeuten.

Man kann aemaet sagen, dann geht es darum, dass das, was gesagt wird, verlässlich ist.

Man kann aemaet üben, dann geht es um die Zuverlässigkeit der Person, die etwas sagt.

Ein Wörterbuch sagt es so: „Das Hebräische kennt kein selbstständiges Wort für „Wahrheit“. Das heißt nicht, dass es den Begriff Wahrheit nicht kennt, aber sein Wahrheitsbegriff ist unablösbar mit der Vorstellung der Verlässlichkeit verknüpft“ (ThHWAT I 204). Ein grundsätzliches Gebot, immer und unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, gibt es in der hebräischen Bibel nicht. Stattdessen gibt es die Verpflichtung auf die Treue Gottes und die Förderung dessen, was dem Leben dient.

Als Pfarrerin Kunze-Beiküfner noch zu DDR-Zeiten einige Jahre lang für die Gemeinschaft von Taizé in geheimer Mission zu verbotenen christlichen Treffen in die osteuropäischen Nachbarländer reiste, „bedeutete das für mich selbstverständlich, bei den Grenzkontrollen falsche Angaben über die Zwecke und Ziele meiner Reisen zu machen. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet. Wenn ein Untergrundpriester in der Slowakei enttarnt wurde, erwarteten ihn sehr viele Jahre Gefängnis. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet.“

Auf den ersten Blick scheint das Neue Testament näher an unserem heutigen Wahrheitsverständnis dran zu sein: „alaetheia ist ein wirklicher Tatbestand bzw. ein wahrer Sachverhalt. Aber Johannes und Paulus z. B. haben auch ein tiefes Verständnis des Alten Testamentes. Und darum verbinden sie das eine mit dem anderen:

„Die Wahrheit“, also „das Offenbarte“ ist Jesus Christus. In Christus offenbart sich der wahre und wahrhaftige Gott. Und der Glaube an den in Christus offenbarten Gott bleibt keine Theorie, kein Denkspiel, bleibt nicht abstrakt, sondern prägt den Alltag, hat Einfluss auf das Handeln, führt zu einem mitmenschlichen Verhalten. Der Unglaube andererseits, weil er nicht der Wahrheit entspricht, nimmt dem Denken und Handeln die klare Orientierung.“

BHT 22 20190901 1305 Ruth Ziemer erklärt Gesprächsthema P1070166

Für Gesprächsrunden an den Tischen nach dem „Mittagsimbiss vom Grill“ hatten Ruth Ziemer und Christine Bick Anregungen in Form von Plakaten vorbereitet: „Die ganze Wahrheit über … Das sagen ihre Gegner… Das sagen ihre Fans…“ Viele Besucher nahmen die Anregung auf und kamen ins Gespräch miteinander: Kann man „die ganze Wahrheit“ über eine Person erfahren? Und wie gehen wir mit dem um, was wir voneinander wissen?

BHT 22 20190901 1402 Vorstellung Gesprächsplakate P1400976Zu Beginn der Nachmittagsveranstaltung in der Kirche wurden die „Gesprächsergebnisse“ präsentiert.

BHT 22 20190901 1405 GEbbrecht stellt Referenten vor P1400977Dann stellte Dr. Günter Ebbrecht den ersten Referenten vor: Wolf Krötke, emeritierter Professor für systematische Theologie.

BHT 22 20190901 1410 Wolf Krötke am Rednerpult P1400978

Unter dem Thema „Die Wahrheit sagen – die Wahrheit ans Licht bringen“ beschäftigte er sich mit einem Aufsatz, den Dietrich Bonhoeffer 1943 in der Tegeler Zelle schrieb. („Nebenbei schrieb ich einen Aufsatz über: »Was heißt die Wahrheit sagen?«, DB in einem Brief am 18.11.1943.)

