Der 18. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn am 30. August 2015

Ein Bericht von Pfr. i.R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Der blaue Himmel öffnete sich über alle, die sich zum 18. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn auf dem Berg über Thale im Ostharz eingefunden hatten. Die Sonne, die nach dem Matthäusevangelium über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte scheint, beschien die ca 120 Gottesdienstbe­sucher im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer. Der Posaunenchor unter der Leitung der Kantorin Christine Bick forderte die Gäste auf, die neueren geistlichen Lieder mitzusingen. In diesem Jahr begrüßte die neue Pfarrerin des Kirchspiels Thale-Bad Suderode Franziska Kaus die Gottesdienstbesucher. Sie seien aus dem Tal hinaufgekommen auf die Anhöhe der Ostharzer Berge, um auszuatmen, um sich zu lagern und um einen neuen Überblick über ihr Leben und Einblick in Gottes Liebe zu finden.

Die Gottesdienstgemeinde hörte die gute Botschaft aus dem Johannesbrief, dass Gott Liebe ist. Sie ließ sich in der Predigt mitnehmen auf den Weg vom Gebirge, auf dem Jerusalem liegt, hinab nach Jericho ins Westjordantal. Superintendentin Angelika Zädow wies nach der Lesung von Lukas 10,31ff gleich auf den Perspektivwechsel in den Fragestellungen hin: von der Frage des Gesetzeslehrer zu Beginn hin zur Rückfrage Jesu an den frommen Mitbürger am Schluss. Ausgangspunkt des Gespräches zwischen dem Gesetzestreuen und Jesus ist das Gebot der Nächstenliebe, das er besser verstehen will: ‚Aber wer ist eigentlich mein Nächster?‘ Endpunkt des Gespräches ist die Anfrage Jesu an uns fürsorglichen Bürger in einem reichen Land: ‚Wer ist der Nächste für den am Weg Liegenden geworden?‘.

Zwischen den beiden Fragen liegt Jesu Erzählung über den brutal Überfallenen und über drei Menschen, die vorbeigehen. Nur einer von ihnen hält an, steigt zum am Weg Gestrandeten ab, versorgt den Verletzten und ermöglicht ihm ein Dach über den Kopf . ‚Wer von den dreien ist dem zum Nächsten geworden, der am Wegesrand ausgehungert und verblutend zurückgelassen wurde?‘ Es kommt nach Jesus und nach Gottes Weisung der Nächstenliebe nicht darauf an, zu definieren, wer überhaupt unser Nächster ist, sondern auf unsere Antwort auf die an uns gerichtete konkrete Frage: ‚Wo werde ich zum Nächsten, dem, der meiner Unterstützung bedarf?‘. Es geht um den Perspektivwechsel weg von mir, der festlegt, wer mir nahe ist oder fern, hin zu dem, der mich in seiner Not braucht. Es ist der Blickwechsel vom Ich zum Du, zum Anderen in seiner Misere. Es geht um ‚misericordia‘, um die Fähigkeit und Haltung des geöffneten Herzens dem mir Fremden gegenüber. Es geht darum, den Blick zu wenden vom ‚Wegsehen und Vorbeigehen‘ zum ‚Hinsehen und Zugehen‘. „Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist eine Gegengeschichte gegen das Wegsehen.“, sagte die Predigerin.

Die Aktualität und das konkrete Gebot ist klar: „In dieser Zeit fliehen immer mehr Menschen vor Not und Elend. Sie nehmen einen unendlich langen Weg in Kauf. So wie Mahmut und Malik aus Syrien: sie sind über Libyien, die Türkei, Italien, Griechenland und mehre Balkanländer wochenlang unterwegs gewesen. Der eine ist Bauingenieur, der andere arbeitete mit autistisch behinderten Menschen. Sie fliehen vor Terror und Gewalt in ihrem Land. Und kommen zu uns. Als Menschen. Als Menschen, die wir von der gleichen Sehnsucht nach Freiheit, Liebe und Glück erfüllt sind. Als Menschen, denen Gott den gleichen Lebensraum gab wie uns. Wo immer wir geboren wurden auf dieser Welt – welche Sprache auch immer wir sprechen – wir sind und bleiben Kinder der Völkerfamilie Gottes. Durch Menschen wie Mahmut und Malik werden wir zu Nächsten. Als Person, als Gemeinde, als Kirche und als Land.“ Schauen wir hin, werden wir mit ihnen solidarisch auf ihrem Weg, wo sie leicht unter die Räuber und Räder geraten? Werden wir ihnen zu Nächsten?