Bonhoeffer war also bei seiner theologisch-existenziellen Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage mit einer tödlichen Bedrohung des eigenen Lebens und mit Ängsten um das Leben von Mitverschwörern konfrontiert. Bonhoeffers in dieser Grenzsituation formuliertes Wahrheitsverständnis ist wegweisend und lebensdienlich bis heute. Dietrich Bonhoeffer plädiert für eine kontextuelle, konkrete und lebendige Wahrheit:

Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die ‚Wahrheit gesagt wird‘ ohne Beachtung dessen, zu dem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit. Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit zu sagen‘, nur ein totes Götzenbild der Wahrheit zur Schau stellt.

Für Bonhoeffer ist jede wahrheitsgemäße Rede eingebettet in Beziehungen und hat deshalb eine doppelte Verantwortung:

Weil es in jedem Wort immer um die doppelte Beziehung zum anderen Menschen und zu einer Sache geht, darum muss diese Beziehung in jedem Wort ersichtlich sein, ein beziehungsloses Wort ist hohl; es enthält keine Wahrheit.

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Im Anschluss an den Vortrag entspann sich ein reges Gespräch mit den Zuhörern.

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Mit Gesang und Instrumenten sorgten Christine und Hartmut Bick für die musikalische Umrahmung der Nachmittagsveranstaltung.

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Als zweiter Referent stellte sich Marcus Bensmann den Fragen von Pfr. Christoph Carstens und der Besucher. Er arbeitet für Correctiv, „das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum.“

Sein Thema war: Solide Recherche als Grundlage eines glaubwürdigen Journalismus’ und einer gut informierten Gesellschaft. Antworten auf den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘.

Er wies zunächst auf einen grundlegenden Wandel hin, der sich in der Medienlandschaft vollzieht: Früher gab es „die Torhüter“ der Informationen: Verlagsleiter, Redaktionen in Presse, Funk und Fernsehen. Die Informationsempfänger hatten mehr oder weniger Vertrauen in die Sender der Informationen. Dank der Informationstechnologie und digitaler Medien kann heute jeder nicht nur Empfänger, sondern auch „Sender“ sein. Es bleibt die Frage: Welchen Informationen kann ich vertrauen?

Correctiv arbeitet – wie jedes gute Medienunternehmen – mit überprüften und überprüfbaren Informationen — und stellt darüber hinaus Handwerkszeug zur Verfügung, um die „journalistische Kompetenz“ jedes Interessierten zu stärken. Nachrichten werden mit den Lesern zusammen überprüft – und manchmal als Fake News entlarvt.

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Mag es bei vielen auch eine Sehnsucht nach der „Herrschaft der Weisen“ geben,  Bensmann wäre eine Befähigung der Menschen zu einem kritischen Umgang mit den Medien lieber. Für seine eigenen Arbeiten hat er den Anspruch, alles getan zu haben, was der Wahrheitsfindung dient. Das soll auch rüberkommen – und wenn er dann doch falsch liegen sollte, kann das immer noch korrigiert werden, durch die „journalistisch kompetent“ gewordenen Empfänger.

Vermutlich gehörten die fünfzig Zuhörer nicht zu denen, die die meisten Medien als „Lügenpresse“ verteufeln, aber der eine oder andere mag schon allgemein skeptisch geworden sein, und sei es durch einzelne Erlebnisse, dass es „in der Zeitung nicht so stand, wie es war oder wie wir es dem Redakteur erzählt haben“.

Bensmanns Ausführungen motivierten, aus einem neuen Blickwinkel an den Umgang mit Medien heranzugehen.

Im Garten des Bonhoeffer-Hauses konnte der Tag bei Kaffee und Kuchen aus dem Café ausklingen.

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Einladung: 22. Bonhoeffertag, 1. September 2019

Sonntag, 1. September 2019: 22. Bonhoeffertag. Thema „Wahrheit und Lüge“

Friedrichsbrunn ist trotz Bauarbeiten zu erreichen! Die Zufahrt von QLB über Bad Suderode ist frei. Ignorieren Sie die Sperrschilder am Ortseingang – bis zur Ortsmitte können Sie fahren, und dann rechts in die Waldstraße. Auch die Zufahrt von Thale aus wird am 01.09. vormittags wegen eines Triathlons gesperrt sein.

11.00 Uhr Festlicher Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7

danach Mittagsimbiss vom Grill

Ca. 13.15 Uhr Miteinander im Gespräch: Alltagserfahrungen mit Wahrheit und Lüge

14.00 Uhr Vorträge und Gespräch in der Kirche: Was heißt: Die Wahrheit sagen?

Referenten zum Thema: Die Wahrheit sagen – Die Wahrheit ans Licht bringen
Wolf Krötke, Dr. theol., Prof. em.
Marcus Mensmann, Journalist, Recherchenetzwerk Correctiv

15.30 Uhr Kaffee und Kuchen im Garten

Das endgültige Programm finden Sie ab Mitte Juni auf diesen Seiten.

 

21. Bonhoeffertag, Sonntag, 26. August 2018: Heimat – zwischen Verlust, Suche und Ankunft

11.00 Uhr: Festlicher Gottesdienst

im Garten des Bonhoeffer-Hauses, Waldstraße 7,
bei schlechtem Wetter in der Kirche,
mit dem Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick.

Predigt: Pfarrerin Ruth Ziemer.

 

Anschließend Mittagsimbiss vom Grill

13.15 Uhr: »Da ist meine Heimat – da bin ich zuhaus’«

Heimat-Erfahrungen im Gespräch

 

14.00 Uhr in der Bonhoeffer-Kirche: Heimat und Fremde – im Leben Bonhoeffers und in den Erfahrungen einheimischer und geflüchteter Menschen in Deutschland

»Heimat und Exil bei Dietrich Bonhoeffer«

Kurzvortrag von Propst Dr. Ulrich Lincoln, Wolfsburg

 

»Verlust, Suche – und Ankommen in der Heimat«

Podiumsgespräch mit

  • Renate Zöller, Journalistin und Autorin des Buches „Heimat – Annäherung an ein Gefühl“, Hürth bei Köln,
  • Daniel Ziemer, Mitarbeiter bei der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«, Berlin,
  • Propst Dr. Ulrich Lincoln, Wolfsburg,
  • Moderation: Pfr. Christoph Carstens, Vorsitzender des »Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn« e. V., Quedlinburg.

15.30 Uhr: Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoeffer-Hauses.

Der Handzettel zum Ausdrucken als Plakat: 21. Bonhoeffertag 2018. A5+ 20180612 tonersparende Druckversion

„Auf das Leben vorbereitet“ – Der 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

20. Bonhoeffertag 2017-08-20 Bericht Günter Ebbrecht (Rev. HDB)

Auf den Handzetteln und Plakaten, die zum 20. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 20. August 2017 einluden, fand sich neben einem eher unbekannten Foto der Großfamilie Karl und Paula Bonhoeffer das Motto: „Auf das Leben vorbereitet“. Die Kombination von Foto und Motto ließ erahnen, wer oder was uns auf das Leben vorbereitet: die Familie. An diesem wechselhaften Spätsommertag stand die Familie in unterschiedlichen Perspektiven im Zentrum des Bonhoeffertages im Ostharz, dort, wo die Familie Bonhoeffer seit 1913 ihr „Häuschen“ besaß, das für die gesamte Familie „Heimat und Freiheit“ (Susanne Dress) bedeutete.