Die Predigerin endete mit: Ja, „es ist möglich, dass das Notwendige erkannt und getan wird. ‚Gehe hin und tue desgleichen‘ – dieser Satz ist Forderung und Ermutigung zugleich…du kannst hinschauen. Du kannst den Mund aufmachen, wenn Menschen beschimpft werden. Du kannst die Ängstlichen ermutigen. Du bist fähig zu Barmherzigkeit und praktischem Tun. Du kannst Deinen Nächsten erkennen, wie Gott dich erkannt hat.“

Die Lieder ergänzten und vertieften diese Aufforderung und Ermutigung: ‚Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt, seine Gerechtigkeit, Amen.‘ ‚Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit‘. Gemeinsam gesprochene Abschnitte aus dem 119. Psalm, den Dietrich Bonhoeffer als seinen Lieblingspsalm bezeichnete, wiesen dieselbe Perspektive. Bonhoeffers Glaubenssätze aus ‚Nach zehn Jahren‘ bekräftigten das konkrete Gebot heute, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, dass Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Unter dem offenen Himmel und im Schatten der Linden, die einst von der Bonhoefferfamilie in den Garten gesetzt wurden und in denen später die Enkelkinder kletterten und spielten, wurde mit diesem bewegenden Gottesdienst der 18. Bonhoeffertag eröffnet. In der Mittagspause konnten sich die Gäste am Grillgut, mit Kartoffelsalat oder ‚Spack mit Hack‘ stärken. Sie konnten, was viele taten, die neue Ausstellung in den Räumen des Bonhoefferhauses besichtigen. Sie konnten sich in der wärmenden Sonne austauschen und auf den Vortrag am Nachmittag in der Bonhoefferkirche vorbereiten.

In diesem Jahr wurde der ausgewiesene Bonhoefferexperte und Mitherausgeber des 12. Bandes des DBW ‚Berlin. 1932-1933‘ Dr. Ernst-Albert Scharffenorth eingeladen, den Nachmittagsvortrag zu halten. Im 70. Jahr des Gedächtnisses an die Ermordung von vier Söhnen der Familie Karl und Paula Bonhoeffer, an Dietrich und Klaus Bonhoeffer und an ihre Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher im April 1945 – kurz vor der Kapitulation und Befreiung vom Nazi- Unrechtsstaat – sollte die Perspektive nicht auf das Ende bzw. auf den unmittelbaren Widerstand gelegt werden, sondern auf die Anfänge. Ganz im Sinne der wachrüttelnden Herausforderung: ‚Wehret den Anfängen!‘. Natürlich sollte das mit dem Blick des Historikers geschehen, der sich in die Situation jener versetzt, die im Anfang noch nicht wissen, wie das Ende aussehen und wie sich die Reichkanzlerschaft Hitlers, der sich zum ‚Führer‘ erklärt, entwickelt. Das Thema des Vortrages: „Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen.“

Bei seinem Vortrag wählte Dr. Scharffenorth zwei Beispiele aus dem Kreis der Familie für Ereignisse im Jahr 1933 aus, die er in zum Teil detaillreichen historischen Abwägungen entfaltete: zum einen das Handeln des Vaters Prof. Dr. Karl Bonhoeffer als hoch angesehenem Psychiater und Neurologen in Deutschland angesichts des ‚Erbgesundheitsgesetzes‘ im Sommer 1933. Zum anderen den Rundfunkvortrag Dietrich Bonhoeffers am 1.2.1933 über ‚Wandlungen des Führerbegriff in der jungen Generation‘, zwei Tage nach der Machtübernahme des ‚Führers‘ Adolf Hitler (s. DBW 12, 242-260).

Beide Beispiele belegen, ergänzt durch Hinweise auf die uns bekannten Gespräche in der Familie und ihren Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Machtergreifung, dass diese Familie wachsam und hellsichtig die drohenden Gefahren der Zerstörung des Rechtsstaates der Weimarer Republik durchschaute und im Rahmen ihrer beruflichen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten zu begrenzen oder zu bekämpfen suchten: der Vater mithilfe seiner wissenschaftlichen Autorität und einer seiner Söhne in der Mitwirkung des Aufbaus einer Bekennenden Kirche.

Karl Bonhoeffer bezeichnet in seinem autobiografischen Rückblick 1946 den Sieg des Nationalsozialismus 1933 als ein großes Unglück. Seine und der Familie Abneigung und Misstrauen basieren nicht auf der Lektüre von Hitlers ‚Mein Kampf‘ sondern u.a. auf dem Widerwillen gegen die demagogischen Propagandareden Adolf Hitlers und seinem Sympathietelegramm in der Potembarschen Mordangelegenheit. In Potembar, einem Dorf in Schlesien hatte eine Gruppe von Nazis im August 1932 erwerbslose Arbeiter auf bestialische Weise umgebracht. Sie wurden kurz drauf in einem ordentlichen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Nazigrößen verurteilten das Urteil und deklarierten die Mörder zu Märtyrern der Bewegung. A.Hitler schrieb in einem Telegramm: „Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre, der Kampf gegen eine Regierung, unter der dieses möglich war, unsere Pflicht.“

Es ist die Abscheu vor der Gewalt im gesellschaftlichen Alltag und die Ablehnung der Legitimation von Rechtsbrüchen, die Karl Bonhoeffers Ablehnung Hitlers und seiner Partei bestimmen. Im Alltag der Hochschule sucht er mit seiner unangreifbaren Autorität Schlimmes zu verhindern. Er lehnt es ab, dass in seiner Klinik Hitlerbüsten aufgestellt wurden. Um so größer war diejenige seines gegen das Votum der Fakultät nach Bonhoeffers Emeritierung berufenen Nachfolgers M.de Crinis.

Karl Bonhoeffer widerspricht den Forderungen von jungen Ärzten nach der sofortigen Entlassung jüdischer Ärzte in seinem Arbeitsbereich und verweit darauf, dass nicht die Partei sondern nur staatliche Stellen dazu berechtigt wären. Er verweist auf die Fachkompetenz der jüdischen Kollegen und den Verlust ärztlicher Versorgung, falls sie entlassen würden. Im Jahr 1933 wurde Karl Bonhoeffer 65 Jahre alt, ein möglicher Zeitpunkt für seine Emiritierung. Er lässt sich von der Familie und Kollegen überzeugen, dass er sich in dieser politischen Situation der Entmachtung und Gleichschaltung der Hochschulen der Verantwortung nicht entziehen darf. So bleibt er bis zum letztmöglichen Zeitpunkt 1938. Dieses Engagement lassen seine Gegnerschaft gegen die Rechtsbrüche des neuen Regimes erkennen.

Das neue ‚Erbgesundheitsgesetz‘ (Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses) vom 14.7.1933 mit seiner Ermöglichung der Zwangssterilisierung kann er jedoch nicht verhindern. Er versucht aber, die Umsetzung zu ‚torpedieren‘ durch eine alternative Diagnostik. Das Vorliegen einer Erbkrankheit musste von Ärzten entschieden werden. Durch geforderte Einzelfallprüfungen konnten aus medizinischen Gründen ‚Zwangssterilisierungen‘ verhindert werden. Dazu richtet Karl Bonhoeffer Kurse für Ärzte ein und veröffentlicht Texte über die Einzelfallprüfungen.

Dr. Scharffenorth legte dar, warum er in diesem Handeln Karl Bonhoeffers einen ‚getarnten Kampf‘ gegen die NS-Ideologie und beginnenden NS-Staat erkennen kann. Karl Bonhoeffer lehnte eine Sterilisierung nicht generell ab. Er wendete sich gegen den Zwang zur Sterilisierung. Es ist ein Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Patienten.

Das zweite Beispiel für die Erkenntnis der Gefahren durch die NS-Ideologie: Dietrich Bonhoeffers Stellungnahme zum Führerbegriff.

D.B. äußert sich schon im Sommer 1932 auf einer ökumenischen Konferenz des Weltbundes für Freundschaftsarbeit in der Tschechoslowakei, dass Hitlers nationale Partei die demokratischen Möglichkeiten zur Errichtung einer Diktatur missbrauche. Darum verlässt D.B. frühzeitig die Konferenz, um in Deutschland wählen zu gehen. Ein Zeichen für seine republikanische Haltung, wie sie auch die übrigen Familienmitglieder erkennen lassen.

Am 6.2.1933 – nach seinem Rundfunkvortrag mitten in der Phase der Euphorie der Machtübernahme Hitlers – schreibt er einen Brief an R. Niebuhr, in dem er eine „grauenhafte kulturelle Barbarisierung“ in Deutschland voraussieht und in dem er sich wünscht: in Deutschland wäre jetzt wie in den USA eine „Civil Liberties Union“, eine die Bürgerrechte und die bürgerlichen Freiheiten verteidigende Union notwendig. Denn die neue Staatsmacht schränke Verfassungsrechte ein.

Auf diesem Hintergrund können und müssen Passagen seines Rundfunkvortrag über ‚Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation‘ gedeutet werden. Dr. Scharffenorth begründete ausführlich seine These, dass die frühzeitige Abschaltung dieser Rundfunkrede kein Akt der Zensur gewesen sei, sondern vermutlich auf eine leichte zeitliche Überziehung der Sendezeit durch Dietrich Bonhoeffer selber, der wohl ungeübt etwas zu langsam gesprochen habe, zurückgehe. Er versuchte kenntnisreich zu rekonstruieren, welche Sätze durch die Abschaltung weggefallen sein könnten. Für theologisch geschulte Ohren lag darin ein kleines Aha-erlebnis. Er stellte sich und den Hörern vor, welche heiße Diskussion es in der Familie nach diesem ‚Eklat‘ gegeben haben könnte. Er wies darauf hin, dass Dietrich Bonhoeffer dieses ‚Unglück des Missverständnisses‘ durch die Kappung seiner letzten Sätze durch zwei weitere Vorträge zu diesem Thema zu beheben suchte. Am 25.2.1933 erfolgte eine leicht gekürzte Veröffentlichung in der Kreuzzeitung.

Als zentrales Ergebnis für die Stellungnahme zum Nationalsozialismus 1933 und damit für die kommenden Jahre hob Dr. Scharffenorth hervor, dass Bonhoeffer in der Rundfunkrede und in den Vorträgen auf die Gefahren eines politisch – messianischen Führerbegriffs hinweist. Er habe schon früh den ‚Führermythos‘ durchschaut und entlarvt. Bonhoeffer legt schon am 1.2., zwei Tage nach der Machtübernahme Hitlers eine Kritik des Irrglaubens an den Heilsbringer Hitler, ohne dessen Namen zu nennen, vor: wo ein Führer – ob Jugendführer oder ein politischer Führer wie A.Hitler – die Begrenztheit seiner Aufgaben und Möglichkeiten überschreitet und vom Ideal zum Idol wird, da „gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.“

Auch wenn die geringe Zeitüberschreitung zwei folgenreiche Schlusssätze kappte und damit seine Analyse des ‚Führermythos‘ in Frage stellte, lassen die Rundfunkrede und die anschließenden Langfassungen den Schluss zu: das Böse in der Gestalt des Lichtes (so später) kann erkennen, wer es erkennen will.