Das Foto aus dem Jahr 1925 zeigt eine kecke, eine heiter-lockere Generationenpyramide, deren Sockel die jungen Eltern Rüdiger und Ursula Schleicher bilden, auf dem sich in einer tragenden Reihe die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, sowie neben ihr ihr Sohn Karl und dessen Frau Paula präsentieren. Auf Paula Bonhoeffers Schoß sitzt der etwa einjährige Enkelsohn Walter. Darüber, gewissermaßen als Gipfel, schauen und lächeln die sieben Kinder und zum Teil deren Ehepartner in die Kamera. Alles in allem eine intakte, eine harmonische Familie. Von ihr können die Kinder und deren Kinder mit Recht sagen: „Sie hat uns gut auf das Leben vorbereitet.“

Der festliche Gottesdienst im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Bonhoefferfamilie, mit dem der 20. Bonhoeffertag begann, war zum einen geprägt von der Stellung des Sonntages im Kirchenjahr, der üblicherweise „Israelsonntag“ genannt, und von einer weltbekannten Familiengeschichte: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinen zwei Söhnen aus Lukas 15.

Die Verwurzelung der christlichen Kirche im Volk Israel, gewissermaßen Israel als Herkunftsfamilie der Christenheit, wurde hörbar mit der Epistellesung aus Deuteronomium 6,4–9: „Höre, Israel, Adonaj ist unser Gott, Adonaj ist einer. Adonaj, deinen Gott, sollst du lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Das sog. „Schᵉma Jisrael“ soll zum Leit- und Geleitwort der Kinder werden. Es soll in ihr Herz eingeschrieben werden – „learned by heart“. Es ist ein Wort, das auf das Leben vorbereitet. Der Referent des Nachmittags, Dr. Cornelius Bormann griff zu Beginn seines Vortrages über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“ diesen Hinweis auf das Judentum als Herkunftsfamilie der Christenheit, als Grundlage des „Abendlandes“ auf. Bormann zitierte aus Bonhoeffers Ethikfragment „Erbe und Verfall“: „Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung… Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“[1]

Die Predigt von Regionalbischof Propst Christoph Hackbeil, der als Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt aktiv dazu beigetragen hat, dass das Ferienhaus der Bonhoefferfamilie ein Erinnerungs- und Begegnungsort wird und bleibt, legte anschaulich und aktuell Jesu Gleichnis vom barmherzigen Vater aus. Der lukanische Jesus erzählt eine „Familiengeschichte“. Er folgt den Prototypen seiner hebräischen Bibel. Mit einer Frage setzte der Prediger ein: „Die intakte Familie – ist es das, was heute Thema sein soll?“

Er erinnerte zunächst an die intakte Großfamilie der Bonhoeffers, deren Urlaubsaktivitäten in den Ausstellungsräumen des Bonhoefferhauses in Friedrichsbrunn lebendig wird. Sodann versetzte er seine Zuhörer – es waren rund 130 Menschen zum Gottesdienst im Garten des Bonhoefferhauses gekommen – in die galiläische Tiefebene, wo zwei Söhne eines jüdischen Großbauern geschwisterlich miteinander aufwachsen, bis ein Riss durch die Familie geht, bis der Wegzug des jüngeren Sohnes mit seinem ausgezahlten Erbe die Familie spaltet. Diese Spaltung der Familie verstärkt sich noch durch die Rückkehr des verlorenen, tot geglaubten jüngeren Bruders, als der mit offenen Armen von seinem Vater wieder in die Familie aufgenommen, von seinem älteren, daheim gebliebenen Bruder jedoch abgelehnt wird. Als der Vater davon hört, geht er sogleich hinaus zu seinem älteren Sohn, der in Familientreue zu Hause geblieben ist, und wirbt bei dem älteren Bruder für die Versöhnung mit dem jüngeren. Gehören sie nicht beide zu einer Familie?