Dr. Scharffenorth beließ es nicht bei dieser Analyse, sondern erörterte kritisch das mit dem Führerbegriff eng verbundene erkennbare Amts- und Ordnungsverständnis. Bonhoeffer sieht das in der Jugendbewegung emanzipierte charismatische Führungsverständnis und anerkennt es für kleine Gruppen und für die Jugend. Die Maßlosigkeit des messianischen politischen Führers kritisiert er klar. Aber findet D.B. einen politischen Ort für den ‚Führer‘ von unten, als ‚Selbstrechtfertigung des Volkes‘, für eine Gesellschaft? Versteht D.B. in dieser Zeit die ‚Führergestalt‘ noch in Analogie zum Vater und Lehrer? Bleibt D.B. hier noch der lutherischen Tradition verhaftet? Ist er damit seinem eigenen Vaterbild, der Autorität des Vaters, verpflichtet? Der Referent suchte den Schritt hin zu einer theologischen Legitimation der Demokratie und wies auf den Traum von der Demokratie eines Martin Luther King hin.

Die Zuhörer dankten dem Referenten durch ihren Applaus und stellten in einer anschließenden Diskussionsrunde ihre Fragen. Manches konnte bei Kaffee und Kuchen im Garten des Bonhoefferhauses weiter erörtert werden.

Hier im Garten schloss Pfarrerin Kaus den 18. Bonhoeffertag mit einem Abendsegen. Danach flogen weiße Tauben als Zeichen des Friedens in den immer noch blauen Himmel.

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Weiße Tauben als Hoffnungszeichen

Der 18. Bonhoeffertag am 30. August 2015 in Friedrichsbrunn wurde eröffnet mit einem Gottesdienst unter der Leitung von Pastorin Franziska Kaus. Gut 100 Besucher freuten sich, dass dieser Gottesdienst bei strahlendem Sonnenschein im Garten des Café Bonhoffer stattfinden konnte. Sie kamen aus dem ganzen Pfarrsprengel, der Region und weit darüber hinaus. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick begleitete den Gesang der Festgemeinde. Superintendentin Angelika Zädow predigte über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Anderen Menschen ein Nächster zu werden und Barmherzigkeit zu üben gelte in diesen Tagen natürlich auch und ganz besonders im Blick auf die Menschen, die vor Krieg und Terror in ihrer Heimat auch nach Deutschland fliehen. Am Nachmittag referierte Dr. Ernst-Albert Scharffenorth aus Heidelberg vor einem großen Kreis Interessierter über „Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen“. Er legte dar, dass sowohl der Vater Karl als auch der Sohn Dietrich bereits 1933 um die Gefahren wussten, die von Hitlers Machtübernahme ausgingen. Sie hatten Hitlers Verhalten in den letzten Jahren der Weimarer Republik richtig gedeutet. Die Gespräche während der Pausen begleitete ein Musiker mit Improvisationen auf seinen Gitarren. Mit dem Reisesegen entließ Pfarrerin Kaus die Besucher des Bonhoeffertages, dabei ließ sie weiße Tauben fliegen, als Zeichen unserer Hoffnung auf Frieden. Der Träger- und Förderverein „ Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn“ freut sich über zwei neue Mitglieder.

18. Bonhoeffertag, 30. August, ab 11.00 Uhr

Ende August – in der Bonhoefferfamilie die Zeit der Geburtstage der Großmutter Julie Bonhoeffer und der jüngsten Tochter Susanne, oft im Ferienhaus in Friedrichsbrunn gefeiert – findet der 18. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn (Ostharz) statt. Am Sonntag den 30. August 2015 soll an die Anfänge der Familie im Widerstand gegen das NS-Regime erinnert werden. Im 70. Jahr nach der Ermordung von vier Familienmitgliedern durch die SS im April 1945 soll der Blick auf das Jahr 1933, auf die Anfänge gelenkt werden. Warum vermochte diese Familie so früh die Zeichen der Zeit zu erkennen, so dass Familienmitglieder bei Hitlers Machtübernahme wussten und sagten: Das bedeutet Krieg? Was befähigte diese Familie dazu, mit ihren Möglichkeiten den Anfängen zu wehren und Widerstand zu leisten? Dr. Ernst-Albert Scharffenorth, Heidelberg wird einen Vortrag halten über Die Familie Bonhoeffer im Nationalsozialismus. 1933 – Beginn der Entscheidungen. Zusammen mit Prof. Dr. Heinz Eduard Tödt hat er ab 1988 in Heidelberg das Forschungsprojekt Der Bonhoeffer-Dohnanyi-Kreis geleitet. Verwandtschaftlich und freundschaftlich miteinander verbunden lehnte dieser Kreis den Nationalsozialismus von Anfang an ab, weil er den Rechtsstaat und die Weimarer Reichsverfassung bedroht sah. Je an ihrem beruflichen Ort – in der Universität, als Juristen in Ministerien und in der Wirtschaft oder in der Bekennenden Kirche –zeigten sie Zivilcourage.

Der Bonhoeffertag beginnt um 11.00 Uhr mit einem Gottesdienst im Freien, im Garten des ehemaligen Ferienhauses der Bonhoeffer-Familie in Friedrichsbrunn. Anschließend ist Gelegenheit, die gute Küche von Frau Zehnpfund, Betreiberin des Bonhoeffer-Cafés zu genießen oder sich die neugestaltete Ausstellung in den Räumen des Bonhoefferhauses anzuschauen.

Um 14.00 Uhr findet in der Bonhoefferkirche der Vortrag von Dr. Ernst-Albert Scharffenorth statt. Eine Aussprache ist vorgesehen.

Der Tag endet gegen 17.00 Uhr mit dem Abendsegen in der Bonhoefferkirche. Es lohnt sich, den Besuch des Bonhoeffertages mit einem Kurzurlaub im Harz zu verbinden oder nur für diesen Tag anzureisen.

18. Bonhoeffertag 2015 Plakat und Taschenzettel

18. Bonhoeffertag 2015 Plakat FK HB

Dominic Borchert arbeitet als Öffentlichkeitsreferent für das Bonhoeffer-Haus

Dominic BorchertSeit dem 1. Februar 2015 ist Dominic Borchert als Öffentlichkeitsreferent für den Träger- und Förderverein tätig. Er wird in Zukunft Ansprechpartner sein, wenn es um Einführungen in die Ausstellung, Bildungsveranstaltungen oder Anfragen zur Geschichte des Hauses geht.

Dominic Borchert hat von 2005 bis 2011 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Neuere und Neueste Geschichte studiert und den Grad eines Magister Artium erworben. Der Schwerpunkt seines Studiums lag dabei auf der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen, z. B. im kollektiven Gedächtnis oder in den Medien.

Bereits seit 2014 arbeitet Dominic Borchert als freier Mitarbeiter für die Mitteldeutsche Zeitung.

Anfragen erreichen ihn über seine E-Mail-Adress D-Borchert@gmx.net oder über die Mobiltelefonnummer 0176 204 204 82.

Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn – eigentliches Zuhause und Zufluchtsort

31. August 2014: 17. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn

Ein Bericht von Pastor i. R. Dr. Günter Ebbrecht, Einbeck

Der 17. Bonhoeffertag 2014 in Friedrichsbrunn war geprägt von der Präsentation und Eröffnung der neuen Ausstellung im Bonhoeffer-Haus. Fast ein Jahr lang hat eine Arbeitsgruppe aus Studierenden der Hochschule Harz, Wernigerode, unter Anleitung von Prof. Eberhard Högerle, und aus Mitgliedern des Gesamtvorstandes des Träger- und Fördervereins ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. an der Konzeption einer selbsterschließenden, interaktiv gestalteten und generationsübergreifend ausgerichteten Ausstellung in zwei Räumen des ehemaligen Ferienhauses der Familie Karl und Paula Bonhoeffer gearbeitet. Das Ergebnis wurde einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt, nachdem schon am 31. Juli 2014 der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Haseloff das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn besucht und die ersten Ergebnisse besichtigt hatte.

Doch der Reihe nach. Wie immer sollte das Treffen, an dem in diesem Jahr im Durchschnitt des Tages rund 100 Menschen teilnahmen, mit einem Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses eröffnet werden. Wolken und auch Regen waren für den Sonntag angesagt. Da ist es ein Glück, dass die Bonhoefferkirche im Ort groß genug ist, um die Besucher zu fassen. Was die Superintendentin Angelika Zädow als ein Glück ansah, nahm die Mitpredigerin Pastorin Ursula Meckel als Pech wahr. Denn wunderschön waren bisher die Gottesdienste im Freien. Mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung begannen beide ihre Dialogpredigt über ‚Glück und Unglück‘. Die Tageslosung des 31. August 2014 hat die Predigerinnen dazu inspiriert: „Freue dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beides, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt.“ (Prediger 7,14). Die beiden Predigerinnen begeben sich auf die Suche nach der Bestimmung des Glücks. Sie nehmen die Gottesdienstbesucher auf ihre Reise mit in die Welt des kleinen und großen Glücks. Im Hebräischen steht beim Prediger‚ha tow‘, ‚das Gute‘ für‚Glück‘. ‚Gut‘ kann angenehm riechendes Öl sein oder etwas Nützliches wie fruchtbares Land. Im Staat Bhutan steht das Glück in der Verfassung. Sie spricht vom ‚Bruttoinlandsglück‘. Es gibt ein Ministerium für Glück. Dazu zählen: 1. Bewahren und Fördern der Kultur. 2. Leben im Einklang mit der Natur. 3. Gerechte Wirtschaftsentwicklung. 4. Gutes Regieren. Selbst in Großbritannien wird nach einem Glücksindex gesucht und die Einbeziehung der Zufriedenheit in das Bruttosozialprodukt wurde im Bundestag gefordert.