Wie der barmherzige Vater, so handelt Gott. Jesus erzählt von Gott als liebenden, barmherzigen Vater. „Doch all das tut er nicht, weil in seiner Familie alles in Ordnung ist. Gott geht es wie vielen Menschen: Seine Familie ist nicht intakt. Viele seine Kinder leben nicht versöhnt miteinander.“

Jesu Vatergott – so der Prediger – sieht mit Schmerzen den Riss, der sich zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und der Christenheit aufgetan hat. Er leidet unter dem Hass, der in der Geschichte von Christen gegen den älteren Bruder Israel bis hin zum mörderischen antisemitischen NS-Regime entflammt ist. „Das Evangelium des heutigen Sonntages bekennt den liebenden Vater über beiden, Juden wie Christen, obwohl es von der beginnenden Entfremdung weiß. So sollen wir auf den gütigen Gott Israels sehen, der der Vater Jesu Christi ist… In den Juden sollen wir unsere Geschwister vor Gott sehen. Dazu müssen wir mehr über das Judentum wissen und zum Dialog bereit sein… Als die teuflische Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis begann, war Dietrich Bonhoeffer einer der wenigen, der widersprach.“

Der Blick auf die zerrissene Familie im Gleichnis zeigt uns: Jesus malt uns keine „intakte“ Familie vor Augen. Er richtet kein Familienidyll und -ideal auf. Die Brüder müssen neu miteinander leben lernen. Glück haben Kinder, die in ihren Familien Geborgenheit erfahren. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht, so der Prediger. Ehen können zerbrechen. Viele Familien werden gegenwärtig durch Flucht zerrissen. Eine Vielzahl von Familienformen existiert nebeneinander. Wir sollen sie nicht moralisch abwerten und gegeneinander ausspielen. Kirchengemeinden sollen für Menschen mit gebrochenen Familienbeziehungen ein Zuhause werden. Sie sollen Familien in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen unterstützen. „Familie muss gestärkt werden als der Ort, wo Menschen am stärksten Beistand und Solidarität erleben und erlernen.“

Zuletzt kehrte der Prediger zur Familie Bonhoeffer zurück, deren schöne bildungsbürgerliche Welt des Berliner Grunewalds oder des Harzer Friedrichsbrunns zerbrach, als das menschenverachtende NS-Regime vier der Söhne bzw. Schwiegersöhne der Familie ermordete. Die innere Klarheit über das notwendige Tun und die Solidarität untereinander trug diese Familie. Ebenso die Geborgenheit der Kindheit. Propst Hackbeil schloss mit dem Zitat Karl Bonhoeffers aus einem Brief an seinen ehemaligen Assistenten jüdischer Herkunft, der vor den Nazis in die USA fliehen konnte. Beide Familiengeschichten – die biblische und die der Bonhoeffers – können heute noch dazu beitragen, auf das Leben vorzubereiten.

Die Zeit zwischen dem Gottesdienst und dem Vortrag von Dr. Cornelius Bormann am Nachmittag war gefüllt mit Aktivitäten, die auch familiäres Leben bestimmen. Da war zunächst die Einladung, an einem gemeinsamen Tisch Platz zu nehmen. Dazu hatte die Familie Zehnpfund, die das Café im Haus betreibt, zusammen mit einem Stab von Mitarbeitern ein kräftigendes Mittagsmahl vorbereitet. Bereichert wurde das gemeindliche Familienleben durch die spielerische Präsentation einiger Kindergartenkinder mit ihren Eltern und deren Erzieherinnen, die in die Welt der Indianer führte. Natürlich gehört das Familiengespräch am gemeinsamen Tisch dazu. Ruth Ziemer und Christine Bick, zwei Mitglieder des Träger- und Fördervereins Bonhoefferhaus Friedrichsbrunn, luden ein, eigene Familienerfahrungen miteinander auszutauschen. Sie regten die Fantasie der Erinnerung an: „Versetzen Sie sich in Ihre Kindheit zurück … und denken Sie an die Situation zu Hause bei Tisch. Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge die Bilder kommen, die Sie beim Essen zeigen.“ Weitere Fragen gaben Impulse zum Gespräch, die an einigen Tischen zu einem regen persönlichen Austausch führten.