Der Prediger spricht davon, dass Gott uns beides schickt‚ ‚Glück und Unglück‘. Dietrich Bonhoeffer sagt in seinem Gedicht ‚Glück und Unglück‘, geschrieben in der Haft in Tegel: „Glück und Unglück, die rasch uns und überwältigend treffen, sind sich am Anfang wie Hitze und Frost bei jäher Berührung, kaum unterscheidbar nah.“ Erst die Zeit wird erweisen, ob etwas Glück oder Unglück ist, denn nur Gott kennt das Ganze. Zu erkennen, dass Gott Glück oder Unglück schickt, hat mit Vertrauen zu tun, wenn es kein blindes Schicksal sein soll. Wer das Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen…‘ singt, mag denken, dass der Autor es in einer glücklichen Situation geschrieben hat. Es ist im Gefängnis dem Tod nahe von Dietrich Bonhoeffer verfasst worden. Er weiß sich in dieser Situation Gott nahe. So sagt uns seit Jahresanfang die Jahreslosung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Die Nähe Gottes bei und unter uns, ist Grund unseres Glücks und die Kraft, Unglück zu bestehen.

Die Präsentation der neuen Ausstellung ‚Die Bonhoeffers in Friedrichsbrunn‘, ebenfalls in einer dialogisch-narrativen Form von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht, Prof. Högerle und den Studierenden gestaltet, wurde nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn, mit einer Querflöten-Improvisation der Apelschen Melodie des Bonhoeffergedichtes eröffnet. Die Brücke zum Vormittag war damit hergestellt.

Ruth Ziemer erinnert an ein Gespräch beim Sachsen-Anhalt-Tag Mitte Juli in Wernigerode. Dort hatte der Verein das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn präsentiert. Eine Frau kommt auf sie zu und sagt: „Dietrich Bonhoeffer, der hat doch das Lied geschrieben ‚Von guten Mächten‘. Da läuft mir immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich es höre oder singe.“ Günter Ebbrecht zieht die Querverbindung zum Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn. Dietrich Bonhoeffer hat in einem Brief aus dem Gefängnis an seine Eltern geschrieben, wenn er die Glocken der Gefängniskirche höre, müsse er immer an die Sommertage in Friedrichsbrunn denken. Dann sei ihm, als wäre er ‚wie von guten Geistern umgeben.‘ Dieses und weitere Zitate – wie später Marikje Smid in ihrem Vortrag zu Hans und Christine von Dohnanyi ausführte – aus den letzten Briefen seiner Verwandten im Widerstand beweisen die Kraft der Erinnerungen an die Ferienzeiten in Friedrichsbrunn in bedrängten Zeiten. Diese Erinnerungen in der Haft an Friedrichsbrunn und an ‚Sommer, Freiheit und Heimat‘ (Susanne Dreß, geb. Bonhoeffer) sowie die Prägung durch die große Familie, die Eltern, Geschwister, später die Schwäger und Schwägerinnen werden in der neuen Ausstellung lebendig.

Wie dies geschieht, davon berichteten Prof. Högerle und die Studierenden, die die von Ruth Ziemer und Günter Ebbrecht vorgelegten Texte, Zitate und Fotos ansprechend in großen Schautafeln und in die Fantasie anregenden kleinen ‚Guckkästen‘ umgesetzt haben. Prof. Högerle erläuterte das Ziel des gemeinsamen Studienprojektes, die Machart der Ausstellung und die Erstellung eines Gesamtpaketes für den Träger- und Förderverein, angefangen von einem Logo für den Verein, einem einheitlichen corporate design über Roll-Ups (Aufsteller) für die Werbung über verschiedene Prospekte bis hin zur Homepage. Die Studierenden erzählten von dem Prozess, angefangen vom ersten Konzept über die Zusammenarbeit mit den Fachleuten und über die Realisierung. Lebendig, spannend und unterhaltsam entsteht, mit Fotos untermalt, vor den über 100 Besuchern, darunter zahlreichen Politikern aus Kommune, Landkreis und Landtag, das Bild einer fruchtbaren Teamarbeit. Mit der neuen Ausstellung hat der Verein ‚Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn‘ e.V. dem Land Sachsen-Anhalt eine Erinnerungs- und Gedenkstätte an Persönlichkeiten des politischen und militärischen Widerstandes gegen das NS-Regime ‚geschenkt‘. Dies hob Propst Hackbeil, Regionalbischof des Sprengels Stendal der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, hervor. Er berichtete von den ersten Überlegungen etwa 2008, die dann zu der Anmietung von Räumen im Bonhoeffer-Haus durch den Kirchenkreis führten und damit die heutige Ausstellung ermöglichten.