Danach gingen die Besucher des Bonhoeffertages zur nahegelegenen Bonhoefferkirche. Rund 60 Besucher lauschten dort gespannt den frei vorgetragenen Ausführungen von Dr. Cornelius Bormann über „Die Familie Bonhoeffer im Grunewald – eine Familie aus dem protestantischen Bildungsbürgertum“. Nachdem er mit dem Zitat aus dem Ethikfragment „Erbe und Verfall“ die Brücke zum Gottesdienst am Vormittag geschlagen hatte, zeigte er die Ausgabe einer Lutherbibel aus dem Jahr 1911. Eine solche Bibel hatten die Eltern ihrem zweiten Sohn Walter zur Konfirmation geschenkt. Nach dem Tod Walters kurz vor dem Ende des I. Weltkrieges erhielt Dietrich dessen Bibel von seiner Mutter zur Konfirmation. Sie wurde zu seiner Arbeits- und Meditationsbibel. Sie begleitete ihn bis in die Haftzeit.

Wie diese Bibel ein Zeichen familiärer Verbundenheit war, so war es auch der Siegelring der Familie, den sowohl Dietrich als auch seine Brüder trugen.

Der Siegelring mit dem Wappen der schwäbischen Bonhoeffers öffnete den Blick auf den Vater Karl mit seiner naturwissenschaftlichen Nüchternheit und menschlichen Empathie und auf die Mutter mit ihrer Frömmigkeit und Fähigkeit, das Familienleben zu planen, zu gestalten und die Kinder zu fördern.[2] Über die Eltern hinaus weitete der Referent die Sicht auf die beiden Großeltern der Bonhoefferkinder, vor allem auf die Großmutter Julie Bonhoeffer, geb. Tafel, mit ihrem wachen Sinn für die Unterdrückung und Entrechtung der Juden, mit ihrer Gradlinigkeit und Aufrichtigkeit, die Dietrich Bonhoeffer in seiner Traueransprache 1936 hervorhob.[3] Noch weiter ging der Referent zurück, um den Wurzelgrund dieser besonderen Familie aufzuzeigen.

Vier Urgroßväter stellte er den Zuhörern vor Augen und mit ihnen vier Aspekte von Lebensentwürfen, die die Bonhoefferkinder auf das Leben vorbereiteten.[4] In Buchform, in Bildern, die die Wohnung schmückten und bestimmten, und in Erzählungen war ihnen ihr Leben präsent:

  • Christian Tafel verkörpert das revolutionäre, das freiheitlich-republikanische Erbe;
  • Stanislav Graf von Kalkreuth steht für das kreative, das musische – bei ihm das malerische – Talent;
  • Sophronius Franz Bonhöffer bringt das bürgerliche Erbe und Engagement einer freien Reichsstadt in die Familiengeschichte ein;
  • Karl August von Hase vertritt die liberale Prägung des Protestantismus. Als Burschenschaftler führte ein Konflikt mit den Landesfürsten zur Festungshaft in Hohenasperg. Den autobiografischen Bericht hat Dietrich Bonhoeffer in der Haft erneut gelesen. Als späterer Kirchenhistoriker schrieb Karl August von Hase eine Kirchengeschichte, die in drei Ergebnissen des 19. Jahrhunderts den Anspruch des von Jesus von Nazareth verheißenen Reiches Gottes widergespiegelt sah: in der Emanzipation der Juden, in der Befreiung der „Neger“ aus der Sklaverei und in der Solidarität der Arbeiterschaft.

 