Der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, der sich für ein Grußwort zur Eröffnung hatte gewinnen lassen, erinnerte sich an seine Zeit als Bausoldat, wo sie die von Eberhard Bethge in der DDR erschiene große Bonhoefferbiografie ‚aufgekauft‘ und dann intensiv studiert hatten. Er hob die große Bedeutung authentischer Orte für die Erinnerung und für die geschichtliche Bildung von Schülerinnen und Schüler hervor; in einem Lehrerbrief in diesem Sommer habe das Ministerium auf solche Orte hingewiesen und den Lehrerinnen und Lehrern Mut gemacht, solche Orte mit Schülergruppen aufzusuchen, um deren Geist zu spüren und in sich in die Vergangenheit hineinzubegeben. Er ermunterte den Verein, sich an die Landeszentrale für politische Bildung zu wenden und sich von der Stiftung ‚Denkmäler und Gedenkstätten‘ unterstützen zu lassen. Mit großer Sympathie und Aufmerksamkeit verfolgte er die Präsentation und die Begeisterung des Gestaltungsteams. Nach der Präsentation in der Kirche ließ er sich von Prof. Högerle, den Studierenden und Mitstreitern aus dem Verein durch die neue Ausstellung führen, bevor ihn der Ortsbürgermeister von Friedrichsbrunn und eine Kinderschar mit Beschlag belegten, um ihm die Wünsche für den Erhalt der Grundschule am Ort vorzutragen.

Während zahlreiche Besucher der Präsentation in der Kirche sich die Zeit nahmen, sich anschließend die neue Ausstellung in den Räumen des Bonhoeffer-Hauses anzuschauen, versammelten sich rund 50 Gäste des Bonhoeffertages wieder in der Bonhoefferkirche zum weiteren Höhepunkt und Abschluss des Treffens. Dr. Marikje Smid aus Heiligenloh hatte zugesagt, den großen Vortrag zu halten. Als Thema hatte sie gewählt: „Zwischen eigentlichem Zuhause und Zufluchtsort – Friedrichsbrunn auf dem gemeinsamen Weg von Christine und Hans von Dohnanyi.“ Leider war sie aufgrund der Erkrankung ihres Mannes daran gehindert, nach Friedrichsbrunn zu kommen, was sie sehr bedauerte. Freundlicher­weise hatte sie ihr Manuskript Dr. Ebbrecht geschickt und ihn gebeten, an ihrer Statt den Vortrag ‚vorzulesen‘. M. Smid hatte eigens für diesen Ort und für diesen Tag die über 1500 Briefe sowie das Silvestertagebuch von Karl Bonhoeffer und andere Dokumente des Ehepaares Dohnanyi wieder gelesen unter der Perspektive der Bedeutung des Ferienhauses in Friedrichsbrunn für Christine Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und ihre Kinder. In anschaulicher und spannender Weise entstand vor den Ohren der Zuhörer die Bedeutung dieses Hauses für die Dohnanyis.

Zwei Zitate stecken den Rahmen ab und betten die unterschiedlichen Erinnerungen an die Zeiten im Ferienhaus darin ein. Auf Bitte von Ricarda Huch vom 18.11.1946 an Christine von Dohnanyi, etwas Wesentliches über ihren Bruder Dietrich zu schreiben, antwortet Christine am 12.12.1946: „Die schönste und harmloseste Zeit des Zusammenlebens mit unseren Eltern waren die Ferienzeiten in unserem Landhaus … Dieses Haus, ein kleines ehemaliges Försterhaus, ist für uns alle fast noch mehr das eigentliche Zuhause gewesen als die Stadtwohnung … Dieses Landhaus ist für uns ein Zufluchtsort geblieben und die Männer der Familie, im besonderen Maße Dietrich, kannten keinen Ort, den sie zur ruhigen geistigen Arbeit so gern aufsuchten wie dies Friedrichsbrunn.“ Damit wird das Vortragsthema von Christine v. Dohnanyi selber benannt: eigentliches Zuhause und Zufluchtsort.

Am Ende ihres Vortrages zitiert M. Smid aus der Trauerpredigt Eberhard Bethges zum Tod Christine von Dohnanyis am 2.2.1965. Er spricht darin von „unserem klüftereichen Innenleben“, über das sich Christine ihm gegenüber geäußert habe. E. Bethge fasst ihr Leben in den Klüften der Zeiten und Gaben so zusammen: „Es klaffen ihre Kindheit und ihr Alter, Friedrichsbrunn mit seinen Pilz- und Waldgerüchen – und die Prinz-Albrecht-Straße mit ihrer politischen Verstrickung. Ihre Verwurzelung in einer reichen Tradition – und ihre tiefe Ruhelosigkeit. Das Haus und Heim, wie sie es empfing und zu bieten verstand – und ihre mehr als zwanzigjährige, selbst gewählte Hauslosigkeit.“

Auf dem Hintergrund eines ruhelosen Lebens mit zeitweiliger Hauslosigkeit, bis die Familie in Sakrow ein sicheres Heim in den Kriegsjahren gefunden hat, entfaltet M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort in Friedrichsbrunn. Sie berichtet von Friedrichsbrunn in den verschiedenen Jahren, zunächst ohne ihren Freund Hans, aber mit dessen Schwester Grete. Dann endlich mit dem Verlobten und Geschwistern, weiter als frisch Vermählte. Nach ihrer Trauung am 12.2.1925 unternehmen beide ihre Hochzeitsreise nach Friedrichsbrunn. Hans berichtet davon seinen Schwiegereltern, er könne sich „kaum einen schöneren Ort für eine Hochzeitsreise vorstellen als Friedrichsbrunn.“ Er fügt hinzu: „Ich sehe Christel mit Vergnügen wirtschaften.“ Kurz nach der Geburt ihrer ältesten Tochter Barbara im Juni 1926 sind die jungen Eltern im August mehrere Wochen im Harzer Ferienhaus. Mit Ausnahme eines gemeinsamen Urlaubs in Kärnten im Sommer 1939 verleben die von Dohnaynis in Friedrichsbrunn ihre Ferienzeit. Selbst die Vorgesetzten, der Präsident des Reichsgerichtes Erwin Bumke und der Justizminister Gürtner sind im Ferienhaus zu Gast.

Erst im Krieg, als die Familie nach Sakrow ins eigene Haus zieht, finden sie ihr eigentliches Zuhause mit Garten, im Freien, am Wasser. Dieses Haus wird ihr, der Schleichers und Eltern Bonhoeffer Zufluchtsort vor den Bombenangriffen auf Berlin. So schreibt Karl Bonhoeffer Silvester 1943 in sein Tagebuch: „Wie Sakrow für Schleichers und uns ein Zufluchtsort vor den Bombenangriffen geworden ist, so ist es Friedrichsbrunn für Karl-Friedrichs und Suses Kinder. Grete und Suse wirtschaften dort mit einem Hauslehrer für die Bonhoefferkinder.“

In der Haft sind die guten Erinnerungen an Friedrichsbrunn für Hans von Dohnanyi, vor allem die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern Kraft und Stärke. So schreibt er kurz nach der Verhaftung am 11. April 1943 an seine ebenfalls in Haft befindliche Frau: „Aber wenn jetzt, so Gott will, bald all dies Schwere vorbei ist, … dann fahren wir hinaus in das kleine Häuschen nach Friedrichsbrunn, das uns so sehr an Herz gewachsen ist und wo wir unsere ersten Flitterwochen verlebten.“ Auch wenn Friedrichsbrunn im weiteren Kampf ums Überleben in den Hintergrund tritt, so bleibt doch „die Sehnsucht nach der Ruhe und dem wortlosen Frieden im Friedrichsbrunner Wald im Herzen lebendig.“ So schreibt Hans am 12.11.1944 an seine Frau: „Wenn ich jetzt den Arm um Dich legen und mit Dir in den Wald gehen könnte – ohne ein Wort zu sagen, freilich, dann würde ich mir einbilden, Dir wirklich etwas zu sein oder doch das, was meinem Leben erst den Sinn gibt: die Stelle, an der Du ausruhen kannst.“ Aus dem Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße schreibt Hans von Dohnanyi am 12.2.1945 seiner Frau zum 20. Hochzeitstag: „Wie schön war dieser Tag vor 20 Jahren! Und die 14 Tage armer Ritter und Nierensuppe; ich möchte sie so gern wieder von deiner lieben Hand gemacht haben!“

Detailreich, einfühlsam und liebevoll beschreibt M. Smid das eigentliche Zuhause und den Zufluchtsort Ferienhaus Friedrichsbrunn, so dass die Zuhörenden gebannt lauschen und ihr – in Abwesenheit – für diesen Einblick in einen besonderen Ort mit langem Applaus danken. Die beiden anwesenden Kinder des ältesten Bruders Karl Friedrich Bonhoeffer, Prof. Dr. Friedrich Bonhoeffer und Katharina Schmidt, geb. Bonhoeffer, waren ebenso angetan wie die übrigen Besucher. Sie ergänzten im Einzelgespräch und in der Gruppe diese vorgetragenen Eindrücke aus eigenen Erfahrungen, denn für sie und für die Dreß-Kinder wurde das Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn in den Kriegsjahren ebenso ein Zuhause und Zufluchtsort.

 

Ministerpräsident Haseloff zu Besuch im Bonhoeffer Haus in Friedrichsbrunn (31.7.2014)

„Es gibt im Land nur wenige Gedenstätten, an denen man des Lebens und Werks derartig habhaft werden kann… Das verborgene Kleinod muss neu ins Bewusstsein Sachsen-Anhalts und Deutschlands gehoben werden.“ Der Harz sei nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, in Friedrichsbrunn sei eine spirituelle Komponente zu erleben. „Warum gehört diese Stätte nicht in den Kanon der von Schulklassen zu besuchenden Orte?“

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, bei seinem Besuch im Bonhoeffer-Haus Friedrichsbrunn am 31. Juli 2014.

Die Bonhoeffer-Kirche in Friedrichsbrunn

Die Bonhoeffer-Kirche in Friedrichsbrunn

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Pfarrerin Wanda Krüger war die treibende Kraft dafür, dass die Kirche den Namen „Bonhoeffer-Kirche“ erhielt. Sie holte das Einverständnis der Familie Bonhoeffer ein und betrieb die organisatorischen Vorbereitungen. So konnten 1996 gleich zwei Feste gefeiert werden:

Am 13. Oktober „100 Jahre Friedrichsbrunner Kirchturm“,

am 08. November „Namensverleihung Bonhoeffer-Kirche“.

Das Programm des Friedrichsbrunner Heimatfestes im Bonhoeffer-Jahr 2006 ist auf dieser Website festgehalten: http://www.bonhoefferkirche-friedrichsbrunn.de/bonhoeffer/