Nachdem der Referent in wenigen Zügen die Geschwister Dietrich Bonhoeffers als Teil der Familie beschrieben hatte[5], entfaltete er den Ort ihres Wohnumfeldes, den Grunewald,[6] angefangen von der Idee des Gründung dieser Villenkolonie bis hin zu ihren Bewohnern. Er charakterisierte dieses Wohnviertel mit seinen mehr als 6.000 Bewohnern als einen kleinen Kulturstaat, der nach Ablösung des wilhelminischen Machtstaates durch den I. Weltkrieg ein Vorbild des neuen Staates der Weimarer Republik hätte sein können. Dieses Viertel war Ausdruck des Bildungsbürgertums, das u. a. seinen Ursprung in der französischen Revolution hat und Teil des allgemeinen Bürgertums ist. Bildung und Kultur werden als zentral angesehen. Sie sollen auf das Leben vorbereiten. Sie zielen auf die Gestaltung von Zukunft. Sie bilden das Bewusstsein der Verantwortlichkeit. Sie prägen Individualität und Persönlichkeit. Eine besondere Untergruppe des Bürgertums ist das protestantische bildungsbürgerliche Milieu, das der Referent mithilfe der Studien Max Webers beschrieb. In diesem Milieu verbindet sich Luthers Erbe der Wertschätzung des Gottesdienstes im Alltag der Welt, in Beruf und Arbeit mit dem Erwählungsgedanken calvinistischer Prägung, bei der sich die Erwähltheit in Erfolg und Wohlhabenheit zeigt.

In seiner Haftzeit hat sich Dietrich Bonhoeffer intensiv an seine Familie und das Wohnumfeld in Berlin-Grunewald erinnert und die Erinnerungen z. B. in einem Dramen- und Romanfragment verarbeitet.. Sie spiegeln dieses liberale, protestantische, bildungsbürgerliche Milieu wider.[7] Nicht nur das Dramen- und Romanfragment Dietrich Bonhoeffers in der Haft, schon Partien seiner „Ethik“ und Abschnitte des Essays „Nach zehn Jahren“ zeugen von diesem bürgerlichen Bewusstsein, das mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein gepaart ist. So zitierte der Referent aus „Nach zehn Jahren“:

„Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür. Wo man um materieller Bequemlichkeit willen duldet, dass die Frechheit einem zu nahe tritt, dort hat man sich bereits selbst aufgegeben, dort hat man … sich schuldig gemacht am Ganzen. In anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sein, von der Gleichheit der Menschen Zeugnis zu geben; heute wird gerade das Christentum für die Achtung menschlicher Distanzen und menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten haben.“[8].

Christine von Dohnanyi, geb. Bonhoeffer, äußerte im Sommer 1946 gegenüber Ricarda Huch als Ziele der Erziehung ihrer Eltern: „Persönliche Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, unbedingte Wahrhaftigkeit und Verantwortlichkeit dem gesprochenen Wort, ja sogar der Formulierung gegenüber, Ablehnung von Modenarrheiten auf geistigem und anderem Gebiet, Achtung vor der Meinung und besonders vor den Gefühlen der Mitmenschen.“[9]

Der Referent schloss mit einem Ausblick auf die in den ethischen Fragmenten zentralen Begriffe der „Wirklichkeitsgemäßheit“ bzw. „Situationsgemäßheit“. Er verband sie mit Wahrheit und Freiheit. „Der verantwortlich Handelnde bezieht die gegebene Situation in sein Handeln ein… Nicht irgendein fremdes Gesetz wird der Wirklichkeit aufgezwungen, vielmehr ist das Handeln des Verantwortlichen im tiefsten Sinne wirklichkeitsgemäß.“[10]

Angesichts der Frage „Was ist wirklich?“ verwies der Referent auf ein unscheinbares Zitat aus dem Brief vom 15.12.1943: „Lüge ist die Zerstörung und die Feindschaft gegen das Wirkliche, wie es in Gott ist.“ (DBW 8, S. 238). Wahrheit – im Umkehrschluss – ist Aufbau und Freundschaft des Wirklichen. Das Wirkliche gibt es nicht ohne Wahrheit. Doch Wahrheit ist situationsbezogen, Einsicht in die Wirklichkeit der jeweiligen Situation – wie sie sich von Gott aus ergibt.[11] Was dies bedeutet, müsste an Bonhoeffers Überlegungen zu „Jesus Christus und die mündige Welt“ entfaltet werden, mit denen Bonhoeffer die guten Erfahrungen und Einsichten seiner bürgerlichen Welt theologisch integriert.[12]

An dieser Stelle wäre es reizvoll gewesen, in eine intensive Diskussion einzutreten. Doch die Hörer waren so erfüllt, so gesättigt von der Beschreibung der Hintergründe dieser Familie, die auch Dietrich Bonhoeffer nachhaltig geprägt haben, dass es zu keinem Nachgespräch mehr kam. Sie dankten es dem Referenten mit einem intensiven Applaus und mit Worten der Anerkennung in persönlichen Gesprächen.

Mit einem Reisesegen entließ der amtierende Pastor der Gemeinde die Zuhörerschaft in der Bonhoefferkirche und lud zu einem Wiedersehen im Jahr 2018 ein. Der Träger- und Förderverein „Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ e. V. wird sich bemühen, ein neues aktuelles Thema zu finden, das organisch mit dem Erbe der Bonhoefferfamilie verbunden werden kann.

[1]   DBW 6, S. 95

[2]    Cornelius Bormann, Jesus Christus und die mündige Welt. Dietrich Bonhoeffers Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft vor dem Hintergrund der erinnerten Jugendzeit, Rheinbach 2015, S. 131ff

[3]    C. Bormann, a. a. O., S. 148f

[4]    C. Bormann, a. a. O., S. 150-156

[5]    Siehe teilweise C. Bormann, a. a. O., S. 195ff

[6]    Siehe C. Bormann, a. a. O., S. 156ff

[7]    Ausführlich C. Bormann, a. a. O., S. 74ff

[8]   DBW 8, S. 32

[9]   M. Smid, Hans von Dohnanyi und Christine Bonhoeffer. Eine Ehe im Widerstand, S. 25

[10] DBW 6, S. 221

[11] Siehe dazu den gesamten Abschnitt DBW 6, S. 221ff; z. B.: „Die Menschwerdung Gottes allein ermöglicht ein echtes wirklichkeitsgemäßes Handeln. Die Welt bleibt Welt, aber sie bleibt es doch nur, weil Gott sich ihrer angenommen und seine Herrschaft über sie erklärt hat.“ A. a. O., S. 223

[12] Siehe C. Bormann, a. a. O., S.253ff, speziell zum Begriff „mündig“ a. a. O., S. 288ff

Weiße Tauben als Hoffnungszeichen

Der 18. Bonhoeffertag am 30. August 2015 in Friedrichsbrunn wurde eröffnet mit einem Gottesdienst unter der Leitung von Pastorin Franziska Kaus. Gut 100 Besucher freuten sich, dass dieser Gottesdienst bei strahlendem Sonnenschein im Garten des Café Bonhoffer stattfinden konnte. Sie kamen aus dem ganzen Pfarrsprengel, der Region und weit darüber hinaus. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick begleitete den Gesang der Festgemeinde. Superintendentin Angelika Zädow predigte über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Anderen Menschen ein Nächster zu werden und Barmherzigkeit zu üben gelte in diesen Tagen natürlich auch und ganz besonders im Blick auf die Menschen, die vor Krieg und Terror in ihrer Heimat auch nach Deutschland fliehen. Am Nachmittag referierte Dr. Ernst-Albert Scharffenorth aus Heidelberg vor einem großen Kreis Interessierter über „Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen“. Er legte dar, dass sowohl der Vater Karl als auch der Sohn Dietrich bereits 1933 um die Gefahren wussten, die von Hitlers Machtübernahme ausgingen. Sie hatten Hitlers Verhalten in den letzten Jahren der Weimarer Republik richtig gedeutet. Die Gespräche während der Pausen begleitete ein Musiker mit Improvisationen auf seinen Gitarren. Mit dem Reisesegen entließ Pfarrerin Kaus die Besucher des Bonhoeffertages, dabei ließ sie weiße Tauben fliegen, als Zeichen unserer Hoffnung auf Frieden. Der Träger- und Förderverein „ Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ freut sich über zwei neue Mitglieder.